Die ranghöchste Sportfunktionärin Oberbayerns sagt: „Von der Normalität noch ganz weit weg“

Claudia Daxenberger aus Truchtlaching ist als Bezirksvorsitzende des BLSV für alle oberbayerischen Vereine zuständig.
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Claudia Daxenberger aus Truchtlaching ist als Bezirksvorsitzende des BLSV für alle oberbayerischen Vereine zuständig.

Als Teilnehmerin an Skikursen kam sie seinerzeit zum Sportverein. Mittlerweile ist der Sport ihr Leben, denn Claudia Daxenberger sie ist als Bezirks- und Kreisvorsitzende des Bayerischen Landes-Sportverbandes (BLSV) die ranghöchste Sportfunktionärin Oberbayerns.

Truchtlaching– Die 49-jährige Claudia Daxenberger aus Truchtlaching ist als Bezirks- und Kreisvorsitzende des Bayerischen Landes-Sportverbandes (BLSV) die ranghöchste Sportfunktionärin Oberbayerns. Sie gibt im Interview nicht nur Einblicke in die geplanten Corona-Lockerungen, die einem Vier-Stufen-Plan unterliegen, sondern äußert auch ganz konkret einen Wunsch: „Allen Ehrenamtlichen, Trainern und Übungsleitern, die sich in Vereinen engagieren, sollte Dank und Wertschätzung entgegengebracht werden. Damit kann man diese Leute motivieren, auch in Zukunft wieder alles richtig in Schwung zu bringen.“

Wie muss man sich Ihren persönlichen Mehraufwand wegen Corona vorstellen?

Claudia Daxenberger: Ich kann da nicht jammern, aber es gab in der Tat auch vorher schon sehr viel zu tun. Für jeden Verein, der eine Bau- oder Sanierungsmaßnahme plant, muss ich eine Stellungnahme abgeben – ob das der Kunstrasen in Fridolfing oder die Bewässerungsanlage in Pittenhart ist, um nur zwei Beispiele zu nennen. Ich besuche die Vereine natürlich auch, um sie vor Ort zu beraten. Hintergrund ist, dass sich die Höhe der Zuschüsse, die die Vereine vom Freistaat bekommen, seit Juli 2019 verdoppelt hat. Ich hoffe übrigens auch, dass das so bleibt, denn wir haben im Kreis viele Vereine, bei denen solche Maßnahmen anstehen – die Zahl der Anträge hat sich im Vergleich zu früheren Jahren verdreifacht.

Diverse Lockerungen lassen die heimischen Sportler ein bisschen aufatmen. Schlecht sieht es jedoch nach wie vor für Mannschaftssportarten aus, oder?

Daxenberger: Ich würde es allen gönnen, ihren Sport ausüben zu können – vor allem auch den Kindern, die dringend Bewegung als Ausgleich fürs viele Sitzen benötigen. Kinder sind auf Motorik gepolt, und der Schulsport fällt ja zurzeit auch komplett weg. Ich weiß von vielen Mamas, dass sie auf Anschlag sind. Leider sind wir aber noch weit entfernt von der Rückkehr zum Kontaktsport – auch wenn es ab 8. Juni die nächsten Lockerungen gibt, dann darf beispielsweise ein Trainer wieder mit 19 Spielern arbeiten.

Was kann man unternehmen, um im Teamsport trotz der Abstandsregel einen vernünftigen Trainingsbetrieb anzubieten?

Daxenberger:Ja, ich weiß: Von der Normalität sind wir im Mannschaftssport noch weit weg. Wichtig ist es jetzt, Formen zu finden, um die Kinder fit zu halten. Die Fachverbände, mit denen wir in engem Austausch stehen, haben sich da einiges einfallen lassen, was für Trainer und Betreuer auch ganz gut umzusetzen sein sollte. Trotzdem gebe ich ehrlich zu: Eigentlich bräuchte man in jedem Verein einen Corona-Koordinator, weil das Spektrum – was es alles zu beachten gilt – einfach unheimlich breit ist. Es ist schon eine große Herausforderung, gewisse Lockerungen einerseits und Hygiene-Konzepte andererseits in Einklang zu bringen. Da stoßen die Ehrenamtlichen definitiv an Grenzen.

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Tennis gehört sicher zu den Gewinnern. Dennoch hört man aus vielen Vereinen, dass sie auf den Liga-Betrieb verzichten, weil sie zu viele kleine Fahrgemeinschaften bräuchten, um zu den Gegnern zu tingeln.

