MIKAELA SHIFFRIN FÄHRT WEITER IN IHRER EIGENEN LIGA UND ZIEHT NACH „WILDEM RITT“ IN LIENZ MIT KATJA SEIZINGER GLEICH

Rekord mit Hirn

Der 36. Weltcupsieg: Mikaela Shiffrin (22) zog durch ihren Triumph im Slalom von Lienz mit Katja Seizinger und Benjamin Raich gleich (Rang 13 der Bestenliste). Foto: reuters
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Der 36. Weltcupsieg: Mikaela Shiffrin (22) zog durch ihren Triumph im Slalom von Lienz mit Katja Seizinger und Benjamin Raich gleich (Rang 13 der Bestenliste). Foto: reuters

Von Elisabeth Schlammerl. Lienz – Bange Blicke begleiteten die Tochter auf dem Weg ins Ziel.

Der Vorsprung schmolz dahin, und für einen Moment schien das Unmögliche doch noch passieren zu können. Aber dann atmeten alle erleichtert auf, Mama Eileen und Mikaela Shiffrin, als der fünfte Sieg in dieser alpinen Weltcup-Saison feststand. „Es war eine Herausforderung, ein wilder Ritt“, sagte die 22-jährige Skirennläuferin aus den USA. Shiffrin war die Letzte im zweiten Durchgang des Weltcup-Slaloms gestern von Lienz, sie hatte einen Vorsprung von über einer Sekunde zu verteidigen, und das ist bei einem Torlauf-Durchgang, der nicht einmal eine Minute dauert, ziemlich viel.

„Es war wichtig, mit Hirn zu fahren. Es gab Stellen, wo man rausnehmen musste, um ins Ziel zu kommen“, sagte Shiffrin später. Übriggeblieben sind 0,89 Sekunden Vorsprung vor der zweitbesten Athletin, der Schweizerin Wendy Holdener, und das ist immer noch sehr viel.

Die Konkurrenz versucht seit Jahren, der derzeit besten Skirennläuferin der Welt im Slalom ein bisschen näher zu kommen. Aber wenn – wie zu Beginn dieser Weltcup-Saison – die Hoffnung wächst, es endlich schaffen zu können, kommt Shiffrin mit Wucht zurück. Im ersten Slalom des Winters wurde die dreimalige Weltmeisterin von der Slowakin Petra Vlhova geschlagen. Dann gewann sie in Killington mit 1,64 Sekunden Vorsprung vor Vlhova, reiste anschließend nach Lake Louise und gewann dort überraschend die zweite Abfahrt. Mittlerweile führt sie im Gesamtweltcup mit knapp 400 Punkten vor Viktoria Rebensburg und hat mit ihrem 36. Sieg gestern mit der besten Deutschen in der ewigen Rangliste, Katja Seizinger, gleichgezogen (Rang 13).

„Ich denke nicht ans Gewinnen“, sagt sie. „Ich denke nur an mein bestes Skifahren.“ Das gelingt ihr derzeit sehr gut. Vielleicht hat sie die Unzufriedenheit der ersten Saisonrennen angespornt. „Ungewissheit hält wach“, sagte sie vor kurzem in einem „SZ“-Interview. Und öffnet manchmal neue Wege. Vor einem Jahr drohte zum ersten Mal in Shiffrins Karriere der Druck zur Bürde zu werden. Sie befolgte den Rat ihrer Mutter, mit einer Sportpsychologin zusammenzuarbeiten. Nun kann sie besser mit dem Druck und der Erwartungshaltung umgehen.

Eileen hat bei der Karriereplanung der Tochter vieles, vielleicht alles richtig gemacht. Sie hat ihren Beruf aufgegeben, um Mikaela zu betreuen. Während der Zeit in der „Burke Mountain Academy“ blieb sie an ihrer Seite. Eileen wohnte nicht weit entfernt und begleitete die Ausbildung der Tochter zur Skirennläuferin. Später, als Shiffrin mit 16 Jahren in den Weltcup aufstieg, war sie ebenfalls dabei. Das sorgte manchmal für Unstimmigkeiten, weil der eine oder andere Trainer die Einmischung nicht duldete. Am Ende setzte sich das Team Shiffrin aber durch.

Shiffrin ist dabei, fast alle Rekorde im alpinen Ski-Weltcup zu brechen. Erster WM-Titel mit knapp 17, Olympiasieg mit 18, Gesamtweltcupsieg mit 21 – und wenn sie in diesem Tempo weitermacht, schafft sie spielend, was Lindsey Vonn bisher nicht gelangt: Ingemar Stenmarks Bestmarke von 86 Weltcupsiegen zu knacken. Trotzdem steht sie in der öffentlichen Wahrnehmung im Schatten der Teamkollegin, weil ihr deren Glamour-Faktor fehlt. „Ich denke, es hat jeder seine Art, wie er mit Aufmerksamkeit umgeht.“ Aber sie wird auch jenseits der Skipiste sicherer, findet es „ziemlich cool“, auch mal über „Dinge zu reden, die nicht mit Skifahren zu tun haben“.

Und sie nutzt die Sozialen Medien, um Informationen zu transportieren, wie im Sommer, als sie Fotos postete, auf denen sie sehr vertraut mit dem französischen Riesenslalom-Topfahrer Mathieu Faivre zu sehen war. Allerdings weiß sie wohl selbst noch nicht genau, wie ein Partner Platz finden soll in ihrem Leben zwischen Training, Videoanalyse und Weltcupsiegen in Serie.

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