Oberaudorfer Profi-Torhüter Thomas Dähne kehrt nach Deutschland zurück: Ein Traum wird wahr

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Thomas Dähne hat mit HJK Helsinki das finnische Double gewonnen.
  • Thomas Neumeier
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Thomas Dähne ist wieder zurück in Deutschland. Nach 13 Jahren und Stationen in Österreich, Finnland und Polen hat der 26-jährige Fußball-Torhüter aus Oberaudorf nun beim Zweitligisten Holstein Kiel einen Vertrag unterschrieben. Die OVB-Sportredaktion hat Dähne beim Heimatbesuch getroffen.

Oberaudorf – Eigentlich hatte die Sportredaktion vor, den 26-jährigen Fußball-Torhüter Thomas Dähne über seine Auslandsstationen, die Erfahrungen dort und sein neues Engagement beim Zweitligisten Holstein Kiel zu fragen. Das Treffen entwickelte sich dann aber ganz anders – und heraus kam am Ende auch ein Gespräch über Heimat, frühes Erwachsenwerden und die speziellen Klischees, mit denen Torhüter behaftet sind.

Wie schön ist es für Sie, wieder daheim zu sein?

Thomas Dähne: Das kann man nicht beschreiben. Ich habe die Berge lange nicht mehr gesehen, das Wetter passt auch. Es ist Heimat! Die Urlaubszeit, in der ich daheim sein kann, ist unbezahlbar.

Sind Sie ein Bergmensch?

Dähne: Ja, ich liebe die Berge. Im Winter Skifahren, was ich in den letzten Jahren nicht mehr so oft gemacht habe. Wenn man ganz früh aufsteht und raufgeht, dann ist das mit eine der schönsten Sachen.

Als Oberaudorfer sind Sie ja wohl auch mit den Ski mit aufgewachsen, oder?

Dähne: Ja, klar. Als ich noch klein war, war es im Winter so: Von der Schule heim, schnell die Hausaufgaben machen, Essen – und auf die Skipiste. Im Sommer war das dann der Fußballplatz.

Sie haben die Heimat früh verlassen, sind mit 13 nach Salzburg gewechselt. Wie war das für einen jungen Buben?

Dähne im Trikot des polnischen Erstligisten Wisla Plock.

Dähne: Es ist schon so, dass du aus deinem wohlbehüteten Zuhause rausgerissen wirst. Plötzlich kannst du nicht einfach sagen: Mama, wasch mir das bitte mal. Du musst schauen, dass du deine Hausaufgaben machst, dass du in der Früh aufstehst und zur Schule kommst, dass deine Trainingsklamotten gewaschen sind. Ich habe relativ früh gelernt, mich selbst zu organisieren, sodass ich meinen Tagesablauf auf die Reihe kriege. Es war schon so, dass du sehr früh selbstständig wirst.

Wenn mal Probleme auftauchen, dann fehlen aber die Vertrauten. Muss man dann viel mit sich selbst ausmachen?

Dähne: Ich war zwar weg, aber es waren auch nur 100 Kilometer. Wenn irgendwas gewesen ist, dann sind meine Eltern gekommen, oder ich bin mit dem Zug heimgefahren. Für mich war gut, dass ich zur gleichen Zeit wie Robert Völkl nach Salzburg gegangen bin. Wir kennen uns ja schon ewig und er war ein Jahr älter. In diesem Sinne war das dann meine Bezugsperson. Wenn ich irgendwas hatte, dann bin ich halt zu ihm gegangen und habe mit ihm darüber geredet. Klar habe ich mit 13, 14 auch mal Heimweh gekriegt, ich hatte ja meine gewohnte Umgebung mit den Eltern und Freunden nicht mehr. Und da war es schon eine gute Sache, dass ich da den Robert hatte und er mich. In diesem Sinn haben wir uns gegenseitig unterstützt.

Roberts Vater Hermann war ein bekannter Torwart im Inntal. Haben Sie mit ihm trainiert?

Dähne: Er hat mich damals zum Fußball gebracht, hat zu mir gesagt: Schau mal zum Training, schau, ob‘s dir Spaß macht. Mir hat‘s Spaß gemacht und ich bin dann auch Torwart geblieben. Klar ist das jetzt wieder so eine klassische Geschichte, die gefühlt jeder erzählt.

Wir hören!

Dähne: Wir hatten ein Spiel und der Torwart ist nicht gekommen. Ich wurde gefragt: Magst nicht ins Tor gehen? Das passiert gefühlt bei jedem so, und bei mir war das genau gleich. Ich kann mich noch erinnern, dass ganz schlechtes Wetter war. Aber das hat gut funktioniert und dann hab ich mir gedacht: Ich bleib einfach drin – und fertig. Das ist doch so die klassische Klischee-Torwart-Geschichte, die wohl jeder erzählt.

