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Powernaps ja, Kaffee nein

Ja, es ist echtes Gold: Carina Wimmer kehrte von der EM in Kroatien mit zweimal Edelmetall heim. Nun nimmt sie an den Olympischen Spielen in Tokio teil.
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Ja, es ist echtes Gold: Carina Wimmer kehrte von der EM in Kroatien mit zweimal Edelmetall heim. Nun nimmt sie an den Olympischen Spielen in Tokio teil.

Niedertaufkirchen – Zweimal Gold – das war die Ausbeute der Sportschützin Carina Wimmer aus Niedertaufkirchen bei der Europameisterschaft der Schützen im Juni.

Doch noch mehr zählt für die 26-jährige Sportsoldatin der Erfolg, das Ticket für die Olympischen Spiele in Tokio gezogen zu haben. Im Interview erzählt sie, wie sie sich auf den Wettkampf in Japan vorbereitet hat, worauf sie ihren Fokus legt und warum Kaffee vor einem Wettkampf nicht ideal ist.

Wie lange hat es gedauert, bis Sie die beiden Goldmedaillen bei der EM realisiert hatten?

Schon eine Weile. Erst nachdem immer wieder Glückwünsche eingeflattert waren an den darauffolgenden Tagen, habe ich es realisiert. Und so richtig, als ich dann daheim angekommen bin und mit der Familie, den Freunden, meinem Trainer und dem Team den Erfolg feiern konnte.

Als Außenstehender ist es nur schwer vorstellbar, wie man am Schießstand so ruhig bleiben kann. Wie nervös waren Sie, wie hoch ist der Puls, wenn es plötzlich um Gold geht?

Vor dem Finale war ich nicht so nervös, ich hab mich zur Ruhe gebracht und mir eine Taktik zurechtgelegt. Am Stand selbst kommt dann aber das Adrenalin, man spürt im Körper die Aufregung, der Puls pendelt zwischen 80 und 120 Schlägen. Zwischen den Schüssen versuche ich, diesen mit der Atmung zu regulieren und gedanklich zur Ruhe zu kommen. Bei den letzten Schüssen um Gold ist die Anspannung aber noch einmal gestiegen. Doch da habe ich versucht, es zu ignorieren und mein Ding durchzuziehen.

Wie schaffen Sie es, in einer solchen Wettkampfsituation ruhig zu bleiben?

Mit jedem Wettkampf steigt die Erfahrung, weil sich immer wieder neue Situationen ergeben. Das Wichtigste ist, sich immer wieder bewusst zu machen, was da Ziel ist: Ich will die 10 schießen! Schuss für Schuss! Denn wenn der Fokus stimmt, ist es einfacher, den Stress und das Adrenalin auszublenden oder sogar positiv für sich zu nutzen: Man kann mit dem Auge länger zielen und die Spannung aufrechterhalten. Das setzt ganz andere Energien frei.

Und wenn der Schuss vorbei ist?

Dann muss man schnell regenerieren, vor allem für den Kopf ist es sehr anstrengend, den Fokus über eine so lange Zeit zu halten. Ich konzentriere mich alleine auf meinem Atem, schließe die Augen, um ganz bei mir zu sein, und mich für den nächsten Schuss zu sammeln. Ich arbeite mit Knotenpunkten, die meinen Schussablauf genau definieren. Vor jedem Schuss habe ich ein konkretes Bild vor dem inneren Auge, wie ich meinen nächsten Schuss angehen will – das gibt mir Handlungssicherheit.

Wie viel Anteile hat Autogenes Training im Vergleich zum physischen Training am Schießstand?

Autogenes Training spielt bei mir keine so große Rolle. Ich visualisiere und definiere Knotenpunkte. Letzteres in prägnanten Worte oder kurzen Sätze, die innerlich den Schussablauf begleiten. Ich kann damit meinen perfekten Schuss immer wieder durchgehen, aber auch variabel auf Situationen reagieren, weil ich es verinnerlicht habe. Was ich vermehrt bei intensiven Trainingsphasen zwischen den Einheiten mache, sind Powernaps, kurze Schlafphasen, um das Training im Kopf verarbeiten zu können und schnell wieder fit und motiviert zu sein für die nächsten Einheiten.

Worauf müssen Sie achten, damit Sie optimal in einen Wettkampf starten können? Geht ein Kaffee am Morgen?

Also ich verzichte auf Kaffee. Das Koffein würde ich in der Muskulatur und im Kopf spüren, merken, dass ich ungeduldiger werde. Und das ist fürs Schießen hinderlich. Am Wettkampftag selbst benötige ich vorher viel Zeit für mich, um mich gedanklich gut einzustellen. Meist meditiere ich und höre Musik.

Quasi als Generalprobe für Tokio gab es noch den Weltcup: Worauf haben Sie sich denn konzentriert?

Beim Weltcup habe ich mich darauf fokussiert, alle meine Knotenpunkte abzuchecken, meine mentalen Tools und die Strategien für den Wettkampf abzuklopfen. Das hat recht gut funktioniert. Zuletzt ging es nur noch darum, Regeneration und Belastung so zu wählen, dass ich auf den Punkt in Topform bin.

