Mentaltrainer Jörg Kaiser blickt in Gedanken von Sportlern: „Da kann der Trainer mitreißen “

Jörg Kaiser aus Mettenheimist Coach und Mentaltrainer für Sport und Business. Er rät, aktuell „auch mal den Druck rauszunehmen“. Kaiser

Die Corona-Pandemie hat den Sport – regional, national und international – zum Erliegen gebracht. Profisportler sind zum Nichtstun verdammt. Eine schwierige Situation in der Jörg Kaiser aus Mettenheim, Coach und Mentaltrainer für Sport und Business, helfen kann.

Mettenheim– Amateur- und Hobbysportler können ihrer Leidenschaft nicht mehr nachgehen. Wie lange, das ist noch offen. Unsicherheit belastet das Gemüt. Die Corona-Pandemie hat den Sport – regional, national und international – zum Erliegen gebracht. Profisportler sind zum Nichtstun verdammt, Amateur- und Hobbysportler können ihrer Leidenschaft nicht mehr nachgehen. Wie lange, das ist noch offen. Unsicherheit belastet das Gemüt. Und vor allem Sportler, bei denen der Kopf funktionieren muss, haben mit einer völlig neuen Situation zu kämpfen. Das wirft Fragen auf. Die OVB-Sportredaktion hat bei Jörg Kaiser aus Mettenheim nachgefragt – und der Coach und Mentaltrainer für Sport und Business hatte Antworten darauf parat.

„Die Sportler wollen raus und ihre Leistung abrufen“

Thema: Teamchef Ralph Denk vom Radsport-Profiteam Bora-hansgrohe hat in einem OVB-Interview erwähnt, dass die Situation für seine Fahrer vergleichbar sei mit Raubtieren, die in einen Käfig gesperrt würden.

Fragen:Was geht in diesen Sportlern vor? Wie können Sie die notwendige Balance wahren?

Antworten:„Die Sportler wollen raus und ihre Leistung abrufen. Man kennt das auch von uns, wenn man vor wichtigen Prüfungen steht. Da hängt jetzt viel an den Trainern und Betreuern der Sportler. Es ist wichtig, eine gute Mischung aus Leistungskompensation und mentaler Zerstreuung zu finden“, sagt Kaiser. Speziell die Radsportler hätten ja noch Hoffnung, dass etliche große Veranstaltungen in diesem Jahr noch stattfinden. „Da muss man als Trainer zusehen, die Leistung für den neu festgelegten Austragungstermin auf dem Höhepunkt zu halten, zunächst aber mal zwei bis drei Gänge runterzuschalten und den Druck rauszunehmen.“

Thema: Drei Sportler hatten sich auf die Olympischen Spiele 2020 vorbereitet oder deren Qualifikationswettbewerbe vorbereitet. Jetzt ist alles um ein Jahr verschoben.

Fragen:Was passiert mit den Sportlern, deren großes Ziel, auf das man teilweise jahrelang hinarbeitet, aktuell wegbricht? Wie können sich die Sportler wieder aufbauen und neu motivieren?

Antworten: „Das ist zunächst mal echt tragisch, weil ja Olympische Spiele nicht so oft stattfinden. In diesem Fall ein kleiner Trost ist es, dass ja alle Sportler davon betroffen sind. Schlimmer wäre es, wenn sich ein Sportler verletzt und die Spiele dann ohne ihn stattfinden.“ Das neue Austragungsdatum steht ja mittlerweile fest, was Kaiser bereits als erste Motivation für die Sportler sieht: „Trainer und Athleten können jetzt ihren Zyklus bis dahin planen.“ Sein Rat: „Jetzt erst einmal abtrainieren und das Training dosieren – und dann wieder neu loslegen.“

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Positiver Effekt: „Es werden die Karten wieder neu gemischt.“

Thema:In den heimischen Amateurfußballklassen ist die Fortsetzung der Saison nun auf September verschoben. Ob es dann weitergeht, ist aber noch fraglich...

Fragen:Der Zeitraum ist recht lang. Wie kann ein Sportler bei Aufnahme des Spielbetriebs sofort wieder mental an die Phase vor der Unterbrechung anknüpfen? Für etliche Teams geht es um den Aufstieg oder gegen den Abstieg – wie schnell hat man als Sportler die Situation wieder intus? Und: Kann so eine Pause für Mannschaften, denen zuvor nicht viel gelungen ist, hilfreich sein und bei Teams, die um den Titel spielen, plötzlich das Zittern auslösen?

Antworten:„Wenn es wieder weitergeht, dann braucht es in jedem Fall einen Vorlauf. Für den Amateurspieler kann der Start sogar einfacher sein, weil er den Fokus nicht auf den Sport hat, sondern andere Themen derweil seine Leistung erfordern“, sagt Kaiser. Probleme können sich ergeben, wenn die private Situation für Sportler ebenfalls schwierig ist. „Das ist nicht zu vernachlässigen.“ Das Mannschaftserlebnis könnte einen Sportler da aber auch auffangen, so der Mettenheimer, der glaubt, „dass junge Spieler relativ einfach mit dem Thema umgehen werden“. Und charakterstarke Spieler würden die Situation ebenfalls souverän meistern, so Kaiser: „Ich nehme da immer einen Xabi Alonso als Beispiel. Das war ein alter Haudegen, für den hat es dann keine Situation gegeben, die er nicht schon einmal erlebt hat.“

