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Flintsbacher Snowboarder in Peking am Start

„Ich wäre auch ohne Medaille glücklich“ – Olympia-Teilnehmer Leon Vockensperger im Interview

Deutschlands große Snowboard-Hoffnung: Leon Vockensperger beim Gespräch im OVB-Medienhaus.
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Deutschlands große Snowboard-Hoffnung: Leon Vockensperger beim Gespräch im OVB-Medienhaus.
  • Thomas Neumeier
    VonThomas Neumeier
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  • Hans-Jürgen Ziegler
    Hans-Jürgen Ziegler
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Er hat sich selbst schon einmal als Freak bezeichnet. Beim Besuch von Leon Vockensperger bekommt die OVB-Sportredaktion allerdings einen ganz anderen Eindruck. Der Snowboard-Profi aus Flintsbach macht einen überaus geerdeten Eindruck.

Rosenheim – Einziges Freak-Element bei Snowboard-Profi und Olympia-Teilnehmer Leon Vockensperger sind die lackierten Fingernägel. Der 22-jährige Flintsbacher, der für den SC Rosenheim startet erzählt – mal nachdenklich, mal begeisternd, aber stets offen – über Kindheitserinnerungen, Trainingsdisziplin, besondere Lebenserfahrungen und die anstehenden Olympischen Spiele in Peking.

Leon, sind Sie eigentlich schon mal auf zwei Brettern gestanden?

Leon Vockensperger: Nein, noch nie. Mein Papa hat mich mit drei Jahren gleich aufs Snowboard gestellt. Mir hat es sofort getaugt. Lustigerweise haben wir gestern erst Mini DVs digitalisiert und da haben wir dann die Videos gefunden, als ich mit drei Jahren das erste Mal auf dem Snowboard gestanden bin.

Der Flintsbacher Leon Vockensperger, der für den SC Rosenheim startet, hat sich für die Olympischen Spiele im Big Air und Slopestyle qualifiziert.

Was waren Ihre Gedanken beim Betrachten der Bilder?

Vockensperger: Das war ein Gefühl, das ich noch nie hatte. Ich hatte ja bislang nur die Erzählungen vom Papa und hatte mir das irgendwie vorgestellt. Und jetzt die Videos dazu zu sehen, war verrückt und cool.

Was macht für Sie einen Snowboarder aus?

Vockensperger: Dass man den Lifestyle als Snowboarder nicht nur lebt, sondern auch genießen kann und etwas an die jüngere Generation weitergibt. Das liegt mir sehr am Herzen, denn die aktuelle Generation ist immer nur so stark wie diejenige, die nachkommt.

Was ist denn für Sie der Snowboarder-Lifestyle, den Sie weitergeben wollen?

Vockensperger: Zum Beispiel, dass man lernt, sich in einem sozialen Umfeld zu bewegen, und nicht scheu ist, neue Freunde kennenzulernen. Dass man sich auch Verbindungen in diesem Netzwerk aufbaut, die ein Leben lang erhalten bleiben. Dadurch macht mir das Snowboard-Leben auch so viel Spaß: Überall trifft man Leute, die man kennt. Das hat mir schon geholfen, gibt einem Sicherheit und macht das Leben unterhaltsamer. Du bist irgendwo, bist aber nie alleine, weil du immer irgendeinen kennst!

Snowboarden ist von einem Lifestyle-Sport zu einem Leistungssport geworden

Sie sprechen von Sicherheit und lebenslangen Verbindungen – das passt eigentlich nicht ins Klischee, das Snowboard früher hatte.

Vockensperger: Das stimmt. Aber so wie alles im Leben entwickelt sich ja auch das Snowboarden. Das ist von einem Lifestyle-Sport zu einem Leistungssport geworden. Und auch die Leute in diesem Sport entwickeln sich weiter. Auch die Einstellung hat sich verändert. Man muss dafür arbeiten und den ganzen Sommer durchtrainieren. Das ist ein Vollzeitjob.

Was erwartet den Flintsbacher bei den Olympischen Spielen in Peking?

Sie haben ja auch gesagt: „Gerade was das Training angeht, bin ich ziemlich diszipliniert.“

Vockensperger: Ja, das stimmt. Ich schmücke mich nur ungern mit irgendwelchen Lorbeeren, aber darauf bin ich sehr stolz, dass ich diszipliniert auf dein Ziel hinarbeiten kann und mich nicht von Sachen ablenken lasse. Davon gäbe es genug, das können Sie mir glauben. Aber wenn es darauf ankommt, dann weiß ich, wo meine Priorität liegt!

Wie schaut das Training für Sie aus?

Vockensperger: Im Winter stehe ich um fünf oder sechs Uhr auf, mache mich warm mit einer kleinen Aktivierungseinheit, sei es Yoga, Stretching oder ein kleiner Zirkel. Dann wird gefrühstückt und es geht an den Berg. Dort fährt man sich ein, macht seine Tricks und arbeitet seine Drehungen nach und nach ab. Und danach kann man an neuen Tricks arbeiten. Es ist sehr systematisch und sehr professionell geworden. Ich sage Ihnen ein Beispiel...

