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Wie wird man Deutsch-Kanadier?

VON GÜNTER KLEIN. Die Iserlohn Roosters fand man diese Saison ganz toll.

Zumindest in Iserlohn. Das Team mit dem Gockel-Logo, aber dem Image der grauen Maus, spielte bis zum letzten Wochenende um Platz eins in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) mit. Und es spielte attraktiv. Mit Kampfgeist, mit nie nachlassendem Willen und dem Glauben, eine Partie jederzeit noch wenden zu können. Kanadischer Spirit.

Kein Wunder freilich: Die Iserlohn Roosters der Saison 2015/16 waren ein nordamerikanisches Team. Neun Ausländer, im Eishockey Kontingentspieler genannt, darf eine DEL-Mannschaft in jedem Spiel einsetzen, die Iserlohner hatten die entsprechende Anzahl an Kanadiern und US-Amerikanern verpflichtet. 21 Spieler dürfen nominiert werden, aufgefüllt wird also mit zwölf deutschen Akteuren, so sehen es die Regeln vor.

Die deutschen Spieler der Iserlohner hießen: Chet Pickard, Kevin Lavallee, Colten Teubert, Ryan Button, Brooks Macek, Bradley Ross, Chad Bassen, Dylan Wruck. Alle geboren in Kanada, aber deutsche Staatsangehörige. Eingebürgert. Deutsch-Kanadier. Moritz Müller, kerndeutscher Verteidiger der Kölner Haie, empörte sich nach einer Niederlage gegen Iserlohn: „Das ist Kanada 1c.“ Fortan diskutierte die Liga über das Iserlohner Modell. Und nicht wenige waren erleichtert, dass die kanadische Mentalität den Roosters in den Playoffs abhanden kam. Sie schieden im Viertelfinale aus.

Marco Sturm, der Bundestrainer, Niederbayer mit Hauptwohnsitz in Florida, als Spieler in der NHL über 1000 Mal auf dem Eis gewesen, will die Iserlohner nicht verteufeln. Er sagt: „Sie haben nichts Illegales getan.“ Und das stimmt: Sie haben lediglich versucht, ihre Wettbewerbsnachteile (Standort, kleine Halle, kein potenter Besitzer à la Anschutz Entertainment Group, Saturn oder Red Bull) auszugleichen, indem sie beim Personal auf ein günstiges Preis-Leistungs-Verhältnis achteten. Und dass man nordamerikanische Spielerlisten durchforstet, das hat im deutschen Eishockey eine lange Tradition.

Ende der 70er-Jahre war der Füssener Heinz Weisenbach der erste Ahnenforscher. Der gelernte Immbobilienkaufmann, Trainer beim Mannheimer ERC, flog nach Kanada und schaltete dort Zeitungsannoncen: Er suchte Eishockeyspieler mit deutschen Namen, mit Vätern und Müttern, die hier geboren waren und das Land verlassen hatten – nach dem Krieg, als Auswanderer, auf der Suche nach einem besseren Leben.

Es meldeten sich Spieler, die Manfred Wolf hießen oder Roy Roedger, Harold Kreis, Ralph Krueger, Daniel Held, Peter Ascherl oder der große Torwart Karl Friesen, ein Mennoniten-Prediger, der dann in Rosenheim landete. Die Deutsch-Kanadier erweiterten die Möglichkeiten einer Mannschaft, die damals lediglich zwei Ausländer einsetzen durfte. Deutsch-Kanadier waren keine Ausländer, sie waren Deutsche. Mannheim wurde 1980 Meister, die Nationalmannschaft nahm die Verstärkung ebenfalls dankbar auf.

Die Deutsch-Kanadier wurden zur heißen Ware. Es gab auch Kanadier, denen der Vorfahren-Nachweis nicht glückte – für diese Fälle gab es gefälschte Reisepässe, erhältlich in den Essener Bar „Schlüsselloch“. Hauptabnehmer war der Duisburger Eishockey-Funktionär Fritz Hesselmann, der die Sportart in eine schwere Krise stürzte, als der Skandal publik wurde.

