Wasserburgs Dominik Haas: Pythagoras statt Lahm, Schule statt Bayernliga

Sieben Meistertitelfeierte Haas im Amateurbereich.
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Sieben Meistertitelfeierte Haas im Amateurbereich.

Dominik Haas steckt eigentlich voller Tatendrang. Als Realschullehrer mit den Fächern Mathematik und Sport bereitet er Jugendliche in Haag auf die Mittlere Reife vor, als gereifter Fußballer führte er den TSV Wasserburg ins obere Tabellendrittel der Bayernliga Süd – und dann kam Corona und stoppte Haas gleich doppelt.

Wasserburg– Mittlerweile kann er sein Wissen zumindest in der Schule wieder weitergeben. Auf dem Platz war‘s das für den 36-Jährigen: Im Gespräch mit der OVB-Sportredaktion hat Haas jetzt exklusiv das Ende seiner erfolgreichen Laufbahn verkündet.

Statt die Kugel zu streicheln und Flugkurven bei einem Eckball zu berechnen, geht es für Dominik Haas mittlerweile nur noch um das Volumen einer Kugel oder um die Berechnung in Dreiecken – Sinus und Kosinus statt Pressing und Gegenpressing! Doch der Familienvater ist auch froh, dass er wieder unterrichten kann.


Wie läuft es in der Schule?

Dominik Haas: Es funktioniert momentan ganz gut mit meiner 10. Klasse. Einige tun sich leichter, um wieder in den Stoff reinzukommen. Es gibt aber auch einige, bei denen die Lücken groß sind. Ich bin aber entspannt, weil ich eine gute Klasse habe.

Haben Sie zuhause mit den Kindern auch unterrichtet?

Haas: Die Kinder sind erst drei und fünf Jahre, da haben wir viel im Garten gemacht. Basteln oder Malen ist eher nicht so meins. Es war schön, die Zeit mit den Kindern zu verbringen – aber auch anstrengend (lacht).

Als erfahrener Spieler hatten Sie auf dem Platz auch die Rolle des Lehrmeisters. Sind Sie da streng?

Haas: Ich bin eher der ruhigere Typ. Aber wenn ich merke, dass etwas nicht passt, dann muss ich was sagen. Das ist auch meine Aufgabe. Und dann kann ich auch lautstark sein.

Dominik ist der mittlere von drei Buben in der Familie Haas aus Ramerberg. Leo ist zwei Jahre älter, Matthias sechs Jahre jünger. „Leo und ich haben als Kinder oft miteinander gespielt. Den Matthias haben wir schon manchmal getratzt“, gibt Dominik zu. „Jeder ist dann aber auch seinen Weg gegangen.“ Irgendwie führte dieser aber alle über 1860 Rosenheim zum FC Bayern. „Für mich war klar: Wenn ich von Rosenheim weggehe, dann macht nur Bayern Sinn. Und weil sie mich auch wollten, waren andere Vereine nicht interessant.“ Der Schritt war erfolgreich: Leo und Matthias wurden Nationalspieler, Matthias (bei den B-Junioren) und Dominik (zweimal bei den A-Junioren) holten die Deutsche Meisterschaft.


Welche Erinnerungen haben Sie an ihre Zeit in der Bayern-Jugend?

Haas: Das war eine extrem positive Erfahrung. Wo man hingekommen ist, welche Turniere man gespielt hat, und gegen welche Gegner! Dazu die eigenen Mitspieler! Und die Trainer: Stephan Beckenbauer hat mich menschlich sehr beeindruckt, unter Kurt Niedermayer waren wir sehr erfolgreich. Diese Zeit hat mich geprägt: Ich bin stressresistenter geworden, das hat mir später oft geholfen.

Tor im DM-Finale vor knapp 18.000 Zuschauern. Sie sind 2001 und 2002 Deutscher Meister der A-Junioren geworden.

Haas: Das Spiel in Leverkusen war für mich persönlich das Highlight. Ich habe das 1:0 geschossen und das zweite Tor von Misimovic aufgelegt. Das Siegtor von Trochowski ist erst kurz vor Schluss gefallen. Ich habe nie mehr vor so einer großen Kulisse (17.900 Zuschauer, d.Red.) gespielt, da läuft es mir heute noch kalt den Buckel runter. Das war eine Sternstunde!

Sein größtes Spiel:Dominik Haas (hinten, 4. von rechts) wird deutscher A-Jugend-Meister mit dem FC Bayern.

Ihre Mitspieler hießen unter anderem Heerwagen, Rensing, Feulner, Lahm, Misimovic, Trochowski, Ottl, Lell oder Schweinsteiger. Hat man damals schon das Talent und die Entwicklung erkennen können?

Haas: Natürlich nicht so in dem Ausmaß, dass jetzt ein Philipp Lahm oder Bastian Schweinsteiger Weltmeister werden. Damals fand ich Misimovic und Trochowski extrem weit. Beide hätte ich ganz vorne gesehen. Immerhin sind sie ja dann auch Nationalspieler geworden.

Während Ihre Brüder das DFB-Trikot getragen haben, wurde Ihnen diese Ehre nicht zuteil. Wurmt Sie das?

Haas: Nein, gar nicht. Natürlich war ich in dem DM-Finale vielleicht einer der besten Spieler, aber das war eine Momentaufnahme. Um zu den besten 18 in Deutschland zu gehören, dafür hat‘s fußballerisch einfach nicht gereicht. So ehrlich muss man sein.

