Teamkapitän Leopold Fricke vom Chiemsee Yacht Club: „Wir wollen richtig Gas geben“

Die Crew vom Chiemsee Yacht Club auf der Ostsee beim Rennen vorTravemünde. Maier
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Die Crew vom Chiemsee Yacht Club auf der Ostsee beim Rennen vorTravemünde. Maier
  • Hans-Jürgen Ziegler
    vonHans-Jürgen Ziegler
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Prien Die Auftaktveranstaltung der Segel-Bundesliga hätte im Mai beim Chiemsee Yacht Club in Prien stattfinden sollen. Neuer Termin ist Mitte Juli. Darüber, über die eSailing-Bundesliga und über die aktuelle Situation sprach die OVB-Sportredaktion mit Leopold Fricke, Kapitän des Bundesligateams vom CYC.

Seit 2013 hat auch der deutsche Leistungssegelsport einen prestigeträchtigen Vereinswettbewerb: Die Deutsche Segel-Bundesliga. Das Konzept der Bundesligen anderer Sportarten wurde erstmalig in den Segelsport übertragen. Im ersten Jahr kämpften 18 Segelvereine um die Meisterschale und ermittelten den besten deutschen Segelclub. Die Auftaktveranstaltung und damit der 1. Spieltag hätte vom 8. bis 10. Mail beim Chiemsee Yacht Club (CYC) auf dem Chiemsee stattgefunden. Neuer Termin ist der 17. bis 19. Juli. Die OVB-Sportredaktion sprach mit Leopold-Fricke, Teamkapitän des Lokalmatadoren CYC, über die aktuelle Situation, über das Format eSailing und wie sich der Verein und seine Crew auf den Saisonhöhepunkt vorbereitet.

Weit und breit kein Boot auf dem Chiemsee trotz teilweise bester Windbedingungen. Was machen die Segler in dieser Zeit?

Leopold Fricke: Der Wind auf dem Chiemsee war natürlich der Wahnsinn. Ich war mit meiner Tochter in Bernau und habe den Kitern zugeschaut. Wir dürften ja schon segeln, aber nachdem die Sportstätten gesperrt sind, ist auch unser Segelclub gesperrt und deshalb kommen wir nicht ins Wasser. Ich bin ein positiver Mensch und ich finde es gerade in diesen Tagen wichtig, dass es Dinge gibt auf die man sich wieder freuen kann.

Zum Beispiel?

Fricke: Zum Beispiel auf den Chiemsee, auf die Wellen , auf die Schaumkronen, die überall sind. Dann ist das zwar gleichzeitig schade, dass man nicht raus kann, aber man freut ich natürlich auch schon wieder auf die Zeit am See. Da geht es jetzt primär auch nicht um den Erfolg, sondern dass man einfach überhaupt mal wieder auf das Wasser kann.

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Trainieren wäre auch gar nicht möglich, weil ihr ja zu viert im Boot seid.

Team-Kapitän Leopold Fricke. Wehrmann

Fricke:Richtig. Wenn wir trainieren, müssten wir das schon zusammen tun, sonst macht es keinen Sinn. Ich persönlich finde die Situation auch gar nicht so schlimm, weil es trifft ja alle gleich. Problematisch könnte es natürlich dann werden, wenn sie in Norddeutschland trainieren dürfen und wir eben nicht. Ich habe schon überlegt, ob ich ein Schreiben aufsetze, dass niemand trainieren darf so lange bis alle Crews in das Wasser können.

Um sich auf die Auftaktveranstaltung der Segel-Bundesliga vorzubereiten.

Fricke:Die war für den 8. bis 10. Mai bei und in Prien geplant gewesen und wurde jetzt auf den 17. bis 19. Juli verschoben. Ein Höhepunkt für den Chiemsee Yacht Club. Mit der Vorbereitung hatten wir Glück, weil wir zu Hause geblieben sind, keine weiten Reisen hatten und so keine Kosten hatten. Jetzt sind wir halt auf Stand-by.

Wie stehen die Chancen auf eine Durchführung?

Fricke:Schwer zu sagen das weiß ich nicht. Es wäre natürlich unglaublich schade wenn wir Mitte Juli nicht Segeln können, aber wir nehmen es so wie es kommt. Unser Club hat sich auf alle Fälle schon optimal vorbereitet auf dieses Megaevent.

Eine solche Veranstaltung kann man ja nicht von heute auf morgen planen oder organisieren. Was muss da im Vorfeld alles erledigt werden?

Fricke:Wir haben im Club 80 Helfer, die arbeiten und organisieren. Da muss natürlich viel koordiniert werden. Von der Verpflegung bis zu den Regatta-Vorbereitungen. Wir haben schon ein eingespieltes Team, aber das ist natürlich schon noch mal eine größere Nummer. Normalerweise werden die Rennen live übertragen, wobei wir hier den Kürzeren ziehen.

Warum?

Fricke:Weil wir bis jetzt noch keinen Glasfaseranschluss haben. Der wird uns zwar seit Ewigkeiten versprochen, steckt aber wohl noch irgendwo in Prien-Harras fest. Das ist natürlich schon ein bisschen peinlich für uns, weil wir der einzige Standort in Deutschland sind, von wo nicht live übertragen werden kann. Aber ich hoffe, dass wir das irgendwann auch mal hinkriegen.

