OVB-SERIE: „AUF EINEN KAFFEE MIT...“ MENTALCOACH JÖRG KAISER

„Ich bin mehr der Problemlöser“

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Die Sportart ist oftmals egal, die Situation ähnelt: Sei es ein Fußballer im titelentscheidenden Elfmeterschießen, ein Tennisspieler beim Matchball kurz vor Schluss, ein Basketballer beim immens wichtigen Freiwurf in den letzten Sekunden oder der alpine Slalomläufer, der im zweiten Lauf einen hauchdünnen Vorsprung von ein paar Hundertstelsekunden durchbringen muss – überall ist ein gutes Nervenkostüm gefragt.

Und auch das gilt es zu trainieren. Nicht nur Technik, Koordination und Kondition, nein, auch die Fitness im Kopf ist von Bedeutung. „In der Schlussphase eines Spiels ist der Kopf oft wichtiger als die körperliche Fitness“, sagt Bayern-Trainer Pep Guardiola nicht von ungefähr. Seine Spieler untermauerten diese Worte in bester Manier im Achtelfinal-Rückspiel der Champions-League gegen Juventus Turin. Hatte man 20 Minuten vor Schluss beim Stande von 0:2 das bittere Aus vor Augen, so brachte der Anschlusstreffer das „Mia san mia“ innerlich wieder hervor. Angriff um Angriff rollte auf das Juve-Tor zu und die Bayern-Akteure glaubten wieder an sich. „Die sind sich halt ihrer Stärken und ihrer Fähigkeiten bewusst und glauben dann auch daran, dass sie jederzeit noch das Tor schießen können“, sagt Jörg Kaiser, Sportmentalcoach aus Mettenheim.

Gleiche Sportart, anderes Beispiel: Champions-League-Viertelfinale, der VfL Wolfsburg reist mit einem 2:0-Vorsprung zum Rückspiel bei Real Madrid an. Wie ist es möglich, dass der deutsche Vizemeister dieses Polster quasi binnen einer Viertelstunde verspielt und keine 90 Sekunden nach dem 0:1 gleich den zweiten Gegentreffer hinterher kassiert? „Ich möchte nicht sagen, dass Wolfsburg nicht bereit war, vielleicht aber mental überfordert. Das sind auch Erfahrungswerte. Wolfsburg hatte diese Erfahrung von solch bedeutenden K.o.-Spielen noch nicht, da hat der Routineeffekt nicht gewirkt.“ Bestes Beispiel ist für Kaiser das Team von Werder Bremen unter Otto Rehhagel: „Die hatten immer wieder ihre Pokal-Aufholjagden. Die waren selbstsicher, weil sie solche Situationen schon öfter erlebt haben.“

Boris Becker, einstiger Wimbledonsieger und Trainer von Tennis-As Novak Djokovic glaubt, es sei zu 80 Prozent Kopfsache, ob ein Sportler einen Wettkampf gewinnt oder verliert. Frank Busemann, ehemaliger Weltklasse-Zehnkämpfer, spricht davon, dass nur wenige Prozent zwischen Platz eins und Rang acht unterscheiden. Dass immer mehr Sportler offen mit dem Thema umgehen, dass die deutsche Nationalmannschaft einen Psychologen im Betreuerstab bei der erfolgreichen WM 2014 hatte, sei für „unsere Branche sehr positiv“, sagt Kaiser „auch wenn in Deutschland Probleme, die mit der Psyche zu tun haben,immer noch ein Tabu-Thema sind“.

Der damalige Schalke-Manager Rudi Assauer hatte einst rustikal-despektierlich erklärt: „Das Wort ‚mental‘ gab es zu meiner Zeit als Spieler nicht. Es gab nur eine Zahnpasta, die so ähnlich hieß.“ Spätestens seitdem sich Top-Sportler wie Golfer Tiger Woods oder Tennis-Star Roger Federer, der beim Spiel eine Nervenstärke besitzt, dass man meint, er würde nach dem Match Eiswürfel pinkeln, öffentlich zum Mentaltraining bekannten, steht man dem Thema offener gegenüber. „Seit der Aussage von Herrn Assauer hat sich viel verändert. Gerade im Fußball, mit der Burn-out-Beichte von Ralf Rangnick, dem frühen Karriereende von Sebastian Deisler und dem traurigen Fall von Robert Enke“, sagt Kaiser.

Der in Mettenheim beheimatete Coach, der eine fundierte psychologische Ausbildung hat, arbeitet schon seit mehr als zehn Jahren mit Menschen, um ihnen in schwierigen Situationen zu helfen. Die Zusammenarbeit mit Sportlern begann durch eine ehemalige Klientin. „Dieser hatte ich schnell helfen können und als ihr Sohn, der Sportprofi war, unter plötzlich auftretenden Blockaden litt, schickte sie ihn zu mir“, erinnert er sich. Seit dieser Zeit arbeitet er mehr und mehr mit Sportlern, die beispielsweise unter Wettkampfnervosität leiden, ihre Bewegungsabläufe verbessern wollen oder auch unter nicht erklärbaren Hemmungen oder Blockaden leiden.

