Sein Traum war Fußball-Profi

Ins Leben zurückgekämpft: Florian Singer aus Au ist nach einem Unfall Para-Climber

Mit fokussiertem Blick: Florian Singer aus Au bei Bad Feilnbach will hoch hinaus.
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Mit fokussiertem Blick: Florian Singer aus Au bei Bad Feilnbach will hoch hinaus.
  • vonLeon Simeth
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Früher hat Florian Singer davon geträumt, Fußballprofi zu werden. Heute steht er im Nationalkader der Para-Climber und möchte das Klettern zum Beruf machen. Diesen Weg hat sich der 22-Jährige jedoch nicht ausgesucht.

Au/Bad Feilnbach – Im November 2010 erlitt Florian Singer einen schweren Autounfall und musste das Gehen, Sprechen und Essen neu lernen. Der junge Mann aus Au bei Bad Feilnbach hat sich aber ins Leben zurückgekämpft und zählt mittlerweile zu den weltbesten Para-Climbern in seiner Klasse.

Seit dem Unfall geh- und sprachbehindert

Am 27. November 2010 endete der Traum, Fußballprofi zu werden, für den damals zwölfjährigen Florian Singer abrupt. Auf dem Heimweg vom Training kam das Auto auf einer eisigen Straße ins Schleudern und kollidierte mit einem Traktor, der neben der Fahrbahn parkte. Seitdem ist Singer „geh- und sprachbehindert“, wie er es selbst beschreibt. Fachmännisch spricht man von einer Dysarthie (Sprachbehinderung), einer rechtsseitigen, beinbetonten spastischen Hemiparese (Lähmung), einer Ataxie des linken Armes und der linken Hand (Störung der Bewegungskoordination), sowie einer Beeinträchtigung der Aufmerksamkeits-, Lern- und Gedächtnisfunktion und einem Schädelhirntrauma der Stufe III.

„Beim Gehen und beim Sprechen bin ich am meisten eingeschränkt. Dazu kommt das Zittern in meinem linken Arm“, beschreibt der 22-Jährige die größten Beeinträchtigungen seiner Behinderung. „Außerdem vergesse ich viele Sachen. Dafür kann ich mir aber gut Hilfestellungen leisten. Ich schreibe vieles auf und bei wichtigen Telefonaten habe ich immer einen Zettel parat.“

„Hart gekämpft, dass es mir gut geht“

Nach dem Unfall hat sich Singer ins Leben zurück gekämpft und die harte Zeit im Krankenhaus gemeistert. „Mir wurde nichts geschenkt. Ich und auch meine Familie haben hart dafür gekämpft, dass es mir heute so gut geht“, so Singer. Nach der Zeit im Krankenhaus konnte er weiterhin auf seine Schule gehen, bekam jedoch einen speziellen Lehrplan. Anschließend besuchte Singer die Hauptschule in Bad Feilnbach und absolvierte seinen Abschluss mit einem Zweier-Schnitt.

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Heute arbeitet der 22-Jährige als Fachlagerist bei der Metallverarbeitungsfirma „Bacher“ in Au bei Bad Feilnbach. „Als ich am Anfang ans Arbeitsklima gewöhnt worden bin, hat sich relativ schnell herausgestellt, dass von 5.45 Uhr bis 15.30 Uhr arbeiten für mich zu viel ist. Daher arbeite ich jetzt halbtags bis 12 Uhr.“ Schließlich braucht der Nationalkader-Athlet auch Zeit zum Trainieren. „So komme ich mittags heim, lege mich erst einmal hin und dann kann ich mich am Nachmittag aufs Sporteln konzentrieren.“

Zum Klettern kam Florian Singer nur durch seinen Unfall. Seine Anfangszüge machte er an einer sogenannten „Boulder-Wand“ im Krankenhaus. „Es hat mir im Genesungsprozess natürlich sehr weitergeholfen. Dazu ist gekommen, dass es mir auch immer mehr Spaß gemacht hat“, erzählt der junge Mann aus Au, wie er zu seinem Sport kam. Anschließend kam er über eine Ergotherapeutin, die selbst kletterte, zum Para-Climbing-Stützpunkt Inntal. Mittlerweile ist sein Terminkalender ziemlich voll: Nur einen freien Tag hat der 22-Jährige pro Woche. „Ich habe jetzt schon ganz schön etwas an meinen Oberarmen“, lacht er stolz.

