Das größte Radsport-Event der Welt

Epische Helden – tragische Verlierer: Eine Historie der Tour de France

Das undatierte Foto zeigt Maurice Garin (helles Oberteil). Der Franzose siegte bei der ersten Tour de France im Jahr 1903.
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Das undatierte Foto zeigt Maurice Garin (helles Oberteil). Der Franzose siegte bei der ersten Tour de France im Jahr 1903.
  • Michael Weiser
    vonMichael Weiser
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Tour de France, Tour der Leiden, eine Radrundfahrt die epische Helden und tragische Verlierer erschafft. Ein Ereignis, das viel mehr ist als nur Sport. Philosophen haben sich schon mit der Tour beschäftigt. Ein etwas anderer Blick auf die Geschichte der Tour de France seit 1903...

Paris / Nizza – Lange stand die Tour de France 2020 auf der Kippe. Wegen der Coronavirus-Pandemie musste der Start um mehrere Wochen verschoben werden. Am Samstag, 29. August, ist es soweit. Die Tour startet in Nizza und macht sich in 21 Etappen, die so bergig sind wie selten, auf den Weg nach Paris. Und wenn die Fahrer losfahren, dann fährt mit Ihnen die Geschichte eines der größten Sportereignisse der Welt. Zeit also für einen Rückblick der besonderen Art.

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Der größte Pechvogel der Tour de France

Bei der Tour de France 1913 überqueren die Fahrer in den Pyrenäen den Col d‘Aubisque. In Führung liegt Eugène Christophe. Bis er stürzt: Bei dem Unfall bricht ihm die Gabel. Er schultert sein Rad und trägt es 14 Kilometer weit bis Sante-Marie-de-Campan. Dort schmiedet er eine neue Gabel, er verliert viel Zeit, schlägt sich aber in den kommenden Etappen aber tapfer und landet immerhin auf Platz sieben.

In den Folgejahren hat das Pech nicht mehr viele Chancen, den Radsportler Christophe zu behelligen. Im Ersten Weltkrieg gibt es keinen Gedanken an die Tour. Erst 1919 wird wieder gefahren. Und es begibt sich Folgendes: Eugène Christophe, erster Träger des neu eingeführten Gelben Trikots, hat einen Vorsprung von 30 Minuten – dann bricht ihm auf der 468 Kilometer holprigen Etappe die Gabel. Den Rest kennen Sie.

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Die größten Duelle der Tour de France

Wenn Schriftsteller, Sportjournalisten und Philosophen Vergleiche mit Homers „Illias“ heranziehen, dann geht es um die großen Duelle bei der Tour de France. Berühmt sind die Auseinandersetzungen zwischen Jan Ullrich und Lance Armstrong oder die Rivalität zwischen dem tieffrommen, dem Rotwein und Tabak zugeneigten Gino Bartali (Spitzname: „Der Mönch“) und dem eher nüchternen, analytischen Norditaliener Fausto Coppi (die allerdings auch in gedeihliche Zusammenarbeit münden kann, wie bei Coppis Tour-Sieg 1949).

Lance Armstrong (Gelbes Trikot) gegen Jan Ullrich: eines der legendären Duelle der Tour de France. Doch beide Helden fielen am Ende über Dopingskandale.

Legendär ist das „Ellbiogen-Duell“ zwischen Raymond Poulidor und Jaques Anquetil. „Poupou“ Poulidor ist Frankreichs „Meister der Herzen“, Jaques Anquetil der distanzierte „Monsieur Chrono“, unerbittlich wie ein Uhrwerk. 1964 ist Poulidor dem Sieg bei der Tour de France nahe. Mit Anquetil beharkt er sich am Puy de Dôme so erbittert, dass die beiden tatsächlich Ellbogenkontakt haben. Poulidor wäre fit, Anquetil ist es nicht, was Monsieur Chrono aber hinter einem Pokerface verbirgt. Und so bleibt Poulidor zu lange in der Reserve. Am Ende siegt Uhrwerk gegen Leidenschaft, mit nicht mal einer Minute Abstand.

