Interview

Tour de France 2020: Dan Lorang macht die Stars bei Bora-hansgrohe fit

Ungewissheit nach Sturz: Auch Bora-hansgrohe-Trainer Dan Lorang (rechts) weiß nicht, wie gut Emanuel Buchmann (links) in Form ist.
+
Ungewissheit nach Sturz: Auch Bora-hansgrohe-Trainer Dan Lorang (rechts) weiß nicht, wie gut Emanuel Buchmann (links) in Form ist.
  • Thomas Neumeier
    vonThomas Neumeier
    schließen

Er ist der Mann, der aus den Stars noch mehr herausholt: Dan Lorang. Der 41-jährige Luxemburger betreut die Triathlon-Stars Jan Frodeno und Anne Haug sowie die Chiemgauer Hoffnung Frederic Funk. Und Lorang macht die Fahrer vom Rennstall Bora-hansgrohe fit für die Tour de France 2020.

Raubling/Unterwössen – Der in Unterwössen im Chiemgau lebende Coach spricht im Interview über die nach den Stürzen veränderte Situation für die Tour de France 2020.

Ist nach den Stürzen und Verletzungen die ganze Trainingsarbeit für die Katz?

Dan Lorang: Gute Frage. Wir wissen es einfach noch nicht. Die Stürze von Emanuel Buchmann, Gregor Mühlberger und Maximilian Schachmann waren doch heftiger, und das sieht man auch im Trainingsprozess. Bei Emanuel ist zwar nichts kaputt, aber er hatte schon extrem starke Prellungen und Rückenprobleme. Gut ist, dass er sich bewegen konnte und nicht eine Woche lang im Bett lag. Wir wissen noch nicht, wo die Reise hingeht, aber wir müssen natürlich jetzt von einer ganz anderen Ausgangssituation ausgehen.

Buchmann „auf einem höheren Level" als 2019

Es wurde gesagt, dass Buchmann ein paar Prozent fehlen. Kann man die noch aufholen?

Lorang: Er hat Schmerzen, und der Körper versucht, Auswege zu finden, um den Schmerz zu vermeiden. Aber er kann trainieren und die Schmerzen lassen auch wieder nach. Es kann also schon sein, dass er wieder auf ein gutes Level kommt. Aber wir wissen es halt einfach noch nicht. Wir wussten nur, dass er in einer guten Form war, bevor er gestürzt ist. Die Leistung war sehr, sehr gut. Jetzt ist es natürlich eine große Unbekannte.

Lesen Sie auch:

Tour de France 2020: Alle Termine und Liveticker

Wie weit war Emanuel Buchmann denn im Vergleich zum Vorjahr?

Lorang: Er hat sich wieder gesteigert, was die reinen Wattwerte angeht und konnte eine höhere Leistung fahren. Allerdings ist das Level im Fahrerfeld aktuell insgesamt sehr hoch, weil die Fahrer viel trainieren konnten und die Zeit gut genutzt haben. Emanuel hat sich auf einem höheren Level befunden, als das 2019 der Fall war.

Wie hätte er in der Woche vor dem Tour-Start trainiert – und wie muss er jetzt trainieren?

Lorang: Es war ja geplant, dass er noch einmal nach Livigno in die Höhe geht. Da ist er auch aktuell und hat einen Physiotherapeuten an seiner Seite, der ihn täglich behandelt. Die Zeit jetzt ist eine Mischung, dass man noch einmal Volumen macht und zwei, drei spezifische Rennintensitäten. Es ist nicht so, dass er nur mit ganz wenig Watt unterwegs war. Aber wir konnten den Umfang und die Intensität nicht so realisieren, wie es eigentlich geplant war.

Buchmann muss seinen Sturz bei der Dauphiné verarbeiten

Es waren drei von acht Fahrern angeschlagen. Kann man damit eine so harte Tour überhaupt durchstehen?

Lorang: Wir wollen vermeiden, dass ein Fahrer nach der ersten Woche aussteigen muss. Darum haben wir bewusst darauf gesetzt, dass die Fahrer Belastungen fahren und nicht nur Ruhe geben und auf das Beste hoffen. Wir wollten möglichst die optimale Vorbereitung machen, um auch zu sehen, wo die limitierenden Faktoren sind. Wenn wir jemand an die Startlinie stellen, dann sind wir davon überzeugt, dass er auch die drei Wochen durchfahren kann.

Gibt‘s bei den Fahrern neben den körperlichen auch mentale Nachwirkungen?

Lorang: Es sind ja alles Fahrer, die extrem leistungsorientiert denken. Emanuel Buchmann hat sich ein halbes Jahr und noch länger extrem auf diese Tour vorbereitet, offensichtlich viel richtig gemacht und gesehen, dass er seinen Zielen sehr nah ist – und dann kommt so ein Sturz und er fährt von heute auf morgen ein paar Prozent weniger. Das ist dann natürlich schon frustrierend.

Wie kommt man da wieder raus?

Lorang: Zunächst einmal mit Gesprächen, in denen man unterstützt wird. Und dass man dann sagt: Wie können wir das Beste aus dieser Situation machen? Ich denke, es ist ganz wichtig, dass man da nicht den Mut verliert und sich selbst bemitleidet, sondern die Energie investiert und nach vorne schaut. Vielleicht ergeben sich ja auch andere Chancen, um noch tolle, positive Erlebnisse aus dieser Tour de France mitzunehmen.

Kann denn Lennard Kämna eventuell schon die Buchmann-Rolle einnehmen?

Lorang: Lennard ist gut und hat auch schon Tour-Erfahrung, als er im letzten Jahr auf Etappenjagd ging. Aber er ist erst 23, und wir wollen ihn behutsam aufbauen. Wir wollen das bei ihm – wie bei Emanuel – Jahr für Jahr und Schritt für Schritt machen. Er hat gezeigt, dass er auf einem guten Weg ist. Aber wir wollen ihm auch die Möglichkeit geben, frei zu sein. Diese Möglichkeit wird er vielleicht nicht mehr so oft haben, denn: Je besser er wird, umso größer wird auch der Druck.

Lesen Sie auch:

Tour de France 2020: Das Team Bora-hansgrohe im Porträt

Zuletzt waren auch die Favoriten Primoz Roglic und Egan Bernal angeschlagen. Ist das auch auf die lange Corona-Pause zurückzuführen?

Lorang: Es sind immer unterschiedliche Ursachen, aber es ist ein sehr komisches Jahr. Wir haben diese vielen Stürze, auch schon im Training. Ein Punkt ist sicherlich diese Nervosität. Viele denken sich: Wer weiß, ob nächste Woche noch ein Rennen stattfindet? Wie gesagt: Die Rennen werden deutlich aggressiver gefahren und dann fehlt einem halt doch die Rennpraxis. Das kann schon mit ein Grund sein.

Erwarten Sie auch eine nervös gefahrene Tour?

Lorang: Absolut. Das liegt auch am Profil. Schon die zweite Etappe kann die ersten Abstände bringen, schon da geht es um die Gesamtwertung. Es wird diesmal nicht so sein, dass jemand auf die dritte Woche wartet.

Die werden sich alle möglichst früh gut positionieren, denn: Was passiert, wenn die Corona-Zahlen nach oben gehen und die Tour nach einer Woche abgebrochen wird? Dann wird es auch einen Sieger geben. Das wird nicht das Hauptargument in der Teamstrategie sein, aber es wird immer mitschwingen. Wir erwarten von Anfang an eine schnelle Tour. Interview: Neumeier

Kommentare