Ralph Denk: „Lieber im Herbst eine Tour, bevor wir gar nicht fahren“

Ralph Denk:„Natürlich wird es Defizite geben.“
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Ralph Denk:„Natürlich wird es Defizite geben.“

In Zeiten wie diesen sind die Führungskräfte gefordert. Ralph Denk vom Raublinger Profi-Radrennstall Bora-hansgrohe musste auch umdenken. Statt sein Team an die Spitze der Weltrangliste zu führen, steht nun erst einmal außersportliches Krisenmanagement auf dem Programm.

Raubling– Die ersten Aufgaben hat der Teamchef dabei bravourös gemeistert – er hat alle Teammitglieder nach Hause gebracht. Im Gespräch mit der Sportredaktion erzählt Denk von den Schwierigkeiten in den letzten Tagen und den Problemen, die nun bevorstehen.

Hallo, Herr Denk. Haben Sie alle Fahrer. Mechaniker und Physios wieder daheim?

Ja, das haben wir. Und das war unser oberstes Ziel. Wir hatten den Stillstand schon vermutet und wollten, dass die Leute den wenigstens bei der Familie verbringen können und nicht in irgendeinem Hotelzimmer. So eine Quarantäne hätte brutal auf die Moral gedrückt.

Um wie viele Leute handelte es sich und wo waren die alle verstreut?

Wir haben 80 Leute aus verschiedenen Orten wieder heimgeholt. Wir sind ja oft mit drei Teams parallel unterwegs, diesmal in Nizza, der Sierra Nevada und in Italien. Es war schon eine Herausforderung, die alle von dort weg und vor allem auch in ihre Heimatländer zu bringen.

„Ein klarer Plan ist immer wichtig“ Wie wichtig war da die bereits vorhandene Logistik?

Ein klarer Plan ist immer wichtig. Der ist aber im Stundentakt durcheinandergewürfelt worden. Unsere tollen Mitarbeiter konnten viel regeln. Einige Entscheidungen musste ich regeln, denn etliche Rückflüge sind weit über unser ursprüngliches Budget hinausgegangen.

Wie geht es den Fahrern derzeit?

Der große Wunsch war, zuhause zu sein. Das ist jeder. Ich habe erst mit Peter Sagan telefoniert. Der lebt in Monaco, dort herrscht Ausgangssperre. Der sitzt in der Wohnung und lässt sich das Essen nach Hause liefern.

Die Fahrer „sind jetzt wie Raubtiere im Käfig“ Was machen die Fahrer? Wie können die sich jetzt fithalten?

Die sind jetzt wie Raubtiere, die in einen Käfig gesperrt werden. Zumindest hat jeder seinen Hometrainer und kann dort Kilometer abspulen. Bei uns kann Marcus Burghardt ja noch alleine auf der Straße trainieren. Aber wir haben auch Rennfahrer, die in Spanien wohnen – und dort herrscht auch für Berufsfahrer Trainingsverbot. Wir pochen jetzt aber gar nicht so darauf, dass das Training im höchsten Level durchgezogen wird: Vielleicht dauert die Saison länger und dann wäre es nicht gut, wenn sie jetzt schon Energie rauspowern, die später benötigt wird.

Der Sieg von Maximilian Schachmann bei Paris-Nizza ist durch die Krise in den Hintergrund gerückt. Wie surreal war das Erlebnis dort?

Wir hätten dort lieber unter ganz anderen Umständen gewonnen, das betrifft auch den Max. Die Siegesfeier dort ist ausgefallen, weil wir gleich abgereist. Der Max ist ins Auto gestiegen und heim in die Schweiz gefahren.

Wie gefährlich war der Auftritt dort?

Ich und unser Ärzteteam haben das als relativ ungefährlich empfunden. Unsere größte Sorge war, dass wir die Mannschaft nicht mehr heimbringen könnten. Natürlich hat es kritische Stimmen gegeben – wir sind aber den behördlichen Auflagen gefolgt.

Viele Rennen sind abgesagt oder verletzt. Wie plant der Weltverband nun?

