DER NUMMER-EINS-STATUS IST WEG

Wo sind die Biathlon-Talente? – Viele Nationen haben Deutschland überholt und räumen ab

2017 durfte noch gefeiert werden: Laura Dahlmeier wird in Ruhpolding nach ihrer Zielankunft von den deutschen Staffel-Kolleginnen freudig empfangen.Wukits (4), Weitz, Seifert, DPA/Schmidt
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2017 durfte noch gefeiert werden: Laura Dahlmeier wird in Ruhpolding nach ihrer Zielankunft von den deutschen Staffel-Kolleginnen freudig empfangen.Wukits (4), Weitz, Seifert, DPA/Schmidt
  • Siegi Huber
    vonSiegi Huber
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Des Deutschen liebstes Kind im Wintersport plagen Sorgen: Beim Biathlon fehlt der Nachwuchs mit Perspektive. Der Nummer-eins-Status ist weg, mittlerweile haben etliche Nationen Deutschland überholt und räumen ab, wenn es um Titel geht. Woran das liegt? Erklärungen und Ansätze zur Problemlösung.

Ruhpolding– „In Deutschland ist momentan alles in eine andere Richtung gegangen. Die Sportler möchten Leistung zeigen, allerdings fehlt oft die letzte Konsequenz. Wir haben das Gesamtsystem aus dem Fokus verloren“, analysiert Tobias Reiter, Trainer am Stützpunkt in Ruhpolding die aktuelle missliche Lage im deutschen Biathlon. Daran ändert auch die Silbermedaille von Arnd Peiffer bei der aktuell laufenden Weltmeisterschaft nichts.

Nach seiner sportlichen Karriere hat Reiter fast sämtliche Stationen im Trainerbereich durchlaufen. „Zuletzt haben die Erfolge von Magdalena Neuner und Laura Dahlmeier Vieles übertüncht“, fügt er hinzu und fordert, im unteren Bereich konsequent einiges umzusetzen. „Im Training fehlt oft die notwendige Härte“, gibt er zu bedenken.

Bernd Eisenbichler: „Probleme erkannt“

Hoffnung macht ihm der sportliche Leiter im Biathlon im Deutschen Ski-Verband (DSV), Bernd Eisenbichler. Dieser habe das Problem bei seinem Amtsantritt erkannt und hätte bereits Maßnahmen eingeleitet. Die Junioren bräuchten zu lange, um sich bei den Senioren zur Weltspitze zu entwickeln. „Das machen andere Nationen schneller“, sagte Eisenbichler im Interview mit dem Sport-Informations-Dienst (SID). Als erste Maßnahme ist der Perspektivkader verjüngt worden. Im zweitklassigen IBU-Cup sollen künftig vermehrt 20- bis 24-jährige Sportler eingesetzt werden, um so international wieder konkurrenzfähiger zu werden. „Manchmal muss man den angenehmen Weg verlassen. Viele gehen zu dem Trainer, der sympathisch ist und bei dem es mehr Spaß macht. Schon die 16- bis 18-Jährigen müssen top ausgebildet werden. Das geht nur mit erfahrenen Trainern“, erklärt Reiter, der sich als ehemaliger Disziplintrainer der Damen einen Namen gemacht hat. Er findet: „Oft wird auch Vieles schöngeredet.“ Reiter vermisst den sportlichen Druck auf das A-Team, dazu gibt es auch keinen Druck von unten auf das B-Team. „Wir haben ordentliche Athleten, die Talent haben. Aber wir brauchen mehr Trainer.“

Florian Graf: „Biathlon ist keine Wohlfühloase“

Ähnlich sieht es Florian Graf, der am Stützpunkt im Jugendbereich für 26 Sportler zuständig ist. „In diesem Bereich muss die grundlegende Arbeit gemacht werden. Sowohl läuferisch als auch im Schießen geht es hier in Richtung Spitzensport. Wenn du letztendlich einen aus dieser Gruppe ganz nach oben bringst, dann ist das fast ein Sechser im Lotto“, beschreibt Graf die Lage. In die Gruppe des ehemaligen Spitzenathleten kommen auch Talente aus dem Schülerbereich. Hier sei die Umstellung enorm, vor allem, was der Wechsel vom Luftgewehr zum Kleinkaliber betrifft. Graf will den Sportlern beibringen, dass der Bereich Biathlon keine Wohlfühloase ist.