Zu den Torwart-Klischees gehören aber mehr...

Dähne: Ja, dass er nicht Laufen wollte und so!. Die kenn ich alle!

Und die von den besonderen Macken, die Torhütern nachgesagt werden?

Dähne: Die kenne ich zur Genüge. Aber das trifft nicht so wirklich auf mich zu. Ich bin kein Olli Kahn, der dem Mitspieler den Kopf abreißt. Das bin ich nicht, das war ich nicht und das werde ich auch nicht sein.

Ist es nicht so, dass ein Torhüter nun viel mehr Spielverständnis haben muss, weil er seine Vorderleute dirigieren soll?

Dähne: Ja. Bei mir ist es so, dass ich nach Spielen nicht unbedingt körperlich müde bin – obwohl du als Torwart auch deine vier bis fünf Kilometer pro Spiel bewältigst. Aber ich bin nach vielen Spielen mental müde, weil du sehr viel vorausschauen, zeitgleich aber auch aktiv coachen musst.

Steigern Sie sich da so rein?

Dähne: Reinsteigern würde ich jetzt nicht sagen. Sicher brauchst du deinen Fokus, weil sonst das Spiel komplett an dir vorbeirennt. Aber ich bin jetzt keiner, der sich vorm Spiel selbst anschreit oder so. Ich bin von Natur aus eher ruhiger, gehe für mich selbst meinen Rhythmus durch und konzentriere mich auf meine eigene Sache.

Welches Klischee trifft dann auf Sie zu?

Dähne: (überlegt) Puh! Sagen Sie mir eines! Dann kann ich sagen, ob es stimmt...

Na ja, es heißt immer, dass Torwart und Linksaußen schon von besonderem Schlag sind...

Dähne: Ich könnte jetzt nicht sagen, dass ich irgendwelche besonderen Macken habe. Klar bin ich ein bisserl deppert. Sonst würde man sich ja nicht ins Tor stellen und sich die Bälle um die Ohrwaschl schießen lassen (lacht). Ganz ehrlich: Mir hat das schon damals Spaß gemacht, im Tor zu stehen. Du kannst in einem Spiel der absolute Held sein und im nächsten bist du wieder der größte Depp.

Sie haben bereits in der 2. österreichischen Liga gespielt. Wie wichtig war das für Ihre Entwicklung?

Dähne: Extrem wichtig. Die Spieler beim Gegner waren nicht nur körperlich weiter, sondern auch erfahrener. Und es ist schon etwas anderes, wenn du in der Jugendliga gegen gleichaltrige spielst oder gegen 30-Jährige, die schon zehn, zwölf Jahre in der zweiten Liga oder auch in der Bundesliga gespielt haben.

Da ist auch Körperlichkeit gefragt: Gehen Sie noch auf Flanken raus?

Dähne: Ich bin jetzt keiner, der im gesamten Sechzehner rumläuft und auf jede Flanke geht. Es muss schon Sinn machen. Aber das geht halt auch mit dem richtigen Coaching los, sodass du als Torwart vielleicht gar nicht mehr so viel machen musst.

Folgende These: Wenn ein Torwart gut dirigiert, dann erspart er sich 50 Prozent an Arbeit!

Dähne: Da braucht man sich doch nur Andrea Pirlo anschauen. Der war jetzt zwar Mittelfeldspieler, ist aber nicht so viel gelaufen, sondern hat alles mit Coaching gemacht. Als Torwart ist es schon ein großer Baustein, dass du viele Situationen voraussiehst. 50 Prozent ist vielleicht ein bisschen viel, aber du kannst dir und deinem Verteidiger in einigen Situationen das Leben erleichtern.

Nach Salzburg und Leipzig ging‘s ins Ausland. Warum Finnland?

Dähne: Nach dem schwierigen Jahr in Leipzig war es für mich wichtig, dass ich wieder in den Spielmodus komme. Ich wollte in Deutschland oder Österreich bleiben. Weil ich aber ein Jahr kaum Spielpraxis hatte, war das nicht so einfach. Ich habe dann für drei Monate in Helsinki unterschrieben  mit Option auf ein weiteres Jahr. Dort hatte ich vom ersten Training an ein sehr gutes Gefühl und auch die Wertschätzung vom Trainer und Torwarttrainer. Es war eine rundum gelungene Zeit.

