TURBULENTER FEBRUAR 1996

Vor 25 Jahren: Weltmeisterschaften und Weltcup-Premiere der Wintersport-Elite im Chiemgau

Start zur Biathlon-Staffel der Frauen bei der WM in Ruhpolding mit der deutschen Startläuferin Uschi Disl (Mitte). Am Ende gab es Gold für das DSV-Quartett.Weitz
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Start zur Biathlon-Staffel der Frauen bei der WM in Ruhpolding mit der deutschen Startläuferin Uschi Disl (Mitte). Am Ende gab es Gold für das DSV-Quartett.Weitz

Der Februar 1996 sorgte für reichlich Freudenmomente der heimischen Wintersportfans im Chiemgau: Binnen weniger Tage wurden gleich zwei Weltmeisterschaften und eine Weltcup-Premiere mit jeder Menge Stars auf den Loipen und im Eisstadion ausgetragen.

Ruhpolding/Inzell/Reit im Winkl– Vorab mal zur Orientierung: Werner Lorant brüllt als Löwen-Coach an der Seitenlinie, Manni Schwabl ist sein Kapitän in der 1. Bundesliga, die Bayern verlieren mit Oliver Kahn, Lothar Matthäus und Jürgen Klinsmann beim HSV, Berti Vogts fungiert als Bundestrainer.

Das Daviscup-Team gewinnt ohne den verletzten Boris Becker 5:0 gegen die Schweiz, und in der spanischen Sierra Nevada steht die alpine Ski-WM mit Katja Seizinger und Martina Ertl in den Startlöchern. Das ist der Februar 1996, der jetzt exakt ein Vierteljahrhundert zurückliegt.

Qual der Wahl für die Fans

Unvergessen bleibt der dichte Zeitplan von Wintersport-Highlights, die damals auf Chiemgauer Schnee und Eis über die Bühne gingen. In Ruhpolding wurde von 2. bis 11. Februar die Biathlon-WM ausgetragen, in Inzell von 2. bis 4. Februar die Mehrkampf-WM der Eisschnellläufer, und Reit im Winkl bekam ganz kurzfristig als Ersatzort die Ehre, den ersten Weltcup-Sprint der Langlauf-Geschichte auszurichten. Die Fans hatten die Qual der Wahl, die heimischen Sportredakteure und Fotografen – ohne Handy und E-Mail – richtig Stress.

Petra Behle fährt jubelnd über die Ziellinie. Als Schlussläuferin hat sie Gold für die deutsche Frauen-Staffel gesichert.

„Wie 2012, nur eben zwei Nummern kleiner“

Herbert Fritzenwenger, seit etwa drei Jahrzehnten ZDF-Co-Kommentator und heute auch 1. Vorsitzender des SC Ruhpolding, erinnert sich: „Es war das erste Mal, dass eine Biathlon-Veranstaltung in Ruhpolding – also WM oder Weltcup – Gewinne gemacht hat. Wir haben versucht, mit dem damaligen Bürgermeister Herbert Ohl einiges neu zu kreieren, was uns durchaus gelungen ist.“

Peter Schlickenrieder legte gut los und sicherte sich am Ende den zweiten Rang hinter dem Norweger Tor-Arne Hetland und vor dem Italiener Silvio Fauner.

Auch das Stadion – damals hieß es noch nicht Chiemgau-Arena, sondern ganz schlicht Bundesleistungszentrum – war damals extra umgebaut worden, so Fritzenwenger (damals 33, heute 58), „ähnlich wie 2012, nur eben zwei Nummern kleiner“. Mit zweimal Gold und einmal Silber landeten die deutschen Skijäger im Medaillenspiegel auf Rang zwei hinter den klar dominierenden Russen um Wladimir Dratschew.

Mit der WM „Maßstäbe gesetzt“

Die beiden WM-Titel schnappten sich die Damen im Staffel- und Mannschaftswettbewerb. Für den Deutschen Ski-Verband (DSV) am Start waren Uschi Disl, Katrin Apel, Simone Greiner-Petter-Memm und Petra Behle.

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„Mit dieser WM haben wir Maßstäbe für die Zukunft des Biathlon-Sports gesetzt – sie war ein Riesenerfolg“, betont Fritzenwenger, damals übrigens auch Vizepräsident des Organisationskomitees, beim Rückblick auf die dritten von bislang insgesamt vier Ruhpoldinger Welt-Titelkämpfen.