Heute darf ein deutscher Erstliga-Klub elf Ausländer verpflichten und neun von ihnen einsetzen – und man möchte meinen, auf ein Zusatzkontingent an Deutsch-Kanadiern sei keiner mehr angewiesen. Irrtum: Nicht nur Iserlohn schöpft aus diesen Quellen, alle 14 Vereine tun dies, es gibt über 30 Deutsch-Kanadier und überdies noch Deutsch-Russen, Deutsch-Weißrussen sowie Deutsch-Kasachen, Deutsch-Letten, Deutsch-Tschechen, Deutsch-Slowaken, Deutsch-Österreicher, Deutsch-Italiener.

Doch wie wird zum Beispiel der Kanadier zum Deutsch-Kanadier? Er muss einen deutschen Vorfahren nachweisen. Dann kann er die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen – ohne große Umstände. Er muss nicht zum Sprach- und Einbürgerungstest, er muss seine ursprüngliche Staatsbürgerschaft auch nicht aufgeben. Der Kanadier bleibt ein Kanadier. Und ist jetzt auch Deutscher. War er eigentlich immer. Er hat die deutsche Staatsangehörigkeit nur nicht ausgeübt. Daryl Boyle, Verteidiger des EHC München, fällt in diese Kategorie. Nach zwei Jahren in Deutschland (Augsburg – dann wechselte er) war er auch für die deutsche Nationalmannschaft spielberechtigt.

Der Fall Nowak: Ein Deutscher, der als Ausländer galt

Früher war das alles nicht so einfach, da kam es sogar zu einem vor Ungerechtigkeit strotzenden Fall. 1987 verpflichtete der Zweitligist EHC Freiburg den jungen Verteidiger Daniel Nowak. Geboren im Schwarzwald, doch ab dem dritten Lebensjahr aufgewachsen in Kanada, weil die Eltern dorthin gezogen waren; in Kanada lernte er Eishockeyspielen, und zwar sehr gut, in seinem Jahrgang war er das größte deutsche Talent. Nowak war als Deutscher zur Welt gekommen, hatte immer nur die deutsche Staatsangehörigkeit, nie die kanadische. Doch damals gab es die Regel, dass einer, wenn er zuvor Spieler in einem anderen Land war, erst drei Jahre im neuen Land seinem Sport nachgehen muss, ehe er nicht mehr als Ausländer gilt. Kurios: Für die deutsche Nationalmannschaft hätte Nowak sofort antreten dürfen, in der Liga war er zunächst Ausländer.

Die zweite Gruppe bei den Einbürgerungen: Ein Ausländer kann nach sieben Jahren in Deutschland den deutschen Pass beantragen, wie man so schön sagt. So ist etwa Herberts Vasiljevs verfahren, ein Lette, der schon seit über einem Jahrzehnt bei den Krefeld Pinguinen unter Vertrag steht. Bei Weltmeisterschaften läuft er weiter für sein Heimatland Lettland auf, doch in Deutschland gilt er eben auch als Deutscher. Seine Kontingentstelle kann der Klub anders vergeben.

Bei Francois Methot verhielt es sich ähnlich: Der Kanadier spielte vorige Saison für München. „I had to do the Einbürgerungstest, I had to learn the Grundgesetz and Deutsche Geschichte“, erzählte er. Ihm hat der deutsche Pass geholfen, die Karriere in der DEL zu verlängern.

Gruppe drei: die Verheirateten. Ja, es gibt auch diese Geschichte. Wo die Liebe eben hinfällt. Eishockeyspieler sind jung, oft attraktiv, sie kommen ohne Anhang – und finden hier ihr Glück fürs Leben. Zwei Jahre nach der Hochzeit kann der Antrag auf Einbürgerung gestellt werden. Verbunden allerdings mit dem Antrag auf Ausbürgerung in der vormaligen Heimat. Es ist oft auch ein Gewissenskonflikt. Man muss etwas aufgeben, um etwas Neues zu bekommen.

Manche werden dann sesshaft in Deutschland, auch über die Spielerzeit hinaus. Rick Boehm (Bad Tölz, Rosenheim) ist einer aus der Gruppe der Verheirateten, heute ist er einer der wichtigsten Nachwuchstrainer im deutschen Eishockey, er spricht Bairisch mit englischer Färbung. Oder: Duanne Moeser. Auch als Manager noch immer die Figur im Augsburger Eishockey. So integriert, dass er bei einer Umfrage nach den berühmtesten Söhnen der Stadt zwischen Jakob Fugger und Rudolf Diesel landete.