Kaiser glaubt, dass hintere Teams einen positiven Effekt bekommen: „Es werden die Karten wieder neu gemischt.“ Dass ein Team, das bislang vorne mitgespielt hat, hingegen das Zittern bekommt, denkt er nicht. „Es sind doch zumeist sowieso immer die üblichen Verdächtigen, die vorne sind.“ Und bei Überraschungsmannschaften, wie beispielsweise der Bayernliga-Zweite TSV Wasserburg, den seine Aufstiegseuphorie gleich wieder nach vorne geführt hat? „Da hängt es davon ab, wie ich als Trainerteam mit den Spielern umgehe. Die können auch die Zeit nutzen, um durchzuatmen und sich neu zu motivieren. Da ist ganz entscheidend, wie ich das verpacke und die Jungs mitnehme. Das ist der Bereich, wo der Trainer die mental mitreißen kann!“

„Ein Profisportler befindet sich in einem Mikrokosmos“

Thema:Bei den Fußballprofis war lange nur Individualtraining möglich, dann erst wieder Training in kleinen Gruppen. Viele haben erzählt, dass ihnen vor allem auch die Gespräche und der Flachs in der Umkleide fehlen.

Fragen:Wie wichtig ist für einen Mannschaftssportler das gemeinsame Training? Was löst das in einen aus?

Antworten: „Ein Profisportler befindet sich in einem Mikrokosmos, vor allem solche, die auch ‚englische Wochen‘ bestreiten. Wenn hier das gewohnte Muster wegbricht, dann ist es schon schwierig“, sagt Kaiser. Für viele Sportler sei das Team wie ein Stück Familie, weiß der Mentalcoach, „klar, dass denen der Alltag oder der Flachs in der Kabine fehlt“. Das ist natürlich bei intakten Mannschaften der Fall. „Das gemeinsame Training vermittelt einem Sportler dann so ein Gefühl, als wenn man nach langer Zeit wieder zur Familie zurückkehrt“, stellt der Mettenheimer fest.

Jörg Kaiser sieht für neue Trainer zunächst mal kein Problem

Thema:In der Fußball-Bundesliga gibt es beim FC Augsburg und bei Hertha BSC Berlin zwei neue Trainer – einer gekommen unmittelbar vor dem Corona-Abbruch, einer während der Unterbrechung.

Fragen:Wie kann ein neuer Trainer schnell ein Gefühl für die Mannschaft bekommen und erlangt das Vertrauen der Spieler? Bei neuen Trainern ist oft auch zu beobachten, dass sie einem Spieler den Arm auf die Schulter legen und körperliche Nähe vorleben – was fehlt, wenn das fehlt?

Antworten: Jörg Kaiser sieht für die Trainer zunächst mal kein Problem: „Heiko Herrlich und Bruno Labbadia sind ja keine Unbekannten. Und die Spieler tauschen sich ja auch untereinander aus und wissen in etwa, was sie erwartet – das ist wie bei Felix Magath und den Medizinbällen.“ Die aktuelle Situation biete den neuen Trainern sogar eine bessere Möglichkeit, das Umfeld des Vereins in einer ruhigen Zeit kennenzulernen. Zudem seien diese Trainer erfahren genug, um das Team auch ohne große Nähe für sich einzunehmen. „Und Einzelgespräche kann man auch führen, wobei es die ja im normalen Verlauf ebenfalls gibt“, so der Mentalcoach. Sein Fazit: „Wenn der Trainer authentisch und empathisch ist, dann kann er viel erreichen.“

Berater müssen den Profisportlern den Rücken freihalten“

Thema:Bora-hansgrohe-Radprofi Marcus Burghardt hat im OVB-Interview erzählt, dass die Krise vor allem viele Fahrer treffen würde, die noch ohne Verträge für das neue Jahr seien und sich deshalb nicht zeigen könnten.

Fragen:Wie deutlich offenbaren sich Existenzängste? Was passiert in einem Sportler, der mit solchen Ängsten lebt? Welche Fehler kann ein Sportler machen, der mit Gewalt Erfolge erzielen möchte?

Antworten:„Auslaufende Verträge sind ein großes Problem“, sagt Kaiser. „Andererseits wird ein Sportler ja auch langfristig gescoutet. Die Teams verlieren das Interesse dann ja nicht so einfach – siehe Leroy Sané nach seiner Verletzung.“ Außerdem könnten eventuell ja noch Rennen stattfinden, bei denen es noch Möglichkeiten gibt, sich zu zeigen. „Wie schlimm sich Ängste aufbauen, hängt davon ab, in welchem Stadium der Karriere sich der Fahrer befindet, oder ob seine Sponsoren an Bord bleiben“, so der Mentalcoach.

„Dass ein Sportler übertreibt, geht fast nie gut“, weiß Kaiser und rät dazu, „den Druck rauszunehmen und die Ängste offen beim Trainer, in der Familie, beim Berater oder der Gewerkschaft anzusprechen, anstatt sie zu verdrängen“. Dann müsse man nach Lösungen suchen. „Aber jeder Profisportler hat doch auch Berater. Da ist es dann für die an der Zeit, um den Sportlern den Rücken freizuhalten“, so der Mentalcoach aus dem Landkreis Mühldorf.

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