Rosenheimer Raserprozess: Wegen eines Formfehlers – Urteil gegen einen Angeklagten aufgehoben

  • Michael Weiser
    vonMichael Weiser
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Der Unfalltod zweier junger Frauen vom Samerberg im November 2016 erschütterte die Menschen in der Region Rosenheim. Für die Familien ist er bis heute eine schwere Belastung. Doch eine Entscheidung des Bayerischen Obersten Landesgerichts zeigt: Sie dürfen noch lange nicht zur Ruhe kommen.

Update 20. August, 7.20 Uhr:

Samerberg-Prozess: Urteil gegen einen der Angeklagten aufgehoben

Fast vier Jahre nach dem Tod von Melanie Rüth und Ramona Daxelberger hat das Bayerische Oberste Landesgericht in München die Gefängnisstrafe ohne Bewährung für einen der beiden Angeklagten (26) aus dem Landkreis Rosenheim bestätigt, das Urteil gegen den anderen Angeklagten, einen 27-Jährigen aus Riedering, wurde aufgehoben. Das berichtet br.de.

Grund dafür ist ein Formfehler. Demnach wurde während des Prozesses am Landgericht gegen den einen Angeklagten auch wegen eines illegalen Autorennens verhandelt. Dabei soll der Riederinger jedoch mit seinem Anwalt den Gerichtssaal verlassen haben, was der Richter mit einer Handbewegung genehmigt hatte. Ohne formellen Beschluss ein „absoluter Revisionsgrund“ – und damit ist das Urteil aufgehoben.

Anklage: Fahrlässige Tötung

Die beiden BMW-Fahrer waren vom Landgericht Traunstein im November 2019 in zweiter Instanz zu zwei Jahren und fünf Monaten bzw. zwei Jahren und drei Monaten Freiheitsstrafe verurteilt worden, unter anderem wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung. Rechtsanwalt Harald Baron von Koskull aus Rosenheim, der Verteidiger des Angeklagten, dessen Urteil bestätigt wurde, bezeichnet die Entscheidung im Gespräch mit dem BR als „menschliche Katastrophe für die Angehörigen“.

Meldung 9. Juli:

Freiheitsstrafen stehen auf dem Spiel

Samerberg/Rosenheim – Das lange Warten auf den Abschluss – für die Familien von Ramona Daxlberger und Melanie Rüth wie auch für die Angeklagten dauert es an: Im Revisionsverfahren zum Raserprozess um den Tod der beiden jungen Frauen im November 2016 ist nunmehr das Bayerische Oberste Landesgericht am Zuge, nachdem die Generalstaatsanwaltschaft München ihren Antrag eingereicht hat.

Der Antrag läuft auf eine Verwerfung der Revision hinaus, der Prozess würde – gesetzt, das Bayerische Oberste folgt diesem Antrag – nicht mehr neu aufgerollt. Für Sebastian M. und Daniel R. bliebe es bei ihren Freiheitsstrafen von über zwei Jahren wegen fahrlässiger Tötung.

Frontalzusammenstoß mit tödlicher Wucht

Das Unfalldrama bewegt die Menschen in der Region noch nach dreieinhalb Jahren. Am 20. November 2016 war Melanie Rüth (21) vom Samerberg in ihrem Nissan Micra mit ihren Freundinnen Lena und Ramona Daxlberger (15) auf dem Weg nach Hause, als ihr kurz nach 21 Uhr auf ihrer Spur der damals 23-jährige Simon H. aus Ulm entgegenkam und frontal in den Nissan krachte.

Melanie starb noch an der Unfallstelle, Ramona, die auf dem Rücksitz gesessen hatte, wenige Stunden später im Krankenhaus. Ramonas Schwester Lena überlebte schwerstverletzt. Schwer verletzt wurde auch die Beifahrerin des Unfallfahrers.

Sowohl Etappe als auch Belastungsprobe

Für die Eltern der beiden jungen Frauen ist der Eingang des Antrags beim Bayerischen Obersten Landesgericht sowohl Station als auch erneute Belastungsprobe. Ralf Rüth, Vater von Melanie, bekannte gegenüber den OVB-Heimatzeitungen, im ersten Augenblick gedacht zu haben, bereits die Nachricht von der Verwerfung der Revision und damit endlich den Abschluss des Prozesses vor sich zu haben.

„Klar, das hatte ich gehofft“, sagte Rüth. Für ihn sei das Ganze immer noch „ein Wahnsinn“ und „brutal“. Immerhin habe sich die Generalstaatsanwaltschaft München an die Seite der Traunsteiner Richter gestellt. „Wir haben also wieder eine Hürde genommen“, sagte Rüth.

Mutter von Ramona: "Hatten uns Hoffnungen gemacht"

Ähnlich äußerte sich Manuela Daxlberger, Mutter von Ramona. „Wir hatten uns Hoffnungen gemacht“, sagte sie. „Es ist nervenaufreibend.“

Zwei Richtersprüche zu diesem Fall habe es bereits gegeben, die Angelegenheit zehre „gewaltig an der Substanz“, sagt sie. „Aber man lernt zu warten und versucht, sich aufzurappeln und an die Gerechtigkeit zu glauben.“

In der Berufung Strafen verschärft

Das Rosenheimer Amtsgericht hatte den Unfallfahrer Simon H. in einem ersten Prozess zu 20 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt, gegen Daniel R. sowie Simon M. (26), beide aus der Region, verhängten die Richter Haftstrafen. Beide, so lautete der Vorwurf, sollen den Ulmer beim Überholvorgang am Einscheren gehindert und somit den Unfall provoziert haben.

Im Berufungsprozess vor dem Landgericht Traunstein im November 2019 hatte die sechste Strafkammer unter dem Vorsitz von Richter Dr. Jürgen Zenkel die Urteile gegen die beiden BMW-Fahrer weitgehend bestätigt, die Strafen allerdings verschärft. Die Haftstrafe von zwei Jahren und drei Monaten für Simon M. blieb bestehen, die Strafe von Daniel R. wurde um fünf Monate erhöht, und zwar auf zwei Jahre und fünf Monate.

Die Anwälte der beiden Angeklagten hatten bereits kurz nach dem Urteil angekündigt, in Revision gehen zu wollen. Harald Baron von Koskull, Verteidiger von Daniel R., sah „mehrere Details in der Urteilsbegründung“, die überprüft werden müssen. Dr. Andreas Michel reichte für Simon M., ebenfalls einen Revisionsantrag ein.

Entscheidung wohl erst im August

Ursprünglich war eine Entscheidung für April vorgesehen gewesen. Dann kam Corona. Nun wird man frühestens für August damit rechnen können, wie Florian Gliwitzki mitteilte, der Sprecher des Bayerischen Obersten Landesgerichts. Die Stellungnahme der Generalstaatsanwaltschaft landet zunächst beim Vorsitzenden des Strafsenats.

Der Vorsitzende bestimmt einen Berichterstatter, dann machen sich die drei Richter eines Strafsenats an die Lektüre der Prozessunterlagen – allein acht Bände Strafakten sind zu studieren. Dies kann laut Florian Gliwitzki bei klar gelagerten Fällen vier bis sechs Wochen dauern, bei komplizierten Gemengelagen länger.

Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa

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