Radsport

Bundesliga-Gold, EM-Silber und WM-Bronze: Radsporttalent Marco Brenner ist der jüngste Profi

In Raubling eingeschlagen: Marco Brenner schaffte beim Team Auto Eder Bayern den Durchbruch.
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In Raubling eingeschlagen: Marco Brenner schaffte beim Team Auto Eder Bayern den Durchbruch.
  • vonLeon Simeth
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Bundesliga-Gesamtsieg, EM-Silber und WM-Bronze: Zahlreiche bedeutende Erfolge hat der erst 18-jährige Radsportler Marco Brenner bisher eingefahren. Das Ausnahmetalent, das in seinem Alter zur Weltspitze zählt, ist in den vergangenen zwei Jahren beim Team Auto Eder Bayern unter Vertrag gestanden.

Für die kommende Saison wird Brenner, der bei seinen Eltern in Augsburg lebt, aber nicht mehr für die Nachwuchsmannschaft der Raublinger World-Tour-Equipe Bora-hansgrohe fahren. Der 18-Jährige hat einen Vier-Jahres-Vertrag beim Team Sunweb unterschrieben und überspringt damit die Klasse U23. Damit ist Brenner der jüngste Radsport-Profi überhaupt. Wieso er sich gegen den Raublinger Rennstall entschieden hat, wie dieses außergewöhnliche Jahr für ihn war und was seine Ziele sind, erklärt Marco Brenner im Interview mit der OVB-Sportredaktion.

Herr Brenner, wie sind Sie zum Radsport gekommen?

Marco Brenner: Mein Vater ist früher Radsportler gewesen, dadurch sind wir viel mit dem Fahrrad gefahren. Es hat mir mit der Zeit auch immer mehr Spaß gemacht. Angefangen habe ich – als ich sechs Jahre alt war – mit dem Mountainbiken, bevor ich dann auf die Straße gegangen bin. Je älter ich wurde, desto besser bin ich dann auch geworden, daher bin ich auch dabei geblieben. Und es macht mir immer noch riesig Spaß.

Gehen Sie noch zur Schule oder arbeiten Sie nebenbei?

Brenner: Ich habe meinen Realschussabschluss gemacht, bevor ich eine schulische Ausbildung als Fremdsprachenkorrespondent gemacht habe, die ich dieses Jahr abgeschlossen habe. Jetzt werde ich aber erst einmal nur den Radsport betreiben, nebenbei bleibt dann auch nicht mehr viel Zeit.

Fährt auch für die Nationalmannschaft: Marco Brenner (rechts) holte Bronze bei der Weltmeisterschaft im Zeitfahren.

Was hat sich mit dem Wechsel zum Team Auto Eder Bayern verändert?

Brenner: Als ich vor zwei Jahren gewechselt bin, hat sich eigentlich gar nicht so viel verändert. Materialtechnisch bin ich seitdem sehr unterstützt worden. Ich habe super Räder bekommen und durch die umfangreiche Betreuung bei den Rennen habe ich gemerkt, dass der Hintergrund eines Profiteams da ist. Dazu hat sich der Trainingsumfang vergrößert.

Wie oft mussten Sie zwischen Augsburg und Raubling pendeln?

Brenner: Kaum. Nur wenn wir teaminterne Treffen und Präsentationen hatten, welche aber nur ein paar Mal im Jahr vorkamen. Im Radsport wird hauptsächlich alleine trainiert, das mache ich immer daheim in Augsburg.

Was sind die Trainingsinhalte eines Radsportlers?

Brenner: Man kann grob sagen, ich steige einfach auf das Rad und fahre los. Auf manche Rennen bereitet man sich auch intensiver und spezieller vor. Dazu kommt noch das sogenannte „Stabi-Training“, also Kraftübungen mit dem eigenen Körpergewicht. Das Krafttraining ist aber nicht so meins (lacht), das ist auch für die Sprinter wichtiger.

Viel zu erzählen: Brenner hat in seiner bisherigen Karriere einiges erlebt.

Haben Sie einen bestimmten Wochenplan?

Brenner: Nein, das ist sehr verschieden, es kommt ja auch auf das Wetter an. Im Winter ist das Training intensiver, um sich auf die Wettkampfsaison vorzubereiten. Während der Saison liegt der Fokus unter der Woche eher auf der Regeneration.

Sie sagen, es kommt auf das Wetter an. Das heißt, wenn es zwei Wochen lange schneit, haben Sie Urlaub?

Brenner: Nein, so leicht ist das natürlich nicht (lacht). Durch das Wetter im Winter muss man halt durch. Aber ich versuche, so zu planen, dass ich bei bestmöglichen Bedingungen trainieren kann. Notfalls gehe ich dann auf dem Hometrainer, das macht natürlich weniger Laune als im Freien zu radeln.

Was hängt sonst noch alles mit dran?

