Spieler-Scout Bernhard Gleissner: Wenn Tennis-Ass Fabio Fognini spätabends klingelt...

Fabio Fognini saß einst bei Gleissner beim Frühstück auf der Terrasse. Beim Laver Cup spielte die Nummer elf der Weltrangliste im Team von Björn Borg (links) an der Seite von Roger Federer und Rafael Nadal (von rechts). DPA
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Fabio Fognini saß einst bei Gleissner beim Frühstück auf der Terrasse. Beim Laver Cup spielte die Nummer elf der Weltrangliste im Team von Björn Borg (links) an der Seite von Roger Federer und Rafael Nadal (von rechts). DPA

Es ist 3 Uhr in der Früh. Bernhard Gleissner, Spieler-Scout des Bundesliga-Aufsteigers TC 1860 Rosenheim, liegt mit seinem Tablet auf der Couch und schaut sich eine Partie des Challenger-Turniers in Brasilien an. Dabei begutachtet er ein südamerikanisches Tennis-Talent, das er schon länger auf dem Schirm hat. Ist der Bursche bereit, in der deutschen Tennis-Bundesliga zu bestehen?

Rosenheim – Zur Karriere als Spieler-Beobachter brachte Bernhard Gleissner seine Begeisterung für neue Aufgaben. Als er den Job bei seiner ersten Station, dem TC Bruckmühl-Feldkirchen, antrat, hatte der Bruckmühler noch keinerlei Erfahrung in dieser Branche gesammelt. Mit den Jahren hat der Scout des TSV 1860 Rosenheim ein gutes Auge für Spieler entwickelt.

Experte mit großem Südamerika-Netzwerk

Bei der Verpflichtung eines Tennis-Profis gibt es verschiedene Möglichkeiten der Kontaktaufnahme: Der Spielerscout tritt an einen Berater heran, der laut Gleissner „einen ganzen Stamm an Athleten betreut“. Der Quereinsteiger stand bereits mit etlichen Spielervermittlern im engeren Austausch, die auf Wunsch den Transfer des Spielers in die Wege leiteten. Gleissner greift aber auch oft auf Spezialisten für eine bestimmte Region zurück. „Ohne das breite Netzwerk des Südamerika-Spezialisten Burak Baskes wären die Verpflichtungen von Juan Ignazio Londero und Alejandro Tabilo nicht realisierbar gewesen. Allein für die Kommunikation ist Burak Gold wert“, lobt der Rosenheimer Verantwortliche.

Bernhard Gleissner gab einen Blick hinter die Kulissen seiner Spielerverpflichtungen. Ziegler

Ein Argentinier und ein Chilene

Der Argentinier Londero und der junge Chilene Tabilo gehören zum aktuellen Erstliga-Aufgebot der Sechziger. Zudem hören aufstrebende Talente auf die Meinung erfahrener Landsmänner. „Matteo Viola, der seit zwei Jahren fester Bestandteil unseres Teams ist, genießt ein hohes Standing bei italienischen Jungprofis. Er hat somit auch seinen Anteil am italienischen Stamm des Kaders", erklärt der Spieler-Scout der Sechziger. Auf diese Weise hat Gleissner Kontakte auf der ganzen Welt erlangt, was für ein erfolgreiches Scouting von entscheidender Bedeutung ist.

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Nach seinem Engagement beim TC Bruckmühl-Feldkirchen, mit dem er ebenfalls in der 1. Bundesliga gelandet war, nahm sich der Spieler-Beobachter ein Jahr Auszeit vom Tennissport. Nach den ersten Geprächen mit den Verantwortlichen des TSV 1860 Rosenheim war er aber sofort Feuer und Flamme für das neue Projekt. „Als ich mich mit Didi (Vorstand Dörfler, d. Red.) und seinem Team erstmals getroffen habe, da habe ich von der ersten Sekunde an eine große Harmonie gespürt“, machte Gleissner deutlich.

