Staatliche Doping-Lügen auch in der BRD

Dokumente belegen: Westdeutschland finanzierte in den 70er-Jahren Dopingforschung mit Steuergeldern Berlin – Ein 17-seitiges Dokument aus dem Bundesarchiv bringt jahrzehntelange westdeutsche Doping-Lügen endgültig zu Fall: Nach gemeinsamen Recherchen der Main-Post und der Märkischen Oderzeitung sind nun auch für die BRD staatliche geförderte Dopingforschungen bewiesen.

Demnach gab es Anfang der 1970er Jahre durch Steuergelder finanzierte Forschungen zum leistungsfördernden Einsatz von Anabolika, Insulin und Wachstumshormonen. Dies belegt ein Dokument (VF 1220/13/72) des Bundesinstituts für Sportwissenschaft (BISp) aus dem Bundesarchiv in Koblenz.

Franke: Guter Tag für den Sport und den Anti-Doping-Kampf

„Das ist ein guter Tag für den Sport und den Anti-Doping-Kampf. Jede Wahrheit, die ans Licht kommt, auch die alte, erfüllt den wunderbaren Zweck der Aufklärung“, sagte der Heidelberger Doping-Experte Werner Franke: „Solche Beweise tragen dazu bei, auch heute noch Ärzte dingfest machen zu können, die an allen Ecken und Enden gegen die Ethik und den Eid, den sie geleistet haben, verstoßen.“

Das BISp unterstand damals wie heute dem Bundesinnenministerium (BMI) und bewilligte im Dezember 1971 den Betrag von 139 200 D-Mark für einen entsprechenden Antrag der Freiburger Professoren Herbert Reindell und Joseph Keul. Die Fragestellung: „Wird durch Anabolika die Leistungsfähigkeit bei Kraftübungen gefördert und in welchem Maße besteht eine Gefährdung durch Einnahme von Anabolika?“

Nur: Die Wirkung von Anabolika war zu diesem Zeitpunkt längst bekannt, Forschungen mit diesen Stoffen längst als „unethisch“ gebrandmarkt. Deshalb könnten diese Formulierungen nicht als Kampf gegen Doping interpretiert werden, sagte Giselher Spitzer.

Der Wissenschaftler der Berliner Humboldt-Universität war maßgeblich an einer umstrittenen Studie zur Aufarbeitung des Dopings in Deutschland beteiligt. Deren Ergebnisse sind immer noch nicht veröffentlicht. Allerdings hatten Spitzer und sein Team 2011 bei einer Teilpräsentation für die Jahre 1970 bis 1990 Westdeutschland ein „systemisches Doping“ attestiert. Zuvor taten dies bereits Frankes Ehefrau Brigitte Berendonk und weitere Wissenschaftler wie Andreas Singler und Gerhard Treutlein, die ebenfalls über entsprechende Verstrickungen der Freiburger Sportärzte umfassend berichteten. Nun gibt es gerichtsfeste Beweise.

Ein anderes Licht könnten diese Beweise darüber hinaus auch auf den Streit um die Veröffentlichung der von Spitzer mitverfassten Dopingstudie werfen. Immer noch lagern die Befunde der vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) 2008 mit 550 000 Euro finanzierten Arbeit beim BISp. Offiziell aus datenschutzrechtlichen Gründen. Im Juni scheiterte daher auch eine Präsentation der Ergebnisse im Sportausschuss des Deutschen Bundestages. Martin Gerster, sportpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, machte dafür nun auch Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) verantwortlich. „Es scheint Strategie des Bundesinnenministers zu sein, den Abgeordneten Forschungsergebnisse vorenthalten zu wollen“, sagte Gerster: „Ich fühle mich hinters Licht geführt.“ Ähnlich äußerte sich auch Franke: „Leider haben die verantwortlichen politischen Stellen – das Innenministerium und das BISp – überhaupt kein Interesse an Aufklärung.“

Dem widersprach das BMI gestern vehement. „Die Veröffentlichung der Inhalte aus dem Forschungsprojekt liegt ausschließlich in der Verantwortung der Forschungsnehmer, die als Urheber aufgefordert sind, ihre Ergebnisse zu publizieren“, hieß es in einer offiziellen Mitteilung. Zur grundsätzlichen Problematik äußerte sich das Ministerium nicht. DOSB-Präsident Thomas Bach sagt: „Ich habe die Studie 2008 initiiert, damit die Doping-Vergangenheit auch im westdeutschen Sport aufgearbeitet wird. Wir werden die Ergebnisse der Studie ’Doping in Deutschland’ intensiv analysieren und gegebenenfalls Konsequenzen ziehen.“  sid

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