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1989: Die knappste Tour de France der Geschichte

50 Sekunden Vorsprung auf Greg LeMond hat Laurent Fignon (Frankreich) vor der letzten Etappe der Tour de France 1989, einem Einzelzeitfahren mit Ziel Champs-Élysées. Fignon ist stark, der Vorsprung soll reichen. Doch im Elysion, dort, wo nach der Mythologie die Helden für immer leben, landet am Ende der Amerikaner LeMond: Im spektakulärsten Zeitfahren der bisherigen Tour-de-France-Geschichte nimmt er Fignon 58 Sekunden ab, auch dank der erstmals verwendeten Kombi von Tropfenhelm und Triathlon-Lenker.

Der Franzose Laurent Fignon auf der Schlussetappe der Tour de France 1989: Er dachte, er fährt dem Sieg entgegen. Am Ende kassierte er die knappste Tour-Niederlage aller Zeiten.

Acht Sekunden zwischen Pleite und Ewigkeit... Andererseits: Fignon ist dank dieses zweiten Platzes stärker im Gedächtnis, als er es mit seinen beiden Tour-de-France-Siegen 1983 und 1984 hätte erreichen können.

Der rätselhafteste Fall der Tour de France

Ottavio Botecchia gewinnt die Tour 1924, von Anfang bis Ende im Gelben Trikot. 1927 wird er unweit von Friaul schwerverletzt in einem Straßengraben gefunden, man geht zunächst von einem Trainingsunfall aus. Zwölf Tage später stirbt er im Krankenhaus, ohne das Bewusstsein wieder erlangt zu haben. Die Gerüchte verstummen nie. Bottecchia hat sich kritisch gegen Mussolini geäußert. Hat der Diktator ihn ermorden lassen?

Jahrzehnte später soll ein Bauer auf dem Sterbebett gebeichtet haben, dass er einen Radsportler ertappt habe, wie er Trauben von seinen Weinstöcken stibitzt habe. Daraufhin habe er ihm einen Stein über den Schädel gezogen. Die Wahrheit? Sie wird wohl nie ans Licht kommen. Botecchias Vorgänger als Toursieger, Henri Péllissier, stirbt 1935 gewaltsam. Der Fall aber ist klar: Seine Lebensgefährtin erschießt ihn. Aus Eifersucht.

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Die größten Champions der Tour de France

Nur einen deutschen Sieg verzeichnen die Tour-Annalen, den von Jan Ullrich 1997. Weit erfolgreicher sind Radsportnationen wie Frankreich, Spanien und Belgien, mit etlichen Siegern, darunter die im erlesenen Kreis der Fünffach-Sieger.

Der Franzose Jaques Anquetil ist der erste von ihnen, er holt seine Siege zwischen 1957 und 1964. Es folgen Eddy Merckx (Belgien, 1969 bis 1974) und Bernard Hinault (Frankreich, 1978 bis 1985). Der einzige mit fünf Siegen in Folge: der Spanier Miguel Indurain (1991 bis 1995).

Der Spanier Miguel Indurain hat die Tour de France von 1991 bis 1995 gleich fünfmal in Folge gewonnen. Hier präsentiert er seine Gelben Trikots.

Wer ist der Größte unter den Großen? Die Fachwelt ist sich weitgehend einig: Eddy Merckx, der als einziger Sieger der Geschichte bislang bei einem Toursieg auch noch Bergwertung (später Gepunktetes Trikot) und Punktewertung (Grünes Trikot) gewinnt. Andererseits: Die Leistung von Fausto Coppi, der 1949 und 1952 das Double mit Giro d‘Italia und Tour de France holt (als Erster überhaupt), ist nicht hoch genug einzuschätzen. Lance Armstrong gewinnt siebenmal, und das in Folge. Seine Toursiege aber werden alle wegen Dopings aberkannt.

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Der erste Betrugsskandal der Tour

Doping gehört zum Sport, spätestens seitdem es um Geld geht. Auch im Radsport. Dort bieten sich aber auch andere Möglichkeiten zum Schummeln. Maurice Garin, Sieger der ersten Tour de France 1903, gewinnt auch 1904. Doch ist die Neuauflage ein einziger Skandal. Fans streuen Nägel vor die Reifen der Kontrahenten ihrer Lieblinge, einige Fahrer nehmen gar die Eisenbahn. Ergebnis: Die ersten Vier der Tour 1904 werden disqualifiziert.