Spieler für den eigenen Bundesliga-Kader zu gewinnen, ist laut dem Bruckmühler nicht immer einfach: „Wen man die Top-200 der Tennis-Weltrangliste betrachtet, dann hat die Bundesliga für die ersten 30 der Welt schlichtweg keinen Wert. Um die anderen 170 Tennis-Profis herrscht ein unerbittlicher Konkurrenzkampf der Vereine aus Deutschlands erster Spielklasse. Dieser beginnt bereits mitten unter der Saison.“

Londero-Transfer als Hängepartie

Der kniffligste Transfer, den Gleissner bislang in seiner Laufbahn zu bewerkstelligen hatte, war der des Argentiniers Juan Ignazio Londero, aktuell Nummer 62 der Welt. „Nachdem wir Londero mit Hilfe von Baskes ein Vertragsangebot unterbreitet hatten, hat er uns den unterzeichneten Vertrag zurückgeschickt. Parallel stand der Krefelder Manager mit Londeros Betreuer in Kontakt. Nachdem wir den Spieler gemeldet hatten, behaupteten die Krefelder, Londero habe bereits bei seinem Club unterschrieben. Der Deutsche Tennis-Bund machte dann aber klar, dass der Akteur nur für Rosenheim antreten darf“, verrät Gleissner.

Auf die Frage, wer bei einer Verpflichtung das letzte Wort hat, entgegnete der Diplom-Ingenieur: „Bei einem Transfer muss ich mich in einem gewissen finanziellen Spielraum bewegen. Bevor ich einem Spieler ein Vertragsangebot unterbreite, wird die gesamte Führungsriege eingeweiht.“

Juan Ignazio Londero verpflichtete Gleissner für die kommende Saison in Rosenheim. DpA

Der junge Dominic Thiem begeistert

Einer der außergewöhnlichsten Momente seiner Karriere war die Partie von Albert Ramos gegen Dominic Thiem, der mittlerweile auf Platz drei der Welt angekommen ist, auf der Tennisanlage in Bruckmühl. „Mit Thiem spielte das größte österreichische Talent für unseren Club aus Bruckmühl an. Zum damaligen Zeitpunkt spielte Ramos ein solides Tennis und Thiem war noch ein Jungspund. Im ersten Satz hat Dominic eine 0:6-Klatsche kassiert, in Satz zwei lag er mit 0:3 in Rückstand. Plötzlich packte Thiem einen Rückhand-Schlag aus, bei dem sogar sein Kontrahent aus Spanien applaudierte. Thiem drehte sich zum Publikum um und riss seine Arme in die Höhe. Getragen von den Zuschauern nahm er nun das Ruder in die Hand und hat den zweiten Satz und den Match-Tie-Break gewonnen“, schwelgt Gleissner in Erinnerungen.

Ein Kaffee mit Fabio Fognini auf der Terrasse

Ebenfalls für Bruckmühl-Feldkirchen spielte Fabio Fognini, der aktuell die Nummer elf der Weltrangliste ist. „An einem Spieltag war er für unser Team gemeldet. Wir wussten jedoch nicht, ob er es pünktlich zum ersten Match schaffen würde. Da klingelte es am Vorabend zu später Stunde an meiner Haustür: Es war Fabio Fognini, voll bepackt mit zwei Trainingstaschen. Zum Glück haben wir ein Gästezimmer. Es war üblich, dass wir uns am Morgen eines Spieltags bei mir auf der Terrasse zu einem gemeinsamen Frühstück mit dem Team trafen. Da haben dann alle gestaunt, als sie mich mit Fognini bereits beim Kaffeetrinken sahen“, erzählt Gleissner.

Der Nebenjob als Scout ist mit hohem Zeitaufwand verbunden. Gleissner schätzt, er ist in der Transferphase mindestens zwei Stunden am Tag mit der Optimierung des Kaders beschäftigt. Da bleibt wenig Zeit für die Familie. „Solange es mir gut geht, ist meine Frau auch glücklich“, zeigt sich der Bruckmühler dankbar.

Der Traum von der Meisterschaft

Sein größtes Ziel ist es, in naher Zukunft mit dem Rosenheimer Team den Meistertitel in der deutschen Elite-Liga zu feiern. „Das haben in Rosenheim bislang nur die Eishockeyspieler geschafft. Sich in einer so populären Sportart mit dem Titel zu krönen – das würde in die Geschichtsbücher der Region eingehen“, ist er überzeugt. Für Gleissner ist es aber auch wichtig, im Hintergrund bereits Nachfolger für die jeweiligen Führungspositionen aufzubauen. Wenn der Bruckmühler in der Zukunft seine Aufgaben weitergeben sollte, wird er möglicherweise um 3 Uhr nachts auch mal ein Auge zumachen.

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