„Für uns ist das Allerwichtigste der Mensch“

Polizeioberrat Thomas Leuthardt an seinem Schreibtisch. Der Franke ist seit 2015 Leiter der Bundespolizeisportschule in Bad Endorf.
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Polizeioberrat Thomas Leuthardt an seinem Schreibtisch. Der Franke ist seit 2015 Leiter der Bundespolizeisportschule in Bad Endorf.

Seit April 2015 ist Polizeioberrat Thomas Leuthardt Chef der Bundespolizeisportschule in Bad Endorf. Der gebürtige Bamberger mit Diplomstudium der Psychologie musste während der Corona-Phase viele Entscheidungen treffen. Mittlerweile laufen Ausbildung und Trainingsbetrieb der Wintersport-Asse unter strengen hygienischen Auflagen wieder fast den gewohnten Gang.

Bad Endorf – „Dass alle gesund geblieben sind“, bezeichnet der 47-Jährige als größte Errungenschaft.

Hat es bislang Härtefälle gegeben?

Ist mir nicht bekannt. Wir haben natürlich auch Erfahrungswerte sammeln müssen, was das Training angeht. Aber insgesamt sind alle Sportler voll im Soll – den Umständen entsprechend, ganz klar. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die anderen Länder sehr viel besser sind als wir. Darin sind wir in Deutschland stark, in solchen Situationen strukturiert und konzeptionell zu arbeiten.

Wie wichtig war der Fußball als Vorreiter?

Da hat jeder seine eigene persönliche Meinung. Wichtig ist, dass wir so schnell wie eben möglich Klarheit bekommen. Die internationalen Wintersportverbände planen derzeit ihre Wettkampfkalender. Ob, und in welcher Form, die einzelnen Wettkämpfe dann stattfinden, ist fraglich.

„Die Sportlerinnen und Sportler sind ,scharf geschalten‘“

Das macht die Trainingssteuerung aber nicht einfacher?

Die Sportlerinnen und Sportler sind „scharf geschalten“. Die bereiten sich ganz normal auf eine anstehende Wettkampfphase vor. Alles weitere wird man sehen.

Hat es bei Ihnen auch stufenweise Lockerungen gegeben?

Nein, wir haben eine sehr strikte Linie durchgezogen. Unser Ziel war immer, die Ausbildung rechtzeitig zu beenden, sodass alle Sportlerinnen und Sportler ihr Ausbildungsziel erreichen und sich optimal auf die kommende Saison vorbereiten können.

„Wir haben die komplette Ausbildungsplanung umgeworfen“ Hätten Sie einen Ausbildungsblock nach vorne verschieben können?

Nein, weil die Sportler ja zuhause waren. Wir haben ohnehin schon die komplette Ausbildungsplanung umgeworfen und geschaut, was per Fernunterricht vorgezogen werden konnte, und was zwingend vor Ort ausgebildet werden muss. Das hat bei uns sehr gut funktioniert. Man sieht anhand der bisher gezeigten Leistungen ganz klar, dass unser Konzept gegriffen hat.

Sind Sportler im Lernen zielgerichteter?

Das sind sie meiner Meinung nach auf jeden Fall. Unsere Laufbahnprüfung wird von einer externen Prüfungskommission abgenommen, während ich selbst in anderen Ausbildungszentren der Bundespolizei die Absolventen prüfe. Erfahrungsgemäß liegen die Sportlerinnen und Sportler leistungsmäßig trotz der Doppelbeanspruchung über dem Durchschnitt. Ich glaube, dass die Sportlerinnen und Sportler ihre im Spitzensport zwingend erforderliche strukturierte und motivierte Herangehensweise auch in die Ausbildung übertragen.

Es gibt Spitzensport auch bei Zoll, Bundeswehr und Landespolizei. Gibt es da andere Vorgehensweisen?

Ja, es gibt unterschiedliche Fördermodelle. Der Wintersport braucht alle Behörden und deshalb ist es auch wichtig, dass insbesondere die Bundesbehörden ihren Beitrag dazu leisten. Unsere Erfolgsbilanz und die hohe Verbleibquote in der Bundespolizei nach der sportlichen Karriere von knapp 90 Prozent sind jedenfalls der beste Beweis für die Attraktivität unserer Behörde und die Effektivität unseres Fördermodells.

Eisenbichler? „Bin fest davon überzeugt, dass wir ihn in unserer Sportschule gut integrieren können“ Markus Eisenbichler sagte im OVB-Interview, dass er gerne als Trainer bleiben würde. Sie haben das vernommen?

