von Angelika Mayr Eine Lesebrille ist lästig und trotzdem für die meisten ab einem gewissen Alter unumgänglich.

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von Angelika Mayr. Eine Lesebrille ist lästig und trotzdem für die meisten ab einem gewissen Alter unumgänglich.

Warum das so ist und welche Alternativen sinnvoll sein könnten, erklärt Prof. Chris Lohmann, Direktor der Klinik und Poliklinik für Augenheilkunde am Klinikum rechts der Isar in München.

-Brauchen nur Senioren eine Lesebrille?

In der Regel wird jeder normalsichtige Mensch etwa ab dem 40. Lebensjahr altersweitsichtig und braucht eine Lesebrille. Ein Kurzsichtiger mit etwa -1 bis -2 Dioptrien wird wohl nie auf eine angewiesen sein. Denn er kann in der Ferne schlechter etwas erkennen, aber in der Nähe gut lesen. Das gleicht sich also aus.

-Das heißt, dass später nicht nur Bücherwürmer eine Lesebrille brauchen?

Nein. Es ist auch ein Vorurteil, dass man schneller eine Lesebrille braucht, wenn man als Kind unter der Bettdecke gelesen hat. Auch beeinflusst die Arbeit am Computer nicht die Altersweitsichtigkeit. Wir reden hier auch von einer anderen Entfernung. Er ist ja nicht 30 bis 40 Zentimeter von den Augen entfernt wie zum Beispiel ein Buch, sondern etwa 80 Zentimeter.

-Wie wird man altersweitsichtig?

Im Laufe des Lebens lässt die sogenannte Akkommodation nach. Das ist die Fähigkeit der Linse, sich auf Objekte in der Ferne und der Nähe scharf zu stellen. Mit den Jahren verhärtet sich die Linse aber und der Muskelapparat, der sie bewegt, leiert aus. Das Auge kann sich immer schlechter an Entfernungen anpassen. Das ist ein normaler Vorgang, den man nicht verhindern kann.

-Lässt sich das Problem zumindest hinauszögern?

Nein, das geht auch nicht. Das Erstaunliche ist, dass diese Altersweitsichtigkeit quasi mit der Geburt anfängt. Wenn man um die 40 Jahre alt ist, merkt man, dass etwas nicht mehr stimmt. Viele meiner Patienten sagen mir, dass sie von heute auf morgen nichts mehr lesen konnten. Das geht aber nicht. Das ist ein Prozess, der sich über Jahrzehnte hinzieht.

-Aber warum empfinden das die Leute dann so?

Das weiß man nicht. Aber ich habe das selber so empfunden: Einmal bin ich morgens aufgewacht und konnte meine Armbanduhr nicht mehr lesen. Es kann sein, dass man das Problem irgendwann am Ende eines anstrengenden Tages bewusster wahrnimmt.

-Hört dieser Prozess irgendwann auf?

Mit 60 bis 65 Jahren ist die Endstufe von +2,5 Dioptrien erreicht. Dann ist die Akkommodation am Endpunkt angekommen. Das ist auch die letzte Lesebrille, die man braucht. Wobei in diesem Alter oft noch der graue Star dazukommt: Die Linse trübt sich grau und die Brillenstärke verändert sich wieder.

-Wie sollte die perfekte Lesebrille aussehen?

Ich selber trage nur Brillen aus dem Supermarkt, die sogenannten „Ready Readers“. Die kosten 3,50 Euro. Warum? Ich brauche fünf Lesebrillen, weil ich sie ständig verlege. Natürlich kann sich auch jeder ein Gestell für 5000 Euro kaufen und beim Optiker Brillengläser reinmachen lassen.

-Ist eine Supermarkt-Brille genauso gut wie die von einem Optiker?

Wenn man normalsichtig ist und nur eine Lesebrille braucht, was etwa 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung betrifft, ist es egal, was man für eine Brille trägt. Sie muss nur passen. Die Gläser der „Ready Readers“ sind gut. Nur das Gestell hält nicht so viel aus.

-Und wer kann eine solche Brille nicht tragen?