Am häufigsten wird mit dem „Griffboard“ trainiert

Sein häufigster Trainingsbestandteil ist das „Griffboard“. Dazu kommen Einheiten im Fitnessstudio, normales Klettern und Privatstunden im Bouldern. „Das Griffboard ist ein Brett mit verschieden tiefen Einkerbungen, das über dem Türstock hängt. Ich hänge eine bestimmte Zeit dran und mache davon mehrere Wiederholungen“, erklärt Singer, wie mit dem Griffboard trainiert wird. „Dieses Brett habe ich damals vom Stützpunkt zu Weihnachten bekommen. Dafür bin ich sehr dankbar.“

Immer ein Lächeln im Gesicht: Florian Singer im Gespräch mit der OVB-Sportredaktion.

Seit 2016 ist Florian Singer im Nationalkader der Para-Climber. Daran hat sein Trainer Michael Füchsle, der selbst ein Para-Climber im Nationalkader ist, einen großen Anteil. „Michael hat mir die Übungen für das Griffboard gegeben und mich damit weitergebracht. Er trainiert mit mir sehr viel in seiner Freizeit. Er hat mir viel beigebracht und dafür bin ich ihm sehr dankbar.“

Mit dem Nationalkader gibt es einmal in Vierteljahr einen Trainingstag, an dem sich alle Kaderathleten treffen und zusammen trainieren. Dabei steht natürlich der zwischenmenschliche Kontakt im Vordergrund. „Dafür haben wir uns bei Michael getroffen und sind gemeinsam hingefahren“, erzählt Singer, der selbst einen Führerschein und auch ein Auto hat. „Mein Auto hat ein Automatik, bei der ich Gas und Bremse mit dem linken Fuß betätige. So kann ich problemlos Auto fahren.“

„Das war ein großatiges Gefühl“

Den ersten Wettkampf bestritt Florian Singer im Juli 2017 im österreichischen Imst. Dabei startete der 22-Jährige in der „RP-1“ und holte den fünften Platz. Beim Para-Climbing gibt es drei Klassen: „In der RP-1 sind so Leute wie ich, die scho an Pecker ham“, drück es Singer bayerisch aus. „In der RP-2 sind Leute, die beispielsweise einen künstlichen Ausgang haben und in der RP-3 diejenigen, denen verhältnismäßig am wenigsten fehlt“, beschreibt er die Klassen.

Wichtiger Baustein des Trainings: Florian Singer beim Klettern an einer Felswand.

Nur kurze Zeit später, auch im Juli 2017, trat der Kletterer au Au im französischen Briançon zum ersten Mal bei einer Weltmeisterschaft an und holte sich den 4. Platz. „Das war ein großartiges Gefühl“, freut sich der 22-Jährige. Im Jahr 2019 gewann er bei den belgischen Meistershaften zum ersten Mal einen Kletter-Wettbewerb, bevor er bei der WM in Innsbruck erneut auf den 4. Platz kletterte.

In diesem Jahr steht für Singer die Weltmeisterschaft in Moskau auf dem Programm. „Es ist jedoch noch nicht ganz sicher, dass die WM in diesem Jahr stattfinden kann. Das wird sich noch zeigen“, bezweifelt er die diesjährige Teilnahme. Das andere große Ziel für den 22-Jährigen ist, das Arbeiten aufzuhören und sich voll aufs Klettern zu konzentrieren. „Das ist der Traum von jedem. Mein Hobby zu meinem Beruf zu machen, wäre natürlich das Beste.“

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