Marcus Burghardt: Rund um den Chiemsee statt in der „Hölle des Nordens“

Idylle in der Krise:Radprofi Marcus Burghardt macht Pause vor der Nikolauskirche in Rosenheim.

Heimischer Garten statt Kopfsteinpflaster, Samerberg statt „Hölle des Nordens“ – der Ostersonntag gestaltet sich für Radprofi Marcus Burghardt mal ganz anders als sonst. Anstatt sich bei Paris-Roubaix wahrlich abzuquälen, verbringt er das Osterfest mal ganz gemütlich daheim im Kreise der Familie.

Samerberg– Im Interview mit der Sportredaktion erzählt der 36-Jährige vom Raublinger Rennstall Bora-hansgrohe, wie er sich aktuell fit hält, seine Sehnsucht nach dem Rennbetrieb und die Hoffnung nach Normalität, wenn die Corona-Pandemie überstanden ist.

Zum Einstieg gibt‘s die Frage, die jeder stellt: Wie geht es Ihnen?

Grundsätzlich passt alles, auch in der Familie. Für mich ist es halt eine Umstellung, wenn man so lange zuhause ist. Ich glaube, dass ich das erste Mal seit 15 oder 18 Jahren am Ostersonntag daheim bin.

Und wie kommen Sie mit der Umstellung zurecht?

Ich bin es nicht gewohnt, so lange am Stück daheim zu sein. In Gedanken ist man dann immer schon beim nächsten Rennen oder beim Trainingslager. Ein bisschen innere Nervosität war da dann immer schon dabei. Wir machen jetzt viel mit den Kindern, zuletzt habe ich mit der Größeren, die neun Jahre ist, zusammen gekocht. Ansonsten versuche ich, meinen Rhythmus beizubehalten. Ich stehe zeitig auf und mache dann auch mein Training wie gewohnt.

„Wir wissen gar nicht, in welcher Phase wir uns befinden“ Wie trainieren Sie derzeit?

Ich fahre viel fürs Grundlagentraining. Bei uns gibt es ja normal verschiedene Phasen: Nach der Saison mit Grundlagentraining im November, dann die Trainings im Januar, Februar – und im März meist das Höhentraining. Nun wissen wir eigentlich gar nicht, in welcher Phase wir uns befinden. Am Mittwoch war ich sechs Stunden unterwegs, am Donnerstag hatte ich Ruhetag, da bin ich dann nur eineinhalb Stunden geradelt. Dazu habe ich im Keller einen Raum, in dem ich Core-Training für die Stabilisation mache.

Welche Strecken fahren Sie?

Das gestalte ich recht abwechslungsreich. Mal geht‘s Richtung Chiemsee, dann Richtung Tegernsee. Oft fahre ich auch in den Norden des Landkreises, weil es dort vom Verkehr her ruhiger ist.

Immerhin ist dort kein Kopfsteinpflaster...

(lacht) Ja, das ist schwierig zu finden. Da müsste ich nach Rosenheim auf den Max-Josefs-Platz – und da darf man ja nicht radeln.

„Menschenleben gehen vor, deswegen mussten die Absagen sein“ Jede Menge Kopfsteinpflaster hätte es am Ostersonntag bei Paris-Roubaix gegeben. Das Rennen wurde abgesagt. Vermissen Sie die „Hölle des Nordens“?

Ja, aber nicht nur Paris-Roubaix, sondern auch die Flandern-Rundfahrt. Das sind meine Highlights, die Rennen liegen mir. Aber Menschenleben gehen natürlich vor, deswegen mussten die Absagen sein. Ich hoffe, dass die Rennen im Herbst nachgeholt werden können.

Bei Paris-Roubaix standen Sie schon 14-mal am Start und hatten zumeist starke Platzierungen. Warum liegt Ihnen das Rennen?

Ich schon von klein auf eine Liebe für dieses Rennen. Früher habe ich es im Fernsehen verfolgt, als junger Rennfahrer war ich dann beim Amateurrennen am Start und bin Vierter geworden. Das Rennen kommt mit als Fahrertyp zugute, da braucht es Ausdauer. Es ist zwar die „Hölle des Nordens“, aber du musst es trotzdem lieben – wenn nicht, dann ist es wirklich die Hölle...

