Stabi-Übungen statt Doppelpass – die heimischen Kicker in Zeichen von Corona

Zusammenhalt ja – aber aktuell nicht so:Die heimischen Fußballer trainieren derzeit nur individuell. Buchholz (4), Ziegler, Butzhammer, Stürmlinger

Heimarbeit und Individualtraining statt Doppelpass und Torabschluss-Übungen: Die heimischen Amateurfußballvereine haben ihre Sportanlagen gesperrt und die Kicker nach Hause geschickt.

Rosenheim/Buchbach/Ampfing– Der Vorstand des Bayerischen Fußball-Verbandes (BFV) hat den Spielbetrieb bis auf Weiteres ausgesetzt. Eine Wiederaufnahme findet frühestens ab dem 19. April statt. Spieler und Trainer in den höheren Amateurligen müssen improvisieren. Ein Überblick:

Die ersten Reaktionen

Das letzte Mannschaftstraining des Regionalligisten TSV Buchbach fand am vergangenen Freitag statt, da war schon klar, dass die Regionalliga-Partie in Aubstadt nicht mehr über die Bühne gehen würde. Dass der gemeinsame Trainingsbetrieb einzustellen ist, war den Buchbacher Verantwortlichen schon zu diesem Zeitpunkt bewusst. „Jeder Spieler hat Angehörige, hat Großeltern daheim, nicht auszudenken, wenn einer unserer Spieler das Virus mit nach Hause bringt und sich dann Oma oder Opa anstecken und das vielleicht nicht überleben, deswegen haben wir ab Freitag schon auf individuelles Training umgestellt“, so Andi Bichlmaier aus dem Trainerstab.

Auch Liga-Konkurrent TSV 1860 Rosenheim hat den Trainingsbetrieb „konsequenterweise komplett eingestellt“, wie Coach Thomas Kasparetti vermeldet. Beim SV Wacker Burghausen waren die Spieler bereits am Wochenende individuell mit Lauf- und Stabilisationstraining beschäftigt. „Es war abzusehen, dass sich die Situation so entwickelt“, meint Trainer Leo Haas. Bayernligist TSV Wasserburg hatte das Training bereits am vergangenen Donnerstag eingestellt: „Wir haben eine Verantwortung und müssen das den Spielern auch bewusst machen“, so Niki Wiedmann. Beim Landesligisten SB Rosenheim hatte man noch „am Samstag beschlossen, dass wir den Trainingsbetrieb im Herrenbereich fortsetzen“, wie Trainer Harry Mandl erläuterte. „Das ist seit Montag aber obsolet“, so Mandl.

Was die Spieler tun

„Wir schauen jetzt von Woche zu Woche, die Spieler haben ihre Trainingspläne und trainieren individuell. Geht ja gar nicht anders, weil alle Plätze gesperrt sind“, so Adrian Malec, Sportlicher Leiter des Landesligisten TSV Ampfing. „Es geht jetzt darum, dass die Jungs auf einem gewissen Fitnesslevel bleiben“, sagt Haas, der gerade dabei ist, individuelle Pläne für seine Spieler auszuarbeiten. 1860-Trainer Kasparetti sieht es sogar so, „dass wir uns eigentlich wieder in der Winterpause befinden“. Gemeinsam mit Hans Friedls Therapiezentrum und dem Corox-Programm sowie Kooperationspartner SpVgg Unterhaching seien die Rosenheimer bestens versorgt. „Es gibt ein individuelles Programm mit Workout für zuhause und Laufeinheiten“, so Kasparetti. Buchbachs Trainer Markus Raupach und Bichlmaier haben ihren Kickern, wie schon in der Wintervorbereitung, ein spezielles Programm zusammengestellt, das zu den wöchentlich vier Laufeinheiten auch Stabilitäts-Übungen beinhaltet, die auf der Fitness-App B42 von Andreas Gscheidar aus Velden basieren. „Wir haben schon im Winter gute Erfahrungen mit dieser App gemacht, die speziell auf Fußballer zugeschnitten ist“, so Bichlmaier. Kernelemente dieser App sind neben Stabilität auch Geschwindigkeit, Kraft und Mobilität, darüber hinaus werden spezielle Fußballer-Verletzungen und -Schwachstellen aktiv und prophylaktisch bekämpft.

Damit arbeiten auch die Wasserburger Fußballer, die von Michael Pointvogel versorgt werden. „Wir sind jetzt erst einmal für zwei Wochen versorgt“, sagt Wiedmann. Beim Sportbund hat Mandl seinen Spielern ein 60-Minuten-Programm verordnet, das dreimal die Woche zu bestreiten ist. „Das ist nicht nur Ausdauertraining, da sind auch Tempoläufe, Sprints und Richtungswechsel dabei“, so der SBR-Coach. Mindestens drei individuelle Einheiten pro Wochen stehen beim Landesligisten FC Töging auf dem Programm, die sich in zwei Laufeinheiten von 45 bis 60 Minuten und eine Stabilitätseinheit gliedern. „Die Jungs kennen diese Übungen, die gehören bei uns zum Standardprogramm, insofern wissen sie auch genau, was sie zu tun haben. Diese Übungen betreffen den ganzen Körper, sodass die Spieler von oben bis unten stabil bleiben sollten“, sagt Tögings Trainer Mario Reichenberger, der vollstes Vertrauen zu seiner Truppe hat: „So wie ich die Jungs kenne, ziehen sie das konsequent durch.

