Schusters Projekt vor der Vollendung

Bundestrainer visiert mit DSV-Skispringern einen Titel an – in Andreas Wellinger hat er einen dritten Kandidaten dafür vON Patrick Reichelt

Eching – Die Zeichen der neuen Zeit hat Andreas Wellinger gestern Mittag mit nach Hause nehmen dürfen. In Gestalt der silbergrauen Limousine, die der Autosponsor des Deutschen Skiverbandes (DSV) dessen Topathleten zur Verfügung stellt. Von 177 Pferdestärken läßt sich der junge Skispringer aus Berchtesgaden seither durchs Land befördern. „Bis jetzt habe ich einen Kleinwagen mit 200 000 Kilometern gehabt“, feixte Wellinger.

Ein Fortschritt, der ziemlich sinnbildlich steht für den Bedeutungswandel, den der Senkrechtstarter des Teams von Bundestrainer Werner Schuster in den vergangenen Monaten hingelegt hat. Als leise Hoffnung war er noch in die Vorsaison gestartet. Ein Jahr später scheint der Internatsschüler auf dem besten Weg, eine tragende Säule im wieder erstarken Springerteam zu werden. In die Reihe mit Severin Freund und dem derzeit noch verletzten Richard Freitag eben, die sich schon ein wenig länger auf Augenhöhe mit den Vorzeigekräften aus Österreich, Polen oder Norwegen wähnen.

Erst im Sommer hat Wellinger den Hoffnungen noch einmal neue Nahrung gegeben. Gerade fünf der elf Sommerspringen nahm er mit. Doch fünf Mal segelte er aufs Podest – am Ende stand er als Gewinner der Gesamtwertung da. Was sein Trainer allerdings noch nicht zu hoch bewertet wissen will. „Er ist ein Instinktspringer, das macht ihn sehr gefährlich. Aber wir sollten den Ball flach halten“, sagte Schuster, „ich glaube nicht, dass man vom ihm im Winter schon ähnlich konstante Leistungen erwarten kann.“

Schon eher von den beiden anderen Vorfliegern, vor allem von Severin Freund. Der Münchner, vor einem Jahr nach seinem Bandscheibenvorfall mit vielen Fragezeichen in die Saison gestartet, hat pünktlich zum Ende des Sommers wieder zu seiner Form gefunden wie er mit Platz vier beim Sommer-Grand-Prix in Klingenthal bewies. Und hinter Vorflieger Freund versammelt sich auch ohne den wohl bis zur Vierschanzentournee fehlenden Richard Freitag ein komplettes Ensemble, dessen Mitglieder alle „an guten Tagen vorne hineinspringen“ können, wie Schuster befindet.

Zu den Opfern der zurückgekehrten Schlagkraft gehört zunächst auch Martin Schmitt. Der unermüdliche Altmeister hat zuletzt den Kampf um die Rolle als Platzhalter für Freitag gegen Maximilian Mechler verloren. Die Top-6 für die erste Saisonphase sind ohnehin für Freund, Wellinger, Andreas Wank, Michael Neumayer und die beiden Talente Karl Geiger und Marinus Kraus reserviert. Womit sich Schmitt frühestens bei der Vierschanzentournee beweisen dürfen wird, wo der DSV in Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen als Hausherr das doppelte Teilnehmerkontingent stellen kann. Ob das für den Traum von der vierten Olympiateilnahme im Februar in Sotschi reichen kann? „Es wird schwer“, sagte Schuster, „aber im letzten Jahr war er weiter weg.“ Seinerzeit beendete er das Turnier als drittbester Deutscher auf Platz 10.

Doch vorerst haben Andere Priorität, gut drei Wochen vor einem Saisonauftakt, der so ganz anders aussieht als in den vergangenen Wintern. Denn statt in der Abgeschiedenheit Nordeuropas fliegen die weltbesten Adler vom 22. bis 24. November in Klingenthal erstmals um Weltcuppunkte. Noch so ein Beleg für die wiedergewonnene Bedeutung der deutschen Springer. Auftritte in der Heimat bergen auch Gefahren, man nimmt ungleich größere Aufmerksamkeit und damit einigen Druck mit auf den Bakken. Bei den deutschen Springern aber überwiegt die Vorfreude. „Wir springen vor einem tollen Publikum auf einer Schanze, auf der wir oft trainieren und auf der wir zuletzt ganz erfolgreich waren“, sagte Severin Freund.

Die Zeiten der großen Zurückhaltung sind im schwarz-rot-goldenen Springerlager ohnehin vorbei. Auch Werner Schuster, der Mann, der die lange kränkelnde Abteilung in den vergangenen Jahren aus dem Tal geführt hatte, legt die Messlatte ungleich höher: „Wir wollen in den nächsten beiden Wintern einen großen Titel holen – am liebsten schon in diesem Jahr.“

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