Brenner: Auf jeden Fall müssen die Eltern mitspielen, da man jedes Wochenende irgendwo zu einem Rennen muss. Daran war ich, bis ich 18 Jahre alt geworden bin, immer gebunden. Eine wichtige Rolle spielt auch die Ernährung, das ist aber auch selbstverständlich als Sportler. So extrem ist das aber bei uns nicht, da wir beim Fahren viele Kalorien verbrennen. Außerdem muss man sein Material immer pflegen und schauen, dass alles intakt ist. Eine nicht geölte Kette kann dich zum Beispiel vor große Probleme stellen.

Wie viel Freizeit bleibt Ihnen?

Brenner: Seitdem ich mit der Schule beziehungsweise der Arbeit fertig bin, ist es bisschen entspannter. Aber davor war es teilweise schon schwierig. Jetzt kann ich am Vormittag fahren, hab fast den ganzen Tag frei und dann bleibt am Abend noch Zeit fürs Krafttraining.

Wie war die Zeit beim Team Auto Eder Bayern?

Brenner: Es war eine coole Zeit, vor allem das letzte Jahr. Auch meine Teamkollegen haben mich sehr unterstützt. Sie haben alle einen super Job gemacht. Ohne sie hätte ich diese Erfolge wahrscheinlich nicht erreicht. Nachdem mein Wechsel zu Sunweb offiziell war, bekam ich das manchmal schon zu spüren. Im Großen und Ganzen war es aber eine schöne Zeit beim Team Auto Eder Bayern.

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Wie wichtig ist der Teamgedanke im Radsport?

Brenner: Sehr wichtig. Das geht für Außenstehende oft unter, da jeder Sportler alleine trainiert und nur immer Einer gewinnen kann. Natürlich gibt es immer Leute, die es einem nicht gönnen und dann auch nicht voll fürs Team fahren. Einerseits kann ich es verstehen: Man fährt das ganze Rennen, nur um einem Anderen zu helfen. Dieser gewinnt und selbst hat man nichts davon. Aber das ist natürlich die Aufgabe eines Teams. Langfristig kommt aber jeder weiter, wenn er ein Teamplayer ist. Egal, ob er am Ende auf dem Podest steht oder nicht.

Was werden Sie aus der Zeit mit dem Team Auto Eder Bayern mitnehmen und was vermissen?

Brenner: Das Jahr 2019 war bisher wahrscheinlich das beste überhaupt. Sowohl von den sportlichen Erfolgen als auch dem Zwischenmenschlichen. In diesem Jahr war ja leider nicht viel. Ich werde auf jeden Fall die Lockerheit aus dem Jugendbereich vermissen, da es wird ab dem nächsten Jahr wahrscheinlich mehr Druck geben.

Jubeln im Zieleinlauf durfte Marco Brenner schon mehrmals.

Warum haben Sie sich für das Team Sunweb und nicht für Bora-hansgrohe entschieden?

Brenner: Es gab mehrere Teams, die Interesse daran hatten, mich zu verpflichten. Ich habe mich dann für Sunweb entschieden, weil es das jüngste Team im Profibereich ist. Meiner Meinung nach ist es für mich besser, mit jüngeren Leuten zu arbeiten. Dann ist die Chemie im Team einfach besser. Das Team Sunweb hat auch letztes Jahr ein Trainingslager, die „Talent-Days“ veranstaltet. Dort habe ich auch noch tiefere Einblicke bekommen und das Trainerteam und der sportliche Leiter sind sehr kompetent rübergekommen. Das hat mir sehr getaugt. Ich glaube, es ist die richtige Entscheidung gewesen und ich freue mich sehr auf diese Herausforderung.

Was erhoffen Sie sich von der Zeit bei Sunweb?

Brenner: Das Wichtigste ist, dass ich erst einmal Fuß fasse und mich dann schön langsam bei den Profis etabliere. Als Junger werde ich mich erst einmal hinten anstellen und die wenigen Chancen nutzen müssen. Mein Ziel für das nächste Jahr ist, ein Rennen zu gewinnen – egal, welches.

Was sind Ihre Ziele für die Zukunft?

Brenner: Natürlich will ich so weit wie möglich kommen und erfolgreich sein. Das Ziel jedes Radsportlers ist, irgendwann einmal bei der Tour de France mitzufahren. Das ist bei mir nicht anders. Ich will einmal bei der Tour vorne mitfahren.

Wie war diese besondere Saison 2020 für Sie?

Brenner: In erster Linie hat es mich sehr geärgert, dass so lange keine Rennen stattfinden konnten. Aber ich habe die Zeit dann für mich genutzt und gut trainiert. Mit Georg Zimmermann, der Profi ist, und Fabian Schormair hatte ich super Trainingspartner, das hat auch sehr viel Spaß gemacht. Als die Rennen dann Ende Juli wieder losgegangen sind, war ich auch sehr froh. Die Deutsche Meisterschaft im Einzelzeitfahren war auch nicht leicht: Ich war der amtierende Meister und es war das erste Rennen nach dieser langen Zeit. Ich habe also nicht gewusst, wo ich stehe. Zum Glück habe ich meinen Titel aber verteidigt. Dann ist die Europameisterschaft auf dem Programm gestanden, bei der ich am Ende Zweiter geworden bin. Das war besonders bitter...

Wieso?

