Unglück könnte juristisch neu aufgerollt werden

20-Jahre Gletscherbahn-Katastrophe von Kaprun: Überlebende und Betroffene leiden bis heute

Es soll ein fröhlicher Skitag in den Alpen werden, doch die Fahrt mit der Gletscherbahn in Kaprun endet an jenem sonnigen 11. November im Jahr 2000 in einer Katastrophe. Der Zug brennt aus, 155 Menschen sterben in den Flammen. Die wenigen Überlebenden leiden bis heute.

Von Matthias Röder (dpa), Ute Wessels (dpa) und Heidi Geyer

Kaprun/Siegsdorf – Ein Traumtag zum Skifahren. Blauer Himmel über dem Kitzsteinhorn. Dann die Hölle. Im unteren Teil der Standseilbahn bricht ein Brand aus. Die Bahn kommt im drei Kilometer langen Tunnel zum Gletscherplateau zum Stehen. Die Türen sind zu. Verzweifelt schlagen Skifahrer die Plexiglasscheiben ein. Sie zwängen sich ins Freie. Fast alle rennen instinktiv weg vom Feuer am Ende des Zuges. Sie laufen nach oben. Ein tödlicher Fehler. Die Wolke aus Rauch und Giftgas holt sie sofort ein. Am 11. September 2000 sterben 155 Menschen, davon 37 aus Deutschland. Nur zwölf Insassen der Kapruner Gletscherbahn überleben.

Skirennläufer Josef Ferstl verliert in Kaprun einen Onkel

Die Katastrophe von Kaprun ist das schlimmste Unglück in Österreichs Nachkriegsgeschichte. Bis heute herrscht Leid. Und die Frage steht im Raum, ob der Freispruch von 2004 für 16 Angeklagte wirklich das letzte juristische Wort ist. Am 11. November 2000 war auch der Skirennläufer Josef Ferstl dabei. Der gebürtige Siegsdorfer, damals noch ein Kind, war am Berg, als im Tunnel der Gletscherbahn das Unglück passierte. Unmittelbar davor war der 11-Jährige noch mit der Bahn zum Gipfel gefahren. Er habe an dem Tag Familienangehörige und Freunde verloren, erinnert sich Ferstl. „Für mich ist das ein sehr emotionales Thema“, sagt der Skirennläufer und seine Stimme wird leiser als er darüber spricht.

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Sein Onkel Franz reiste an diesem Morgen mit dem Bus aus dem Chiemgau an und erwischte den abfahrenden Unglückszug um 9.07 Uhr. Ferstl ist schon in einem Schlepplift im Skigebiet, als plötzlich der Strom ausfällt. „Erst haben wir gespielt, dann haben wir den Rauch gesehen, der aus dem Alpincenter kam“, sagt Ferstl. Sein Onkel überlebt das Unglück nicht.

Nicht fachgerecht eingebauter Heizlüfter in der Gletscherbahn

«Die Gletscherbahn war eine tickende Zeitbombe,» ist Opfer-Anwalt Gerhard Podovsovnik immer noch überzeugt. Es seien sehr viele nicht erlaubte Gegenstände an Bord gewesen.

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Der von der baden-württembergischen Firma Fakir hergestellte Heizlüfter «Hobby TLB», der laut Gericht das Unglück verursacht hat, sei von den Betreibern in eigener Regie umkonstruiert worden und habe so alle Zertifizierungen verloren. «Der Heizlüfter war vor dem eigenmächtigen Umbau technisch einwandfrei in Ordnung.» 

Kaprun als millionenschwerer Prozess noch einmal in den USA?

Der Anwalt sieht eine gewisse Chance, das Verfahren zivilrechtlich noch einmal ins Rollen zu bringen. In Europa gebe es zwar keine Aussicht, aber über den Umweg der USA – acht Opfer stammten aus den Vereinigten Staaten – lasse sich eventuell etwas machen. «Wenn man es darauf anlegt, ist der Vergleich auf Sand gebaut», sagt der Jurist mit Blick auf die insgesamt 16 Millionen Euro, die damals an die Angehörigen geflossen sind. Diese Vereinbarung sei nur unter dem Druck zustande gekommen, dass alle hätten unterschreiben müssen – sonst, so sieht es der Anwalt, hätte kein Hinterbliebener etwas bekommen.  

Sachverständige untersuchen das Wrack der Gletscherbahn von Kaprun, die am 11. November 2000 komplett ausbrannte.

Sollte sich ein Sponsor finden, der den wohl millionenteuren Prozess in den USA bezahle, «dann beauftrage ich sofort einen US-Anwalt», sagt Podovsovnik Er hatte am Ende des Verfahrens die Angehörigen von rund 100 Opfern vertreten.

Der Sohn eines Kaprun-Überlebenden spricht über das Unglück

Auf schlimmste Art waren damals auch die Mitglieder des Ski-Clubs Vilseck aus der Oberpfalz betroffen, die auf dem Kitzsteinhorn das Pistenvergnügen genießen wollten. Der 47-Jährige Markus Hiltel leitete damals die Reisegruppe. Mit 49 Teilnehmern waren sie nach Kaprun gekommen, 20 von ihnen starben.

