Im Visier der spitzen Federn

Original und Karikatur: Reporter Gibis – und wie ihn der südkoreanische Cartoonist sieht.
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Original und Karikatur: Reporter Gibis – und wie ihn der südkoreanische Cartoonist sieht.

Irgendwie hätte ich mir ja denken können, auf was ich mich einlasse.

Schließlich hält sich kein Karikaturist auf der Welt lebensecht ans Original. Sondern es liegt in der Natur des Metiers, dass die äußerlichen Merkmale realer Personen sozusagen überzeichnet werden. Die bisweilen mit Häme durchtränkte Übertreibung macht anschaulich. Die Subjekte dieser Satireform verwandeln sich somit in Witzfiguren mit spitzen Nasen, großen Ohren, Doppelkinn, Kugelbauch und Glubschaugen. Man muss also Spaß verstehen, wenn man sich ins Visier eines Karikaturisten wagt. Aber Humor, den hat man ja, jede Menge.

In Südkorea sind Cartoons, speziell auch politische Spottzeichnungen, überaus beliebt. Wobei die bevorzugte Zielscheibe der spitzen Federn der Erzfeind aus dem Bruderland ist: Nordkoreas Diktator Kim Jong-un. Die Kreativität der südkoreanischen Karikaturisten konzentriert sich vor allem darauf, den Staatschef als denkbar lächerliches Ärgernis dazustellen: Kim als fettleibiges Kleinkind mit Schnuller; Kim als rundliche Rakete, die von Körpergasen angetrieben wird; Kim mit Schweinsohren und Rüssel; Kim als lebende, kugelförmige Handgranate mit debilem Blick.

Ich war also auf einiges gefasst, als ich mich im Pressezentrum von Pyeongchang dazu hatte überreden lassen, mich einem Karikaturisten der Cartoon-Schule des Korea Manhwa Museums anzuvertrauen. Ein freundlicher, älterer Herr empfing mich mit breitem koreanischen Lächeln, gratulierte mir dazu, den Gratisservice für Olympia-Reporter in Anspruch zu nehmen. Für eine knappe halbe Stunde saß ich somit Modell, ein junger Zeichner, nennen wir ihn Sanghoon, kritzelte mit flinken Bewegungen auf ein Grafiktablett, lugte immer wieder spitzbübisch grinsend hinter seinem Computer hervor, nahm mit angestrengtem Blick Maß.

Schließlich präsentierte Sanghoon stolz sein Werk. Also mich, als Karikatur. Doch sollte das wirklich ich sein? Dieses ausdruckslose, irgendwie abgearbeitete Gesicht? Ein Mann ohne Eigenschaften mit leichtem Doppelkinnansatz und erhobenem Zeigefinger? Nun, bei aller Liebe zur Freiheit der Kunst – irgendwo hört sich der Spaß auf!! Armin Gibis

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