Dreimal deutscher Eishockeymeister mit Rosenheim: Erster Titel nach 16-fachem Kieferbruch

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Die erste Meisterschaft 1982: Toni Maidl und Gerhard Baldauf mit der Meisterschale.
  • Hans-Jürgen Ziegler
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Vier Eishockeyspieler waren bei allen drei Rosenheimer Meisterschaften (1982, 1985 und 1989) dabei: Neben Karl Friesen, dem viel zu früh verstorbenen Wacki Kretschmer und Markus Berwanger war das auch der Verteidiger mit der Nummer neun. Der gebürtige Münchner feiert heute seinen 60. Geburtstag.

Rosenheim –  „Für mich ist 60 tatsächlich nur eine Zahl. Wenn jeder so 60 werden kann wie ich, braucht kein Mensch mit diesem Alter ein Problem haben“, sagt Toni Maidl, dessen Geburtstag die OVB-Sportredaktion als Anlass für ein Interview mit dem dreimaligen Deutschen Meister nahm. Wer sein Vorbild war, an welche Situation seiner langen Karriere er sich spontan erinnert, warum er „nur“ neun Länderspiele machte, wie seine persönliche Starting Six aussieht, mit wem er seinen Jubeltag feiert, erzählte der Mann mit der Nummer 9 in einem kurzweiligen Gespräch.

Toni Maidl, feiert seinen 60. Geburtstag.

Herr Maidl, 60 Jahre – da ist bestimmt eine Feier fällig.

Anton Maidl: Auf alle Fälle. Wir feiern in meinem Stammlokal, einem Spanier in München, und was mich freut: Es haben nur zwei Gäste urlaubsbedingt abgesagt.

Sind auch ehemalige Mitspieler eingeladen?

Maidl: Natürlich. Unter anderem Hans Zach, Markus Berwanger, Axel Kammerer, Georg Franz, Rainer Blum und Peter Scharf, um nur einige zu nennen. Das sind alles Menschen, die mich auf meinem bisherigen Weg begleitet und geprägt haben.

Sie haben gerade Hans Zach erwähnt. Er war bei der ersten Meisterschaft der Kapitän und Sie waren ein sehr junger Spieler. Wie war ihr Verhältnis?

Maidl: Prägend.

Inwiefern?

Maidl: Ich verdanke Hans Zach sehr viel, weil er mich in jungen Jahren, als ich mit 17 von München nach Rosenheim kam, voll unterstützt hat. Er hat in seiner Art und Weise entsprechend auf mich eingewirkt und mich geprägt. Damit ist eigentlich alles gesagt.

In Rosenheim haben Sie zunächst bei den Junioren gespielt.

Und ich habe bei der ersten Mannschaft mittrainieren dürfen. Wegen einer Verletzungsmisere feierten Jürgen Lechl und ich unter Interimstrainer Xaver Unsinn in der Saison 1977/78 unser Debüt in der 1. Bundesliga.

Und das erste Spiel ging gleich voll in die Hosen.

Maidl: Wir haben 2:15 gegen den SC Riessersee verloren und ich habe zu Jürgen Lechl gesagt: Das geht ja schon mal gut los.

Und vier Jahre später waren Sie das erste Mal Deutscher Meister und waren bei allen drei Titelgewinnen dabei. Da darf man schon stolz sein!

Maidl: Stolz auf alle Fälle, aber auch dankbar, dass ich in so tollen Mannschaften spielen durfte, mit so hervorragenden Eishockeyspielern in einem Team stand, und ich auch die Zeit gehabt habe mich zu entwickeln. Da habe ich natürlich auch das Glück mit Trainer Pavel Wohl gehabt, der meine Qualitäten geschätzt hat. Als ich 21 war, hatte ich auch Angebote von anderen Vereinen, aber Pavel Wohl hat in Absprache mit Hans Zach zu mir gesagt: Du bleibst hier in Rosenheim.

Nach dem Titel 1985 in der Kabine (von links): Toni Maidl, Michael Betz, Robin Laycock, Jamie Masters und Wacki Kretschmer.

