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Studium mit 67 Jahren

Ex-Skisprung-Bundestrainer Rudi Tusch aus Siegsdorf: „Im Alter muss man was fürs Hirn tun.“

Der Siegsdorfer Rudi Tusch hat mit 67 ein Studium gestartet.
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Der Siegsdorfer Rudi Tusch hat mit 67 ein Studium gestartet.
  • VonKarlheinz Kas
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Physikvorlesungen mit Schwerpunkt der Allgemeinen Relativitätstheorie – damit beschäftigt sich aktuell der ehemalige Skisprung-Bundestrainer Rudi Tusch aus Siegsdorf. Denn so will sich der 67-Jährige geistig fit halten.

Siegsdorf – Zwei Mal noch hat Rudi Tusch als Leiter der TV-Koordination im Deutschen Skiverband zu tun, vom 11. bis 13. März beim Damen-Skisprung-Weltcup in Oberhof und eine Woche später bei den Skifliegern in Oberstdorf, dann geht er in den wohlverdienten Ruhestand.

Mitglied der Ribisl-Musi

Langweilig wird es dem Siegsdorfer aber sicher nicht. Er ist Mitglied der im Chiemgau beliebten Musikgruppe Ribisl-Musi und er hat sich in Eigenregie mit Physikvorlesungen mit Schwerpunkt der Allgemeinen Relativitätstheorie bei Prof. Paul Wagner an der Uni Wien beschäftigt.

„Im Alter muss man etwas fürs Hirn tun und die Thematik hat mich schon immer fasziniert“, begründet Tusch seinen doch recht ungewöhnlichen Schritt. Fast täglich lädt er sich Vorlesungen herunter oder schmökert in jenen fünf Büchern, die er sich zu dem Thema zugelegt hat. Auf Prof. Wagner war er über den You-Tube-Kanal gestoßen, das Thema begeistert ihn, seit der nach dem Abitur Mathematik und Physik studierte. Mathe schloss er ab, Physik brach er Mitte 20 ab, weil er damals schon dem Ruf des Sports folgte und hier als Skisprung-Bundestrainer wie auch danach als ranghoher DSV-Funktionär eine große Karriere hingelegt hat.

„Mein Hobby ist zum Studium geworden“

Fortan geht es bei Rudi Tusch also um Begriffe wie Summationskonvention, partielle Ableitung, Transformation, ko- und kontravariante Komponenten, kovariante Ableitungen und Krümmungstensoren. „Mein Hobby ist zum Studium geworden, man kann geradezu süchtig werden, die Differenzial-Geometrie ist ein wirklich spannender Themenbereich, es geht um Raum und Zeit“, sagt der Mann, der sich zum Ziel gesetzt hat, „die Relativitätstherorie komplett nachvollziehen zu können“.

Tusch wandelt also auf den Spuren von Albert Einstein, der Anfang des 20. Jahrhunderts mit der Theorie weltberühmt wurde und später den Nobelpreis erhielt. „Einstein war ein Genie, sein Einsatz galt auch immer der Völkerverständigung, dem Frieden und dem Sozialismus“, betont Tusch.

Mit 24 war die sportliche Karriere bereits beendet.

Geboren wurde Rudi Tusch in Oberstdorf und startete als Skispringer für den SC Oberstdorf. Er war deutscher Meister und bestritt einige Weltcups. Mit 24 aber war die sportliche Karriere bereits beendet. Er stieg als Co-Trainer bei Bundestrainer Ewald Roscher ein und wurde nach den Olympischen Spielen 1988 in Calgary Cheftrainer innerhalb des Deutschen Skiverbandes. Fünf Jahre lang führte er die deutschen Skispringer von Erfolg zu Erfolg. Unter seiner Regie gewannen Jens Weißflog und Dieter Thoma die Vierschanzentournee, Thoma wurde zudem Skiflugweltmeister.

WM 1993 in Falun endeten mit deutschem Debakel.

Aber die Weltmeisterschaften 1993 in Falun endeten mit einem deutschen Debakel. „Ich hatte den damals neuen V-Stil nicht richtig eingeschätzt, da war der Misserfolg vorprogrammiert“, gesteht Tusch heute und bot damals seinen Cheftrainer-Posten an. Während Reinhard Hess den Job übernahm, wechselte Tusch innerhalb des DSV in die sportliche Leitung. 15 Jahre lang bekleidete er den Posten, bis der Berchtesgadener Stefan Kraus auf ihn zukam und ihm die Kooperation mit den Fernsehanstalten anbot. Von 2008 bis 2020 übernahm er die Verantwortung bei den TV-Produktionen auf deutschem Boden, gab den Posten an die bekannte ZDF-Reporterin und Moderatorin Katja Streso ab und ist seither noch mit einem Beratervertrag ausgestattet.

Siegsdorf der Liebe wegen

Nach Siegsdorf kam Tusch der Liebe wegen. Jugendfreundin Marianne hatte er wegen des Studiums in München und seinem Sport-Engagement aus den Augen verloren. Und wie das Leben so spielt, trafen sie sich nach 20 Jahren wieder. Folge: Neue Liebe, neues Glück, Wohnung in Bergen, danach in Siegsdorf. Am 20. Dezember 2000 heirateten die beiden und leben seit dieser Zeit in Siegsdorf. „Jetzt sind wir nicht nur verheiratet, jetzt spielen wir auch in der gleichen Musikgruppe“, erzählt der Wintersportexperte. 2021 fanden 40 Proben statt und – bedingt wegen Corona – nur zwölf Auftritte, zumeist auf Almen in den Chiemgauer und Berchtesgadener Alpen.

Tusch selbst spielt jeden Tag Ziach, was er sich selbst beigebracht hat, seine Frau ist zuständig für Gitarre und Gesang. Ergänzt wird die Gruppe durch den Trostberger Rudi Rudholzner, ein pensionierter Gutachter und begeisterter Tennisspieler, und Gebhard Götzinger, ein Ex-Pilot, der sich im Rentenalter befindet und die Klarinette spielt.

Mit seiner Frau zum Biken in die Berge

Und wenn nicht gerade geprobt oder gespielt wird und die Vorlesung beendet ist und die „Einstein“-Bücher in der Ecke stehen, dann geht’s in den Fitnessraum oder mit der Frau zum Biken in die Berge. Rund um Siegsdorf gibt’s ja genug. Fit ist Rudi Tusch allemal und glücklich sowieso. „Ja, ich sollte ja Mathematik- und Physiklehrer werden, aber wie es gelaufen ist, bereue ich keine Minute“, sagt einer, der sich mit 67 zum Selbststudium entschlossen hat.

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