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SCHIESSSPORT

Schießsport kann echte Inklusion

Sepp Neumaier ist einer der Vorreiter bei der Einbindung behinderter Sportschützen. sgr
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Sepp Neumaier ist einer der Vorreiter bei der Einbindung behinderter Sportschützen. sgr

Mühldorf/Waldkraiburg/ Landkreis. – Die Inklusion, also die Einbindung behinderter Sportschützen und Hobbyschützen in den allgemeinen Schießbetrieb und Leistungssport, steht seit jeher auch im Focus der deutschen und bayerischen Sportschützen.

Dazu gehört auch der Schützengau Mühldorf, der dazu vor allem auch für den unteren Bereich der Sportschützen eigene Regelungen innerhalb des Gaues Mühldorf für die Gaumeisterschaften und die Gaurundenwettkämpfe, geschaffen hat.

International und dabei im besonderen Blickpunkt der Öffentlichkeit stehen aber die ISCH (International Shooting Competitions) in Hannover, das neue Bundesleistungszentrum in Wiesbaden mit Natascha Hiltrop, Paralympische-Medaillengewinnerin, als neue Sport-Inklusionsmanagerin beim DSB (Deutschen Schützenbund) und natürlich auch die dazu gehörenden Europa- und Weltmeisterschaften bis hin zu den Paralympics. Sie zeigen wie gut Inklusion im Sport, vor allem im Schützensport funktionieren kann. Eine Premiere feierten in Hannover die Wettbewerbe für Blinde und Gehörlose, ein echtes Vorbild in Sachen Inklusion im Schützensport.

Gerade aus unserer Region mit Bernd Schott, dem mehrfachen Welt- und Europameister, oder auch Sepp Neumaier, mehrfacher deutscher- und Weltmeister, sowie erfolgreicher Medaillengewinner bei den Paralympics und einer der ersten Rollstuhlfahrer in der Bundesliga mit Gilde Waldkraiburg, gibt es Vorreiter in Sachen Inklusion im Schützensport.

Bei einem der größten Inklusions-Wettkämpfe trat auch Bernd Schott aus Waldkraiburg an den Schießstand. Vollgepackt mit einem großen Wagen betrat das Ehepaar Schott den Schießstand bei der ISCH in Hannover; darauf eine große Tasche, ein Gewehr und ein selbstgebauter Tisch. Alexandra Schott, selbst eine begeisterte Sportschützin, begleitet ihren Mann Bernd auf jeden Wettkampf, nicht nur aus Spaß an der Freude, sondern weil er sie braucht – mehr denn je. Über 20 Jahre war Bernd Schott (52) auf der Jagd nach Medaillen für Deutschland. Er ist mehrfacher Welt- und Europameister, schoss deutsche Rekorde mit dem Luftgewehr, im Kleinkaliber und der Armbrust, ja, bis es eines Tages dunkel wurde.

Ein Schlaganfall während der Arbeit veränderte sein Leben und auch das seiner Frau. Aber eines beschloss Bernd Schott bereits auf der Intensivstation, kurz nachdem er aus dem Koma erwacht ist: „Ich will wieder schießen. „Einen Satz, an den er sich heute selbst nicht mehr erinnert, aber ein Glaube an die eigene Kraft im tiefsten Inneren, der Berge versetzt hat. Heute, fünf Jahre später, geht alles etwas langsamer und beschwerlicher, ein Stock hilft ihm die halbseitige Lähmung beim Gehen auszugleichen. Das Schießen ist nur noch mit Federbock und der Ladehilfe seiner Frau möglich. Doch das allerwichtigste ist: Er ist wieder da; da bei seinen Freunden, da mit seinem Herzen. „Das Schießen ermöglicht mir raus zu gehen in die Öffentlichkeit, mich über die Behinderung auszutauschen, meine alten Kollegen wieder zu treffen. Diese Kameradschaft ist viel Wert“, erzählt Bernd Schott: „Es ist schön, nicht abgeschrieben zu werden und wieder dabei sein zu können.“ Was dabei hilft, ist Inklusion. Doch was bedeutet das genau? Inklusion heißt nichts anderes, als dass jeder Mensch ganz natürlich dazu gehört. Egal wie er aussieht, egal wo er herkommt, egal ob mit oder ohne Behinderung. Jeder soll mitmachen können, jeder soll mitschießen können. Dafür bietet das Sportschießen die Möglichkeit, gerade auch im Mannschaftssport, wo die Durchlässigkeit vom Schüler bis zu den Senioren und Schützen mit Handicap, also behinderte Schützen, gegeben ist.