Brenner: Mir sind im Zeitfahren falsche Zeiten durchgegeben worden. Aufgrund eines Fehlers wurde der Fahrer, der am Ende gewonnen hat, nicht miteinberechnet. Ich wurde im Glauben gelassen, dass ich weit vorne bin, was aber nicht gestimmt hat. Kurz vor dem Ziel habe ich erfahren, dass ich 15 Sekunden hinter dem Führenden liege. Am Ende hat es mit drei Sekunden Rückstand nur für Silber gereicht. Das war sehr ärgerlich. Dazu kommt noch, dass ich den Sieg gerne meinem verstorbenen Teamkollegen Jan Riedmann widmen wollte.

Und bei so etwas kann man keinen Einspruch einlegen?

Brenner: Das haben die Veranstalter auch nicht mit Absicht gemacht, daher kann man da nicht viel machen. Ich habe dann erfahren, dass der Sieger im Windschatten gefahren ist, was verboten ist. Deswegen haben wir dann auch Einspruch eingelegt, das war dem Verband aber dann nicht genug.

Was war für Sie das Beste und das Schlechteste an dieser besonderen Saison?

Brenner: Gut ist gewesen, dass ich mich mehr mit mir selbst beschäftigt habe, auch auf das Training bezogen. Zuvor habe ich das Training nur auf die Rennen angepasst. Dieses Jahr war das aber komplett anders. Wir sind auch oft in die Berge gefahren, um dann dort zu trainieren, das hat viel Spaß gemacht. Der Nachteil war, dass es keine Wettbewerbe gab. Davon lebt man als Sportler einfach. Abgesehen vom Sportlichen hat mir auch der persönliche Kontakt sehr gefehlt, alleine dass der Unterricht nur online abgehalten worden ist.

Wie regelmäßig haben Sie normalerweise Rennen?

Brenner: In der Regel wirklich jedes Wochenende. Dazu kommen noch Rundfahrten, die sich über mehrere Etappen ziehen. Unter der Woche hat man dann meistens nicht mehr viel Zeit für Training, da steht die Regeneration im Vordergrund.

Und im Corona-Jahr?

Brenner: Da habe ich bis Ende Juli gar keine Rennen gehabt. Dann sind ein paar richtig straffe Wochen auf mich zugekommen, bevor drei Wochen wieder nichts war. Es ist alles sehr inkonstant gewesen. Ich habe vergleichsweise Glück gehabt, dass ich mit der Nationalmannschaft noch ein paar Rennen gefahren bin. Meine Teamkollegen können ihre Rennen in dieser Saison wahrscheinlich an einer Hand abzählen.

Marco Brenner (rechts) im Gespräch mit OVB- Sportvolontär Leon Simeth.

Wie oft und wann haben Sie Pause?

Brenner: So eine richtige Pause habe ich eigentlich nur einmal im Jahr. Das ist nach dem letzten Rennen im Oktober. Danach fängt das Training schon wieder für die nächste Saison an. „Im Winter werden die Radsportler gemacht“ heißt es immer. Im Winter muss man sich die Grundlagen für die nächste Saison erarbeiten.

Haben Sie ein bestimmtes Motto?

Brenner: Nicht wirklich. Aber ich bin ziemlich diszipliniert und ehrgeizig. Wenn ich mir etwas in den Kopf setze und ein Ziel habe, erreiche ich es auch meistens. Aber ich habe kein direktes Motto.

Welcher Erfolg ist für Sie der Bedeutendste?

Brenner: Das ist mein erster Nation-Cup-Sieg 2019.

Was macht diesen Erfolg so besonders?

Brenner: Im Frühjahr ist die erste Rundfahrt in Tschechien gewesen. Dort bin ich aber nicht in Form gewesen und Fünfter geworden. Das ist zwar schon ein Erfolg gewesen, aber ich habe gewusst, dass mehr drin gewesen wäre. Meine Teamkollegen haben gelacht und gefragt: „Du wirst hier Fünfter und regst dich auch noch auf?“ Und dann drei Wochen später beim Nation-Cup in der Schweiz habe ich drei Etappen und die Gesamtwertung gewonnen. Das ist auch das erste Mal gewesen, dass ich richtig eingeschlagen habe.

Zahlreiche bedeutende Erfolge

Bisher durfte das erst 18-jährige Radsporttalent Marco Brenner schon mehrere große Erfolge feiern. Darunter zählen die Bronzemedaille bei der Weltmeisterschaft im Zeitfahren. Dazu kommt der zweite Platz bei der Zeitfahr-Europameisterschaft. Außerdem wurde Brenner 2019 Gesamtsieger in der deutschen Junioren-Bundesliga. Ihm gelang es, diesen Titel in diesem Jahr zu verteidigen. 2019 hat der Augsburger auch verschiedene Weltcups (Nation-Cups), die es 2020 nicht gab, für sich entschieden. Mit seinem Vier-Jahres-Vertrag beim Radsport-Team Sunweb ist Marco Brenner der jüngste Radprofi überhaupt. Als frisch gebackener Profi will der Ausnahmefahrer diese Erfolge auch im Herrenbereich fortsetzen.

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