Lassen Sie uns an Ihren Erinnerungen an die drei Meisterschaften teilhaben!

Maidl: Es waren grundsätzlich drei komplett verschiedene Meisterschaften. Den ersten Titel haben wir innerhalb von drei Wochen im Best-of-three-Modus geholt. Vor allem wir als junge Spieler haben gar nicht gecheckt, was wir da geschafft haben. Für mich persönlich war es eine Riesenfreude, weil ich im Jahr vorher mit einem 16-fachen Kieferbruch schwer verletzt war. Die Verletzung hat mich neun Monate verfolgt – bis spät in die Meistersaison hinein.

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"Jetzt schießt der Maidl auch noch ein Tor..."

Und dann haben Sie im ersten Finalspiel auch noch ein wichtiges Tor erzielt.

Maidl: Ich war fünfter Verteidiger und wurde auch im Sturm eingesetzt. In dieser Funktion habe ich beim 6:2-Sieg in Mannheim das Tor zur 3:2-Führung erzielt. Danach kam Pavel Wohl zu mir und sagte: Wenn ich einem in diesem Stadion das Tor vergönnt habe, dann bist es du.

Die zweite Meisterschaft 1985: Toni Maidl mit Torhüter-Legende Karl Friesen.

Zu Ihrem Tor hat ja noch jemand etwas gesagt.

Maidl: Das stimmt und das waren Rainer Blum, der in dieser Saison noch für Mannheim spielte, und Peter Obresa. Auf dem Weg in die Kabine der zweiten Drittelpause sagten sie: Jetzt schießt der Maidl auch noch ein Tor.

Das 4:0 zu Hause und damit der zweite Sieg im Best-of-three-Finale bedeutete dann die Meisterschaft.

Maidl: Das war eine Super-Leistung unserer Mannschaft. Ich hätte nicht geglaubt, dass wir so gut Eishockey spielen können. Wir waren zwar während der Saison nicht das stärkste Team, aber in der Play-off-Runde waren wir die beste Mannschaft mit dem definitiv besten Torhüter – Karl Friesen. Ein reiner Zufall war die Meisterschaft nicht. Es hat einfach alles gepasst und auch der Modus war für uns optimal, denn bei einer Best-of-five- oder gar Best-of-seven-Serie hätten wir uns nicht durchsetzen können.

Das Meisterteam von 1985 mit Toni Maidl (untere Reihe 2. von rechts).

Dann folgten noch zwei weitere Titel. Welche Mannschaft war denn die beste von den drei Meisterteams.

Maidl:  Die 85er-Mannschaft war unglaublich. Wir waren wie eine Maschine. Wir waren allen Mannschaften überlegen und in der Play-off-Runde sind wir mit neun Siegen durchgestartet. Da waren wir nicht zu bremsen. Wir waren auch nach der Doppelrunde souverän Erster, und das sagt alles über die Qualität des Teams aus.

Aber das 89er-Team war auch nicht schlecht besetzt.

Maidl: Definitiv. Wir hatten eine schwere Saison mit vielen Verletzungen. Dann hat die Mannschaft Verantwortung übernommen. Wir haben intern taktisch umgestellt und haben eigentlich nicht das gespielt, was der Trainer wollte. Trotzdem sind wir Deutscher Meister geworden. In einer Mannschaftssitzung wurde Tacheles geredet. Es sind harte Worte gefallen. Danach hat sich jeder Spieler in den Dienst der Mannschaft gestellt und das hat diese Meisterschaft so besonders gemacht.

Gibt es ein Spiel oder eine Szene, die Sie sofort im Kopf haben?

Maidl: Ja, die gibt es, und zwar war es ein Spiel im Europacup in Tampere gegen ZSKA Moskau. Im letzten Drittel stand es 2:2 und die Russen haben untereinander das Streiten angefangen. Trainer Tichonow tobte auf der Bank und Hans Zach sagte zu uns: Jungs, das wollte ich einmal erleben, dass die Russen wegen uns aufeinander schimpfen. Wir haben noch 2:4 verloren, nachdem Khomutow ein super Tor erzielt hat und wir danach den Torhüter vom Eis genommen und noch das vierte Tor kassiert haben.