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Hiltel ist sichtlich bewegt, als er über das Unglück spricht. Er selbst saß damals nicht in der Bahn. Aber sein Vater und seine Freundin waren an Bord. Die Freundin starb, der Vater ist einer der wenigen Überlebenden. Ein Interview will er aber nicht geben. Zu sehr wühlten ihn die Erinnerungen auf, sagt sein Sohn. Mit letzter Kraft habe sich sein Vater retten können. Weil es keine Nothämmer im Zug gab, habe der Vater mit den Skiern eine Scheibe eingeschlagen.

«Ich war der Letzte, nach mir kam keiner mehr»

Gemeinsam mit elf weiteren Passagieren flüchtete der heute 71-Jährige aus dem Tunnel, nach unten in Richtung Tunneleingang, wo der Rauch nicht hinzog. Fast 600 Meter mussten sie über eine Notstiege laufen - in klobigen Skistiefeln und Dunkelheit. «Sie hielten sich an einem Stahlseil fest, stürzten immer wieder», berichtet der Sohn.

In der Klinik besuchte er seinen Cousin. Der habe ihm gesagt: «Ich war der Letzte, nach mir kam keiner mehr.» Das sei ein Schock gewesen. Bei der Rückfahrt im Reisebus wurde die Katastrophe durch die vielen leeren Sitze deutlich. «Wir haben den hinteren Teil mit einer Decke abgehängt, damit man das nicht so sieht», erinnert sich Hiltel.

Öl dringt in die Heizlüfter ein – Die Katastrophe eine Frage der Zeit?

Die Journalisten Hubertus Godeysen und Hannes Uhl haben in ihrem Buch «155 - Der Kriminalfall Kaprun» in aufwändiger Recherche die Katastrophe und den Prozess durchleuchtet. «Der schöne Schein der modernen Bahn trog», schreibt Godeysen nun zum 20. Jahrestag. In der 1993 umgebauten Gletscherbahn hätten die Fahrer wegen der eiskalten Zugluft erbärmlich gefroren.

Die Heizlüfter seien völlig unfachmännisch eingebaut worden - direkt neben Ölleitungen. «Immer öfter drang Öl in die Lüfter und immer häufiger saugten die Ventilatoren kleine ölgetränkte Dämmfaserteilchen ein», so Godeysen. Öl und der Glühdraht eines Heizlüfters seien eine tödliche Kombination gewesen.

Kapruner Gletscherbahn AG klagt gegen Heizlüfter-Hersteller

Doch die Kapruner Gletscherbahn AG geht nach Prozessende 2004 gegen den Hersteller des Heizlüfters aus Baden-Württemberg vor. Der Schritt erweist sich als juristisches Eigentor.

Die von den österreichischen Behörden zuständigkeitshalber ins Boot geholte Staatsanwaltschaft Heilbronn stellt 2008 in einem 54-seitigen Ermittlungsbericht eindeutig fest: «Den Beschuldigten kann weder bezüglich der Brandentstehung noch wegen des Verlaufs der Brandkatastrophe und dem damit verbundenen Tod von 155 Personen irgendein Vorwurf gemacht werden», wie es in der Ermittlungsakte heißt.

Gletscherbahn als „sehr sichere Art des Transports“?

Der Heizlüfter habe alle Prüfzeichen für den von Fakir bestimmten Gebrauch gehabt, nämlich für die Verwendung als Standgerät in Wohnräumen oder Badezimmern. «Tatsächlich wurde der Heizlüfter als Einbaugerät in einem Fahrzeug verwendet» - und das gegen den ausdrücklichen Warnhinweis des Herstellers. Im Prozess hatte sich der Richter der Sichtweise der Verteidiger angeschlossen, dass die Standseilbahn kein herkömmliches Fahrzeug gewesen sei. Fakir selbst geriet infolge der Anschuldigungen an den Rand des Ruins.

Für die Gletscherbahn Kaprun AG ist der Fall abgeschlossen. Rund 25 Jahre lang habe die 1974 in Betrieb genommene Standseilbahn, die die Skisportler in achteinhalb Minuten auf das Areal rund um das 3200 Meter hohe Kitzsteinhorn brachte, einwandfrei funktioniert, sagt Sprecher Harald Schiffl. «Das ist eine tolle Geschichte» und eine sehr sichere Art des Transports, habe man damals gedacht.

Kläger verzweifelt an der Macht der österreichischen Skiwirtschaft

2004 wurde eine Gedenkstätte an der Talstation errichtet. Dort treffen sich jedes Jahr - in Nicht-Corona-Zeiten - bis zu 100 Angehörige, um in einer schlichten Feier an die Opfer zu erinnern, wie Kapruns Bürgermeister Manfred Gaßner sagt.

Gefragt nach dem stärksten Eindruck der damaligen Gerichtsverhandlung muss Anwalt Podovsovnik nicht lange nachdenken: «Es war das Scheitern des österreichischen Rechtssystems und die Übermacht der österreichischen Skiwirtschaft.»

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