Daxenberger:Ich habe da vollstes Verständnis dafür, kenne die Problematik auch deshalb, weil meine Töchter beim SV Truchtlaching Tennis spielen. Wenn nur Personen aus maximal zwei Hausständen im Auto sitzen dürfen, benötigt man für Auswärtsfahrten teilweise doppelt so viele Autos als im Normalfall. Abgesehen davon, dass das schwierig zu organisieren ist, fällt das Gesellige und Persönliche weg. Das im Tennis übliche Zusammensitzen mit dem Gegner, das in der Regel familiär mit Grillen, Kaffee und Kuchen abläuft, ist also auch nicht in seiner normalen Form möglich.

Der FC Bayern unterstützt nicht nur Fußball-Amateurclubs, sondern auch den BLSV. Können Sie dazu mehr sagen?

Daxenberger:Eine tolle Sache. Der BLSV hat von den Bayern 100 000 Euro bekommen, die für die Nachwuchsförderung der Bayerischen Sportstiftung verwendet werden. Auf diese Weise wurde früher zum Beispiel auch Skisprung-Olympiasieger Andi Wellinger unterstützt. In einer weiteren Aktion – „Helden der Krise“ – werden auch noch 20 Vereine mit jeweils 3000 Euro bedacht, übrigens nicht nur Fußballvereine. Dafür kann man sich entsprechend bewerben.

Sie hatten zuletzt eine große, bayernweite Videokonferenz. Die wichtigsten Punkte?

Daxenberger:Neben einigen Punkten, die ich im Verlauf dieses Gesprächs bereits erwähnt habe, ist vor allem der Vier-Stufen-Plan des Innenministeriums vorgestellt worden. Der wurde mittlerweile veröffentlicht und ist auch größtenteils bekannt. Leider wissen wir nicht, wann welche Stufe in Kraft tritt. In Stufe eins befinden wir uns. Stufe zwei, ab 8. Juni, beinhaltet die Wiederaufnahme des Lehrgangsbetriebs sowie die Öffnung von Hallenbädern. In Stufe drei wird der Wettkampfbetrieb für kontaktlos betriebene Sportarten im Indoor-Bereich freigegeben. Und Stufe vier ist wohl die, auf die die meisten Leute warten: Hier soll der Sport-, Trainings- und Wettkampfbetrieb von Sportarten mit Kontakt erlaubt werden, ebenso Sportveranstaltungen im Freien oder in Hallen und Räumen mit Zuschauern. Fußballer oder auch Kampfsportler müssen sich also mit am längsten gedulden.

Gibt es auch ein positives Echo – zum Beispiel, weil man viele Sitzungen online durchführen kann?

Daxenberger:Definitiv. Von virtuellen Geschichten wird sicher einiges hängen bleiben. Auch für die Übungsleiter gibt es eine gute Nachricht: Die Zahl ihrer Unterrichtseinheiten, die sie jährlich zur Lizenzverlängerung benötigen, sind heuer von 15 auf zehn reduziert worden. Und wer eigentlich heuer verlängern muss – das ist sicher ein Viertel unserer mehr als 1000 Übungsleiter – kann das auch bis Ende 2021 tun.

Keine Eintrittsgelder, kein Brotzeit-Verkauf am Platz, keine Turniere und Sommerfeste, sprich fehlende Einnahmen – hätten Sie Verständnis dafür, falls die Vereine ihre Mitgliedsbeiträge erhöhen?

Daxenberger:Dass heuer viele Einnahmequellen wegfallen, ist sehr bitter, denn mit Mitgliedsbeiträgen allein kann ein Verein seinen Betrieb nicht finanzieren. Ich kann nur jedes Mitglied bitten, seinem Verein treu zu bleiben und ihn jetzt auf keinen Fall hängen zu lassen. Die meisten Clubs haben zwar ein finanzielles Polster, um die Krise zu stemmen. Aber mal ganz ehrlich: Wenn ich sehe, wie hoch zum Beispiel in München teilweise die Mitgliedsbeiträge sind, dann kann ich nur betonen, dass die Vereine hier definitiv nicht unverschämt sind. Alle Eltern, die mal eine besondere Geburtstagsparty oder einen Ausflug mit der Familie organisieren, sollten mal ehrlich sein und vergleichen: Wie viel kostet so ein Tag? Und wie wenig kostet es jährlich, das Kind zwei oder drei Mal pro Woche zum Sportverein zu schicken? Interview: Settele

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