Kiefersfeldens Skispringer Pius Paschke: Im Schatten der anderen zur Blüte gereift

Weltcup Skispringen in Titisee-Neustadt
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„Technisch und körperlich habe ich mich jedes Jahr entwickelt“: Pius Paschke ist zufrieden.
  • Thomas Neumeier
    vonThomas Neumeier
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Klar gibt es andere, die mehr im Rampenlicht stehen: Vierfach-Weltmeister Markus Eisenbichler zum Beispiel, Olympiasieger Andreas Wellinger oder auch Karl Geiger.  Es ist aber nicht so, dass Pius Paschke das fünfte Rad am Wagen im deutschen Skisprung-Team ist.

Kiefersfelden –  Pius Paschke aus Kiefersfelden ist in der deutschen Skispringer-Elite nicht das fünfte Rad am Wagen – das geht sich schon alleine nicht aus, weil beim Teamspringen ja nur vier Athleten benötigt werden. Die Geschichte des Kiefersfeldeners Paschke ist aber nicht nur interessant, weil er im vergangenen Winter eben im Team seinen ersten Weltcup-Sieg feiern durfte. Nein, Paschke hat auch viel zu sagen. Der 30-Jährige, der bis 2021 seine Ausbildung bei der bayerischen Landespolizei absolviert und zuletzt auch mehrere Wochen in Kiefersfelden seinen Dienst verrichtete, hat einen steinigen Weg hinter sich und ist nun dabei, die Ernte für alle seine Bemühungen einzufahren. Im exklusiven Gespräch mit der OVB-Sportredaktion erzählt Paschke von seinem späten Weg ins Weltcup-Team, gestiegenes Selbstvertrauen und den Draht zu seinem Nachwuchstrainer Karl Moser vom WSV Kiefersfelden.

Wie würden Sie sich selbst beschreiben?

Pius Paschke:  Ich bin eher der ruhige, introvertierte Typ. Ich bin nicht der, der gerne im Rampenlicht steht. Aber ich mache meinen Sport und das ganze Drumherum gerne – und natürlich genieße ich es, wenn an der Schanze viele Fans sind.

Sind Sie auch hartnäckig?

Paschke: Wenn ich mir etwas eingebildet habe, dann bleibe ich eigentlich schon sehr hartnäckig dran, ja. Leistungssport ist eine schöne Sache, weil man sich lange mit sich selbst und seinem Körper beschäftigen darf. Muße und Geduld gehören auf alle Fälle dazu – und da fehlt es bei mir nicht.

Stört es Sie eigentlich, dass Sie nicht so im Rampenlicht stehen wie andere Teamkollegen?

Paschke: Grundsätzlich stört mich das nicht. Es hat halt auch mit der sportlichen Leistung zu tun, daran wird man gemessen. Und wenn man sich mal anschaut, was die Jungs in unserem Team in den letzten Jahren da so geleistet haben, dann bin ich nicht derjenige, der hervorsticht. Ich bin da meinen eigenen Weg gegangen und da war die Entwicklung ganz gut.

Die Heim-Weltmeisterschaft im Blick: Pius Paschke kennt und mag die Schanze in Oberstdorf.

Wie würden Sie Ihren eigenen Weg beschreiben?

Paschke: Nicht unbedingt so, wie man sich eine sportliche Karriere von jungen Jahren her vorstellt. Ich bin eigentlich erst mit 27 Jahren länger im Weltcup gesprungen. In der letzten Saison war ich dann erstmals fixer Bestandteil der Mannschaft. Das ist eigentlich nicht üblich, weil man entweder davor schon nicht mehr die Möglichkeit dazu bekommt, oder es einfach auch nicht reicht und man dann aufhören muss. Ich war in den letzten Jahren immer so an der Schwelle und deshalb habe ich auch die Chance gekriegt.

Markus Eisenbichler hat gesagt, er bewundert Ihre Leistung, weil Sie schon als abgeschrieben galten und sich ins Team gearbeitet haben!

Paschke:  Das haben mir schon ein paar Leute so gesagt. Manchmal war es auch zäh, wenn man irgendwo in der 2. Liga festhängt und den Sprung nicht so richtig schafft. Ich habe es aber trotzdem nie als den ganz steinigen Weg gesehen, weil ich den Sport machen konnte, den ich auch machen wollte. Ich habe das immer als etwas Schönes gesehen und nicht als Belastung. Deshalb ist es mir auch nicht schwer gefallen, mich jedes Jahr wieder neu zu motivieren.

Sie haben also immer Ihre Chance gesehen?

Paschke: Genau. Es hat halt auch Jahre gegeben, in denen unsere Mannschaft im Weltcup sehr stark war. Da wäre ich in anderen Nationen von der Leistung her sicherlich schon Weltcup-Springer gewesen. Aber da waren halt bessere Leute da. Unser System hat aber immer Chancen zugelassen. Wenn man älter ist, dann bekommt man die Chance halt nicht so lange wie ein junger Athlet. Und da musst du dann überzeugen, ansonsten bist du gleich wieder raus.

Aber auch das jetzige Team ist doch mit Namen wie Wellinger, Geiger oder Eisenbichler recht stark. Warum sind Sie jetzt mittendrin?

Paschke: Ich habe mich in den letzten Jahren stetig weiterentwickelt. Das sieht man vielleicht in den Ergebnislisten nicht so auf den ersten Blick, aber technisch und körperlich habe ich mich jedes Jahr entwickelt. Die gute Basis ist da – und jetzt hat es auch dafür gereicht, dass ich im Weltcup im vorderen Feld mitspringe.

Gab es nie den Drang, die Latten ins Eck zu stellen?