„Ich lasse mir in einem Gespräch die Problematik erklären, wie oft das Problem aufgetaucht ist und in welchem Zusammenhang. Da raufhin versuche ich, einen Plan für den Klienten zu entwickeln. Allerdings gibt es keine allgemeine Vorgehensweise, weil jeder Mensch individuell ist.“ So gebe es auch Unterschiede, ob ein Sportler regelmäßig über seine Grenzen hinausgehen müsse oder ob einer die innere Ruhe braucht, wie beispielsweise ein Golfer.“

Jörg Kaiser schreibt Diskretion groß. Namen von Sportlern nennt er nicht. Allerdings bearbeitet er ein breites Umfeld. „Da waren Fußballer dabei, Wintersportler, Kraft- und Ausdauersportler und eine Eishockeymannschaft.“ Gerade im Teamsport könnten sich neue Tätigkeitsfelder für Mentaltrainer auftun. „Ich versuche die Mannschaft wie einen Körper zu erklären. Jedes Mannschaftsteil ist sehr wichtig. Die Abwehr ist der Rumpf, die Stürmer sind beispielsweise die Arme – was macht der Rumpf aber ohne Arme und umgekehrt? Die Spieler merken dann: Es geht doch nur gemeinschaftlich.“ Wobei sich Kaiser am liebsten der Mannschaft vorstellt und dann einzeln mit den Sportlern arbeitet. „Da kann man definitiv effektiver rankommen“, sagt der Spezialist für Sporthypnose.

Eigene Erfahrungen sind grundsätzlich hilfreich, denn eine Sache aus der Praxis zu kennen sei doch noch ein Unterschied, als wenn man nur auf die Theorie verweise. „Erst dann kann man nachvollziehen: Welche Ängste hat man vor Wettkämpfen? Wie fühlt es sich an, in einem Loch zu stecken? Wie ist das persönliche Empfinden, wenn einem eine Verletzung widerfährt?“ Für einen Mentaltrainer ist laut Kaiser deshalb wichtig: „Fundiertes Fachwissen, Empathie und Einfühlungsvermögen und man sollte eine gewissen Erfahrung haben, in diesem sehr schwierigen Bereich mit Menschen zu arbeiten.“

Vor allem, weil die Sportler verschiedene Sorgen und Nöte haben: „Es gibt Sportler, die sich bei Tiefs oder längeren Verletzungen bei mir melden. Da tun sich andere Ängste auf: Flieg ich aus der Mannschaft? Wird mein Vertrag nicht verlängert? Steht das Karriereende an? Wie geht es in Zukunft weiter? Da gibt es sehr viele Kontaktaufnahmen. Manchmal auch vor einem entscheidenden Wettkampf oder einfach in der Vorbereitungsphase, wenn der Sportler physisch schon in Form ist und sich nun auch mental stärken möchte.“

Keine Konkurrenz zum physischen Training

Jörg Kaiser betont in diesem Zusammenhang, dass Sportmental-Coaching eine optimale Ergänzung ist, die es ermöglicht, zusammen mit dem physischen Training die Gesamtleistung des Sportlers noch weiter zu verbessern. Es steht also nicht in Konkurrenz zum physischen Training.“ Seine Hauptaufgabe bei den Sportlern sei es, „Blockaden zu lösen. Ich bin mehr der Problemlöser. Ich werde dann gebraucht, wenn wieder irgendwo eine Krise ist.“

Wobei Kaiser nicht nur Profis betreut, sondern auch ambitionierte Amateur- und Freizeitsportler. Seiner Meinung nach sollte auch der Nachwuchs mental betreut werden – oder auch die Nachwuchstrainer psychologisch geschult: „Gerade für junge Personen sind diese Leitfiguren prägend. Für mich ist es Grundvoraussetzung, dass sie eine gewisse psychologische Komponente in ihrer Ausbildung haben. Je besser der Trainer ausgebildet ist, umso günstiger ist es für die Schützlinge.“

Eine Erfolgsquote lässt sich bei Jörg Kaisers Arbeit nicht unbedingt an den Sportergebnissen direkt abmessen. „Man kann aus einem Jockey keinen erfolgreichen Schwergewichtsboxer machen. Man hat auch seine Grenzen. Aber innerhalb dieser gegebenen Grenzen hat man sehr viele Möglichkeiten, etwas zu verändern und zu verbessern.“

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