Doping ist das erste Mal 1924 ein Thema: Die Brüder Pelissier steigen nach einem Streit mit der Tour-Leitung über zugegebenermaßen skurrile Regeln aus und geben dem Reporter Albert Londres Bescheid. Und wie: Aus ihren Verpflegungsbeuteln fördern sie Kokain zu Tage, Chloroform und eine Menge Pillen. „Wir fahren mit Dynamit“, sagt Francis Pelissier. Londres´Schlagzeile macht Geschichte: „Die Sträflinge der Landstraße.“

Es folgt eine – endliche? - Liste von Dopingskandalen: Der Festina-Skandal, die unsaubere Siegesserie von Lance Armstrong und, und, und. Marco Pantani, Jan Ullrich und viele andere Toursieger tauchen in der Chronik der Dopingsünder auf. Auch der vierfache Toursieger Chris Froome wird positiv auf Salbutamol getestet . Er hat Glück und profitiert von nachträglichen Regeländerungen. Bei der Tour de France 2020 ist er nicht dabei.

Die schlimmsten Tage der Tour de France

Der 13. Juli 1967 ist ein glühend heißer Tag. Die Fahrer quälen sich durch eine Steinwüste dem Gipfel des Mont Ventoux entgegen. Einer will seine Chance auf den Gesamtsieg nutzen – und zahlt den höchsten Preis. Der Brite Tom Simpson beginnt zu schwanken, er stürzt, Zuschauer helfen ihm wieder aufs Rad. Simpson fährt nur wenige Meter weit, stürzt erneut. Helfer eilen zur Wiederbelegung, doch jede Hilfe kommt zu spät, Simpson stirbt an einem Mix aus Hitze, Überanstrengung, Amphetaminen und Alkohol.

Gezeichnet von den Strapazen: der Brite Tom Simpson bei der Tour de France 1967. Auf dem Anstieg zum Mont Ventoux bricht er zusammen und stirbt wenig später.

Am Denkmal für Simpson hinterlassen Radsportler traditionell einen letzten Gruß, etwa eine Trinkflasche. 1995 wird Olympiasieger Fabio Casartelli bei der Abfahrt vom Portet d‘Aspet in einen mörderischen Sturz verwickelt, prallt mit dem Kopf gegen einen Begrenzungsstein. Am nächsten Tag setzen die Profis das Rennen aus, aus Respekt vor ihrem Kollegen. Gestandene Rennfahrer wie Marco Pantani lassen ihren Tränen freien Lauf. Drei Tage nach dem tödlichen Sturz feiert Casartellis Teamkapitän Lance Armstrong einen Etappensieg. Es ist sein zweiter bei der Tour de France – und der letzte, der zählt. Alle späteren Siege Armstrongs werden wegen Dopings annulliert.

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Die größten Neuerungen bei der Tour der France

Das Rad kann man nicht neu erfinden. Aber Details gehen immer. 1912 gewinnt Odile Defray die Tour – auch aufgrund der Neuerung des Freilaufs. Revolution im Jahre 1937: Erstmals ist eine Kettenschaltung zugelassen, und Roger Lapèbie schaltet am schnellsten.

Vorher haben die „Giganten der Landstraße“ nur eine Möglichkeit: Großes Ritzel auf der einen, kleines Ritzel auf der anderen Seite des Hinterrads. Vorm Berg steigen sie ab, schrauben das Hinterrad ab und drehen es, mit dem größeren Ritzel zum Bergauffahren. Heute haben die Profis elektronische Schaltungen zur Verfügung. Und vieles andere mehr, etwa Klickpedale, die eine wesentlich bessere Kraftübertragung garantieren als die alten Pedale mit Fußkäfig.

Die größte Pause der Tour de France

Der Italiener Gino Bartali ist der Champion der Tour de France im Jahre 1938. Im Jahr darauf lichten die zunehmenden Spannungen der Weltpolitik das Feld, Deutsche und Italiener sind nicht mehr dabei. So wird der Weg 1939 frei für den Belgier Sylvère Maes.

Dann kommt der Zweite Weltkrieg, die Tour de France nimmt ihre längste Pause – und mit ihr Gino Bartali. Der aber feiert 1948, zehn Jahre nach seinem ersten Toursieg, bei der zweiten Nachkriegs-Tour fröhliche Urständ: Zehn Jahre nach seinem ersten Sieg gewinnt der Altmeister erneut die Tour de France. Sensationell!

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Das größte Sportereignis

Olympische Spiele und Fußball-Weltmeisterschaft locken vielleicht mehr Menschen vor den Fernseher. Das größte jährliche Live-Ereignis aber ist die Tour de France. Hunderttausende stehen entlang der Straßen – in normalen Zeiten.