Förderverein „Biathlon-Idee“ spielt eine wichtige Rolle

Auf dem Weg zum erfolgreichen Sportler spielt der Förderverein „Biathlon-Idee“ eine wichtige Rolle, denn er unterstützt zwischen 50 und 70 junge Sportler. Biathlon ist eine teure Sportart. Graf merkt an: „Unser Problem liegt am wenigsten am Sportler. Wir brauchen mehr hauptamtliche Trainer im Nachwuchsbereich. Dafür muss auch mehr Geld fließen. Der Nachwuchs braucht die maximale Förderung.“ Er hofft, dass die Maßnahmen Eisenbichlers greifen, meint aber auch: „Leider sehe ich die Zukunft kritisch. Es wird dauern, bis wir die Ergebnisse haben, zudem wird man auch noch die Auswirkungen von Corona spüren.“

Im Sommer 2020 überraschend die Karriere beendet

Eines der hoffnungsvollsten Talente im heimischen Biathlon war Dominic Reiter vom SC Ruhpolding. Seine Erfolge ziehen sich vom Schülercup über dem Deutschlandpokal bis hin zum Gesamtsieg beim IBU-Juniorcup. Außerdem konnte sich der heute 25-Jährige für die Junioren-Weltmeisterschaft und Europameisterschaft qualifizieren. Bei der JWM gewann er Silber mit der Staffel. Alles war auf eine erfolgreiche Karriere angelegt, sogar ein großer Sponsor hatte ihn bereits ins Boot geholt. Im Sommer 2020 beendete er allerdings überraschend seine Karriere. „Es waren gesundheitliche Gründe. Das hat sich eineinhalb Jahre hingezogen, mit Höhen und Tiefen. Man hat ein körperliches Burnout festgestellt. Ich bin immer schnell erschöpft und ermüdet gewesen, mein Körper ist aus dem Gleichgewicht gekommen. An Hochleistungssport war nicht mehr zu denken“, beschreibt er seine Situation. Reiter sagt: „Die Entscheidung für das Karriereende ist mir nicht leichtgefallen. Vielleicht wollte ich auch zu viel, ich hatte das Gefühl, übertrainiert zu sein.“ Trotzdem möchte er keinen Tag seiner sportlichen Karriere missen. „Es war eine schöne Zeit und ich habe sehr viel über mich selbst gelernt. Ich bin aber auch zufrieden, wie es jetzt ist. Jetzt renne ich halt ohne Startnummer herum“, lacht er.

Straßberger brauchte, Zeit zur Verarbeitung

Ähnlich ist es auch Theresa Straßberger ergangen. Die heute 24-Jährige wechselt von ihrem Heimatort Au in der Hallertau zunächst des Biathlons wegen nach Oberwiesenthal und später nach Oberhof. Schließlich landete sie am Stützpunkt Ruhpolding und einer erfolgreichen Karriere im Biathlon schien nichts mehr im Weg zu stehen. 2017 hatte sie das große Ziel, sich für die Junioren-Weltmeisterschaften zu qualifizieren. Doch daraus wurde nichts. Bauchschmerzen führten zunächst zu einer Zwangspause. „Ich habe mich immer träge und schlapp gefühlt, aber die Ärzte konnten zunächst nichts feststellen“, erinnert sie sich. Schließlich wurde eine Stoffwechselerkrankung, ausgehend von ihrer Schilddrüse, diagnostiziert. Damit musste sie schweren Herzens den Traum der Biathlon-Karriere aufgeben. „Leider hat es sehr lange gedauert, die Erkrankung zu erkennen und zu behandeln.“ Nach der Entscheidung hat Straßberger einige Zeit gebraucht, um alles zu verarbeiten. „Ich habe bis vor einem Jahr kein Biathlon im Fernsehen geschaut. Jetzt sehe ich alles mit dem Blick zurück entspannt. Ich hatte mal kurz überlegt, wieder anzufangen, es ist aber so gut, wie es ist“, sagt sie. Immerhin kommt sie gelegentlich mal in den Chiemgau zum Langlaufen. Aktuell studiert sie in Regensburg Humanmedizin und will nach dem Studium gerne als Teamärztin in den Leistungssport zurückkehren. „Ich würde gerne meine Erfahrungen in diesem Bereich weitergeben. Ich glaube, man könnte vielen Sportler in ihrer Karriere durch eine bessere Diagnostik und medizinischen Betreuung helfen.“