Für Dähne und Hündin Bella sind die heimischen Bergen das Schönste.

Was haben Sie aus Finnland mitgenommen?

Dähne: Meine Vorliebe für Kaffee. Ich hatte Mitspieler, die haben ihre sieben, acht Tassen am Tag getrunken – was für den Cholesterinspiegel vielleicht nicht ganz so gut ist. Generell ist Finnland sehr schön. Die Leute sind sehr zurückhaltend, aber – wenn man dann mit ihnen ins Gespräch kommt – sehr hilfsbereit und gut ausgebildet.

Welche Eindrücke nehmen Sie aus Polen mit?

Dähne: Dass die Leute alles ein bisschen lockerer sehen. Ich bin schon so einer, der will, dass alles ein bisschen geregelt abläuft. Wenn du dich dann mit jemandem um 10 Uhr zum Frühstück triffst, dann kann es schon sein, dass er mal eine Viertelstunde später kommt, mal auch gar nicht. Aber ich habe mich auch damit arrangieren können.

Sie haben polnisch gelernt. Wie leicht ist Ihnen das gefallen?

Dähne: Es war sehr schwierig – aber mir ist auch nichts anderes übrig geblieben. In Helsinki sprachen gefühlt 99 Prozent der Bevölkerung perfektes Englisch, in Plock bin ich damit überhaupt nicht weiter gekommen. Auch in der Mannschaft gab es Spieler, die nur polnisch gesprochen haben. Deshalb habe ich den damaligen Sportdirektor gefragt, ob es die Möglichkeit gibt, einen Sprachlehrer zu kriegen.

Sie brauchten ja die Sprache, um Ihre Innenverteidiger zu coachen?

Dähne: Das ist relativ schnell gegangen. Es sind ja immer die Schlagwörter: „Links“, „rechts“, „dreh auf“ oder „Hintermann“. Nach diesen Begriffen hatte ich als erstes gefragt, und die waren nach einer Woche schon drin. Wenn deine Verteidiger allesamt Polen sind, dann ist es schon wesentlich einfacher, wenn du die in ihrer Landessprache coachen kannst.

In Plock gibt es die Handballer. War Fußball nur die Nummer zwei?

Dähne: Nein, Fußball war eher sogar die Nummer eins. Ganz oben waren die Skispringer, auf die sind sie in Polen sehr stolz.

Da können Sie als Oberaudorfer aber mitreden!

Dähne: Klar! In der Kabine hatten wir einen Fernseher hängen und vor dem Abendtraining ist dort oft Skispringen gezeigt worden. Wenn dann die Deutschen vor den Polen lagen, dann war ich immer der Unbeliebteste (lacht).

Gibt es vom Spiel gravierende Unterschiede zwischen Deutschland, Finnland und Polen?

Dähne: In Finnland ist sehr direkt gespielt worden. Es hat schon Teams gegeben, die Fußball gespielt haben, aber es gab auch Mannschaften, die eher über lange Bälle und Kampf kamen. Das hatte ich auch von Polen geglaubt, aber da ging wirklich sehr viel über das Fußballerische. Die zweite Bundesliga habe ich nur übers Fernsehen verfolgt. Aber gerade bei Holstein Kiel wurde viel Wert aufs Fußballerische gelegt.

Welche Hoffnungen haben Sie nun an Ihr Engagement bei Holstein Kiel?

Dähne: Ich erhoffe mir zunächst mal einen guten Start. Für mich ist es ein großer Schritt, auf den ich mich aber wahnsinnig freue. In der zweiten Liga sind viele Traditionsvereine, die auch mal vor 50 000 Zuschauern spielen, das ganze Drumherum ist einfach riesig. Deswegen war es für mich ein Traum, wieder zurückzukommen. Weil ich das einfach erleben möchte! Und deswegen will ich von Tag eins an, wenn das Training losgeht, zeigen: Trainer, ich will im Tor stehen! Daran werde ich arbeiten.

Sie müssen Gas geben, weil der bisherige Torhüter Ioannis Gelios bleibt.

Dähne: Die Situation ist so: Ich komme als Herausforderer. Er wird versuchen, seinen Platz zu behalten, und ich werde versuchen, seinen Platz zu erobern. Ich sage: Das ist nützlich und förderlich für uns beide – und auch für die anderen Torhüter. Weil dich so ein Konkurrenzkampf zu besseren Leistungen antreibt.

Sie sind zwar Konkurrenten. Aber ist es nicht so, dass die Torhüter quasi ein eigenes Team bilden?