Wie überwinden Sie den inneren Schweinehund?

Ich kann mich schon quälen. Aber für Paris-Roubaix brauchst du schon eine sehr hohe Leidensfähigkeit. Erst geht‘s 120 Kilometer flach, bevor es richtig losgeht. Und die Kopfsteinpflaster kann man nicht mit unserem hier vergleichen. Mal sind Steine schief, dann fehlt wieder einer ganz – das merkst du zwei, drei Tage später noch.

Sind Sie so einer, der zuhause überlegt: Am Sonntag wäre Paris-Roubaix, dann kommt dieses Rennen...

Die letzten Tage habe ich schon überlegt: Wo wärst du denn heute? Kürzlich habe ich bei einer Trainingsfahrt am Irschenberg an der Tankstelle gehalten und habe mir eine Schorle aus einer Europalette gekauft. Dann habe ich auch gedacht: Normalerweise wärst durch jetzt in Belgien mit den Teamkollegen beim Kaffeetrinken in Kortrijk. Aber es kommen auch wieder andere Zeiten. Ich habe großes Vertrauen in unser Gesundheitssystem.

„Ich gehe davon aus, dass die Tour stattfindet“ Wie viel Vertrauen haben Sie in die Tour-Veranstalter? Glauben Sie an eine Austragung der Tour de France?

Es gibt keine hundertprozentige Garantie, wann es wieder losgehen kann. Wir Sportler orientieren uns an Zielen, auf die wir hintrainieren – und diese gibt es momentan nicht. Ich gehe aber nach wie vor davon aus, dass die Tour stattfindet. Ob es Ende Juni geht, keine Ahnung. Wenn man schon in den sauren Apfel beißen müsste, dann hoffe ich auf eine Verlegung in den Herbst.

Angenommen, es würde in der nächsten Woche eine Freigabe für Rennen geben – wie fit sind Sie?

Mit Sicherheit nicht so fit, wie man sein müsste. Man macht nicht umsonst im Frühjahr einen geregelten Trainingsaufbau. Ich habe schon ein sehr hohes Grundniveau, könnte jetzt aber keine Spitzenleistungen abliefern – das könnte aber kein Radprofi jetzt. Der Weltverband wird uns vor dem Start sicherlich vier Wochen Vorlauf geben.

Obwohl Sie ausfahren und trainieren können?

Ich kann mich über die Arbeitsbedingungen sicher nicht beschweren. Die Kollegen in Italien oder Andorra beispielsweise können nur daheim auf der Rolle trainieren. Das ist Moment okay, ersetzt aber keine Vorbereitung. Du kannst keine Tour de France von der Rolle weg fahren.

„Wir haben solide Sponsoren, die fest hinter uns stehen“ Wie sehr trifft der Stillstand den Radsport?

Den merkt man schon kräftig. Andere Teams haben bereits Fahrergehälter gekürzt. Das ist für die Teams bitter und für viele Fahrer ein hohes Risiko. Wir haben gottseidank solide Sponsoren, die fest hinter uns stehen. Ich habe gerade erst die Meldung von Ralph Denk bekommen, dass auch unsere April-Gehälter normal überwiesen werden.

Glauben Sie, dass der Radsport 2021 ein anderes Gesicht hat?

Ich hoffe nicht, das würde nämlich bedeuten, dass es weniger Teams gibt und viele Arbeitsplätze wegfallen – nicht nur Fahrer, sondern auch im Umfeld. Ich habe schon die Hoffnung, dass viele Sponsoren an Bord bleiben.

Sie feiern Ostern diesmal daheim. Wo werden Sie Ihren Geburtstag am 30. Juni feiern?

(lacht) Ich hoffe, in Frankreich! Der ist nämlich immer im Rahmen der Tour de France, und den habe ich deshalb auch selten daheim verbracht.

INTERVIEW: THOMAS NEUMEIER

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