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18 Jahre DFB-Stützpunktkoordinator

Peter Wimmer – die „Talent-Spürnase“ und der Julian Nagelsmann der frühen 80er-Jahre

Er hatte schon immer ein Gespür für den Fußball-Nachwuchs: Peter Wimmer aus Bad Endorf.
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Er hatte schon immer ein Gespür für den Fußball-Nachwuchs: Peter Wimmer aus Bad Endorf.
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  • Leon Simeth
  • Hans-Jürgen Ziegler
    Hans-Jürgen Ziegler
  • Thomas Neumeier
    Thomas Neumeier

Der Nachwuchsfußball lag dem Bad Endorfer Peter Wimmer schon immer am Herzen. Unter seiner Regie wurden einige einheimische Talente zu Profis und zu Nationalspielern. Er war auch Trainer: Mit 28 Jahren der jüngste Coach in der Landesliga – quasi der Julian Nagelsmann der 80er-Jahre.

Rosenheim – Bastian Schweinsteiger aus Oberaudorf, Julian Weigl aus Ostermünchen oder Thomas Broich aus Ramerberg – große Namen im deutschen Fußball, deren Talent auch vom Bad Endorfer Peter Wimmer entdeckt wurde. Als „Talent-Spürnase Wimmer“ wurde er in einem Artikel von Fußball.de bezeichnet. In seiner Funktion als DFB-Stützpunktkoordinator für Südbayern kannte er alle Talente aus der Region und weit darüber hinaus. Er hatte schon immer ein Gespür für den Nachwuchs und vor allem hatte und hat Wimmer konkrete Vorstellungen, wie der Weg zum Profi aussehen kann.

Das Umfeld spielt eine große Rolle

„Jeder junge Spieler kann sich nur dann weiterentwickeln, wenn er sich auch wohlfühlt“, ist Peter Wimmer davon überzeugt, dass das Umfeld eine große Rolle spielt.

Seit 2003 fungierte er als DFB-Stützpunktkoordinator

Seit 2003 fungierte er als DFB-Stützpunktkoordinator in Südbayern. Damit jetzt ist Schluss: Peter Wimmer ist in Zukunft nicht mehr Stützpunktkoordinator beim Deutschen Fußball-Bund und wurde in einer angemessenen Feier vom DFB, stellvertretend vom Vize-Präsidenten Rainer Koch gebührend verabschiedet.

Unter anderem waren als Gäste Wimmers Freund und langjähriger Weggefährte Michael Köllner, Trainer des Drittligisten 1860 München, sowie Thomas Broich anwesend.

Peter Wimmer bei seiner Verabschiedung im Gasthaus Hirzinger in Söllhuben. Mit dabei als Ehrengäste DFB-Vizepräsident Rainer Koch (links) und Michael Köllner (rechts), Trainer des Fußball-Drittligisten 1860 München.

So ganz Schluss ist aber doch noch nicht, denn Wimmer wird weiterhin beim DFB aktiv sein. Der mittlerweile 67-Jährige wird in einer beratenden Funktion beim DFB tätig sein. In einem ausführlichen Gespräch mit der OVB-Sportredaktion sprach Peter Wimmer über frühere Zeiten, die Probleme im heutigen Fußball und in den Nachwuchsleistungszentren, über seine langjährige Erfahrung beim Deutschen Fußball Bund und seine Ideen in der Nachwuchsförderung.

Herr Wimmer, Sie haben mit 28 Jahren den TSV 1860 Rosenheim in der Saison 1982/83 in der Landesliga Süd trainiert, damals die vierthöchste Spielklasse. Flapsig ausgedrückt waren sie der Nagelsmann der frühen 80er. Wie kam es zu der frühen Trainerkarriere?

Peter Wimmer: Mit 19 Jahren habe ich in München gespielt und in Eggstätt die A-Jugend trainiert. 1979 war ich in Rosenheim Trainer der B-Jugend. Mit dieser Mannschaft haben wir die Bayern geschlagen und deshalb von 1860 München eine Reise nach Avignon geschenkt bekommen. Was sie nicht wussten: Wir haben vier Wochen später auch die Münchner Löwen geschlagen (lacht). Dann hat mich 1860 München geholt, wo ich von 1980 bis 1982 Trainer in der U17, dann der U19 und anschließend Co-Trainer in der ersten Mannschaft bei Wenzel Halama geworden bin. Der war ein Segen für mich, ein Traum! So viel habe ich noch nie gelernt wie in diesem Jahr. Dann bin ich 1982 nach Rosenheim. Mit 28 Jahren war man damals kein Trainer, aber weil ich nicht mehr gespielt habe, konnte ich schon früh viel Trainererfahrung sammeln.

Früh gesehen, wo ein Spieler hingehört

Sie waren aber durchaus ein Erfolgstrainer. Was war ihr Geheimnis?

Wimmer: Grundsätzlich habe ich gar keinen Plan gehabt. Ich habe einfach gemacht, rein aus dem Gefühl heraus. Ich habe sehr viel improvisiert. Im Nachhinein kann ich sagen, dass früh gesehen habe wo ein Spieler hingehört: In die Abwehr, ins Mittelfeld, oder den Sturm.