Der Deutsche Schützenbund (DSB) ist mit seinen strategischen Planungen den Weg von bereits bestehender Integration (Wettbewerbe für Menschen mit Behinderungen gibt es schon lange im DSB), weiter zu inklusiven Sportangeboten, also gemeinsam durchgeführtem Sport, gegangen. Von besonderer Bedeutung dafür sind die Regelungen zum Schießsport für Menschen mit Behinderung in der Sportordnung des Verbandes. Seit 2015 sind im eigenen Teil 10 der Sportordnung die verschiedenen Spezifikationen und Klassifizierung beschrieben, so dass auf allen Ebenen Wettbewerbe gemeinsam geschossen werden können – von Breitensport bis zur Bundesliga. Genau diese Regelungen und die damit verbundene volle Inklusion haben dazu geführt, dass die Deutsche Olympische Gesellschaft den DSB 2013 mit der Fair-Play-Plakette ausgezeichnet hat.

Bereits seit der Luftgewehr-Bundesliga-Saison 2011/2012 treten in der höchsten Leistungsklasse eines olympischen Sportfachverbandes in Deutschland Männer, Frauen, Deutsche und Europäer sowie Athleten mit und ohne Behinderung gemeinsam an. Doch genau diese Tatsache, findet nicht bei allen Schützen Anklang, wie sich Josef Neumaier, einer der ersten Rollstuhlfahrer in der Bundesliga, erinnert: „Natürlich gibt es viele Skeptiker, aber die Untersuchungen an der Sporthochschule Köln haben ergeben, dass der Vorteil des Sitzens durch die geringe Auflagefläche der Hüfte verpufft.“ Getestet wurden damals sowohl Leistungsschützen mit als auch ohne Behinderung (sitzend und stehend) sowie Studenten. „Am Ende entscheidet die Psyche und die Technik, die man sich erarbeitet hat“, ist sich Neumaier sicher. Auch Lisa Haensch, damals Neumaiers Teamkollegin in der Bundesliga war ebenfalls skeptisch: „Ich muss zugeben, ich habe das auch zwiespältig gesehen, aber bevor man vorschnell urteilt, sollte man sich informieren, sich alles genau erklären lassen und erst dann ein Urteil darüber fällen.“ So sieht es auch der Referent für „Schützen mit Handicap“, Franz Rampl, im Schützengau Mühldorf, der sich als ehemaliger Leistungsschütze, zuletzt selbst diesen Vorurteilen ausgesetzt sah, und, auch aus seiner Erfahrung heraus, keinerlei Vorteile für Schützen mit Behinderung durch die zugelassenen Hilfsmittel sieht.

Mit der Fertigstellung eines weiteren Pilotprojekts innerhalb des DOSB, des Neubaus des „olympischen und paralympischen Bundesleistungszentrums für Schieß- und Bogensport“ in Wiesbaden, beginnt ein weiteres Kapitel in Sachen Inklusion beim DSB. Eine, die dort den inklusiven Sport nach vorne bringen will, ist Natascha Hiltrop, Paralympics-Silbermedaillengewinnerin in Rio 2016. Sie ist Teil des gemeinsamem Projektes des DOSB und des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BAMS): „Qualifiziert für die Praxis: Inklusionsmanager/innen für den gemeinnützigen Sport“.

Ziel des Deutschen Schützenbundes im Rahmen des gemeinsamen Projekts von DOSB und BAMS ist es auch, Menschen mit einer Behinderung für eine hauptamtliche Tätigkeit im gemeinnützigen Sport zu gewinnen, zu qualifizieren und damit die Inklusion im und durch Sport weiter voranzubringen.

Dies soll den hohen gesellschaftlichen Wert der Inklusion nachhaltig stärken. Der Schieß- und Bogensport sind als Plattform für die Inklusionsarbeit bestens dazu geeignet.

Wie das funktioniert, zeigen Bernd Schott und Josef Neumaier, die seit Jahren gemeinsam trainieren. Früher half Bernd Schott Josef Neumaier auf dem Weg nach oben, gab ihm zahlreiche Tipps und Tricks aus seinem Erfahrungsschatz als Weltklasse-Schütze, heute ist es genau umgekehrt und er profitiert von der Erfahrung seines Schützenkollegen im paralympischen Sport.

Zwei Freunde, die sich durch den Sport gefunden haben, die voneinander profitieren und früher sowie heute miteinander unterwegs sind und sich dabei so akzeptieren, wie sie sind: Das ist echte Inklusion. ram

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