Wladimir Krutow war war eine Rakete

Bei ZSKA Moskau spielten nur Superstars. Wer war denn der beste Spieler, gegen den Sie gespielt haben?

Maidl: Die Russen waren alle gut, aber um einen Namen zu nennen: Wladimir Krutow. Das war eine Rakete und im Zusammenspiel mit Igor Larionow war er praktisch nicht zu stoppen.

Auch von Ihnen nicht? Ihre Stärke lag doch vor allem im Defensivspiel und im „Eins gegen Eins“.

Maidl: Ich habe gar nicht so schlecht gegen Krutow ausgesehen, aber stoppen? Nein, das war unmöglich. Und ja, meine Stärken lagen in der Defensive, was viele Trainer an mir schätzten. Ein Torjäger war ich definitiv nicht.

Obwohl Sie mal sieben Tore in sieben aufeinanderfolgenden Spielen erzielt haben.

Maidl: (lacht) Stimmt. Das war im Jahr 2000 beim Neubeginn der Starbulls in der Bezirksliga. Und im achten Spiel hab ich nur den Pfosten getroffen.

Zurück zum Profi-Eishockey. Was war da Ihr schönstes Erlebnis?

Maidl: Die Szene nach der ersten Meisterschaft, als Jürgen Lechl und ich die Meisterschale in der Hand hielten und ich zu ihm sagte: Weißt du es noch? 2:15 gegen Riessersee.

Es gab aber auch nicht so schöne Zeiten. An was erinnern Sie sich ungern?

Maidl: Natürlich an meine zwei schweren Verletzungen. Mit dem 16-fachen Kieferbruch am Freitag, 13. März, 1981. Ich warf mich in einen Schuss und wurde vom Puck im Gesicht getroffen. Mein Kiefer ist wie Glas zerbrochen. Ich habe bis Dezember des Jahres mit den Spätfolgen gekämpft. Vier Wochen lang wurde ich künstlich ernährt und habe acht Kilo abgenommen. Das war eine sehr schwere Zeit und da sind mir Hans Zach und Pavel Wohl extrem zur Seite gestanden. Das werde ich auch nie vergessen.

Vor den Olympischen Spielen 1988 den Knöchel gebrochen

So wie die zweite Verletzung, die Sie die Olympia-Teilnahme 1988 in Calgary gekostet hat.

Maidl: Olympische Spiele – das wäre mein Traum gewesen. Ich hatte von Bundestrainer Xaver Unsinn die Zusage bekommen und habe mir in einem Vorbereitungsspiel gegen Landshut ganz unglücklich den Knöchel gebrochen. So wurde es nichts mit Calgary und es blieb bei neun Länderspielen.

Die dritte Meisterschaft 1989: In der Düsseldorfer Kabine wurde kräftig gefeiert. Ganz oben Toni Maidl, links davon Karl Friesen und rechts Michael Pohl. Vorne von links: Reemt Pyka, Mondi Hilger und Butzi Reil.

Nicht geblieben ist es bei Rosenheim als einzigem Verein. Warum haben Sie den SBR 1990 verlassen?

Maidl: Ich habe einfach etwas anderes gebraucht. In Rosenheim gehörte ich nach zwölf Jahren zum Inventar. Es war alles selbstverständlich und ich war nie richtig anerkannt. In Berlin und danach in Kaufbeuren und Hannover habe ich gemerkt, um wie viel besser man spielen kann, wenn die Anerkennung da ist.

In Berlin haben Sie auch das Aus im Rosenheimer Eishockey verfolgt.

Maidl: Live im Fernsehen und unter Tränen, als die Firma März den Rückzug aus dem Eishockey bekannt gab und Rosenheim damit nicht mehr erstklassig war. Ich hatte vorher immerhin zwölf super Jahre in Rosenheim.

Eishockeytrainer nein, Fußballtrainer ja

In Berlin hat sich für Sie auch entschieden, nie Trainer zu werden. Warum?