Doch ebenso gibt es unter den eingebürgerten Spielern auch genügend, die nach etlichen Jahren kein Deutsch sprechen und in ihre Ursprungsländer zurückkehren, sobald sie in Deutschland keinen Vertrag mehr bekommen.

Eine Spielberechtigung außerhalb des Ausländerkontingents verbessert halt die beruflichen Perspektiven. Ob, um sie zu bekommen, auch getrickst wird?

Die Ausländerbehörden hätten gewisse Ermessensspielräume, sagt ein Insider. In manchen Ämtern wird auf vollständige Nachweisketten bestanden, in anderen ist man großzügiger, wenn der Staatsbürgerschaftsaspirant die Geburtsurkunde des Großvaters aus dem Jahr 1943 in Schlesien doch nicht mehr beibringen kann. In Iserlohn und am DEL2-Standort Bremerhaven sollen die Ausländerstellen entgegenkommender sein als andernorts – kleine Branchenweisheit.

Franz Reindl ist einer, von dem man glaubt, er müsste die Flut an Deutsch-Kanadiern, Deutsch-Amerikanern, Deutsch-Tschechen und so weiter beklagen, weil sie dem Nachwuchs, den man selbst heranzieht, die Stellen im Profibereich wegnehmen. Doch der Präsident des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) reagiert auf die neue Welle gelassen. „Wir können gar nicht dagegen sein, denn es ist ja Gesetz.“ Er ist sogar froh, „dass die Sache zurück an die Ausländerstellen gegangen ist, weg von uns Fachverbänden.“

Vorbei ist die Zeit der Tricks mit 18 inaktiven Monaten

In den 80er- und 90er-Jahren, da war die Situation noch undurchschaubarer. Die Regelungen, die damals galten, waren:

Ein Ausländer galt nicht mehr als Ausländer, wenn er drei Jahre im deutschen Nachwuchs gespielt hatte.

Ein Ausländer galt nicht mehr als Ausländer, wenn er 18 Monate inaktiv gewesen war, sich in dieser Zeit bis auf eine Urlaubsabwesenheit stets in Deutschland aufgehalten hatte. Die Regelung war eingeführt worden, um den Flüchtlingen aus dem Ostblock, die vom Weltverband IIHF für eineinhalb Jahre gesperrt waren, eine Perspektive zu eröffnen. Sie durften in Deutschland nach der Sperre als Deutsche spielen – das war nur gerecht. Doch findige Kanadier bemerkten, dass sie von diesem 18-Monate-Passus nicht ausgeschlossen waren. Auch sie gingen in eine Spielpause (manche kurierten Verletzungen aus, andere trainierten den Nachwuchs) – danach waren sie keine transferkartenpflichtigen Spieler mehr, wie das offiziell heißt.

Natürlich wurde in den Lebensläufen getrickst. So kamen auch manche 18-Monate-Kanadier quasi aus dem Nichts. Kuriosester Fall war der des Verteidigers Randy Spielvogel Mitte der 80er-Jahre in Krefeld. Der Verein gab an, Spielvogel habe die vergangenen 18 Monate als Schäfer in der Lüneburger Heide zugebracht, und nun wolle er wieder Eishockey spielen.

Und nach dem Bosman-Urteil von 1995 kam noch der Europa-Aspekt dazu. Die Amerikaner und Kanadier suchten nach irischen und italienischen Vorfahren, denn auch als EU-Bürger stand es ihnen zu, behandelt zu werden wie Deutsche. Solche Umwege sind jetzt nicht mehr nötig.

„Die eingebürgerten Spieler haben das Niveau der DEL angehoben, das muss man auch sehen“, sagt Franz Reindl. Davon würden auch alle anderen Spieler profitieren. Er rät den jungen Deutschen, den Konkurrenzkampf anzunehmen. Motto: Dann eben noch besser werden.

Auch Bundestrainer Marco Sturm ist gelassen: „Wir müssen in unseren U-Mannschaften bessere Trainer und Spieler ausbilden – und erst dann, in einigen Jahren, können wir über irgendwelche Einschränkungen für ausländische Spieler reden.“