Welche neuen Erkenntnisse hat der Weltcup gebracht?

Im Weltcup war es wichtig, die Mixed-Disziplin zu schießen. Ich werde mit meinem Teamkollegen Christian Reitz an den Start gehen. Der Wettkampf läuft im Mixed anders ab, darauf muss man sich gedanklich einstellen.

Wenn Sie die Pistole anlegen: Gibt es da von Schuss zu Schuss ein gewisses Ritual, das Sie akribisch genau durchgehen?

Ja es gibt einen bestimmten Schussablauf, auch ein Technikleitbild, das aber bei jedem Schützen variiert. Es gibt einen gewissen Atemrhythmus, mit dem man die Bewegung der Waffe steuert. In Deutschland nutzen wir eine Doppelatmung für den Anschlag und das Hineinführen der Waffe ins Ziel. Der Ablauf ist automatisiert. So kann ich mich ganz auf den letzten Moment des Zielens und Auslösen konzentrieren und die Energie bündeln. Der Schießrhythmus variiert im Wettkampf. Es gibt Phasen, in denen man mit dem Fluss geht und einen schnellen Rhythmus fahren kann, weil Aufmerksamkeit, Konzentration und Technik gut zusammen passen.

Und wenn das nicht der Fall ist?

Dann muss man auch mal absetzen und neu beginnen. Das kostet dann sehr viel Kraft und Energie. Aber er zahlt sich aus, denn Leichtsinnsfehler werden sofort mit einem schlechten Schuss bestraft. Diese verschiedenen Situationen muss man lernen einzuschätzen und flexibel darauf reagieren. Das Körpergefühl und Körperspannung, die Aufmerksamkeit, das Auge, die Gedanken. Das alles spielt da zusammen.

Welche Rolle spielt Psychologie am Schießstand? Kann man die Leistung der Gegner beeinflussen?

Im Hauptwettkampf selbst kann man die Gegner kaum beeinflussen, außer mit großen Gesten und Emotionen. Aber das ist recht unfair und man versucht es, zu vermeiden. Zudem bringt man sich da eher nur selber aus der Ruhe. Im Finale ist es schon eine taktische Sache, ob man lieber eine der ersten sein will, die schießt oder sich Zeit lässt. In den letzten Schüssen beim EM-Finale wusste ich, dass es besser ist, vor meiner Gegnerin abzudrücken. Aufbrandender Jubel kann den Wettkampfgegner dann durchaus aus der Ruhe bringen und dessen Konzentration beeinträchtigen.

Wann hat denn das mit dem Schießen begonnen? Wie sind Sie dazu gekommen?

Ich habe mit zehn Jahren mit meiner Zwillingsschwester zusammen angefangen zu schießen. Meine Mutter hat uns oft mitgenommen an den Schießstand, da sie selbst begeisterte Schützin ist. Sie hat uns dann für ihr Training oft mit in den Verein genommen, bis wir selbst anfangen durften. Da war ich erst zehn und ich brauchte eine Ausnahmegenehmigung. Unsere ganze Familie, waren Mitglied im Verein. Zu unserer Jugendzeit war das toll, auf Wettkämpfe zu fahren, zusammen zu trainieren und auch nach dem Training noch zusammen Zeit zu verbringen.

Haben Sie so etwas wie einen Talisman?

Einen richtigen Glücksbringer habe ich nicht. Was ich aber immer mit dabei habe, sind Fotos in meinem Schießkoffer von schönen Momenten beim Wettkampf und Training mit Moni Karsch und anderen Teamkollegen. Die geben mir ein gutes Gefühl, immer wenn ich meinen Koffer aufklappe und sie sehe. Mit dabei oder direkt an mir sind die Halsketten von meiner Teamkollegin mit den olympischen Ringen und eine selbst gemachte Kette von meiner Schwester Bianca.

Was war denn Ihr bislang größter Erfolg?

Ganz klar, der Europameistertitel und damit die Teilnahme bei den Olympischen Spielen. Davor waren es kleinere internationale Wettkämpfe, bei denen ich Medaillen gewann.

Worauf freuen Sie sich bei den Olympischen Spielen besonders?

Ich erwarte trotz der strikten Hygieneregeln eine überwältigende Stimmung vor Ort, ein tolles Miteinander unter den Athleten und neue Bekanntschaften. Ich freue mich auf die Atmosphäre mit den Athleten aus Deutschland im olympischen Dorf und ich bin sehr gespannt auf die Eröffnungsfeier. Das wird bestimmt ein ganz besonderes Erlebnis dort, als Teil des deutschen Teams stehen zu können. Am meisten freue ich mich darauf, am Stand stehen zu dürfen und meinen Wettkampf zu schießen. Und das mit dem Gefühl, alles in meinen 60 Schuss zu geben. Dass ich es geschafft habe, unter den Besten der Welt an den Start zu gehen, wird mit Sicherheit total aufregend.Interview: Josef Enzinger

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