Helden zum Anfassen: Bei der Tour de France bewegen sich die Fahrer an den Bergen im engen Spalier fanatischer Fans. Bei der Corona-Tour 2020 wird es solche Bilder wohl nicht geben.

In Zeiten von Corona sollen die Fans, ganz untypisch für die Tour de France, mit Abstand von den Fans und nur in gelichteten Reihen am Streckenrand stehen, zumindest bei Bergankünften. Ob‘s klappt, ob es überhaupt die traditionelle Ankunft in Paris geben wird? Abwarten! 

Die Tour de France und ihr bester Sprinter

Der erfolgreichste Rad-Star im Grünen Trikot des Punktbesten ist bis 2019 der gebürtige Ostberliner Erik Zabel. Dann kommt Peter Sagan von Raublinger Team Bora-hansgrohe. Der 30-jährige Slowake ist mittlerweile siebenmaliger Tour-Sieger in der Punktewertung.

Tour de France 2020: Das Aufgebot von Bora-hansgrohe

Ralph Denk (Sportlicher Leiter)
Felix Großschartner (Österreich) vom Team Bora-hansgrohe
Daniel Oss (Italien) vom Team Bora-hansgrohe
Peter Sagan (Slowakei) vom Team Bora-hansgrohe
Tour de France 2020: Das Aufgebot von Bora-hansgrohe

Der Schöne und das Biest: Spitznamen der Tour-Fahrer

Der „Schöne“, das ist der Schweizer Hugo Koblet, Toursieger 1951. Er hat immer einen Kamm in der Tasche, um sich sofort nach der Ankunft das Haar zu richten. Das Biest? Das wäre dann der „Kannibale“ Eddy Merckx, fünfmaliger Toursieger zwischen 1969 und 1974, mit 525 Profi-Straßensiegen der erfolgreichste Fahrer der Radsportgeschichte bislang.

Drollige Spitznamen gehören zur Tour und werden zum Markenzeichen besonderer Fahrer. Auswahl gefällig? Der „Adler von Toledo“ (Federico Bahamontes), „Adler von Adliswil“ (Ferdi Kübler), „Dachs“ (Bernard Hinault), „Elefantino“ (Marco Pantani), „Bergfloh“ (Karl-Heinz Kunde), „Reiher“ (Fausto Coppi), „König“ („il rey“ Miguel Indurain).

Die längsten Etappen der Tour de France

Wer bei der Tour-de-France-Premiere am 1. Juli 1903 an den Start geht, muss ein harter Hund sein: 467 Kilometer ist die erste Etappe lang, vom Café Le Réveil-Matin in Montgeron bei Paris bis nach Lyon. Gar 471 Kilometer misst die letzte, von Nantes nach Paris. Sie gewinnt, wie auch die ganze Tour, Maurice Garin. Die längste Etappe überhaupt wird 1919 absolviert: Von Les Sables-d‚Olonne nach Bayonne, 482 Kilometer.

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Das kulturellste Sportereignis

Wo erfährt man sonst so viel über Land und Leute wie bei der Tour de France? Die „Große Schleife“ ist ein Kulturereignis ersten Ranges. Warum sonst sollten sich so viele Philosophen mit der Tour beschäftigen?

„Man begreift, dass das, was diese Männer leisten, alles übersteigt, was Normalsterbliche begreifen können: Nämlich der Tour de France alles unterzuordnen, alles zu riskieren, rücksichtslos – sich selbst gegenüber, dem Leben.“ Sagte Peter Sloterdijk. Der muss es wissen, als Philosoph, Hobbyradler und Tour-de-France-Fan.

Die spektakulärste Werbeaktion

Die Tour de France erlebt ihre Premiere 1903. Begründet wird sie von einer Zeitung, die als Radport-Blatt begonnen hat, dann aber, in „l‘Auto“ umbenannt, eigentlich auf den Motorsport-Boom setzen will.

Als die Auflage sinkt, lassen sich die Macher etwas Beispielloses einfallen: Ein Etappenrennen, das die Fahrer an Frankreichs Grenzen entlangführt. Der Erfolg ist spektakulär, die Leidenschaft der Fans so groß, dass ihre Machenschaften die Tour bereits nach ihrer zweiten Auflage 1904 zu ruinieren drohen. Die Tour lebt, trotz einiger Skandale, immer noch.

