KOLUMNE

Sport von seiner schlimmsten Seite

Reinhard Hübner
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Reinhard Hübner

Staatsdoping, Korruption, Geldgier – als Zuschauer dachte man, längst abgehärtet zu sein. Doch 2017 erreichte der Spitzensport ganz neue Tiefpunkte.

Zwischentöne

Es ist ja nicht so, dass dem Autor dieser Zeilen erst im Laufe der zwölf letzten Monate der Spaß am Sport ein bisschen verloren gegangen ist. Es muss wohl ein schleichender Prozess über Jahre gewesen sein, so leicht lässt sich das nicht mehr nachvollziehen. Alles aber ist 2017 schon ein bisschen kumuliert, wobei man über manche der jüngsten Entwicklungen, wenn schon nicht lauthals herauslachen, zumindest schmunzeln möchte. Kann irgendjemand den Spitzensport und seine Protagonisten überhaupt noch wirklich ernst nehmen?

Wie es um den Weltsport aktuell bestellt ist, lässt sich am besten an den fast schon täglichen Meldungen aus der IOC-Zentrale in Lausanne festmachen. Haben Sie noch einen Überblick, wer nun in Sotschi 2014 welche Medaille gewonnen hat? Wer wurde inzwischen eliminiert, wer ist nachgerückt? Wie viele Plaketten wurden hinterher vergeben? Wird es überhaupt mal ein endgültiges Resultat geben? Tagtäglich quasi werden wir konfrontiert mit nachträglichen Disqualifikationen, dabei hat man uns mal erzählt, Olympiasieger bleibt man für die Ewigkeit. Schnee von vorgestern. Werft sie weg, die schönen Olympia-Bücher, viel zu unverbindlich sind die Ergebnisse.

Von Pyeongchang empfiehlt sich dann höchstens noch die digitale Fassung, die ständig aktualisiert wird, die Konsequenz, mit der die olympischen Gralshüter Doping bekämpfen, lässt kaum Hoffnung auf Besserung. Gut, der Herr Bach ist ein ausgewiesener Diplomat und Putin freundschaftlich verbunden, da geht man nicht ganz so knallhart miteinander um. Und wer sagt uns, dass es nur die bösen Russen sind, die massiv betrügen? Und wenn, auch das hält die FIFA nicht davon ab, im Sommer dort ein großes Fest des Fußballs zu zelebrieren, Putin und seinen Sportführern zu huldigen.

Es ist alles ein bisschen unerträglich geworden, was geldgierige und skrupellose Menschen aus unserem Sport gemacht haben. Selbst hier in Deutschland, das sich so gerne als letzte Bastion des Guten gibt, passieren dubiose Dinge, verschwinden Gelder in dunklen Kanälen, massive Vorwürfe und Verdächtigungen werden nicht aufgeklärt und offensichtlich unter den Teppich gekehrt. Dann werden die Milliarden, die der Fußball generiert, so schamlos ungerecht verteilt, dass die einen nicht mehr wissen, wohin damit, andere dagegen Tag für Tag ums nackte Überleben kämpfen.

Schade ist die Entwicklung vor allem deshalb, weil Sport an sich so wichtig ist und ein echtes Lebenselixier. Und will man die nachwachsende, von Bewegungsarmut akut bedrohte Generation dafür begeistern, braucht es Vorbilder. Aber solche? Menschen, die lügen, betrügen, die nichts anderes im Sinn haben als sich selbst zu bereichern und dabei über Leichen gehen? Es ist ein schlimmes Bild, das der Sport am Ende des Jahres 2017 von sich zeichnet. Soll man Kindern wirklich raten, sich in ein solches (spätestens in der Spitze höchst kriminelles) Umfeld zu begeben?

Trotz allem ist die Antwort: Ein klares Ja. Gerade in diesen Tagen haben wir wieder Menschen getroffen, die dem Sport so viel verdanken, die, auch wenn (oder gerade weil) es nicht für ganz oben gereicht hat, so viel gelernt, so viel mitgenommen haben für ihr Leben, denen der Sport Werte vermittelt hat, von denen sie nun profitieren.

Deshalb sollten wir uns zumindest einen Rest von dem bewahren, was uns einst am Sport so begeistert hat. Auch auf die Gefahr hin, schizophren zu werden, wir dürfen sie den Kindern nicht einfach nehmen, die großen Träume von Olympia und Profifußball. Sondern sie unterstützen auf ihrem Weg. Und schließlich froh sein, wenn dieser rechtzeitig endet. Irgendwie schon verrückt, der Sport anno 2017.

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