Der Traum von der Nationalmannschaft erfüllte sich nicht – auch den von einer Profikarriere legte Dominik Haas schnell ad acta. Nach der Jugendzeit absolvierte er ein überzeugendes Probetraining beim damals drittklassigen SV Elversberg – eigentlich schon widerwillig. „Dazu habe ich mich schon überreden lassen“, verrät Haas. „Auf der Heimfahrt habe ich dann den Manager angerufen und abgesagt. Der hat das gar nicht glauben können“, erzählt er – und schrieb sich für ein Lehramtsstudium ein. „Ich bin froh, dass ich mich damals fürs Studium entschieden habe. Ich will einfach mit Kindern arbeiten“, so Haas, der sich selbst als „heimatverbunden“ bezeichnet. Er bleibt in Oberbayern, spielt in Unterhaching, Heimstetten und bei 1860 Rosenheim in der Regionalliga, Bayernliga und Landesliga, dann für den SV Amerang in der Kreisliga. Und wechselt 2014 mit Bruder Matthias, Cousin Georg und Spezl Niki Wiedmann zum TSV Wasserburg in die A-Klasse. Bruder Leo kam eine Saison später hinzu.


Wie ist das, plötzlich wieder mit den Brüdern und Freunden etwas aufzubauen?

Haas: „Das war eine der besten Entscheidungen, die ich im Fußball getroffen habe. Für mich war das eine der schönsten Zeiten, ich habe den Spaß am Fußball wiedergefunden. Und wenn man mit den Brüdern und Freunden spielen kann, dann ist das mehr wert, als ein paar Euro, die du in höheren Ligen kriegst.

Auf dem Platz geht es oft rauer zu. Schnauzt man da auch mal den Bruder an?

Haas: Ganz selten. Wir waren eigentlich immer auf einer Linie. Ich wüsste keine Situation, wo wir mal richtig gestritten hätten. Auch als Leo Trainer wurde, stand ich immer voll hinter seinen Entscheidungen.

Sie haben von der Regionalliga bis zur A-Klasse in allen Ligen gespielt. Was sind die Unterschiede?

Haas: Je höher die Liga, desto besser sind auch die Gegenspieler. Dazu sind die Räume anders: In der A-Klasse hat auch mal ein langer Ball in den freien Raum gereicht, um eine Torchance zu bekommen. Dafür hat ein Offensivspieler in den höheren Ligen etwas mehr Platz, weil dort nicht mit Manndeckung gespielt wird.

Sie haben den TSV Wasserburg desöfteren als „Projekt“ bezeichnet. Wie weit ist das nach sechs Jahren?

Haas: Wenn man die Liga anschaut, dann bei 150 Prozent. In den ersten Jahren haben wir immer oben am Badria gespielt, die Zuschauer waren weit weg vom Spielfeld. Ich habe damals eigentlich gesagt: „Ich spiele so lange, bis wir in der Altstadt mal am Freitagabend in der Bezirksliga spielen.“ Die Bayernliga war ja überhaupt nicht geplant.

In dieser Bayernliga müssen die Wasserburger Löwen künftig ohne Dominik Haas auskommen. Ein angeschlagener Nerv im Schulterblatt macht sich auch nach einem halben Jahr immer noch bemerkbar. „Die Ärzte haben mir davon abgeraten, noch einmal zu spielen. Und meine Gesundheit setze ich nicht aufs Spiel“, erklärt der 36-Jährige. Und so tauscht ein Titelhamster – zweimal deutscher A-Jugend-Meister, sieben weitere Meistertitel und acht Aufstiege im Amateurbereich – die Fußballschuhe künftig mit dem Golfschläger.

Sie hören jetzt mitten unter der Saison auf?

Haas: Ja, das habe ich jetzt so mit dem Verein vereinbart. Wir haben so viele junge Spieler im Kader, die können sich jetzt in den restlichen zwölf Bayernliga-Spielen bewähren. Außerdem braucht man für den Neustart eine komplett neue Vorbereitung. Davon habe ich schon so viele gemacht, das brauche ich nicht mehr!

„Vielleicht spiele ich noch einmal für ein paar Minuten“ Eine solche Laufbahn hätte aber einen ordentlichen Abschied verdient, nicht im Stillen und durch Corona beeinflusst!

Ich hätte mir auch gewünscht, vor vielen Zuschauern in der Altstadt aufzuhören. Aber vielleicht spiele ich noch einmal für ein paar Minuten.

Bruder Leo ist im Winter als Trainer weg, Sie jetzt – steht das „Projekt“ auf wackeligen Beinen?

Haas: Das glaube ich nicht. Es ist wichtig, dass wir ganz viele junge Spieler haben, die den Part übernehmen können. Auch an den Strukturen im Verein wird gearbeitet, da sind wir auf einem guten Weg. Ich denke, wir sind auch in der Zukunft so gut aufgestellt, dass es in Wasserburg höherklassigen Fußball geben wird.

Und Sie werden dort irgendwann mal Trainer und folgen Ihrem Bruder Leo?

Haas: Vorerst mal nicht. Ich möchte erst einmal Pause machen. Und Trainer kann ich mir jetzt gar nicht vorstellen. Ich will in der Freizeit nicht das Gleiche machen wie im Beruf. Aber ausschließen will ich es nicht. Vielleicht juckt es ja in fünf Jahren wieder.

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