Der größte Glückspilz der Tour de France

Wim van Est wird legendär, als Absturzkünstler und Butterblume. 1951 startet er im niederländischen Team bei der Tour de France. Bei der 13. Etappe stürzt er, tags zuvor gerade ins Gelbe Trikot gefahren, bei der Abfahrt vom Col d’Aubisque in eine 70 Meter tiefe Schlucht.

Sein Teamkollege Gerard Peters blickt hinunter und sagt angesichts von van Ests leuchtend gelben Jerseys in der Tiefe trocken: „Er sieht aus wie eine Butterblume.“ Riesenglück im tiefen Unglück: van Est hat den Sturz weitgehend unbeschadet überstanden. Mit 40 zusammengeknoteten Fahrradschläuchen kann man ihn heraufziehen. Das Team gibt das Rennen auf, van Est aber ist berühmt. Der Niederländer macht danach Werbung für die Uhrenmarke „Pontiac“: „70 Meter fiel ich tief, mein Herz stand still, aber meine Pontiac lief.“

Die Tour de France – ein nationales Ereignis

Die Tour de France hat auch eine politische Dimension. Nach der Niederlage im Krieg von 1870/71 ist die Moral Frankreichs 1903 noch immer am Boden. Die Tour de France dient daher auch der Selbstvergewisserung, das Leiden während der Monsteretappen soll auch die Helden-Qualitäten der überwiegend französischen Fahrer deutlich machen.

Nicht ohne Absicht führt die Tour zunächst auch durchs Elsass und durch Lothringen, das die Deutschen annektiert haben. Dreimal wird Metz durchfahren, eine Stadt von besonderer Bedeutung. Als die Bevölkerung aus der Tour ein patriotisches Ereignis macht und die Marseillaise anstimmt, verweigern die Deutschen die Genehmigung. 1910 ist das. Erst seit 1964, man freundet sich langsam an, macht die Tour de France wieder regelmäßig Abstecher nach Deutschland.

Das Salz in der Suppe der Tour de France

Eindeutig: Ohne Bergetappen ist eine Rundfahrt nichts. Mit – aus heutiger Sicht – unsagbar untauglichen Rädern quälen sich die Pioniere der Tour de France von Anfang an auf Berge. Der erste Berg der Tour de France, das ist de Col de la République, 1161 Meter hoch, nahe Saint-Etienne, Teil schon der Tour-Premiere 1903.

1910 erklimmt die Tour de France neue Höhen. Etwa den Col d‘Aubisque in den Pyrenäen. Bekannt wird der Ausruf des späteren Siegers Octave Lapize an die Adresse der Tour-Leitung: „Ihr verdammten Mörder!“ So ist es überliefert. Tatsächlich ist es nicht ganz so dramatisch. Lapize strampelt grimmigen Gesichts, ein Journalist im Begleitfahrzeug fragt, was los sei. Lapize keucht „Was los ist? Dass ihr alle Verbrecher seid.“

Die Berge gehören zur Tour de France wie das Finale auf dem Champs-Elysées in Paris. Die gigantischen Erhebungen lassen den Tour-Tross geradezu winzig erscheinen.

Verbrecher hin, Mörder her: Berge gehören zur Tour de France. Anstiege wie Tourmalet, Galibiér, L‘Alpe d‘Huez sind legendär. 65 stehen heuer bei der Tour de France auf dem Programm. Insgesamt wird die Tour de France 2020 ein Fest für die Kletterer: Kaum Flachetappen, dafür ein Neuling wie der Col de Loze, dessen Straße eigens asphaltiert wurde. Ein harter Berg mit rund 2300 Metern Passhöhe, der siebthöchste, aufgrund seiner Spitzensteigungen – zweieinhalb Kilometer zwischen 11 und 13 Prozent – vielleicht der härteste der französischen Alpen überhaupt.

Der erste Deutsche auf dem Podest

Die Geschichte der deutschen Erfolge bei der Tour beginnt nicht mit Didi Thurau, sondern mit Kurt Stöpel. 1932, es ist das Jahr, in dem ein gewisser FC Bayern seinen ersten deutschen Meistertitel holt, landet er auf dem zweiten Platz. Und hätten die Franzosen nicht neue Zeitgutschriften eingeführt, wäre sogar noch mehr drin gewesen.