Bitte!

Vockensperger: Vor den Olympischen Spielen 2018 haben sie den Sven Thorgren, einen schwedischen Snowboarder, untersucht und dessen Werte dann verglichen. Und der hatte dann bessere Werte als ein Eishockeyspieler. Die Entwicklung ist unglaublich: Vor zehn Jahren hat noch kein Snowboarder Krafttraining gemacht. Und mittlerweile sind wir so weit, dass wir an alpine Skifahrer oder Eishockeyspieler herankommen.

Die große Veränderung im Training wird mittlerweile im Sommer sein?

Vockensperger: Eigentlich gehe ich im Sommer gerne zum Surfen. Diesmal waren es aber nur zwei Wochen, weil ich die andere Zeit ins Sommertraining gesteckt habe, um beruhigt nach China fliegen zu können. Wir haben Montag bis Freitag jeweils zwei Einheiten am Tag gemacht, das Training verläuft aber unterschiedlich. Wir haben Akrobatik und Turnelemente dabei, ganz klassisches Krafttraining mit Schnelligkeit, Spritzigkeit und Maximalkraft und die Ausdauer. Auch da haben wir einen strikten Trainingsplan, der sich so abwechselt, dass die verschiedenen Körperpartien genügend Zeit zur Regeneration haben.

Sie gehen weiter zum Training aufs Trampolin?

Vockensperger: Ja, mittlerweile allerdings seltener. Mir hat das zur Orientierung in der Luft riesig weitergeholfen, aber nicht mehr bei den Tricks. Da haben wir andere Möglichkeiten, ähnlich wie eine Sprungschanze im Sommer, wo wir dann von Luftkissen aufgefangen werden.

Bei all dem Training: Wie viel ist denn noch Spaß?

Vockensperger: Der Spaß ist eine der Sachen, die mich motivieren und auch immer einen draufsetzen lassen. Ich weiß, dass Leistungssport nicht immer nur Spaß macht, aber es ist nicht so, dass ich keinen Spaß mehr beim Snowboarden habe. Den werde ich immer beibehalten! Und ich werde auch noch Snowboarden, wenn ich keine Wettbewerbe mehr bestreite.

Schauen Sie sich für Ihr Training auch etwas von anderen Sportarten ab?

Vockensperger: Ja, auf jeden Fall. Gerade weil wir noch eine so junge Sportart sind, sind wir extrem offen für Verbesserungen. So helfen Skateboarden und Surfen, aber auch aus dem Trampolinsport können wir unseren Teil rausziehen. Das Training ist deshalb auch abwechslungsreicher. Und wir arbeiten mittlerweile mit Sportwissenschaftlern zusammen.

Leon Vockensperger beim Slopestyle.

Durch Ihren neuen Sponsor dürften Sie da ja auch etliche Neuerungen mitbekommen!

Vockensperger: Das APC in Thalgau (Athlete Performance Center von Red Bull im Salzburger Land, d. Red.) ist das Nonplusultra, um mein Potenzial zu entfalten. Das ist so, wie wenn ein Superheld in einer Kammer geschaffen wird und dann wird noch an allen Stellen rumgeschraubt. Egal, ob es neuronal mit einem Gehirntraining ist oder Balancesachen. Die sind da bestens ausgestattet. Auch auf der Erholungsseite. Wir haben da ein spezielles Programm für uns, nur um besser Regenerieren zu können. Das ist schon sehr beeindruckend.

Ist da auch Mentaltraining dabei?

Vockensperger: Ja. Ich habe aber davor auch schon mit Sportpsychologen zusammengearbeitet. Es gibt so viele Puzzleteile und einzelne Bereiche, die dazugehören. Und gerade im Snowboard ist noch so viel Spielraum, weil das nicht so ausgereift ist. Darin sehe ich persönlich auch meine Chance, um ganz vorne mitzufahren.

Gerade in Ihrer Geschichte ist der Wille immer wieder gefragt gewesen. Sie haben mal erzählt, dass Sie mit dem Lernen Schwierigkeiten hatten. Dann hatten Sie das Ziel Sportgymnasium, sind nun Profi und haben das Abitur in der Tasche.

Vockensperger: Das ist für mich das Schöne am Snowboarden. Es ist für mich ein Leitfaden. Egal, was sonst im Leben kommt: Durch das Snowboarden habe ich gelernt, damit umzugehen. Es gab so viele Lektionen, die man in der Schule nicht beigebracht bekommt. Wenn man mit 17 am anderen Ende der Welt ist und der Handy-Akku leer – ich bin unglaublich dankbar dafür, dass ich solche Situationen meistern konnte. Und das mit der Schule habe ich hinbekommen, weil ich wusste, dass das Snowboarden nur funktioniert, wenn die Schule passt. Das hat gereicht, um mich zu motivieren.

Wie kommt man mit leerem Handy-Akku vom anderen Ende der Welt wieder weiter?

Vockensperger: Einfach Leute ansprechen und um Hilfe fragen. Und du brauchst keine Angst haben, wenn die nicht deine Sprache sprechen. Man kann sich immer irgendwie verständigen. Das Universum ist so verrückt und ich bin aus den abgefahrensten Situationen schon so viel glücklicher und zufriedener rausgegangen als wenn alles so gelaufen wäre wie geplant.