In Lillehammer einen der begehrten Plätze der Sportschule bekommen

Eine, die erst am Anfang ihrer sportlichen Karriere steht, ist Julia Kink vom WSV Aschau. Die 17-Jährige hat im norwegischen Lillehammer einen der begehrten Plätze an der dortigen Sportschule bekommen. Dort kommt das Talent in den Genuss, mit den besten Biathleten Norwegens in ihrer Altersklasse zu trainieren. „Norwegen ist die Langlauf-Nation Nummer eins und ich kann hier Schule und Sport perfekt kombinieren“, sagt Kink, die für drei Jahre in Lillehammer bleiben will. „Wir werden ziemlich individuell betreut. Ich schreibe jede Woche meinen Trainingsplan selbst, wobei ein grober Rahmen mit fixen Tagen vorgesehen ist. Dieser wird mit den Trainern besprochen und man bekommt Verbesserungsvorschläge. Dadurch habe ich sehr viel schon gelernt.“ Generell würden die Norweger mehr Umfänge im Grundlagenbereich trainieren und versuchen, durch Variation Trainingsreize zu setzen, beobachtet Kink. „Auffällig ist, dass in meinem Alter komplett auf Krafttraining mit Gewichten verzichtet wird. Bauch, Arme und Rückentraining erfolgt ausschließlich durch Stabilisationstraining oder mit Slings. Beinkraft wird überwiegend durch Sprungtraining und Treppenläufe geschult“, erzählt Kink. In Norwegen steht quasi eine ganze Nation auf den Langlaufbrettern. Die Konkurrenz ist enorm und auch etablierte Biathleten wie Johannes Thingnes Boe spüren die nachrückenden jungen Sportler, die ihnen im Nacken sitzen.

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Wolfgang Pichler: „Du musst knallhart sein“

Neben den Norwegern haben sich die Schweden wieder zur Spitzennation entwickelt. Großen Anteil daran hat der Ruhpoldinger Wolfgang Pichler. Das Trainer-Urgestein hat 2015 im ganzen Land talentierte Sportler gesichtet. „Wir wollten ein konkurrenzfähiges Team zur Heim-Weltmeisterschaft 2019 aufbauen. Die Erfolge haben sich aber schon ein Jahr zuvor bei Olympia eingestellt“, freut sich Pichler. Aus dieser Sichtung gingen zum Beispiel die Öberg-Schwestern hervor. Pichler verlangte von den Sportlern, ihren Wohnsitz nach Östersund zu verlegen. Die etablierten Stars sortierte der Ruhpoldinger allesamt aus. „Du musst knallhart sein“, erklärt der 66-Jährige. Er holte sich für alle Bereiche eigene Trainer. Sein Nachfolger Johannes Lukas profitiert gerade von dem, was Pichler in Schweden aufgebaut hat. Über das deutsche Biathlon äußert sich die Trainer-Ikone zurückhaltend.

„Hier in Ruhpolding zum Beispiel haben die Sportler beste Voraussetzungen. Sie sind als Behördensportler bei Bundeswehr, Polizei und Zoll gut abgesichert. Trotzdem müssen die Strukturen geändert werden, da hat Bernd Eisenbichler eine schwierige Aufgabe. Auf alle Fälle braucht es eine Linie und hartes Training“, so Pichlers Rat.

Tobias Reiter: „Manchmal muss man den angenehmen Weg verlassen.“
Dominic Reiter beendete im Sommer 2020 überraschend seine Karriere:„Ich hatte das Gefühl, übertrainiert zu sein.“
Wolfgang Pichler: „Es müssen die Strukturen geändert werden.“
Florian Graf: „Wir brauchen mehr hauptamtliche Trainer im Nachwuchs.“
Bernd Eisenbichler hat erste Maßnahmen bereits eingeleitet.
Julia Kink hat Einblick bei Norwegens Talenten: „Es werden mehr Umfänge im Grundlagenbereich trainiert.“

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