Sandwühlen allein reicht nicht mehr

Spezialisten wie Muster sind selten geworden, aber Nadal wird Vilas als Sand-König ablösen Von Doris Henkel

Spezialisten wie Muster sind selten geworden, aber Nadal wird Vilas als Sand-König ablösen

Von Doris Henkel

Paris – Es gab mal die Zeit der Sandplatzwühler, der Spezialisten mit großen Lungen und roten Dreckspritzern auf weißem Hemd. Thomas Muster, Österreichs bester Tennisspieler und einst die Nummer eins der Welt, war so einer. 40 der insgesamt 44 Titel seiner Karriere gewann Muster auf Sand, darunter den wichtigsten1995 im Stade Roland Garros. In den modernen Zeiten des Tennis hatte es zuvor nur einen gegeben, der das Spiel auf dem Ziegelmehl noch erfolgreicher betrieb, Guillermo Vilas.

Der Argentinier gewann 46 Titel im Sandkasten, und mehr hat auf diesem Belag bis heute keiner zu bieten. Allerdings ist abzusehen, dass im nächsten oder übernächsten Jahr ein neuer Eintrag fällig werden wird – sofern sich das berühmteste Knie Spaniens nicht verweigert. Denn Rafael Nadal steht bisher mit 41 Titeln auf Sand zu Buche, darunter sieben in Paris und in diesem Jahr bereits fünf. Selbst Vilas hat kein Problem mit der Aussage, Nadal sei der Beste, den das Spiel auf diesem Boden je gesehen habe.

Der Spanier ist nach Rod Laver, Andre Agassi und Roger Federer einer von nur vier Spielern, die in der Zeit des Profitennis auf allen vier Belägen Grand-Slam-Titel holten, darunter zwei in Wimbledon und je einer in Melbourne und New York. Zudem stand er bekanntlich in Wimbledon weitere dreimal im Finale. Er war noch ein Teenager, als er schon davon sprach, er sehe es als eine seiner größten Herausforderungen, auch auf Rasen zu bestehen, und damit unterschied er sich wesentlich von den Spezialisten früherer Tage. Muster, zum Beispiel, gönnte sich in den 15 Jahren seiner Karriere ganze vier Besuche beim berühmtesten Tennisturnier der Welt – und gewann dabei kein einziges Spiel.

Aber es ist nicht nur eine Frage der persönlichen Befindlichkeiten, dass es in der heutigen Generation der Tennisprofis unter den Top 50 keine Spieler mehr gibt, die sich solche Dinge leisten können oder wollen. Das ist allein deshalb schon nicht mehr möglich, weil es im Vergleich zu früher viel weniger Sandplatzturniere gibt. 1980 waren es 35 – das erste Anfang Februar, das letzte Ende November –, 1995 waren es 32. Heuer nur noch 23, und die Sandplatzsaison endet bereits Ende Juli in Kitzbühel.

Es gibt nicht mehr genügend Chancen, als Spezialist über die Runden zu kommen, aber das ist nur eine Erklärung. Der Schwede Mats Wilander, der drei seiner sieben Grand-Slam-Titel in Paris gewann, sagt, heute hätten die Spieler bessere Aussichten, überall erfolgreich zu spielen, weil die Beläge deutlich ähnlicher seien als früher. „In Wimbledon spielt es sich inzwischen fast wie in Paris, die Hartplätze sind langsamer, Hallenplätze auch.“

In Wimbledon wird heute anderes strukturiertes Gras gesät als zu Beckers Zeiten, und falls es nicht durchgehend regnet, ist nach einer Woche an der Grundlinie kein Halm mehr zu finden – nur noch Sand. Und um zu erkennen, welche Art von Spiel mit schwereren Bällen und anderen Saiten inzwischen auf Hartplätzen möglich ist, braucht man sich nur an das Finale der Australian Open 2012 zu erinnern, in dem sich Djokovic und Nadal auf eine Art fertig machten, wie es vor 20 Jahren nur im Sand möglich gewesen wäre.

Der frühere australische Profi Darren Cahill, der einst Andre Agassi trainierte und inzwischen zu den Fachleuten diverser TV-Sender gehört, weist darauf hin, ähnliche Spielstile und damit auf allen Belägen größere Ausgeglichenheit seien auch eine Folge der technischen Entwicklung. „Die Spieler haben ihr Spiel an den modernen Saiten ausgerichtet, die es ihnen erlauben, von der Grundlinie aus härter zu schlagen, womit es für Gegner, die eventuell ans Netz aufrücken wollen, schwerer wird.“

Dass es nach wie vor Profis gibt, die auf einem Belag besser zurechtkommen als auf dem anderen, hat auch ein wenig mit Psychologie zu tun. Natürlich kehrt man lieber an einen Ort zurück, an dem man Erfolge hatte, und natürlich hilft der Gedanke an diese Erfolge eben auch beim nächsten Spiel.

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