Pressesprecher und „Gaudibursch“ Fritz Fischer

Pressesprecher und „Gaudibursch“ in Ruhpolding war der legendäre Fritz Fischer (damals 39, heute 64), der im Vorfeld der WM 1996 „alles zwischen null und acht Medaillen für Deutschland“ für möglich gehalten hatte. Im Interview mit der Heimatzeitung forderte er die Zuschauer auf: „Feuert bitte auch die Exoten an!“ Die Fans – insgesamt 50 000 kamen an den Zirmberg – taten ihm diesen Gefallen.

Volle Hütte auch in Inzell, wo allein am Schlusstag 8000 Fans (darunter 7000 Holländer) die Mehrkampf-WM der Kufenflitzer verfolgten. Im Freiluftstadion mussten die Eisschnellläufer mit unterschiedlichsten Bedingungen fertig werden.

Eröffnungsfeier bei der Eisschnelllauf-WM in Inzell mit der Präsentation der teilnehmenden Nationen.

Weltmeisterin Gunda Niemann-Stirnemann (damals 29, heute 54), die vor ihrer deutschen Teamkollegin Claudia Pechstein (damals 23, heute 48) und der Japanerin Mie Uehara triumphierte, resümierte: „Von Sonne und Super-Eis bis hin zu Schnee und weichem Eis war alles dabei. Es war mein bisher schwerster Kampf um einen WM-Titel.“

Niederländische Festspiele

Bei den Männern holten sich die beiden Niederländer Rintje Ritsma und Ids Postma (Ehemann der dreifachen Olympia-Gold-Gewinnerin Anni Friesinger-Postma aus Inzell) Gold und Silber.

Gunda Niemann-Stirnemann wurde in ihrer Laufbahn insgesamt acht Mal Mehrkampf-Weltmeisterin, unter anderem auch vor 25 Jahren in Inzell.

„Gunda und Claudia vergießen Freudentränen“ titelten die Zeitungen. Und Niemann-Stirnemann, die ebenso wie Ritsma ihren Titel erfolgreich verteidigte, gab zu Protokoll, „dass sich die Nachwirkungen meiner Knie-Arthroskopie im Dezember besonders auf den kurzen Distanzen bemerkbar gemacht haben“. Nach Tag eins hatte sie nur auf Rang sechs gelegen...

„Geisterläufer“ schied frühzeitig aus

Nur für einen Tag – es war Montagabend, 5. Februar – war die Langlauf-Elite in Reit im Winkl zu Gast, wo die historische Premiere des Weltcup-Sprints über die Bühne ging.

„Ein super Wettbewerb unter Flutlicht mit extrem spannenden K.o.-Duellen, der durchaus Zukunft hat“, strahlte Peter Schlickenrieder (damals 25, heute 50), nachdem er als Zweiter das Ziel erreicht hatte und seine bis dahin beste Weltcup-Platzierung feierte.

Schattenspiele bei Sonnenschein im Inzeller Ludwig-Schwabl-Stadion, wo die Mehrkampf-Weltmeisterschaft der Eisschnellläufer ausgetragen wurde.

Der aktuelle Bundestrainer vom Schliersee musste sich nur dem Norweger Tor-Arne Hetland geschlagen geben, durfte sich jedoch immerhin über 3000 Mark Siegprämie freuen. „Geisterläufer“ Johann Mühlegg schied bereits in der ersten Runde aus, Jochen Behle hatte als Klassikspezialist auf einen Start verzichtet, war aber als Zuschauer vor Ort. Bei den Damen gewann die Russin Jelena Välbe.

Kampf um die Sprint-Premiere

Für die 5000 Zuschauer war auch das Einlagerennen der Reit im Winkler Wintersport-Legenden ein Augenschmaus. Mit von der Partie waren unter anderem Gold-Rosi Mittermaier (20 Jahre nach ihren Olympia-Triumphen von Innsbruck) und ihre Schwestern Heidi und Evi. FIS-Funktionär Dieter Miklaudsch (Österreich) meinte: „Wir mussten uns erst gegen die konservativ eingestellten Skandinavier durchboxen, um diese Sprint-Premiere hier in Reit im Winkl zu erleben.“

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Eines steht fest: Schon vor 25 Jahren wurde im Chiemgau eine riesige Wintersport-Begeisterung entfacht. Es war halt ein wenig anders als heutzutage, etwas familiärer, gemütlicher. Und die Zuschauer machten keine Videos mit dem Smartphone, sondern ganz klassische Bilder per Fotoapparat und brachten später die Filme zum Entwickeln...

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