Der olympische Traum lebt weiter

Jessica von Bredow-Werndlbei ihrem Weltcup-Triumph Ende vergangenen Jahres in Stuttgart: Reiterin und Pferd sind aktuell in Top-Form.

So viele heiße Eisen hatte die Region bei Olympischen Sommerspielen schon lange nicht mehr im Feuer. Und jetzt? Enttäuschung und Ungewissheit nach der Verschiebung der Spiele von Tokio ins Jahr 2021. Aber der olympische Traum lebt weiter. Die OVB-Sportredaktion hat nachgefragt.

Aubenhausen/Kolbermoor/Innsbruck– „In den letzten Tagen habe ich mich schon sehr mit dem Thema Loslassen befasst, jetzt muss ich mich mit dem Thema Annehmen befassen“, sagt Jessica von Bredow-Werndl, ambitionierte und erfolgreiche Dressurreiterin aus Aubenhausen. Schon in den letzten Tagen sei ihr klar geworden, dass der ursprünliche geplante Austragungstermin nicht mehr zu halten sei. „Dass es verschoben wird, war klar. Ich hätte es cool gefunden, wenn wir drei Monate später dort angetreten wären. Aber so ist es für mich schon bitter.“ Denn: „Wir sind in Top-Form und hatten eine super Chance.“

„Es gibt kein einziges Championat“

Die Reiterin aus Aubenhausen und ihr auserwähltes Pferd hatten in den letzten Monaten hervorragende Ergebnisse in den internationalen Wettbewerben erzielt. Nun fallen sämtliche Top-Bewerbe weg: „2020 gibt es keine WM, keine EM, nun auch keine Olympischen Spiele – es gibt kein einziges Championat, das ist für eine Profisportlerin schon ernüchternd.“

Und natürlich kreisen die Gedanken zurück in die Vergangenheit: Vor vier Jahren hatte Von Bredow-Werndl die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro hauchdünn verpasst. Das wäre 2020 bei den bisherigen Resultaten nicht passiert. Aber die Ernüchterung weicht in Aubenhausen auch schnell dem optimistischen Blick in die Zukunft: „Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Dann sind wir halt 2021 in Tokio dabei. Für mich geht der olympische Traum weiter.“

Die Dressurreiterin richtet den Blick weg vom Kampf um die Medaillen: „Gerade in dieser Zeit ist es mir noch bewusster, wie dankbar ich bin, täglich das tun zu dürfen, was ich liebe: mit Pferden leben und arbeiten. Und daran ändert auch Olympia nichts.“ Und sie sagt: „Ich blicke jetzt voller Hoffnung und Freude auf weitere zwölf Monate Training. Es kann auch eine große Chance sein. “

Das betrifft auch Stefan Heil. Der Kolbermoorer BMX-Fahrer wollte sich noch auf den letzten Drücker für die Spiele in Japan qualifizieren. „Das hätte bei der Weltmeisterschaft auch geklappt“, ist sich Heil sicher. Allerdings sind die Titelkämpfe in Houston im US-Bundesstaat Texas auch schon abgesagt worden. „Und der Rad-Weltverband hat das Qualifikationsfenster Anfang März zugemacht“, so der Kolbermoorer, der nach einer Knie-Operation im Herbst wieder so richtig in Fahrt gekommen wäre: „Im Februar in Australien war es noch nicht so gut, danach bin ich in Manchester als bester Deutscher bei starker internationaler Konkurrenz Sechster geworden.“

Krafttraining in der Heim-Garage

Die Verschiebung der Spiele könnte für Heil im Endeffekt aber positiv sein: Er kann nach seiner Verletzungspause noch einmal richtig Kraft tanken, zudem könnte sich das Quali-Fenster wieder öffnen. „Das muss aber der Weltverband erst entscheiden“, so Heil, der aktuell im Trainingsbetrieb auch eingeschränkt ist. Normal lebt und trainiert er am Olympia-Stützpunkt in Stuttgart. „Der ist aber momentan geschlossen, auch Sondergenehmigungen für die Sportler aus dem Bundeskader sind abgelehnt worden“, berichtet er. Und so befindet er sich derzeit wieder in seiner Kolbermoorer Heimat. „Vom Olympia-Stützpunkt habe ich Gewichte mitbekommen und mache mein Krafttraining in der Garage, im Hof kann ich mit dem Rad zumindest ein paar kurze Sprints üben, zudem habe ich von einem Freund ein Startgatter bekommen, um die Starts trainieren zu können.“ In Stuttgart hat Heil eine Ausbildung gemacht, mittlerweile ist er Sportsoldat bei der Bundeswehr. „Das ist ziemlich krisensicher, aber die Resultate entscheiden jedes Jahr über den Status dort.“

„Es ist ein harter Tag für uns, aber die Ungewissheit und der Druck sind endlich vorbei“, so kommentierte die Seglerin Tina Lutz vom Yachtclub Chiemsee die Verlegung der Sommerspiele um ein Jahr. Lutz hatte mit ihrer Vorschoterin Susann Beucke allerbeste Chancen, sich zu qualifizieren. Nach zwei von drei nationalen Qualifikationen führte das Duo in der 49er-fx-Klasse mit zwölf Punkten Vorsprung auf die Konkurrenz. Eigentlich hätte die letzte Regatta zur Ausscheidung derzeit auf Mallorca stattfinden sollen, ist aber abgesagt worden.

Tina Lutz ist derzeit bei ihrem Lebensgefährten in Innsbruck, Susann Beucke zuhause in Kiel. „Die Grenzen sind dicht, wir sitzen zuhause beim Nichtstun, können nicht einmal zusammen trainieren“, schildert Lutz. Sie sagt, die Verlegung der Spiele sei die richtige Entscheidung. „Das Ziel bleibt zum Glück aber weiter zum Greifen nah“, so die 29-jährige aus Holzhausen bei Bergen. Ähnlich sieht es auch Beucke: „Ich glaube die Absage ist für uns richtig gut. Wir haben vor Kurzem angefangen, neu zu trainieren. Das hat – wie man an den Ergebnissen sehen kann – Früchte getragen. Jetzt haben wir noch ein Jahr länger Zeit, unsere Performance zu festigen“, so Beucke, die erst kürzlich die Folgen eines Beinbruchs im Training überwunden hat.

Das Wettkampfboot noch hierbehalten

Glück im Unglück hatten die Seglerinnen, was ihr Wettkampfboot betrifft: Das hätte am Mittwoch bereits im Container von Kiel nach Japan verschifft werden sollen. „Das Boot wäre möglicherweise für Monate weggewesen und wir hätten es bei einer möglichen Qualifikation nach der Krise nicht zur Verfügung gehabt. Nicht auszudenken“, meint Lutz. Und auch Beucke ist darüber froh, schließlich hat sie das Boot nach der Rückkehr aus Mallorca in einer Werkstatt in Kiel wieder auf Vordermann gebracht.

Durch die Verschiebung muss Tina Lutz auch ihre beruflichen Pläne neu organisieren. Sie steht vor ihrer Masterarbeit in Wirtschaftspsychologie. „Die Verlegung der Spiele schmeißt da meinen Zeitplan ziemlich durcheinander. So eine Masterarbeit schreibst du nicht einfach so nebenbei. Ich bin mir aber sicher, dass ich auch das auf die Reihe bringe.“ Um dann halt gleich danach den Fokus auf die olympischen Ringe zu richten...

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