Abholzen, um den Wald zu retten

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Ein Minister steht im Walde: Helmut Brunner (im dunklen Anzug) sieht zu, wie die Kippmastseilkrananlage hinter ihm tonnenschwere Baumstämme aus dem dichten Wald in Fischbachau schleppt. foto: andreas leder

Je dichter desto besser? Das mag für vieles gelten, nicht für den Wald. Ist er verwachsen und ungepflegt, kann er Schaden nehmen. Nahe Miesbach haben sich Waldbesitzer und Forstamt zusammengetan, um das zu verhindern. Ein Modellprojekt – findet auch der Forstminister.

brunner auf Forstbesuch 

Je dichter desto besser? Das mag für vieles gelten, nicht für den Wald. Ist er verwachsen und ungepflegt, kann er Schaden nehmen. Nahe Miesbach haben sich Waldbesitzer und Forstamt zusammengetan, um das zu verhindern. Ein Modellprojekt – findet auch der Forstminister.

von marcus mäckler

Fischbachau – So ein Ding hat selbst Helmut Brunner noch nicht gesehen. Im Forstchinesisch heißt es Kippmastseilkrananlage. Damit lassen sich riesige Baumstämme aus schwer zugänglichen Waldgebieten hieven. Klappt wirklich, Brunner erlebt es hautnah. Schräg über dem Kopf des Forstministers baumeln drei Fichtenstämme. 2,5 Tonnen Holz. „Hält schon“, sagt er und fasst sich an den orangefarbenen Schutzhelm. Der Minister ist optimistisch.

Das gilt auch in Bezug auf das Projekt, das 14 Waldbesitzer gemeinsam mit dem Miesbacher Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) auf dem Rohnberg, Gemeindegebiet Fischbachau (Kreis Miesbach), durchführen. Sie wollen den dortigen Bergwald zum klimatoleranten Mischwald umbauen. Heißt: Den Forst fitmachen für künftige klimatische Bedingungen.

Aktuell ist er das nicht. „Der Wald ist durch die vielen Fichten dabei gewesen, sich aufzulösen“, sagt Oliver Curcin, Klimafachkraft beim AELF. Das mag paradox klingen. Aber Fichten sind wetter- und schädlingsanfällig. Wird das Klima in den kommenden Jahren extremer, sind sie umso gefährdeter. Starkem Wind etwa halten sie nur schlecht Stand.

Im Falle des Projektgebiets Stritting sind die Bäume teils erheblich geschädigt. Hinzu kommt, dass der dichte Bewuchs, Fichte an Fichte, den Wald dramatisch verdunkelt und das Wachstum anderer, stabilerer Bäume wie Tanne oder Buche verhindert. Man denke sich nur eine Kombination aus Borkenkäferbefall und Unwetter. Brunner sagt: „Jeder muss einsehen, dass nicht nur die Ernte, sondern auch die Stabilität der Wälder gefährdet ist.“

Genau das wollen sie auf dem Rohnberg verhindern. Die Strategie: Fichten ausdünnen, Licht und Wärme an den Waldboden bringen und warten, bis Tannen und Buchen von selbst nachkommen. Naturverjüngung nennt sich das. In Fischbachau geht es um 5,5 Hektar Wald.

Einiges ist schon passiert. Hier oben, auf 1200 Metern Höhe, stapeln sich die Fichtenstämme meterhoch. Pro Tag holt der Kran etwa 60 Kubikmeter gefälltes Holz aus dem dichten Wald, sagt Klaus Kagerer, Einsatzleiter im Auftrag der Waldbesitzervereinigung Holzkirchen. Wenn die Arbeiten abgeschlossen sind, sollen es 600 sein.

Brunner hält das Projekt für ein Musterbeispiel. Nicht nur, weil es den Bergwald stabilisiert. Sondern auch, weil die Zusammenarbeit zwischen Forstverwaltung und Waldbesitzern alles andere als selbstverständlich ist. Oft können die Besitzer mit ihren schmalen Parzellen – in diesem Fall teils nur sieben Meter breit und 200 Meter lang – nichts anfangen, lassen sie verwildern oder schlagen sie kahl. Nachhaltige Bewirtschaftung ist das nicht.

Hier in Fischbachau wollen sie ein Vorbild für andere Regionen sein. Bisher sind sie ein Tropfen auf den heißen Stein. Nach Angaben des Forstministeriums sind rund 260 000 Hektar von Bayerns Privatwäldern sanierungsbedürftig. 170 000 Hektar Staats- und 13 500 Hektar Schutzwälder kommen dazu.

Das Problem, sagt Brunner, liege auch in der mangelnden Erschließung der privaten Waldgebiete. Ohne Wege kein Zugang. 4500 Kilometer an Wegen müssten in ganz Bayern noch ausgebaut werden. Allein im Bereich des AELF Miesbach seien es 180 Kilometer. 8000 Hektar Wald könnten so erschlossen und stabilisiert werden.

Viel Aufwand, aber nicht zum Selbstzweck. Bergwälder schützen auch vor Naturlaunen. Erdrutsche, Lawinen, Hochwasser. Beispiel: Die Überschwemmung von Anfang Juni hat einen Forstweg zum Rohnberg weggerissen. Ein Mischwald hätte den Boden vielleicht halten können.

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