Ein Beispiel bitte!

Vockensperger: In Neuseeland bin ich mal gestanden und konnte nicht mehr raus, weil mein Reisepass abgelaufen war. Für zwei Stunden war ich verzweifelt, bin dann zurück nach Auckland und habe dort Leute kennengelernt, bei denen ich übernachten konnte, die mich herumgeführt und sogar zum Surfen gefahren haben. Retrospektiv waren das unbeschreibliche zwei Wochen und eine coole Erfahrung.

Eine besondere Auslandserfahrung dürfte vor knapp zwei Jahren der Trip nach Schweden gewesen sein.

Vockensperger: Oh ja! Das war eine Achterbahnfahrt von einem Hoch ins absolute Tief, vom ersten Weltcupfinale heimgekommen und dann verletzt. Ich hatte damals gedacht, dass das meine Saison wird. Sich dann zu verletzen tut mental und physisch verdammt weh. Das Schlimmere war aber, dass ich durch eine falsche Diagnose immer wieder Hoffnung hatte und zurückgeworfen wurde. Das war wie ein Dolchstich ins Herz.

Wie ging es dann weiter?

Vockensperger: Ich bin zu Markus Regauer, einem Spezialisten, gegangen. Und dem habe ich alles zu verdanken. Aber ich hatte das Gefühl für mein Brett verloren. Die Tricks kommen alle wieder, aber das klappt nur, wenn sich alles wieder gut anfühlt. Mit dem Hintergedanken, viel Snowboarden zu wollen, bin ich mit einem Freund nach Stockholm geflogen. Als wir dort angekommen waren, wurde uns gesagt, dass es der letzte Flieger war, der von Deutschland aus nach Schweden gegangen ist und wir jetzt im Lockdown sind. Geplant war Schweden für zwei Wochen, am Ende waren es drei Monate. Ich konnte ganz viel Snowboarden, habe neue Tricks dazugelernt und mein Gefühl wieder zurückbekommen.

Ein Sprung ins Ungewisse? Sicher nicht: Leon Vockensperger weiß genau was er tut und will.

Wie weit war zu diesem Zeitpunkt für Sie Olympia weg?

Vockensperger: Das wir damals ehrlich gesagt völlig egal. Mein Ziel damals war eigentlich nur, wieder zum Snowboarden zu finden und das Leben zu leben, das davor eigentlich gerade erst begonnen hatte.

Wie gehen Sie mit der Zeit um? Haben Sie zwei Jahre in Ihrer Entwicklung verloren oder durch die Genesung etliche Jahre Sport zurückgewonnen?

Vockensperger: Ich habe es ganz lange so gesehen, dass ich zwei Jahre verloren habe. Aber jetzt, wo der Knoten so richtig geplatzt ist und ich meinem Trainer, vielen Leuten, die gezweifelt haben, und mir selbst bewiesen habe, dass ich das Zeug dazu habe, würde ich nichts mehr daran ändern. Aus der Zeit habe ich das Snowboarden noch mehr wertgeschätzt, viele Lektionen fürs Leben mitgenommen und bin noch viel stärker daraus hervorgegangen, als ich davor jemals war.

Das zeigen die Ergebnisse: Erster Deutscher auf einem Weltcup-Stockerl, Dritter der Gesamtwertung. Und trotzdem fragten Sie sich, ob Sie mit den Besten mithalten können. Sind Sie ein Zweifler?

Vockensperger: Eines wird nie weggehen: Ich will mir selbst immer beweisen, dass ich zu noch mehr fähig bin. Gerade im Snowboard geht vielleicht noch eine Umdrehung mehr. Langsam bin ich dort angekommen. Noch nicht dort, wo ich sein will, aber auf dem Weg, auf dem ich immer sein wollte.

Glücksgefühle und Vorfreude bei Leon Vockensperger vor den Olympischen Spielen.

Was wäre für Sie der beste Slopestyle-Lauf oder Big-Air-Sprung?

Vockensperger: Der perfekte Sprung wäre wahrscheinlich ein Cap-Triple 1800, das wären drei Flips über Kopf und 1800 Grad Rotation – also viel. Und beim Slopestyle? Da darf ich noch nicht zu viel verraten. Da kommt auf jeden Fall etwas und ich freue mich darauf, das in Peking zu zeigen.

Eine Olympia-Medaille oder einfach zu sagen: Das war der beste Lauf, den ich jemals gemacht habe! Was wäre für Sie wichtiger?

Vockensperger: Letzteres ist bei jedem Wettkampf mein Ziel: Die beste Leistung, die ich zu diesem Zeitpunkt auf diesem Kurs zeigen konnte. Glücklicherweise kann daraus auch resultieren, dass ich auf dem Podium stehe. Ich bin der festen Überzeugung, dass eines nach dem anderen kommt. Was bringt es, sich jetzt schon auf etwas zu fokussieren, wenn es noch so viele Schritte dazwischen gibt?