Das ist aber nicht das einzige Problem. Wie hart trifft die Corona-Krise den Chiemsee Yacht Club?

Fricke:Das kann jetzt ich jetzt gar nicht so beurteilen, aber ich denke, das trifft den Club natürlich schon sehr. Das ganze Clubleben liegt praktisch still. Für den Club steckt natürlich viel Geld dahinter aber ob da schon irgendwelche Schäden entstanden sind, weiß ich nicht. Ich hoffe einfach, dass das bald rum ist und wir wenigstens im regionalen Bereich wieder Segeln und den Leuten wieder ein bisschen Freude zurückgeben können.

Wie viel Freude macht den Seglern das neue Format E-Sailing?

Fricke:Positiv ist daran, dass wir mit der Saison auf alle Fälle schon mal angefangen haben und so über den Segelsport berichtet wird. Bei der eSailing-Bundesliga fahren wie natürlich auch mit und sind unter 66 Vereinen momentan so um den 20. Platz platziert. Für uns ist da Christoph Müller am Start, der sich im Vorfeld am besten geschlagen hat und quasi unser eSailing-Kapitän ist. Den ersten Spieltag hat er noch alleine gemacht, aber wir haben dann herausgefunden, dass die anderen Mannschaften teilweise mit zwei Mann segelten. Man kann ja online zuschauen und sich dabei über das Headset gegenseitig helfen. Also ein Zweiter beobachtet das Rennen und gibt Tipps wo was passiert. Vier Augen sehen mehr als zwei und das hat dann nach Startschwierigkeiten schon geholfen.

Kein spritzendes Wasser, kein Wind der um die Nase weht – das kann doch einen Segler nicht zufriedenstellen oder doch?

Fricke:Nein das befriedigt einen natürlich nicht, weil es ganz was anderes ist. Die Natur hat einfach noch viel mehr ,Gemeinheiten‘ als der Computer und auch die Emotionen fehlen natürlich, wenn man dem anderen in die Augen schauen kann und den Gegner ausschauen kann. Ich nehme das jetzt auch nicht so ernst, vor allen Dingen weil viele Gegner zehn Jahre jünger als wir und die haben gerade im eSport viel mehr Erfahrung und fahren uns um die Ohren. Aber es macht Spaß, es fördert die Gemeinschaft und man kann auch die Sponsoren ein bisschen bei Laune halten.

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Apropos Sponsoren. Sind da schon welche abgesprungen?

Fricke:Von unseren Sponsoren habe ich bisher nur Positives gehört. Da hat bisher niemand den Stecker gezogen. Auch der Hauptsponsor der Segel-Bundesliga hat da ein tolles Zeichen gesetzt. Das Sponsoring geht im vollen Umfang weiter. Gerade bei der Segel-Bundesliga hängen viele Arbeitsplätze dran und die haben natürlich viel mehr Sorgen als wir. Der Hauptsponsor hat auch diese eSailing-Bundesliga in die Welt gerufen und so lebt unser Sport weiter. Deshalb macht es definitiv Sinn um im Gespräch zu bleiben und um diese Zeit zu überbrücken.

Irgendwann wird es wieder losgehen. Was steht in diesem Jahr noch auf dem Plan?

Fricke:Unser Höhepunkt ist definitiv die Heimveranstaltung im Juli. Wir haben uns für diese Saison recht breit aufgestellt, viel experimentiert. Wir wollen dieses Jahr richtig Gas geben und schauen, was in der Bundesliga geht. Das ist natürlich jetzt ein bisschen im Sande verlaufen und man weiß auch nicht ob dieser Kader, wenn es wieder losgeht, zur Verfügung steht. Ich sehe uns auf alle Fälle, egal wie kurz die Vorbereitung ist, ganz gut aufgestellt.

Es gab ja schon einmal einen Bundesliga-Spieltag am Chiemsee.

Fricke:Das war vor drei Jahren und da hat es am ersten Tag geschneit. An den anderen beiden Tagen gab es Traumbedingungen und wir konnten den anderen Teilnehmern zeigen, dass auch auf dem Chiemsee, der oft als Leicht- oder Gar-kein-Wind-Revier verschrien ist, Topbedingungen herrschen Wir wurden damals Dritter, was natürlich eine Supersache war. Wir konnten unseren Mitgliedern zeigen wie cool das ist und sie weiter mit dabei bleiben und das Ganze unterstützen.

Das ist Leopold Fricke

Leopold Fricke ist 34 Jahre, wohnt in Siegharting, ist verheiratet und hat eine Tochter. Beruflich ist er Entwicklungsingenieur bei der Ixent GmbH (Leichtbau, Rennsport, Americas Cup, Kite Foil, Bob). Seine Erfolge im Segelsport: Deutscher Meister 49er 2007 und 2010 (Olympiaklasse, viele Jahre Nationalkader), Europameister Asso99 2019, viele Podiumsplatzierungen in der deutschen Segelbundesliga.

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