Das älteste Wasserfahrzeug Bayerns

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Der Einbaum ist knapp sieben Meter lang, besteht aus Eichenholz und ist mehr als 3000 Jahre alt. Das historische Boot, das vor wenigen Wochen aus dem Bodensee geborgen wurde, wird in Baldham untersucht und restauriert. Schon jetzt verrät der Fund eine Menge über die Geschichte des Voralpenlands.

Einbaum wird restauriert

Von Robert Langer

Baldham – „Momentan sieht es aus wie ein großes Surfbrett“, sagt Archäologe Heiner Schwarzberg und grinst. Dann fügt er hinzu: „Es ist schon ein ganz besonderer Moment, wenn so etwas an die Oberfläche kommt.“ Das Boot ist rund 3150 Jahre alt. „Seit etwas mehr als einer Woche ist es hier in Baldham.“

Es geht um das älteste bisher gefundene Wasserfahrzeug Bayerns, einen Einbaum, der aus der Bronzezeit stammt. Geborgen wurde es aus dem Bodensee nahe der Eschbach-Mündung. Zur Restaurierung lagert es derzeit in einem mit Wasser gefüllten Bassin in der historischen Thorakhalle in Baldham (Kreis Ebersberg), einem Bauwerk aus der Nazizeit. Das gigantische Gebäude mit 11,80 Meter hohen Türen war das Atelier des Wiener Bildhauers Josef Thorak. Dort schuf er monumentale Statuen. Heute ist in der denkmalgeschützten Halle eine Außenstelle der Archäologischen Staatssammlung München untergebracht.

Schwarzberg, 43 Jahre alt, ist in der Institution für die Vorgeschichte zuständig. Er war schon an einer ganzen Reihe von Ausgrabungen beteiligt, unter anderem in der Türkei. Am liebsten aber beschäftigt er sich mit der heimischen Frühgeschichte.

Schon in den 1990er-Jahren habe ein Jugendlicher den Einbaum beim Schnorcheln entdeckt, erzählt Schwarzberg. Das große Teil aus Eichenholz sei ihm jedoch unheimlich gewesen. Er habe seinen Fund einfach verdrängt. Vor rund fünf Jahren habe sich der inzwischen herangewachsene und geschichtsinteressierte Mann daran erinnert und das Boot am Seegrund erneut gesucht. Nach zwei Jahren wurde er bei einem Tauchgang fündig. „Er hat alles richtig gemacht und die Behörden informiert“, freut sich Schwarzberg. Der Einbaum lag etwa 170 Meter vom Ufer entfernt im Wasser – gesunken ist er wohl an einer anderen Stelle.

Taucher der Bayerischen Gesellschaft für Unterwasserarchäologie untersuchten den seltenen Fund. Dann wurde ein Keil aus dem Holz geschnitten. Eine Altersbestimmung, die dendrochronologische Datierung, ergab, dass der Stamm, aus dem der Einbaum gebaut wurde, um 1130 vor Christus gefällt wurde.

Nach längerer Vorbereitung wurde das Boot vor rund zwei Wochen gehoben. „Zunächst mussten mit Strahlern Sand und Schlick entfernt werden“, erklärt Schwarzberg, der bei der Bergung dabei war. „So etwas macht man nicht jeden Tag.“ Dann wurden für das Herausheben aus dem Wasser Gurte und ein Aluminiumgestell verwendet, wie es auch beim Bühnenbau eingesetzt wird. Anschließend kam der Einbaum in das Bassin, das Mitarbeiter der Archäologischen Staatssammlung gebaut hatten. „Die haben im Winter im Schneetreiben draußen dran gearbeitet.“ Die Metallkonstruktion wurde mit einer Teichfolie ausgekleidet. Das Bassin wurde nach der Bergung samt dem Einbaum auf einem Tieflader nach Baldham gebracht.

Jetzt steht das sieben Meter lange und 140 Zentimeter breite Bassin, gefüllt mit Baldhamer Wasser, in einem Nebenraum der Thorakhalle, zum Schutz gegen Staub meist mit einer Folie abgedeckt. Das Wasser ist etwa 45 Zentimeter tief. „Wir hatten sogar einige kleine Fische aus dem Bodensee mitgebracht“, sagt Schwarzberg. Die wurden inzwischen entfernt. Das dunkle Holz ist mit Muscheln übersät, weist tiefe Risse auf. Der Spalt, der durch die Entnahme für die Altersbestimmung entstand, ist deutlich zu sehen. „Wir haben den Keil aber noch und werden ihn wieder einsetzen.“ Auch die Gurte der Bergung liegen noch unter dem Boot. „Die brauchen wir beim Anheben für die vorsichtige Reinigung.“

Gefertigt wurde der Einbaum aus der Hälfte eines mindestens 120 Zentimeter starken Eichenstamms. Die Bauweise war für die damalige Zeit Hightech. „Zum Einsatz kamen wohl Bronzebeile“, sagt Schwarzberg. Erhalten ist vom Einbaum ein etwa 6,80 Meter langes und einen Meter breites Stück. Der Bug war der Erosion stärker ausgesetzt und ist teilweise abgebrochen. Das Heck ist nahezu vollständig erhalten. „Man kann sogar erkennen, dass es ein Loch für ein Steuerruder gab.“ Von den Bordwänden sind jedoch nur wenige Zentimeter zu sehen. Der Rest wurde von Wasser, Sand und Strömung abgeschmirgelt. „In der Erde oder im Sand sind solche Fundstücke gut aufgehoben, auch unter Wasser. Wenn das Holz jedoch frei liegt, wird es beschädigt. So ungeschützt, wie der Einbaum jetzt im Wasser lag, hätte er keine zehn Jahre mehr gehalten“, sagt Schwarzberg. „Gut dass wir ihn hochgeholt haben.“

Damals, vor rund 3000 Jahren, waren wohl mehrere Ruderer notwendig, um das Boot zu bewegen. Genutzt wurde es, um Lasten zu transportieren. Segel gab es zu dieser Zeit am Bodensee noch nicht. Die Menschen lebten dort in Pfahlbauten, hatten Felder am Ufer, fuhren aber auch zum Fischen auf den See. Die Siedlungen waren nicht isoliert, es gab Handelsströme, beispielsweise in die heutige Schweiz und nach Frankreich, aber auch über die Alpen oder in den Norden. Es wurde mit Bernstein, Salz, Kupfer und Zinn gehandelt. „Die Voralpen waren eine total spannende Gegend“, sagt Schwarzberg. „Hier kreuzten sich die Wege.“

Derzeit wird das Fundstück gespült und gereinigt. „Die Eiche ist noch relativ stabil“, erklärt Schwarzberg und schaut mit einem gewissen Stolz auf das dunkle Boot im Bassin. Wenn das Holz aber trocknet, würde es auseinanderfallen, regelrecht zerbröseln. Deshalb wird der Einbaum bald in eine Lösung aus Polyethylenglycol, kurz PEG, gelegt. Die Lösung verdrängt das Wasser und stabilisiert das Holz. Die Entwicklung wird in regelmäßigen Abständen kontrolliert und die Lösung auch immer wieder ausgetauscht. Der Prozess werde laut Schwarzberg wohl zwei bis drei Jahre dauern.

Die Gesamtkosten inklusive Personal werden mit rund 30 000 Euro veranschlagt. „Die wissenschaftliche Auswertung liegt noch vor uns“, sagt der Archäologe. Später soll der seltene Einbaum der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Wie er präsentiert wird, steht noch nicht fest. Aber für Schwarzberg ist klar: „So etwas stellt man nicht einfach in die Vitrine.“

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