Das sind Leute, die einen Augenfehler haben wie etwa eine Hornhautverkrümmung. Sie müssen sich eine Brille vom Optiker anpassen lassen, denn sie brauchen Gläser mit unterschiedlichen Stärken. Die „Ready Readers“ sind Standardbrillen mit zwei gleichen Gläsern.

-Empfehlen Sie auch eine Gleitsichtbrille?

Wer eine braucht, sollte auch eine nehmen. Der Grund: Schaut man durch ein Gleitsichtglas, wirkt, je nachdem wo man durchsieht, nur eine Stärke – oben die für die Ferne, unten die für die Nähe. Allerdings muss man mit einer Eingewöhnung von vier Wochen rechnen, denn man darf den Kopf nicht mehr bewegen, sondern nur noch die Augen. Das ist anfangs schwierig. Aber danach ist eine Gleitsichtbrille etwas Feines! Ich empfehle allen meinen Patienten eine Gleitsichtbrille.

-Wenn ich keine Brille tragen will: Empfehlen Sie spezielle Kontaktlinsen?

Von multifokalen Kontaktlinsen halte ich viel. Ich selber habe sie auch ausprobiert – nur leider vertrage ich sie nicht. Diese Linsen vereinen mehrere Stärken in sich. Beim Blick hindurch wirken die Fern- und Nahstärke gleichzeitig. Das Gehirn bekommt vom Auge sowohl ein Bild der Ferne als auch der Nähe geliefert. Und je nachdem, was es für ein Bild braucht, kann das Gehirn eines nutzen und das andere unterdrücken. Diese Kontaktlinsen sind somit auch für Leute geeignet, die eine altersbedingte Weitsichtigkeit und eine andere Fehlsichtigkeit haben.

-Vertragen auch Ältere solche Kontaktlinsen?

Sie sollten sie zumindest ausprobieren. Aber es ist so, dass Leute, die ihr Leben lang keine Kontaktlinse getragen haben, im Alter meist nicht mehr damit anfangen. Sie haben Angst, sich im Auge „herumfummeln“ zu müssen. Die multifokalen Kontaktlinsen sind eher etwas für die Anfang 40- oder 50-Jährigen.

-Kann man die Altersweitsichtigkeit auch mit einer OP angehen?

Es gibt die sogenannte Multifokalen-Linse. Die alte Linse wird hier bei einer OP durch diese Kunstlinse ersetzt. Sie erlaubt es dann, dass man in der Nähe sowie in der Ferne gut sehen kann. Auf der Oberfläche gibt es wieder mehrere Zonen mit unterschiedlicher Brechkraft, sodass im Auge zwei Schärfezonen entstehen – eine für die Nähe und eine für die Ferne.

-Kann sich solche Multifokalen-Linsen jeder einsetzen lassen?

Ja, das ist eher eine erhebliche Kostenfrage. Diese Linsen zahlen die gesetzlichen Krankenkassen nicht, viele der privaten aber schon. Eine einfache Multifokal-Linse kostet pro Auge etwa 500 Euro. Wird sie während einer Grauen-Star-OP eingesetzt, fallen keine zusätzlichen OP-Kosten mehr an. Etwa zehn bis 20 Prozent meiner Patienten bekommen eine solche Linse.

-Wie sieht es mit Lasertechniken aus?

Das wird zwar oft anders propagiert, aber diese Technik ist bei einer Altersweitsichtigkeit nicht zu empfehlen. Man kann damit zwar die Kurz- und Weitsichtigkeit behandeln. Aber im Grunde kann man nur die Nah- oder Fernsicht verbessern. Beides geht nicht. Bei der sogenannten Presby-Lasik trägt man mit einem Laser einen Teil der Hornhaut ab und lässt ein Stück in Form eines kleinen Tannenzapfens stehen. So bekommt das Zentrum eine neue Brechkraft und es entstehen verschiedene Zonen, die ähnlich wie bei den Multifokal-Linsen sind. Das Problem: Viele Patienten berichten dann nachts von einer starken Blend-Empfindlichkeit.

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