Sieger Dede Leduq zeigt sich ritterlich. Zu Stöpels Frau sagt er: „Madame, Ihr Mann und ich, wir haben die Tour gewonnen.“ Stöpel, Spitzname „der Philosoph“, ist auch in Frankreich populär. Kurz vor dem ersten deutschen Toursieg von Jan Ullrich stirbt er in einem Altersheim.

Die wirrste Irrfahrt der Tour de France

Abdelkader Zaaf schreibt 1950 Tour-de-France-Geschichte. Auf der 13. Etappe von Perpignan nach Nimes reißt der Algerier gemeinsam mit dem späteren Etappensieger Marcel Molinés aus. Es herrscht sengende Hitze, über 40 Grad. Zaaf hat fürchterlichen Durst und nimmt eine Auszeit, um etwas zu trinken zu besorgen. Immerhin hat er ja 16 Minuten Vorsprung auf den Rest des Feldes.

Über das, was dann passiert, existieren verschiedene Versionen.

Nach der einen kauft sich Zaaf zwei Flaschen Weißwein, leert sie und hält ein Nickerchen im Schatten. Zuschauer wecken ihn, Abdelkader Zaaf springt auf sein Rad – und fährt verwirrt in die falsche Richtung, zurück zum Startort.

Nach seiner eigenen Schilderung hat Zaaf aus der Flasche eines Zuschauers getrunken. Ihm sei daraufhin übel geworden, sagt er, er legt sich hin, Zuschauer geben ihm Wein, um ihn wieder auf die Beine zu helfen. Zaaf beendet den Tag deprimiert im Krankenhaus, darf sich aber später freuen. Er wird nun oft zu Rennen eingeladen, seinen neuen Bekanntheitsgrad kann er in Geld ummünzen. 

Die Rekord-Letzten auf der „Tour der Leiden“

Bei der Tour de France geht es um Siege, klar. Dass auch der letzte Platz umkämpft ist – das ist weitgehend unbekannt. Dabei erfordert der Griff nach der „Roten Laterne“ Geschick und Nerven: Einmal die Karenzzeit überschritten, schon ist der Anwärter raus aus der Tour.

Spielt er seine Karten aber geschickt aus, ist ihm Aufmerksamkeit sicher. Der Belgier Wim Vansevenant schafft dieses Kunststück 2006, 2007 und 2008 dreimal in Folge und wird damit vor allem in seiner Heimat populär. Jahre später, nach seiner Karriere als Aktiver, wird er von den Dopingfahndern ertappt: Vansevenant soll verbotene Mittel bestellt haben.

Schwer gezeichnet: Der US-Amerikaner Lawson Craddock stürzte auf der 1. Etappe der Tour de France 2018 schwer und brach sich ein Schulterblatt. Er hielt auf dem letzten Platz durch. Bis Paris.

Der US-Amerikaner Lawson Craddock wiederum fährt 2018 als erster Profi der Tour de France vom ersten bis zum letzten Tag auf dem letzten Platz des Gesamtklassements. Vor ihm ziehen Experten und Kollegen den Hut, beziehungsweise Helm: Craddock ist schon auf der ersten Etappe schwer gestürzt und hat sich das Schulterblatt gebrochen. Dass er sich nach Paris durchschlägt, nötigt allen größten Respekt ab. 

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Der ewige Zweite der Tour de France

Raymond Poulidor ist der große Rivale von Jaques Anquetil. Während Anquetil am Ende fünf Siege auf dem Konto hat, reicht es bei Poulidor nur zu drei zweiten und zu fünf dritten Plätzen. Trotzdem ist er beliebter als der Seriensieger, viel beliebter sogar.

Raymond Poulidor war so beliebt wie kaum ein zweiter Fahrer bei der Tour de France, weil der für die Fans immer nahbar war. Vor einer Etappe im Jahr 1970 scherzte er mit belgischen Polizisten.

Poupou“ gilt als sympathischer Bursche, der trotz seiner Siege bei anderen Radsportklassikern bodenständig geblieben ist, Anquetil dagegen als arrogant, unnahbar. Weitere berühmte Zweite, aber eben keine „ewigen Zweiten“ ohne Sieg, sind Jan Ullrich und Joop Zoetemelk. Der Niederländer Zoetemelk wird zwischen 1970 und 1982 sechsmal Zweiter, sein Tour-de-France-Sieg datiert von 1980. Jan Ullrich wiederum wird fünfmal Zweiter, er gewinnt die Tour 1997.

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