Es gibt Rennabsagen bis in den Mai hinein, ansonsten gibt es noch keine weiteren Informationen. Diskutiert wird natürlich auch, ob Rennen erst einmal verschoben oder gleich direkt abgesagt werden. Das ist natürlich auch ein wirtschaftlicher Faktor. Die Rennveranstalter sind teilweise schon in Vorleistung gegangen.

Auch wenn der Termin aktuell noch steht: Befürchten Sie eine Absage der Tour de France?

Aktuell steht der Zeitplan noch, aber natürlich haben wir Angst, dass sie nicht stattfindet. Aus wirtschaftlicher Sicht wäre das fatal, schließlich generieren wir 70 Prozent unseres Werbewertes aus der Tour de France. Wenn die Tour stattfindet, dann kommen wir mit einem blauen Auge durch diese Saison. Aber die Fußball-Europameisterschaft wurde ja auch schon verlegt, und die überlappt sich ja zeitlich mit der Tour de France...

Die Franzosen haben die French Open im Tennis in den Herbst hinein verschoben. Glauben Sie, dass man mit der Tour ähnlich verfahren kann?

Das wäre sicher möglich. Darunter würden dann aber die ganzen kleinen Veranstalter leiden, deren Rennen dann stattfinden würden. Für uns wäre eine Tour-Austragung wichtig. Und bevor wir gar nicht fahren, dann lieber im Herbst.

„Wichtig ist, nicht die Nerven zu verlieren“ Wie groß ist bei Ihnen die Ernüchterung? Sie wollten die Weltspitze angreifen und sind nun ausgebremst worden...

Die Ernüchterungsphase ist längst vorbei, es kann ja schließlich keiner was dafür. Wichtig ist jetzt, ein gutes Krisenmanagement zu haben und nicht die Nerven zu verlieren. Und im Team miteinander eine gute Atmosphäre zu haben.

Jetzt sind Ihre Rennpferde – dazu gehören auch die Youngster vom Team Auto Eder Bayern – auf Eis gelegt: Wie stark kann so eine Pause die Entwicklung eines Sportlers beeinflussen?

Für die jungen Sportler ist es sicher nicht einfach: Die können sich nicht zeigen und damit auch keinen wichtigen Profivertrag ergattern. Hinzu kommen auch die Sportler, deren Verträge auslaufen. Wir haben auch Leute, die Vertragsangebote ausgeschlagen haben und sich für ein besseres Angebot empfehlen wollten. Für die ist die Situation aktuell ganz schwer. Es wird sicherlich Leute geben, die mental angeschlagen sind und daran zerbrechen. Oder mancher kommt auch gestählt aus so einer Situation zurück.

Haben Sie mit Ihren Sponsoren schon gesprochen?

Natürlich sind wir in Kontakt. Wir haben in dieser Woche eh ein schon fest anberaumtes Sponsorengespräch. Ich habe die Vermutung, dass das sehr konstruktiv wird, weil das vertrauensvolle Partner sind.

„Wir blicken sehr genau auf den Fußball“ Wie sind Ihre wirtschaftlichen Maßnahmen?

Wir haben die März-Gehälter ganz normal ausbezahlt, dann schauen wir weiter. Wir blicken dabei auch sehr genau auf die Sportart Nummer eins, den Fußball, und wie das dort gehandhabt wird.

Müssen Sie auch auf Kurzarbeit gehen?

Bei den Fahrern ist das nicht möglich. Aber im Service-Team oder in der Logistik kann uns das sicherlich betreffen. Auch darüber werden wir sprechen.

Wie stark müssen Sie umplanen? Geht es gar um die Existenz?

Viele Antrittsgelder sind eingefroren worden. Natürlich wird es Defizite geben, aber die Erlöse aus den Wettbewerben spielen bei uns nicht die ganz große Rolle. Existenzgefährdend wird es erst dann, wenn die Sponsoren nicht mehr leistungsfähig sind. Dann haben wir Schwierigkeiten. Interview: Neumeier

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