6 Tore gegen Tuchel und Nagelsmann: Als ein Rosenheimer die Champions-League-Trainer abschoss

Am 4. August 2007 waren Thomas Tuchel und Julian Nagelsmann an einem legendären Spiel gegen den SB Rosenheim beteiligt. Der eine als Spieler, der andere als Trainer.
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Am 4. August 2007 waren Thomas Tuchel und Julian Nagelsmann an einem legendären Spiel gegen den SB Rosenheim beteiligt. Der eine als Spieler, der andere als Trainer.
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    Thomas Neumeier
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Champions-League-Halbfinale am Dienstagabend in Lissabon – und es stehen sich mit Thomas Tuchel und Julian Nagelsmann zwei deutsche Coaches gegenüber. Und an dieser Stelle gibt es auch eine Verbindung nach Rosenheim – zum ehemaligen Torjäger Sepp Heller.

Rosenheim/Lissabon – Was also haben die Trainer von RB Leipzig und Paris Saint-Germain, Julian Nagelsmann und Thomas Tuchel mit dem ehemaligen 1860 Rosenheim- und SBR-Torjäger Sepp Heller zu tun? So viel, dass sich beide mit Sicherheit an ein legendäres Spiel erinnern. In diesem Landesliga-Spiel am 4. August 2007 war Thomas Tuchel Trainer von Augsburg 2 und Julian Nagelsmann sein Spieler.

Eine historische Leistung im August 2007

„Ist das schon wieder so lange her“, entfuhr es Sepp Heller, als er von der OVB-Sportredaktion auf den 4. August 2007 angesprochen wurde. Das sagte Sepp Heller vor rund drei Jahren, anlässlich des „Zehnjährigen“.

Ein Spiel, in dem er als Stürmer des SB/DJK Rosenheim in der Fußball-Landesliga Süd eine historische Leistung ablieferte. Eine Partie, die jetzt noch eine ganz besondere Note bekommen hat, weil sich Nagelsmann und Tuchel am Dienstag in Lissabon im Champions League-Halbfinale gegenüberstehen.

Die Werbung stimmte bei Sepp Heller nicht ganz: Ein Mann – sechs Treffer hieß es vor 13 Jahren beim Spiel in Augsburg. Ziegler/dpa

Befreiungsschlag in kurioser Begegnung

Der 6:2-Erfolg des SBR damals bei der zweiten Mannschaft des FC Augsburg auf dem Trainingsgelände der Fuggerstädter an der Donauwörther Straße war schon damals für die Sportbündler eine besondere Angelegenheit: Der Aufsteiger feierte seinen ersten Saisonsieg, es war für den SBR der erste Landesliga-Erfolg nach einem Vierteljahrhundert Abstinenz in dieser Spielklasse.

Und Heller war der Matchwinner, weil er alle sechs Treffer erzielte. „Wir hatten die ersten Spiele verloren, und das Wasser ist uns schon ein bisschen bis zum Hals gestanden“, erinnert sich Walter Werner, damaliger Trainer vom SB/DJK. Dann kam der Befreiungsschlag in einer kuriosen Begegnung.

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Denn: Die Gäste gewannen mit 6:2, die spielstarken Augsburger aber lieferten eigentlich eine grandiose Leistung ab. „Die waren bombastisch und haben uns phasenweise nach Strich und Faden hergespielt“, sagt Heller. Christoph Börtschök, jetziger Kapitän und einzig verbliebener SBR-Spieler aus dem damaligen Kader, ergänzt: „Vom Spiel haben wir nicht viel gehabt.“

Heller: „Ich weiß noch fast jede Situation“

Aber der Sportbund hatte ja Heller und dessen Treffsicherheit. „Ich weiß noch fast jede Situation“, sagt Heller auch noch heute. Also kennt er auch noch jedes Tor? So ziemlich: „Beim ersten habe ich ein Zuspiel von Torben Gartzen aus dem Lauf mit dem linken Fuß ins rechte Eck gedonnert, dann war ein Elfmeter dabei, in der zweiten Halbzeit mal ein Alleingang von der Mittellinie, da habe ich zwei, drei Leute ausgespielt. Einmal hat mir Michael Krauss den Ball quergelegt. Und das sechste Tor war fast von der Torauslinie ins lange Dreieck.“

Der Spielbericht vom 4. August 2007 mit der Aufstellung von beiden Teams.

Immer zum richtigen Zeitpunkt getroffen

„Er hat einen Sahnetag erwischt“, sagt sein ehemaliger Trainer Werner, dem vor allem das erste Tor in Erinnerung blieb. „Den hat er diagonal im Winkel versenkt. Und dann hat er permanent zur richtigen Zeit getroffen.“

Stimmt, denn nach den ersten beiden Toren – 5. und 13. Minute – schaffte Augsburg bis zur 32. Minute den Ausgleich, ehe der Angreifer dann vom Elferpunkt zur neuerlichen Führung traf (40.). Nach dem Wechsel erhöhte er (67.) und machte dann mit zwei weiteren Toren (74. und 82.) alles klar.

Der junge Trainer Thomas Tuchel machte Dampf

Es war heiß an diesem Tag, aber nicht nur von den Temperaturen her: Augsburgs Kapitän musste nach einem Foulspiel früh raus, ein FCA-Spieler sah die rote Karte und die Hausherren vergaben beim Stand von 2:4 noch einen Elfmeter, den Sportbund-Tormann Simon Vockensperger parierte. „Ich bin natürlich schon öfter auf dieses Spiel angesprochen worden. Ich rede dann immer davon, dass der Simon den Elfmeter gehalten hat. Wenn der drin gewesen wäre, dann hätten wir das Spiel verloren“, vermutet Heller.

