Neubeuern statt USA: Corona beendet den College-Traum abrupt

In dieser Saison spielt Benedikt Völker bei seinem Heimatverein TSV Neubeuern in der Bezirksliga Super an Nummer zwei.Rapp

In der Tennis-Bezirksliga Super, der höchsten Spielklasse in Oberbayern, ist es zuletzt bei den Herren in Neubeuern zum Lokalderby zwischen dem TSV Neubeuern und dem TSV 1860 Rosenheim 2 gekommen, das die favorisierten Neubeurer gegen die ersatzgeschwächten Rosenheimer im entscheidenden Doppel knapp mit 5:4 für sich entscheiden konnten. Im Team der Gastgeber war Benedikt Völker mit dabei. Er spielte in der neu angelaufenen Saison an Position zwei.

Neubeuern– Der 23-Jährige hat sich nach Abitur und Ausbildung den Traum vom College-Tennis in den USA erfüllt. Seit August 2016 studierte er am Missouri Valley College, 70 Meilen östlich von Kansas City. Eigentlich wollte er im Mai dieses Jahres mit seinen College-Freunden in den USA ausgiebig seinen Studienabschluss feiern. Doch Corona beendete seinen College-Tennis-Traum vorzeitig, wie Völker im Interview erklärt.

„Die USA haben mich schon immer sehr fasziniert“ Sie haben nach dem Abitur eine Ausbildung zum staatlich geprüften Fremdsprachenkorrespondenten in Englisch und Italienisch gemacht und waren in Sachen Tennis nicht unbedingt auf Leistungssportkurs. Was hat Sie damals bewogen, dennoch das Abenteuer USA in Angriff zu nehmen?

Die USA haben mich schon immer sehr fasziniert und ich wollte gerne einen Schritt gehen, den – zumindest damals – noch nicht so viele gewagt haben. Für mich war College-Tennis die perfekte Möglichkeit, Uni und Sport zu verbinden. Dort konnte ich mein Englisch weiter verbessern und Tennis auf hohem Niveau spielen. Aber klar war es nicht ganz einfach für mich, das Auswahlverfahren zu überstehen.

Wie lief das ab?

Man brauchte damals eine möglichst gute Position in der Altersklasse U18 in der Deutschen Rangliste, um für die US-Coaches überhaupt in Frage zu kommen. Die musste ich mir erst erkämpfen. Die Agentur uniexperts hat mich dann beim Auswahlverfahren enorm unterstützt. Das begann mit einem Sichtungstag, dann kam ein Vorspielen in Mühlheim a. d. Ruhr mit US-Coaches vor Ort. Danach wurde ein Profil samt Video erstellt, Tests mussten absolviert werden. Anschließend haben mich immer mehr Coaches kontaktiert, die mich interviewt haben, bis ich aus meinen Angeboten das Beste ausgewählt habe. Schwierig waren vor allem die Englischtests, der ganze Papierkram und anfangs die Selbstüberzeugung, es überhaupt schaffen zu können. Die Agentur hat mich aber immer, auch während des Studiums, sehr unterstützt.

Wie sah Ihr Alltag dann in den USA aus?

Der war schon ganz schön durchgetaktet. Im Wintersemester hatten wir täglich von 8 bis 12 und 13 bis 15.30 Uhr Vorlesungen, dann bis 18 Uhr Training und abends noch einmal Selbststudienzeit. Im Sommersemester hieß es um 5.45 Uhr Aufstehen, dann eine Stunde Fitness und ab 8 und bis 15.30 Uhr Vorlesungen. Danach wieder 2,5 Stunden Tennistraining und nach dem Abendessen wieder Selbststudium.

Wie haben Sie das Studium empfunden? War das Niveau ähnlich wie an einer deutschen Uni?

