Im Sternzeichen des Straßenkickers

Stoppelkamp ist bei 1860 in die Rolle des Offensivkapitäns reingewachsen – ein Schuss „Verrücktheit“ hilft ihm dabei von uli kellner

München – Moritz Stoppelkamp betritt den Raum, lässt sich auf einen Stuhl sacken – und wird dort für die nächste halbe Stunde in einer Pose verharren, die man von jenen Schülern kennt, die in der Klasse immer ganz hinten sitzen. Cool, etwa desinteressiert, mit einem Minimum an Mimik auskommend. Emotionen sind nicht seine Sache, Interviews möglicherweise auch nicht, aber vielleicht tut man ihm da auch Unrecht.

Was die Nummer 10 der Löwen sagt, ist nämlich stets von erfrischender Direktheit. Zum Beispiel, als er gleich zu Beginn mit einem Zitat des Trainers konfrontiert wird, geäußert am Tag nach dem Heimsieg gegen Frankfurt (2:1), den Stoppelkamp mit einem späten Präzisionsschuss sichergestellt hat. „Da geht mir das Herz auf, wie der Fußball spielt“, hatte Alexander Schmidt über den Dribbelkünstler aus Duisburg gesagt. Andere würden bei so einem Lob innerlich wachsen und ihr breitestes Grinsen aufsetzen. Stoppelkamp sagt mit kaum unterdrücktem Ruhrpott-Slang: „’türlich freut einen das. Aber es kann auch nächste Woche schon wieder anders aussehen.“

Wohl wahr. Stoppelkamp, 26, geboren im Sternzeichen des Straßenkickers, weiß, wie schnell sich die Dinge drehen können. Im Fußball. Und speziell bei 1860. Bei Hannover 96, seinem früheren Klub, kam er 2010 an (aus Oberhausen), war zwölfmal gesetzt, verletzte sich, das Team eilte ohne ihn von Sieg zu Sieg, Stoppelkamp verletzte sich erneut – und war irgendwann so weit draußen, dass er sich für die Option Neuanfang entschied. „Hannover war eine Zeit, wo ich sehr viel Pech hatte“, sagt er. Damit ist das Thema für ihn abgehakt. Aber auch sein Start bei den Löwen verlief ja eher zäh.

Stoppelkamp war ein Transfer, den Sportchef Florian Hinterberger angeleiert hatte. Reiner Maurer, damals der Trainer, konnte nicht viel mit dem schnoddrigen Ruhrpottkicker anfangen. Er brachte ihn mal rechts, mal links, mal hängend, und ganz schlimm für Stoppelkamp: Auch im Sturmzentrum wurde er des Öfteren eingesetzt. Zum Beispiel in Bochum, bei einem schmeichelhaften 0:0.

Stoppelkamp erinnert sich: „Da war ich vorne drin gegen Sinkiewicz.“ Ein Hüne von 1,92 m gegen Stoppelkamps 1,80 m. Im Telegrammstil fährt er fort: „Hohe Bälle. Ohne jede Chance. Da hab ich jedes Kopfballduell verloren und bin auch zurecht ausgewechselt worden.“ Obwohl Stoppelkamp beiläufig erwähnt hatte, dass die damalige Zeit ein Graus war („Wir hatten kein Konzept“), lässt er jetzt, auf Nachfrage, keine Kritik an seinem Ex-Trainer zu. „Ich hätte es ja besser machen können“, sagt er. „Das wäre dann eine Art Entschuldigung gewesen, ein Alibi. Aber wenn ich scheiße spiel’, dann spiel’ ich scheiße. Da kann der Trainer nix für.“ Aus diesem Grund hat Stoppelkamp gar nicht erst das Gespräch gesucht. Sondern Gas gegeben, um sich zu steigern – was auch bald gelang.

Nicht zuletzt das ist es, was Maurers Nachfolger an Stoppelkamp so schätzt. „Er ist sehr aufnahmebereit und will sich ständig verbessern“, schwärmt Schmidt von seinem nimmermüden Antreiber. Neben Stoppelkamps überragender Technik natürlich. Seinem Spielwitz. Dem Ehrgeiz. Der Lauffreude („Er hat mit die besten Werte der Liga“). Schmidt schwärmt und schwärmt – bis er gedanklich in der eigenen Spielhälfte ankommt. „Hinter der Mittellinie brauche ich ihn nicht als Künstler, vorne schon“, sagt er in Anspielung auf ein paar missglückte Dribblings. Aber alles kein Problem. Stoppelkamp ist unverzichtbar, als einziger Angreifer auch unrotierbar. Das heißt: Intern soll er natürlich schon rotieren, zum Beispiel von rechts nach links und wieder zurück. Andernfalls würde man ihn seiner individuellen Klasse berauben. „Ist halt meine Spielweise“, sagt er. „Ich mache auch mal was Verrücktes. So bin ich halt.“

Geradlinig, ein bisschen anders. Man ahnt, warum Stoppelkamp anfangs in der Mainstream-Metropole München seine Probleme hatte. „Duisburg ist die schönste Stadt der Welt“, sagte er damals. Inzwischen sagt er das immer noch („Stimmt ja“). Aber mit dem gnädigen Zusatz: „München ist auch nicht schlecht.“ Ohne das näher präzisieren zu wollen. Viel ist nicht bekannt über sein Privatleben: Die Wohnung gegenüber dem Vereinsgelände bewohnt der Hip-Hop-Fan alleine. Freundin Ina studiert in Braunschweig. Mit Daniel Adlung, dem großflächig tätowierten Mittelfeldkollegen, geht er gerne Steak und Pasta essen. Die „tz“ schrieb mal über die beiden: „Gebrüder Sauhund.“ Angelehnt an ein Zitat von Schmidt, der das positiv meinte, weil ihm das Team früher zu brav war.

Vielleicht waren ein paar der etablierten Spieler auch zu schnell zufrieden. Aber das wird ihnen „Stoppel“ schon noch austreiben. Hinterberger sieht den 26-Jährigen auf dem Weg zum Leitlöwen. Als Chef der Offensive, der seine eigenen Führungsansprüche auch ohne Kapitänsbinde dokumentiert. „Brauch’ ich nicht“, sagt er. „Neben dem Platz bin ich nicht unbedingt ein Lautsprecher. Auf dem Platz versuche ich halt, mit Leistung der Mannschaft zu helfen.“ Das gelingt immer besser. Von den sieben Treffern, die er im Löwen-Trikot erzielte, trugen sechs zu Siegen bei, einer zu einem 1:1. Erste Sahne. Er selber würde dazu sagen: „So bin ich halt.“

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