Paschke: Nein. Es hat schon Momente gegeben, wo es nicht so Spaß gemacht hat, wie es Spaß machen sollte. Für mich war es immer ein Privileg, dass ich das machen durfte. Deshalb war es für mich auch kein Thema.

Wie ist das, wenn es nicht so Spaß macht, wie es Spaß machen soll?

Paschke: Meistens spielt dann der Kopf eine größere Rolle. Es hat auch Winter gegeben, wo es in der 2. Liga eher durchwachsen losgegangen ist. Wenn man sich dann höhere Ziele gesetzt hat und dann in der 2. Liga erst einmal um den zweiten Durchgang kämpfen muss – das sind dann die Situationen, die schwierig sind und wo man einen Lösungsweg finden muss.

Wie hat Ihr Lösungsweg ausgesehen?

Paschke: Ich habe versucht, mich in sämtlichen Bereichen zu verbessern: Körperlich, technisch, aber auch vom Kopf her, wo ich seit Längerem mit jemandem zusammenarbeite. Das sind Bausteine, die sich jedes Jahr entwickeln.

Gab es den einen Moment, wo es Klick gemacht hat?

Paschke: Nein. Ein wichtiger Punkt war, dass ich mir im letzten Herbst über den Continental Cup einen Platz im Weltcup gesichert habe. Dass ich mir den Startplatz selbst erspringe, war für mich in meinem Alter eigentlich die einzige Chance, um in den Weltcup zu kommen. Dort hat es vom ersten Wochenende an solide funktioniert und irgendwann merkt man halt, dass vielleicht noch mehr möglich wäre als Platz 20 oder 25. Aber das lernt man auch erst, wenn man mal ein bisschen weiter vorne gesprungen ist.

Auf einmal geht der Knopf auf und alles funktioniert...

Paschke: Nicht alles. Aber du hast einfach einen guten Zugang und weißt jedes Wochenende, was zu tun ist. Und da kriegt das einen Selbstläufer, ja. Aber das ist auch nicht immer gleich. Es gibt Schanzen, da kommst du hin und sagst: „Da springe ich einfach gut.“ Und dann gibt es Schanzen, wo man sich einfach reinarbeiten muss. Aber das sind auch wichtige Wettkämpfe, wenn man schwierig beginnt und dann einen Lösungsweg findet, wie es wieder besser laufen kann. Das ist dann sogar mehr wert.

Was sind denn so ihre Lieblingsschanzen? Und wo gehts noch gar nicht?

Paschke:  Es gibt zum Glück keinen Ort mehr, wo ich gar nicht mehr hin möchte – das war vor ein paar Jahren noch eher so. Mittlerweile habe ich meinen Weg gefunden, wie ich auf den verschiedenen Schanzen springen kann. Meine Lieblingsschanzen sind Stams in Österreich, wo ich im Sommer gerne trainiere, ich bin aber auch gerne in Oberstdorf, weil ich dort im Sportinternat war und die Schanze deshalb lange kenne. Für einen deutschen Athleten ist das wie das Hausstadion.

Gehen Sie jetzt mit einem anderen Selbstvertrauen in die Bewerbe?

Pius Paschke bezeichnet sich selbst als den „ruhigen und introvertierten Typen“.

Paschke: Ja, schon. Ich war früher eher der mit zu wenig Selbstvertrauen. Das hat sich jetzt aber Schritt für Schritt entwickelt. Das kann man sich aber auch nicht einreden, wenn man es selbst nicht glaubt. Ich habe erst die Erfahrung machen müssen, dass ich mit einzelnen Sprüngen auch in die Top-Ten reinspringen kann.

Blickt die Konkurrenz jetzt anders auf Sie?

Paschke: Da schaue ich gar nicht so darauf. Bis jetzt ist alles wie gehabt.

Wie war das Gefühl für Sie nach dem Teamerfolg, dem ersten Weltcupsieg?

Paschke:  Es war schon ein großes Ziel von mir, mal im Team dabei zu sein. Dass es dann auch für den Sieg gereicht hat, war schon schön.

Sie müssen sich Ihren errungenen Platz diesmal verteidigen. Sind die Voraussetzungen nun andere?

Paschke:  Das glaube ich nicht. Ich war im letzten Jahr ein fixer Bestandteil der Mannschaft. Jetzt ist die Mannschaft größer, weil ein paar Verletzte wieder zurückkehren. Man muss einfach mit Leistung überzeugen. Das war jedes Jahr so und ist für mich kein Problem.

Eine Heim-WM auf der Schanze, die man gut kennt: Das wäre doch was!

Paschke: Bei der WM dabei zu sein ist auf jeden Fall mein großes Ziel. Das war es schon, seitdem die WM nach Oberstdorf vergeben wurde.

Aber nicht nur Dabeisein, oder?

Paschke: Natürlich nicht. Nur mitfahren reicht dann sicher nicht. Ich werde versuchen, gut zu trainieren. Wenn es dann so weit ist, dann muss es aber auch genießen und versuchen, an dem Tag möglichst gut Ski zu springen.

Denken Sie eigentlich noch oft an die Anfänge in Kiefersfelden?

Paschke: Ja, schon. Ich telefoniere noch öfters mit meinem Heimtrainer Karl Moser. Da frage ich dann schon nach, wie es den Leuten im Verein so geht. Ich weiß gar nicht, wie lange er schon dabei ist. Als ich mit neun Jahren begonnen habe, da hat er gemeint: „Das ist jetzt der letzte Junge, den ich mache.“ Und jetzt bin ich 30 und er macht‘s jetzt immer noch und hat eine Gaudi daran.

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