Was die Trainer tun

„Wir kümmern uns um die Strukturen und die Kaderplanung“, sagt Kasparetti. Der Trainer des TSV 1860 hat aufgrund der Abstiegssorgen in der eigentlichen Winterpause alle Spiele detailgetreu analysiert, sodass aktuell nicht mehr viel Videostudium betrieben wird. Auch Wasserburg-Coach Wiedmann findet eine Spielanalyse derzeit schwierig: „Du weißt ja derzeit überhaupt nicht, wer die nächsten Gegner sind.“ Deshalb beschäftigt man sich beim Bayernliga-Aufsteiger ebenfalls mit den Planungen für die Zukunft. „Wir nutzen die Zeit, um die Strukturen im Hintergrund zu verbessern.“ Detailliert nennt Wiedmann dabei Bestandsaufnahmen, die Kaderplanung und die Verbesserung der Jugendarbeit am Inn.

Landesliga-Trainer Mandl bereitet sich selbst schon für die neue Saison vor: „Das Programm für die Rückrunde ist ja mehr oder weniger auf Eis gelegt.“ Er sitzt aber nun vor dem Bildschirm. „Videoanalysen, die sonst eigentlich zu kurz kommen, kann man jetzt toll machen. Das ist ein Werkzeug, das wir in diesem Bereich noch viel zu wenig nutzen.“

„Ganz ohne Fußball geht es nicht“, meint auch Wacker-Trainer Haas. Er will Trainingspläne schreiben und sich „einige neue Sachen“ überlegen. Die bisherigen Spiele hat er reichlich analysiert. „Jetzt muss ich wohl ins Archiv gehen und mir etwas anschauen.“ Ansonsten will er selbst ein bisschen mit den Kindern im Garten kicken.

Die Aussichten

Gut möglich, dass dies die einzigen fußballerischen Leistungen für Haas in den nächsten Wochen sind. „Ich bin ja normal ein optimistischer Mensch, aber aktuell eher skeptisch. Es ist eine komische Situation“, sagt der Ex-Profi, der sich seine Anfangszeit in Burghausen natürlich anders vorgestellt hat. „Es ist echt bitter, weil ich das Gefühl hatte, dass es zuletzt immer besser geworden ist. Unser erstes Spiel hat diese Meinung auch bestätigt. Aber was soll da ein Jürgen Klopp erst sagen?“ Haas findet es „für die Spieler zermürbend. Die kommen aus der wochenlangen Vorbereitung und müssen jetzt wieder laufen.“

In die gleiche Kerbe schlägt auch der Buchbacher Bichlmaier: „Die Jungs sind enttäuscht, gerade jetzt bei dem schönen Wetter haben alle richtig Bock auf Fußball. Zudem sind bei uns alle Mann fit, der Konkurrenzkampf wäre gerade voll entbrannt. Alles in allem eine Situation, die man sich als Trainer nur wünschen kann. Aber jetzt steht erst einmal alles wieder fast auf Null.“

Und es tun sich Fragen auf: „Wann geht es weiter? Wie lange geht dann die Saison? Gibt es viele ,Englische Wochen’? Diese Fragen werden uns derzeit gestellt“, zählt 1860-Trainer Kasparetti auf – und erklärt: „Da hängen ja viele schulische und berufliche Verpflichtungen dran, Spieler, Trainer und Verantwortliche haben Familie und Kinder.“ Antworten gibt es noch nicht.

Landesligist FC Töging will die Saison auf alle Fälle zu Ende spielen und Coach Reichenberger hofft, dass die Spielpläne entsprechend flexibel gestaltet werden: „Die Pause jetzt ist ohne Alternative, da geht die Gesundheit ganz eindeutig vor. Wenn die Saison zwei oder drei Wochen länger dauert, sollte das auch kein Problem sein, dann fängt man mit der neuen Spielzeit etwas später an und spielt eben bis in den Dezember rein. Das wäre ja auch in den letzten Jahren immer möglich gewesen.“ Der 45-jährige Coach sieht eine Restspielzeit von fünf oder sechs Wochen als ausreichend an, zumal ja auch in den letzten Jahren immer wieder englische Wochen im Frühjahr auf dem Programm gestanden sind: „Die Plätze sind um die Jahreszeit auf alle Fälle gut genug, um mehr Spiele austragen zu können. Und wenn die Jungs mehr Spiele machen und etwas weniger trainieren müssen, ist das ja auch keine große Sache.“ Dass eine Saisonverlängerung mit etwaigen Urlauben kollidieren könnte, befürchtet Reichenberger nicht: „Die meisten Urlaube im Mai oder Juni dürften ohnehin storniert werden. Wann man überhaupt wieder reisen kann, ist ja nicht absehbar. Ich würde jetzt nicht guten Gewissens im Mai nach Italien fahren wollen.“

Ampfings Malec kann sich „nicht vorstellen, dass es nach den Osterferien weitergeht. Wenn wir erst im Mai oder Juni wieder anfangen können, wird es trotz der Verschiebung der EM mit dem Zeitfenster schwierig.“ Malec malt zudem ein düsteres Bild: „Die Wirtschaft erlebt ja gerade Einbrüche, viele Firmen haben Kurzarbeit, da werden die Sponsorengelder nicht mehr in dem gewohnten Umfang zur Verfügung stehen.“ Die Ampfinger werden auf jeden Fall die März-Gehälter noch auszahlen und dann weiterschauen.

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