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Zehntausende verneigen sich vor Benedikt 

Abschied vom „bayerischen Papst“ - Was sich im Vatikan nun ändern wird

Letzte Ehre im Petersdom: Zu Tausenden strömten die Menschen am Montag, 2. Januar, in die Memorialkirche des Apostels Simon Petrus, um sich von Benedikt XVI. zu verabschieden.
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Letzte Ehre im Petersdom: Zu Tausenden strömten die Menschen am Montag, 2. Januar, in die Memorialkirche des Apostels Simon Petrus, um sich von Benedikt XVI. zu verabschieden.
  • Claudia Möllers
    VonClaudia Möllers
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Lange Schlangen vor dem Petersdom, in Bayern rüsten sich 200 Gebirgsschützen und Ministerpräsident Markus Söder für die Reise nach Rom: Der Abschied von dem verstorbenen Papst Benedikt XVI. wird zu einem Großereignis. Verschieben sich nun die Machtverhältnisse im Vatikan?

Rom/München – Die Bayerischen Gebirgsschützen starten morgen früh: Mit fünf Bussen geht es um sechs Uhr von verschiedenen Orten im Oberland los über die Alpen in Richtung Süden, um dem verstorbenen Benedikt XVI. die letzte Ehre zu erweisen. Ihre Waffen lassen die gut 200 Gebirgsschützen freilich daheim, denn dafür hätten sie sechs Wochen vorher beim italienischen Staat eine Genehmigung beantragen müssen. Und außerdem: „Was sollten wir bei einem Trauergottesdienst mit unseren Waffen?“, fragt Landeshauptmann Martin Haberfellner. „Wir haben einen Wiedererkennungswert mit unseren Monturen. Da sind wir sichtbar und zeigen unsere Verbundenheit mit Benedikt XVI. auch über den Tod hinaus“, betont der Mann aus Kochel (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen) im Gespräch mit unserer Zeitung.

Zu einem späteren Zeitpunkt wollen sie sich noch etwas Besonderes einfallen lassen – schließlich ist es eine ganz besondere Verbindung zwischen den Gebirgsschützen und dem „bayerischen Papst“, der ja auch Ehrenmitglied bei ihnen war. Tradition, Heimat, bayerisches Lebensgefühl und gelebter christlicher Glaube – da schlugen die Herzen von Joseph Ratzinger und der Schützen im Gleichklang.

Warten auf Einlass: Die Schlange der Gläubigen zog sich schon früh morgens quer über den Petersplatz.

Söder wird am Donnerstagmorgen mit einer bayerischen Delegation in Richtung Rom fliegen. Schon abends soll es dann wieder zurück nach München gehen.

Abschied von Benedikt XVI. - Trotz der vielen Menschen in der Basilika ist es ruhig

Auf dem Petersplatz werden unterdessen die Schlangen der Menschen, die sich am offenen Sarg von Benedikt XVI. verabschieden möchten, immer länger. Schon in der Nacht hatten sich die ersten Trauergäste auf dem Petersplatz angestellt. Seit gestern Morgen um 7 Uhr ist der Leichnam des „Emeritus“ in Papstkleidung unter der Kuppel des Petersdoms vor dem Hauptaltar aufgebahrt. Benedikts Privatsekretär Georg Gänswein kämpft mit den Tränen, als er vor seinen jahrelangen Weggefährten, Dienstherrn und Vertrauten tritt und sich mit einem Kuss auf dessen gefaltete Hände verabschiedet. Wenig später strömen hinter Gänswein Gläubige vorbei, die Abschied von dem emeritierten Pontifex nehmen wollen. Sie halten inne, schießen Fotos mit ihren Handys. Trotz der vielen Menschen in der Basilika ist es ruhig. 

Ergriffen hielten die Menschen vor dem aufgebahrten Benedikt inne, manche sprachen ein Gebet.

Während die umfangreichen Vorbereitungen für die Trauerfeier am Donnerstag auf dem Petersplatz laufen, fragt man sich in dem katholischen Kosmos, welche Folgen der Tod Benedikts für die universelle Kirche und insbesondere für seinen Nachfolger hat. „Ich glaube, dass Franziskus jetzt freier ist als mit einem ehemaligen Papst im Hintergrund“, sagt Andreas R. Batlogg. Der 60-Jährige ist nicht nur ein versierter Kirchenbeobachter, er ist – wie Papst Franziskus – Jesuit und gehört zur Münchner Kommunität an St. Michael. 