Dähne: Ich glaube, dass sich da seit 2006 mit Kahn und Lehmann viel geändert hat. Natürlich denkt jeder an sich selbst. Aber es bringt nichts, wenn du jeden Tag mit dem Messer zwischen den Zähnen in die Kabine kommst. Ein gesunder Konkurrenzkampf gehört dazu, aber es ist nicht förderlich, wenn man sich bekriegt. Ich bin mit den anderen Torhütern immer gut klargekommen.

Gerade in schwierigen Situationen hat man dann auch mal Verständnis für den Kollegen.

Dähne: Es gibt immer zwei Optionen: Ich kann Groll hegen oder den Kollegen unterstützen. Es bringt aber nichts, wenn du die ganze Zeit einen Grant schiebst: Es bringt dir nichts, dem anderen Torwart nichts und der Trainer denkt sich dann auch: Was ist denn mit dem los?

Was ist so cool an Kiel?

Dähne: Der Verein ist sympathisch und im Aufschwung, es wurden neue Plätze gebaut und das Trainingszentrum verbessert. Das positive Gefühl bei mir ist schon bei den Telefonaten mit dem Torwarttrainer und dem Cheftrainer entstanden. Und dieses Gefühl hat sich dann noch verstärkt, als ich zum Medizincheck und zur Wohnungsbesichtigung dort war.

Fußballprofi Thomas Dähne im Gespräch mit OVB-Sportredakteur Thomas Neumeier und OVB-Sportvolontär Leon Simeth (von rechts).

Sie hatten viele aktuelle Topstars im Team: Wer war Ihr bester Mitspieler?

Dähne: (überlegt) Da waren schon viele dabei. Sadio Mané hat die Champions League und jetzt die Premier League gewonnen, auch Joshua Kimmich mit den vielen Titeln. Die beiden sind schon weit vorne.

Wie ist das im Training, wenn ein Mané auf einen zukommt?

Dähne: Dann versuche ich, den Ball zu halten. Das hört sich jetzt einfach an, aber du versuchst trotzdem, in deinen Möglichkeiten das Beste zu machen, um ihn daran zu hindern, dass er ein Tor macht. Klar ist das gegen so einen Spieler schwieriger, als gegen einen anderen. Es ist auch anders, ob ein 20-jähriger Stürmer oder ein erfahrener 33-Jähriger auf dich zukommt, der dann auch schaut, ob du dich zu früh bewegst und dir dann den Ball ins andere Eck schießt. Deswegen war das für mich gut, dass ich in jungen Jahren mit so vielen guten Spielern trainieren konnte und dabei massiv gelernt habe.

Was haben Sie gelernt?

Dähne: Das Spielverständnis. Bei Roger Schmidt musste man als Torwart bei Ballbesitzformen oder im Kreis mitspielen. Da habe ich am Anfang gemerkt, dass das brutal schnell war – ich habe schon geglaubt, dass ich im Kreis eine Saisonkarte in der Mitte hätte (lacht).

Und wie ist das jetzt mit mehr Erfahrung?

Dähne: Jetzt kann ich im Kreis eher mal einen jungen Spieler reinschicken. Durch die Erfahrung ist es jetzt auch einfacher, als wenn du ein 18-Jähriger bist, der noch zittrige Knie hat.

Finnischer Doublesieger, WM-Bronze und viele prominente Mitspieler

Thomas Dähne (26) startete seine Laufbahn bei seinem Heinatverein FV Oberaudorf. Über den TSV 1860 Rosenheim wechselte der 1,93 Meter große Torwart 2007 zu Red Bull Salzburg, ehe er für die Spielzeit 2014/15 zu RB Leipzig wechselte. 2015 ging er nach Finnland zu HJK Helsinki, im Winter 2017 nach Polen zu Wisla Plock.

Nun hat Dähne einen Vertrag bis Sommer 2023 beim Zweitligisten Holstein Kiel unterzeichnet.2017 wurde er mit Helsinki finnischer Meister und Pokalsieger, 2013 gelang der Aufstieg in die zweite österreichische Liga. Mit der deutschen U17 nahm Dähne an der WM in Mexiko teil und gewann Bronze. In Salzburg spielte der Keeper mit Stefan Lainer (Borussia Mönchengladbach), Konrad Laimer, Kevin Kampl (beide (RB Leipzig), Valentino Lazaro (Newcastle United), Martin Hinteregger (Eintracht Frankfurt) sowie Sadio Mané (FC Liverpool). In Leipzig mit Diego Demme (SSC Neapel), Joshua Kimmich (FC Bayern), Ante Rebic (AC Mailand) sowie Lukas Klostermann, Emil Forsberg und Youssef Poulsen.

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