Spielbetrieb im Amateurfußball: „Ein Saisonabbruch löst kein einziges Problem“

Vorstellungen und Empfehlungen:Die BFV-Spitze (von links Fabian Frühwirth, Leiter Kommunikation, Geschäftsführer Jürgen Igelspacher und Präsident Dr. Rainer Koch) bei der Videokonferenz für die Medienvertreter. bfv

Abbrechen oder im Herbst weitermachen? Das Präsidium des Bayerischen Fußball-Verbandes (BFV) hält eine Fortsetzung der Saison 2019/20 für alternativlos. Vor dem 1. September sei das in der Coronakrise aber unrealistisch, sagt Präsident Rainer Koch, der bei den Vereinen in zehn Videokonferenzen für seinen Vorschlag warb.

Rosenheim– Die 4600 Vereine durften bis gestern Abend abstimmen, wie es mit dem Amateurfußball zwischen der Bayernliga und der C-Klasse weitergehen soll. Das Ergebnis soll bereits am Montagnachmittag vorliegen. Koch ist zuversichtlich, dass die Vereine ihm folgen: In einer repräsentativen Umfrage für den BFV sprachen sich zwei Drittel gegen einen Abbruch aus. Die OVB-Heimatzeitungen beantworten die drängendsten Fragen rund um die Entscheidung.

Warum soll die Saison fortgesetzt werden?

„Für uns ist nur ein einziges Szenario vorstellbar: die Fortsetzung der Saison“, sagt Präsident Koch. Das wichtigste Argument dafür: „Die Gefahr, dass wir uns sonst zwei Spielzeiten kaputt machen, ist riesengroß.“ Denn tatsächlich kann niemand versprechen, dass wirklich Anfang September wieder gespielt werden kann. „So lange wir uns nicht die Hände schütteln dürfen und zwei Meter Abstand halten müssen, so lange werden wir keinen Amateurfußball spielen.“ Wenn die Virus-Pandemie bis dahin nicht besiegt ist oder später noch einmal aufflammt, kann es sein, dass die Saison noch später wieder aufgenommen werden kann oder erneut unterbrochen werden muss. „Wir brauchen eine Lösung, de uns so viel Flexibilität wie möglich lässt“, sagte Koch. Es ist allemal realistischer, bis Juni 2021 die restlichen zehn bis elf Spieltage der Saison 2019/20 unterzubringen als eine komplette Saison 2020/21. Von September 2020 bis Mai 2021 müssten dann in der Bayernliga mindestens 34 Spieltage ausgetragen werden. Zum Vergleich: Bis Ende August 2019 hatte der TSV Wasserburg schon neun Bayernliga-Spiele absolviert.

Was spricht gegen einen Saisonabbruch?

Nicht wenige Spieler und Trainer ersehnen einen Neustart im Spätsommer und wollen die seit Mitte März unterbrochene Saison nur noch vergessen. „Das fühlt sich dann an wie immer, wenn eine neue Saison losgeht – aber es fühlt sich nur so an“, warnt BFV-Geschäftsführer Jürgen Igelspacher. In Wahrheit sei mit einem Abbruch kein Problem gelöst. Er fürchtet Streit unter den Vereinen: Soll man die Saison einfach annullieren? Oder die Tabellenführer aufsteigen lassen? Doch was ist, wenn der Tabellenzweite zwei Punkte Rückstand und das Heimspiel gegen den Spitzenreiter noch vor sich hat? Wer Meister werden kann, bricht weniger gern ab als ein Verein, der dem Abstieg ins Auge blickt. Der BFV fürchtet Klagen – wie sie Vereine in Österreich und England den Verbänden schon angedroht haben, die den Amateurfußball bereits gestoppt haben. Bis die endgültig entschieden sind, könne es Jahre dauern. Und wenn es – wie gefordert – zwar Aufsteiger, aber keine Absteiger geben soll, wären alle Ligen überfüllt – und das, wo die Saison 2020/21 mindestens sechs Wochen später beginnen müsste.

Wie könnte die Saison 2020/21 aussehen?