Haben Sie das auch bei dem jungen Bastian Schweinsteiger erkannt. Hat man sein Talent direkt gesehen?

Wimmer: Ich habe das schon in vielen Trainerfortbildungen als Beispiel genommen. Sein Vater Fred Schweinsteiger meinte zu mir, ich solle mal den Basti anschauen. Da war er noch jüngerer F-Jugend. Da war eine Bewegung, ein Wille, ein sympathischer Typ, ein Ablauf – da kriegst du Gänsehaut. Zu dieser Zeit wollten wir in Rosenheim im Juniorenbereich etwas bewegen. Ich habe die Spieler immer in den Mannschaften spielen lassen, wie die sportliche Reife war. Nicht was in der Geburtsurkunde stand. Das war das Geheimnis, warum wir in Rosenheim zwischen 1991 und 1998 so viele Spieler rausgebracht haben: Weil die Spieler da gespielt haben, wo sie hingehörten.

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Und so war es bei Schweinsteiger auch?

Wimmer: Der Basti hat als zwei Jahre jüngerer in der höchsten C-Jugend-Liga gespielt. Da sehe ich die eine Szene immer noch vor mir: Basti läuft aufs Tor zu, der Torwart hält, beide am Boden, Basti steht auf, schießt, der Torwart hält wieder. Und wieder beide am Boden, das Ganze ist so zwei bis drei Mal passiert und am Schluss ist nur noch einer aufgestanden und das war Basti und dann war der Ball drin. Und das ist Basti Schweinsteiger, das zeichnete ihn aus.

Was war damals der Schlüssel zum Erfolg mit der 1860-Jugend?

Wimmer: Als ich nach Rosenheim gekommen bin, hatten wir eine A-, eine B- eine C-, eine D-Jugend und drunter war es ganz normal wie in anderen Vereinen. Die D-Jugend war Tabellenletzter und der Trainer hat gesagt, wie müssen die D-Jugend absteigen lassen, weil wir nächstes Jahr keine Mannschaft haben. Dass dieses Team in der Liga blieb, war das einzige Geschenk, das ich gebraucht habe. Im nächsten Jahr haben wir bei den D-Junioren mit der ersten und zweiten Mannschaft die oberbayerische Meisterschaft gewonnen. Ich habe damals einfach alles zusammengeholt und wir haben ordentlich trainiert. Innerhalb kürzester Zeit waren wir in den oberen Ligen. In der B-Jugend haben wir es akzeptiert, dass wir nicht in die höchste Liga aufgestiegen sind, weil wir die besten Spieler nach München abgegeben haben.

Und diese Arbeit im Jugendbereich hat sich 2015 mit dem Aufstieg der Rosenheimer Herrenmannschaft in die Regionalliga noch einmal ausgezahlt. Spieler wie Michael Denz, Ludwig Räuber. Robert Köhler, Markus Einsiedler, Maximilian Mayerl, die alle aus München zurückgekommen sind, trugen zum Erfolg bei.

Wimmer: Der Grund war, dass die Vorstände aus den 90er-Jahren wie Hans Klinger noch im Amt waren. Daher sind die Spieler gerne wieder zurück Sechzig gekommen.

Sie waren zu dieser Zeit aber schon lange beim DFB, haben dort erfolgreich gearbeitet und sich deutschlandweit einen Namen gemacht. Wie ist es zu ihrem Engagement beim DFB gekommen?

Wimmer: Nach dem katastrophalen Abschneiden bei der Europameisterschaft 2000 hat es einen Wandel gegeben. Mit Nachwuchsleistungszentren und Stützpunkten sollte die Jugendarbeit verbessert werden. Ich wurde vom DFB eingeladen, habe aber zunächst nicht gewusst, warum ich da überhaupt rauffahren soll. Eigentlich wollte sie nur wissen, warum es in Rosenheim in der Nachwuchsarbeit so gut läuft.

Und dann haben Sie die DFB-Bosse überzeugt. Konnten Sie ihr eigenes Ding durchziehen?

Wimmer: Total. Wir waren ja international fast drittklassig. So einen Stellenwert haben wir im Fußball zu der Zeit gehabt. Dann aber haben wir mit dem Fußball eine tolle Plattform geschaffen und darauf kann der DFB stolz sein.

Im Interview stand Peter Winmmer schon mal auf und demonstrierte, was er meint.

Aber es war ein harter und weiter Weg.

Der DFB wollte Weltklasse, wir wollten Weltmeister sein. Dann mussten wir uns letztendlich aber auch wie ein Weltmeister verhalten. Wir mussten die Voraussetzungen dafür schaffen und die wurden wirtschaftlich geschaffen. Und dann kamen auch die Erfolge.

Aber mit den Erfolgen gab es auch schon wieder die ersten Probleme.