Die Kurse, die man für einen vergleichbaren Abschluss belegen muss, sind ähnlich. Jedoch hat man in Deutschland dafür ein Jahr weniger Zeit. In den USA müssen zu Beginn auch noch allgemeinbildende Kurse belegt werden. Das gibt den Studenten mehr Zeit zur Orientierung, welchen Studiengang oder welches Spezialgebiet sie letztendlich wirklich belegen wollen. Ich habe so beispielsweise von allgemeiner BWL auf den Bereich Finanzen gewechselt. Zusammenfassend würde ich sagen, dass ein amerikanisches Studium durch die längere Zeit für dieselbe Anzahl an Credits/ECTS schon leichter ist.

Tennistraining fast ausschließlich taktisch und im mentalen Bereich Wie beurteilen Sie das Tennistraining dort? Was hat es Ihnen gebracht?

Das Tennistraining war fast ausschließlich taktisch und im mentalen Bereich, weniger technisch. Durch das viele Training ist vor allem auch meine Ausdauer besser geworden, lange Zeit aggressiv spielen zu können. Und ich habe durch konstanten Erfolg mit festem Partner und einstudierten Spielzügen auch viel Spaß am Doppel bekommen und mich dort stark verbessert. Doppel ist beim Collegetennis extrem wichtig, die Coaches sind richtige Taktik-Füchse.

Wie sah Ihr Turnierplan dort aus?

Im Winter spielt man Einladungsturniere, ITA Regionals (Qualifikationsturniere) und Freundschaftsspiele gegen andere Teams. Im Sommer dann nach vielen Vorbereitungsmatches die Spring Break- und Conference Matches, dann die Conference Turniere, wo wir dreimal Zweiter wurden. Wenn man sich qualifiziert, kommen danach die National Tournaments. Die haben wir leider nicht erreicht.

„Ich wollte so schnell wie möglich nach Hause“ Zum Studienende hat Sie die Pandemie voll erwischt. Wie lief das ab?

Mitte März waren wir im Rahmen unseres alljährlichen Spring-Break-Trips in Hilton Head Island, South Carolina. Wir hatten bisher alle Matches gewonnen und waren gut in Form. Es gab aber schon Gerüchte, dass die Saison bei einem Ausbruch der Pandemie abgesagt werden würde. Unser Coach sagte immer wieder: „Geht ab sofort in jedes Match, als wäre es das letzte.“ Und so kam es dann auch. Am 11. März habe ich mein letztes College-Match gespielt. Leider haben wir als Team verloren, aber ich habe mein Einzel gewonnen. Dann ging alles ganz schnell. Zuerst wurde der ganze College-Spielbetrieb abgesagt, dann alles national. Die Uni hat alle Vorlesungen dann auch nur noch online gemacht. Ich wollte so schnell wie möglich nach Hause und bin dann am 17. März von einem Tag auf den anderen heimgeflogen.

Sie spielen jetzt wieder für Ihren Heimatverein, den TSV Neubeuern, an Position zwei in der Herren Bezirksliga Super. Was hat Ihnen die Zeit in den USA rückblickend in Sachen Tennis gebracht?

Ich bin mit Sicherheit besser geworden, vor allem mental. Ich habe jetzt viel mehr Match-Erfahrung und weiß, meine Stärken auszuspielen. Im College war schon ziemlicher Leistungsdruck. Jetzt spiele ich mehr zum Spaß, will aber natürlich immer gewinnen und mit meiner Mannschaft erfolgreich sein.

„Man wird viel schneller erwachsen und selbstständig“ Abgesehen vom Tennis: Welche positiven Erfahrungen können Sie aus der USA-Zeit mitnehmen, auf welche hätten Sie gerne verzichtet?

Positiv war vor allem meine Persönlichkeitsentwicklung. Man wird viel schneller erwachsen und selbstständig, wenn man auf sich allein gestellt ist. Ich bin seitdem viel offener im Umgang mit Menschen. Negativ war ab und zu nur, immer im selben Campus zu leben, mit denselben Leuten immer denselben Tagesablauf zu haben.

Ihre weiteren Pläne für die Zukunft?

Ab Herbst möchte ich gerne einen dualen Master machen, als Werkstudent arbeiten oder gleich mit einer Einstiegsposition ins Berufsleben starten. Und natürlich gerne wieder von zu Hause ausziehen. Interview: Petra Rapp

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