Der BFV lässt sich da nicht in die Karten schauen. Alles hängt davon ab, wann die Spielzeit 2019/20 wirklich beendet ist. Realistisch ist das nicht vor November, vielleicht sogar erst im Frühjahr 2021. Eine Liga mit zwölf Teams hat es da leichter als eine mit 19. Fest steht aber: Für eine normale Saison ist danach kaum noch Zeit. Denkmodelle gibt es natürlich: etwa eine in zwei oder drei Gruppen geteilte Liga mit anschließenden Play-off-Spielen statt der Relegation. Oder, wenn dafür keine Zeit mehr bliebe, eine Pokalrunde ohne Auf- und Abstieg. „Unser Ziel ist: Am 1. Juli 2021 muss alles wieder im Lot sein“, fordert BFV-Präsident Koch.

Warum legt sich der BFV auf den 1. September fest?

Bis dahin sind Großveranstaltungen in Deutschland verboten. Ob vorher wenigstens trainiert werden kann, ist offen. „Der 1. September ist nicht in Stein gemeißelt“, sagt Verbandsspielleiter Josef Janker. Vier Wochen Vorlauf zum Trainieren soll es vor den ersten Punktspielen in jedem Fall geben.

Warum muss man jetzt entscheiden, wenn niemand weiß, wie lange die Krise dauert?

„Die Vereine wollen Planungssicherheit“, sagt Igelspacher. „Und das ist die einzige Möglichkeit, schnell Klarheit zu schaffen.“ Für viele Vereine geht es um die Existenz. 20 Prozent machen sich grundsätzlich Sorgen um ihre Zukunft, zehn Prozent um das finanzielle Überleben. Präsident Koch hofft, dass Bayern mit der Entscheidung zum Vorreiter für die anderen Landesverbände wird.

Und was wird aus der Regionalliga?

Klar ist: Auch dort geht es frühestens am 1. September weiter. „Geisterspiele“ haben die Vereine ausgeschlossen – zu wichtig sind die Zuschauer für die Finanzierung. Doch die Entscheidung liegt nicht allein in Bayern. Für die fünf Regionalligen braucht es eine einheitliche Regelung, geht es doch auch um den Aufstieg in die 3. Liga. Dort sind die Vereine tief gespalten, ob und wie es weitergehen soll. Einigt man sich wie in der Bundesliga auf Geisterspiele, könnte die nächste Drittliga-Saison beginnen, während in der Regionalliga noch die alte beendet wird. Was das für den bayerischen Regionalliga-Meister heißt, der in diesem Jahr direkt rauf dürfte? Völlig offen.

Wenn es im Herbst weitergeht, wer spielt dann für welchen Verein?

Vom Spielrecht her ist alles klar: Gewechselt werden kann erst nach dem Saisonende – wann immer das ist. Doch viele Arbeitsverträge mit den Vertragsamateuren und mit den Trainern laufen bis zum 30. Juni – darauf hat der BFV keinen Einfluss. Zu einem anderen Verein in Bayern könnten die Spieler dann zwar nicht wechseln, aber zum Beispiel nach Österreich. „Die Vereine müssen sich mit Spielern und Trainern einigen“, sagt Geschäftsführer Igelspacher. „Wenn ein Spieler weg will, will er sowieso weg.“ Zurzeit sind die meisten Verträge ohnehin „ruhend gestellt“, die Spieler bekommen kein Geld. Noch zu lösen ist auch die Frage, ob 18-jährige A-Junioren im Herbst für die Jugend- und die Herrenmannschaft spielen dürfen.

Und wenn die Vereine doch nicht weitermachen wollen?

„Wir sind nicht bereit, die Haftung für ein Abbruchszenario zu übernehmen“, sagt Koch im Namen des BFV-Vorstands. Als Rücktrittsdrohung wolle er das nicht verstanden wissen. Vielmehr müsse dann schnellstens ein außerordentlicher Verbandstag einberufen werden, der – online – über den Abbruch entscheiden würde. Dort könnten die Mehrheiten ganz anders aussehen – im schlimmsten Fall droht dann ein offener Konflikt mit der Basis.

Kommentare