Wäre das 3:4 gefallen, dann hätte einer an der Seitenlinie noch einmal richtig Dampf gemacht: Trainer beim FC Augsburg II war damals ein junger Mann namens Thomas Tuchel. „Der hat die ein oder andere Schiedsrichter-Entscheidung nicht so toll gefunden“, erinnert sich Heller über den tobenden Coach. Und Walter Werner weiß noch, „dass es in der Halbzeit in der Augsburger Kabine sehr laut war“.

Die Bestätigung der Teilnahme am Hallenturnier in Rosenheim durch den damaligen Sportlichen Leiter Nachwuchs beim FCA Thomas Tuchel.

50 Euro Fahrtkosten für Tuchels U19-Team aus der eigenen Tasche bezahlt

Der Anruf kam in der Mittagspause. „Hallo, Herr Neumeier. Hier ist Thomas Tuchel, FC Augsburg“, sprach jemand am anderen Ende der Leitung. Im Oktober 2005 war ich gerade dabei, das Teilnehmerfeld für mein internationales Hallenfußballturnier für A-Junioren um den März-Cup zusammenzustellen – und hatte auch den FC Augsburg angeschrieben. Nur eine Woche später kam der Anruf Tuchels, der damals Sportlicher Leiter beim FCA-Nachwuchs war.

Er erklärte seine grundsätzliche Bereitschaft zur Teilnahme, wollte aber noch einige Bedingungen seinerseits abklären: Keine Startgebühr (wurde eh nie verlangt), kostenlose Verpflegung für Spieler und Betreuer beim Turnier (auch das war inbegriffen) und die Übernahme eines Fahrtkostenanteils. „Was hätten Sie sich da vorgestellt“, fragte ich Tuchel am Telefon. Die Antwort lautete: „50 Euro“. Bei 17 Auflagen des Hallenturniers waren Profi-Teams von 1860 München, Greuther Fürth und Jahn Regensburg am Start, dazu internationale Gäste von österreichischen Erstligisten wie LASK Linz, SV Ried, Wacker Innsbruck und SKN St. Pölten – und nie hatten wir Fahrtkosten bezahlt. Dennoch sagte ich zu. Im Januar kam Tuchel mit dem FC Augsburg dann – und wurde am Ende mit seinem Team Fünfter, weil er unter anderem gegen unsere Mannschaft mit 1:4 verloren hatte.

Bei der Siegerehrung gab ich ihm dann die 50 Euro – übrigens aus meiner Tasche, weil die Turniereinnahmen für den Nachwuchs gehörten und ich meinen damaligen Verein auch nicht belasten wollte. In diesen 17 Turnieren konnten wir langjährige Bundesligaspieler wie Nicolai Müller oder Stefan Aigner, österreichische Nationalspieler wie Florian Klein oder aufstrebende Talente wie Florian Neuhaus oder Dennis Dressel in Rosenheim begrüßen – dass ein Welt-Trainer wie Thomas Tuchel mit dabei war, setzt den schönen Erinnerungen natürlich die Krone auf. Sollte er diese Zeilen vielleicht doch mal zum Lesen bekommen: Herr Tuchel, könnte ich bei Ihrer Champions-League-Prämie die 50 Euro wieder zurückbekommen? Ich würde Sie auch für einen guten Zweck spenden! Oder soll ich mich doch an den FC Augsburg wenden, der ja mittlerweile auch seit zehn Jahren in der Bundesliga spielt?  Thomas Neumeier

Der 20-jährige Nagelsmann verletzt

Der spätere Senkrechtstarter als Bundesliga- und Champions-League-Trainer, DFB-Pokal-Sieger mit Borussia Dortmund, Double-Sieger mit Paris und aktuel CL-Halbfinalist konnte aber mit seinem Engagement die Heller-Show nicht verhindern.

Auch ein anderer Durchstarter der Trainergilde war damals auf verlorenem Posten: Julian Nagelsmann war als 20-jähriger Jungspund auf dem Platz, musste aber nach 17 Minuten verletzt runter. Es war das vorletzte Spiel des aktuellen Leipzig-Trainers im höheren Amateurbereich, ehe er seine Karriere beenden musste und die Trainerlaufbahn einschlug, die ihn nun ins Champions- League-Halbfinale brachte.

So blieb die große Bühne an diesem Tag dem Rosenheimer Stürmer Sepp Heller mit seinem „Sixpack“ vorbehalten.

FCA-Tore durch den damals 19-jährigen Stephan Hain

Und weil wir schon bei den klingenden Namen auf Augsburger Seite waren: Die beiden FCA-Tore erzielte ein Youngster namens Stephan Hain, einstiger Bundesliga-Profi und jetzt Goalgetter beim Drittligisten SpVgg Unterhaching. „Der war technisch brutal stark und mit seinen 19 Jahren unglaublich abgeklärt. Da war schon zu sehen, dass er den Weg gehen kann“, sagt Heller. Und vielleicht hat sich Hain für diesen Weg ja auch was beim Sechs-Tore-Mann auf der anderen Seite abgeschaut...

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