Maidl: Ich sah meinen damaligen Trainer Dan Hober in Berlin nach seiner Entlassung weinen. Er war ein erstklassiger Coach, der sich einfach nicht mit irgendwelchen Stars arrangieren wollte. Diesen Gerechtigkeitssinn, den mir Hans Zach eingepflanzt hat, aufzugeben – das wollte ich nicht. Ich hätte wahrscheinlich Probleme mit Stars bekommen, die meinten, nicht alles für die Mannschaft tun zu müssen.

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Trotzdem sind Sie doch noch Trainer geworden: Fußballtrainer.

Maidl: Und das sogar mit Trainerscheinen. Ich habe Jugendteams, in denen mein Sohn Tobias und meine Tochter Melissa gespielt haben, trainiert. Ich habe sogar ein Angebot vom Verband gehabt. Nach meinem zweiten Schein hat Verbandstrainer Klante zu den anderen Traineranwärtern gesagt, sie sollen mein Training anschauen. Das sei klasse. Da bin ich richtig stolz gewesen.

Und in Klostersee waren Sie als Kapitän des Zweitligateams Interimscoach.

Maidl: Da waren wir eigentlich ganz erfolgreich und mir wurde ein Talent als Trainer nachgesagt. Trotzdem wäre der Trainerjob nichts für mich gewesen.

Autogrammkarte der Saison 1988/1989: Toni Maidl.

Jetzt dürfen Sie auch ohne Eishockey-Trainerschein ihre persönliche Starting-Six benennen.

Maidl: Das ist relativ einfach, obwohl ich mit so vielen tollen Spielern zusammengespielt habe. Im Tor Karl Friesen. In der Abwehr Jamie Masters und Rainer Blum und im Sturm Axel Kammerer, Markus Berwanger und Georg Franz. Fünf Spieler mit denen ich heute noch befreundet bin und mit Jamie Masters hatte ich Anfang der 80er-Jahre eine super lustige Zeit und er war ein toller Verteidiger.

Wer waren denn Ihre besten Mitspieler?

Maidl: Ich habe nur gute Mitspieler gehabt. Aber natürlich gab es Spieler, von denen ich sehr viel gelernt habe. Zum Beispiel vom dreifachen tschechischen Weltmeister Oldrich Machac oder auch von Peter Scharf. Ein unglaublich starker Spieler zu seiner Zeit war Ernst Höfner, der für mich jahrelang einer der besten Mittelstürmer in Deutschland gewesen ist. Aber wie gesagt: Es wäre ungerecht, da noch mehr zu nennen oder den einen oder anderen zu vergessen, denn es zählte ja nicht nur die Qualität auf dem Eis, sondern auch wie die Mitspieler menschlich waren.

Als Vorbild hatten Sie aber einen ganz anderen Spieler.

Maidl: Mein Vorbild war Jochen Mörz, mit dem ich später in Rosenheim zusammengespielt habe. Ich war Schülerspieler und habe ihn als Kapitän der Junioren-Nationalmannschaft gesehen und mir gedacht: So will ich auch einmal Eishockey spielen. Einige Jahre später habe ich ihn zusammengefaltet, wenn er seinen Job auf seiner linken Seite nicht gemacht hat.

Was macht Toni Maidl heute?

Maidl: Ich arbeite dreimal in der Woche auf der City-Golfanlage von Rainer Blum, weil es mir sonst zu langweilig wird. Ich renoviere mein Haus und ein Haus in München und kümmere mich um meine neue Partnerin Jutta, die mich aus meinem Dornröschenschlaf geweckt hat, was mir Spaß macht. Ich bin definitiv nicht mehr der Gleiche, der ich vor 20 Jahren gewesen bin.

Also auch nicht mehr der „Professor“?

Maidl: (lacht) Den Spitznamen hat mir der Axel Kammerer verpasst, weil ich beim Trivial Pursuit immer gewonnen habe und irgendwann nicht mehr mitspielen durfte.

Was wollten Sie sonst noch sagen?

Maidl: Wenn ich so 60 werde, will ich auch 100 Jahre alt werden.

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