Wimmer: Der Fußball hat sich in eine Popularität reingespielt, dass er sowohl für Wirtschaft, Politik und für viele andere eine Plattform bot. Das hatte teilweise nichts mehr mit dem Fußball zu tun, sondern mehr mit populistischen Hintergründen. Und das ist auch momentan unser Problem.

Ein Fußball-Funktionär mit Visionen: Peter Wimmer ist jetzt in beratender Funktion beim DFB tätig.

„Ich höre nur noch Ausreden“

Welche Probleme meinen Sie?

Wimmer: In Deutschland stehen die gesamte Organisation, die Funktionäre und die Trainer im Fokus und nicht das Talent. Wenn man da nachfragt, wieso ein Spieler gescheitert ist, heißt es immer: Das Talent hat sich nicht entwickelt, hat nicht so mitgezogen und es gab viele Verletzungen. Jetzt ist auch noch Corona dazugekommen. Ich höre nur noch Ausreden. Die Schuld wird immer von den Trainern abgewiesen. Da gibt es Leute, die haben teilweise noch nie Fußball gespielt oder nur unterklassig, sind Anfang 20, machen ihre Lizenzen und werden Trainer. Die Trainer wollen alle selbst Karriere machen, und die Entwicklung der Spieler steht im Hintergrund.

In den Nachwuchsleistungszentren gibt es immer mehr ausländische Spieler oder Jugendliche. Ist das für den deutschen Nachwuchs ein Problem?

Wimmer: Grundsätzlich ist mir egal, wo ein Talent herkommt. Im Moment kann uns eigentlich gar nichts besseres passieren als diese Vielfalt an Spielern. Es ist im Grunde viel leichter, ein Talent zu entwickeln. Wir haben Helle, Dunkle, Große und Kleine. Und heute ist es ja nicht mehr notwendig, dass viele Deutsche spielen, sondern dass der Beste gefördert wird. Dadurch tun wir uns natürlich viel leichter, weil das Angebot so riesig ist. Viele Dunkelhäutige haben einfach einen Vorteil. Die haben den Bewegungsablauf und die Körpergröße. Man sieht ja selten Deutsche, die groß und schnell sind. So wie beispielsweise ein Kai Havertz.

Und trotzdem kommen aus den Nachwuchsleistungszentren zu wenig Lizenzspieler.

Wimmer: Richtig. Wir haben einen Talente-Pool, eine Struktur, ein System, Geld, Dominanz so viel wie kein anderes Land. Im Januar 2019 haben wir 17 Spieler zu Lizenzspielern gemacht, aus 55 NLZs. Aus diesem riesigen Reservoir. Die Spieler bekommen in der Jugend vorgeschrieben, wann sie an welchem Tag in welcher Belastung trainieren sollen. Die Psychologen an den NLZs, die das vorschreiben, haben aber noch nie Fußball gespielt. Was soll da dabei rauskommen?

Macht das zum Beispiel Ajax Amsterdam anders? Bei denen funktioniert die Nachwuchsarbeit seit Jahrzehnten optimal.

Wimmer: Das stimmt. Die haben jedes Jahr eine fast komplette Mannschaft mit höchster Qualität. Warum ist das so? Vor 25 Jahren war Ajax schon dominant. Ausschlaggebend ist, dass der Verein über Jahrzehnte hinweg mit verschiedenen Führungspositionen immer seine Leitplanken und die Identität des Vereins behalten hat. Der Verein ist schon immer im Vordergrund gestanden und das ist das A und O. Und dann läuft es auch gut.

„Der Verein muss seine Identität behalten. Das ist das A und O. Und dann läuft es auch gut“, sagt Peter Wimmer.

Müssen wir also wieder auf unsere Grundtugenden Mentalität harte Arbeit und Instinkt zurückkommen?

Wimmer: Absolut. Aber nicht zurück, sondern auf die Erkenntnisse, die wir uns erwirtschaftet und erarbeitet haben, aufbauen.

Sind Sie jemand, der nicht die Probleme, sondern die Möglichkeiten sieht?

Wimmer: Also wenn ich die Probleme nicht erkenne, kann ich auch keine Möglichkeiten und Lösungen aufbieten. Aber ja, das trifft schon auf mich zu.

Sie werden also weiter versuchen die Probleme zu erkennen und sie anzusprechen, obwohl Sie kürzlich als DFB-Stützpunktkoordinator in Südbayern verabschiedet worden sind.

Wimmer: Die eine Tätigkeit haben wir beendet. Die hätte von mir aus auch schon länger beendet werden sollen, weil ich in der Zeit in einen ganz anderen Bereich reingewachsen bin. Es ist für mich eine sehr große Bestätigung, die mich auch sehr stolz macht, dass ich von den Leuten in den höchsten Gremien miteinbezogen werde. Ich werde in die beratende Ebene beim DFB einsteigen. Das macht riesig Spaß, da habe ich extrem viel Termine, teilweise national, teilweise international. Es ist ein Projekt, das sich übergreifend in einer Gesamtkonzeption der Jugendentwicklung gestalten soll. Wenn das steht, werde ich dafür da sein, egal wie alt ich dann bin.

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