106-Jährige lebt mit neuer Herzklappe

Maria Fritzsche ist 106 Jahre alt – und selbst für erfahrene Mediziner ein Phänomen. Vor vier Jahren war sie die älteste Patientin weltweit, der mittels Kathetertechnik eine neue Herzklappe eingesetzt worden ist. Eine Erfolgsgeschichte.

Rosenheimerin in Bogenhausen operiert

Maria Fritzsche ist 106 Jahre alt – und selbst für erfahrene Mediziner ein Phänomen. Vor vier Jahren war sie die älteste Patientin weltweit, der mittels Kathetertechnik eine neue Herzklappe eingesetzt worden ist. Eine Erfolgsgeschichte.

von Andreas Beez

Rosenheim – Maria Fritzsches Herz pumpt pumperlgsund vor sich hin, bei der Ultraschalluntersuchung kommen selbst erfahrene Spezialisten aus dem Staunen nicht mehr raus. „Die Ergebnisse sind phänomenal, die TAVI-Klappe ist nach wie vor dicht wie am ersten Tag. Man sieht keinerlei Verschleißerscheinungen. Besser geht es nicht“, diagnostiziert Chefarzt Professor Harald Mudra bei einem Routine-Check im Klinikum Neuperlach.

Immer mehr Herzpatienten, meist weit über 70, profitieren von dieser relativ jungen, schonenden Hightech-Methode, um defekte Herzklappen zu ersetzen. Die Abkürzung TAVI steht für Transkatheter-Aortenklappenimplantation. Das Entscheidende daran: Sie erspart dem Patienten eine offene Operation unter Einsatz der Herz-Lungen-Maschine, bei der unter anderem auch das Brustbein durchtrennt werden muss. Stattdessen wird die Ersatzklappe mit Hilfe eines dünnen Schläuchleins bis zu ihrem Einsatzort im Herzen transportiert. „Ich halte die TAVI für eine der größten medizinischen Errungenschaften der letzten zehn bis 15 Jahre“, sagt Professor Walter Eichinger, der Chef der Herzchirurgie im städtischen Klinikum Bogenhausen. Er hat auch Maria Fritzsche gemeinsam mit dem Neuperlacher Chefkardiologen Professor Harald Mudra behandelt.

Dass so viel Aufhebens um sie gemacht wird, ist der bescheidenen 106-Jährigen fast schon ein wenig unangenehm. „Wissen Sie, ich gehe nämlich so gut wie nie zum Arzt“, sagt sie der tz. Und tatsächlich besteht dazu auch nur selten ein Anlass. „Ich fühle mich wohl, mir geht’s prima.“ Bis auf eine Aspirin-Tablette am Morgen nimmt sie keine Medikamente. Alles im grünen Bereich – und zwar am gesamten Körper. „Meine Mutter trägt nicht mal ein Hörgerät. Und seit sie sich vor zehn Jahren mit 96 die Augen hat lasern lassen, braucht sie ihre Brille nur noch fürs Kleingedruckte“, berichtet ihr Sohn Jochen (74).

Dass es Maria Fritzsche heute so gut geht, hat sie natürlich in erster Linie ihren Genen zu verdanken (schon ihre Oma wurde 99) – aber auch dem Fortschritt in der Medizintechnik. Denn als bei ihr im Alter von 101 Jahren die Herzklappe ihren Dienst versagte, wäre eine offene Operation zu riskant gewesen. Aber es musste etwas geschehen. „Ich fühlte mich ständig müde und schlapp, mir wurde immer wieder schwindelig“, erinnert sich die Seniorin. Ihre Aortenklappe war verkalkt und verengt, sie litt an einer sogenannten Stenose. Um ihr ohne OP helfen zu können, setzten die Ärzte auf die Alternative im Herzkatheterlabor – mit einem Minischnitt in der Leiste. Nach nur einer Stunde Vollnarkose hatte die Patientin alles gut überstanden.

„Ich hatte keine Angst davor“, sagt die Patientin. „Man muss sich einfach seinen Problemen stellen, anders kommt man nicht weit im Leben. Mit dieser Einstellung bin ich immer gut gefahren.“ Sie wohnt bei ihrem jüngsten Sohn in Rosenheim, ihr ältester hat gerade seinen 80. Geburtstag gefeiert. „Ich habe auch noch fünf Enkelkinder und einen Urenkel. Die anderen sind noch in Arbeit.“ Ihr Ehemann Erwin ist in den letzten Kriegstagen 1945 gefallen – auch 76 Jahre nach seinem Tod denkt sie noch täglich an ihn.

Trotz ihrer ewigen Trauer hat sie ihre Lebenskraft nie verloren – und dank der TAVI-Klappe kann sie ihren Ruhestand weiterhin genießen. Erst vor Kurzem war sie auf Mallorca. Auf den ihr angeratenen Mittagsschlaf verzichtete sie übrigens – zugunsten eines Strandausflugs.

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