Benedikt XVI. hat mit seinem Rücktritt einen Weg frei gemacht

Auch für den Münchner Erzbischof Kardinal Reinhard Marx sieht Batlogg nun größere Freiräume. Solange es zwei Männer in weißen Soutanen gab, war da zumindest so eine Art „Schere im Kopf“ und somit eine gewisse Zurückhaltung bei kirchenpolitisch sensiblen Fragen. Wer wollte schon den brillanten Theologen Ratzinger herausfordern? In den fast zehn Jahren seines Pontifikats ist Franziskus bislang nicht zu dem Reformpapst geworden, den sich viele erhofft hatten. Sein Ordensbruder Andreas Batlogg bleibt aber dabei: Er traut ihm weiter wichtige Erneuerungen zu. „Es kann sein, dass er jetzt durchstartet, weil er psychologisch freier ist.“ Von Benedikts historischem Rücktritt 2013 aber profitiere der 86-jährige Franziskus auf jeden Fall. „Ich habe keinen Zweifel daran, dass auch Franziskus keine Sekunde zögert, auch zurückzutreten, wenn er spürt: Es ist Zeit.“ 

Benedikt XVI. - Die Region und ihr Papst

Johann Nußbaum überreicht Papst Benedikt anlässlich dessen 88. Geburtstags Bücher, die er über die Familie Ratzinger geschrieben hat.
Monsignore Thomas Frauenlob (links) und der stellvertr. Landrat von Traunstein Michael Koller (rechts) bei einer Privataudienz des Papstes im August 2022.
Josef Ratzinger bei einem Besuch in Prien-Urschalling gemeinsam mit seinem Bruder Georg im Jahr 1999.
Erzbischof Josef Ratzinger besucht Unterwössen. Hier im Gespräch mit dem Ehrenvorsitzenden des Bayerischen Trachtenverbands Otto Dufter.
Benedikt XVI. - Die Region und ihr Papst

Und dieser Rücktritt, da ist sich der Jesuit sicher, wird ganz anders aussehen als der von Benedikt. Franziskus habe ja schon erklärt, dass er dann emeritierter Bischof von Rom sei. Er wird, so ist Batlogg überzeugt, auf keinen Fall das weiße Papstgewand weitertragen – und sich auch nicht als „papa emeritus“ ansprechen lassen. „Franziskus wird sicher eine schwarze Soutane anziehen und sich ganz zurückziehen.“ Doch diesen Weg, das müsse man sehen, habe Benedikt XVI. mit seinem Rücktritt frei gemacht.

Im Vatikan muss nun, darüber ist man sich im Klaren, ein Regelwerk erstellt werden, wie künftig die Rolle eines zurückgetretenen Papstes sein wird. Denn Benedikts Veröffentlichungen, Interviews, Fotos und Stellungnahmen während seiner angeblichen Zurückgezogenheit hinter die Petersbasilika haben – da sind sich viele Beobachter einig – zu Verwirrung und Missverständnissen geführt. „Man hat die beiden eher von außen gegeneinander ausgespielt.“

„Die Zukunft der katholischen Kirche liegt sicher in Asien und Afrika.“

Verschieben sich jetzt die Machtverhältnisse im Vatikan? Den Stellenwert, den die deutsche Kirche früher im Vatikan hatte – mit Joseph Ratzinger als Glaubenspräfekt und späteren Papst, den hat sie so nicht mehr. Der Argentinier Franziskus habe durch seine Kardinalsernennungen ohnehin den Einfluss der Europäer gesenkt, sagt Batlogg: „Wenn man auch die Verteilung der Katholiken weltweit anschaut, haben sich die Gewichte verschoben. Die Zukunft der katholischen Kirche liegt sicher in Asien und Afrika.“

Bisher, so Batlogg, habe es emeritierte Kurienkardinäle gegeben, die genau darauf geschaut hätten, wie etwas auf Benedikt gewirkt habe. „Die Tatsache, dass Bischöfe und Kardinäle, wenn sie Audienz bei Franziskus hatten, auch zu Benedikt kommen wollten, das kann man irgendwie verstehen. Ich habe mich aber immer gestoßen an der Vokabel: Ich habe heute zwei Päpste besucht. Das hört jetzt Gott sei Dank auf.“ 

Als Benedikts Vorgänger, Papst Johannes Paul II., im Jahr 2005 beigesetzt wurde, waren es Hunderttausende, die auf den Petersplatz und in die Nähe des Petersdomes strömten. Am Donnerstag rechnet man mit 60.000 Menschen. „Der Unterschied besteht darin, dass Johannes Paul II. als Papst in seinem Amt gestorben ist“, sagt Batlogg. Außerdem könne man ein achtjähriges Pontifikat von Benedikt nicht mit 27 Jahren bei Johannes Paul II. vergleichen. „Wir sind von diesem Personenkult weggekommen. Auch ein Papst ist letztlich nur ein Mensch.“

Erzbischof Gänswein aber hält es trotzdem für möglich, dass es auch für seinen Dienstherrn Forderungen nach einer baldigen Seligsprechung geben wird. Bei Johannes Paul II. hatte es noch beim Begräbnis die Rufe „santo subito“ gegeben. Er wurde bereits sechs Jahre nach seinem Tod seliggesprochen, 2014 heiliggesprochen. Er war damit der am schnellsten heiliggesprochene Papst der Neuzeit.

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