Ich habe den Artikel gelesen und weiß aus persönlichen Gesprächen, dass er gerne hier in Bad Endorf bleiben möchte. Viele unserer Kolleginnen und Kollegen haben eine Spitzensportkarriere durchlaufen. Es ist uns wichtig, dass die im Spitzensport erlangten Fähigkeiten und Erfahrungen auch in die spätere berufliche Karriere integriert werden. Die somit erzielten Synergieeffekte sind ein wesentlicher Bestandteil unseres Erfolgs. Bei Markus wird man sehen. Zunächst einmal hoffe ich, er springt noch relativ lange und erfolgreich Ski. Wenn er danach seine Karriere beendet, bin ich fest davon überzeugt, dass wir ihn in unserer Sportschule gut integrieren können.

Was wäre der deutsche Spitzensport ohne die Behörden?

In der jetzt bestehenden Form wäre der Spitzensport kaum möglich. Man muss nur die Vielzahl der Medaillengewinner im Wintersport betrachten, die Behördenangehörige sind. Dann sieht man die enorme Leistungsdichte, welche durch die Behörden unterstützt wird. Es gibt im Rahmen der Spitzensportreform auch Bemühungen, „zivile Berufsmodelle“ zu verbessern beziehungsweise zu erweitern. Entscheidend ist, dass sämtliche Angebote mit den hohen Anforderungen des Spitzensports vereinbar sind. Die Behörden haben dies eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Für die Sportlerinnen und Sportler ist es jedenfalls nur gut, wenn ihnen unterschiedliche Karrieremodelle zur Verfügung stehen.

Was ist, wenn ein Sportler während der Ausbildung seine Leistung nicht mehr erbringen kann?

Es kommt darauf an, in welchem Ausbildungsabschnitt sich der Sportler befindet. Wenn er die Ausbildung fast abgeschlossen hat, beendet er an der Sportschule seinen Laufbahnlehrgang und geht danach nahtlos in den Polizeidienst. Befindet er sich erst am Anfang der Ausbildung und muss seine Karriere zum Beispiel aufgrund einer Verletzung frühzeitig beenden, dann kümmern wir uns darum, dass er seine Ausbildung in einem regulären Aus- und Fortbildungszentrum beenden kann. Das gibt es auch immer wieder einmal und funktioniert reibungslos.

„Da ziehen sie einem jungen Menschen den Boden unter den Füßen weg“ Wie bringt man einem Sportler bei, dass die Karriere zu Ende ist?

Sehr unterschiedlich. Entweder sagt der Sportler von sich aus, dass er nicht mehr möchte oder kann. Das macht das Gespräch mit ihm dann ziemlich einfach. Viel schwieriger ist es, wenn der Sportler noch an sich glaubt, aber sein gesamtes Umfeld nicht mehr. Wir müssen dann abwägen, ob wir ihn in unserer Förderung lassen oder nicht. Wenn man ihn dann davon überzeugen muss, dass seine Karriere beendet ist, ist das sehr schwierig und emotional. Immerhin ziehen sie einem jungen Menschen zunächst den Boden unter den Füßen weg, weil sein komplettes Selbstverständnis und Lebensmodell zerstört wird. Glücklicherweise können wir im gleichen Atemzug Alternativen anbieten und fangen die Betroffenen in dieser schwierigen Situation auf. Erfahrungsgemäß finden die Sportlerinnen und Sportler sehr schnell neue Ziele, die sie dann auch konsequent verfolgen.

Sie müssen ja denken wie ein Trainer!

Das nicht, aber ich muss zumindest verstehen, wie ein Trainer oder Sportler denkt. Wenn man im Bereich Spitzensport einen Vergleich ziehen müsste, dann wäre meine Funktion wohl eher die Funktion eines Sportdirektors. Man muss wissen, wie die Trainer und Sportler ticken, aber auch strategische und politische Interessen im Auge behalten. Darüber hinaus haben wir auch einen Erziehungsauftrag, da manche Sportlerinnen und Sportler bereits mit 16 Jahren in die Ausbildung kommen. Es macht unheimlich viel Spaß, mit diesen jungen Menschen zu arbeiten und zu sehen, wie sie sich zu Persönlichkeiten entwickeln, die mit beiden Beinen fest im Leben stehen. Und natürlich muss man verstehen, wie Spitzensport funktioniert. Weil ich ursprünglich nicht aus dem Spitzensport komme, sondern aus einer Polizeiorganisation, lerne ich diesbezüglich jeden Tag mit viel Freude dazu.

Was ist Ihre größte Errungenschaft in den letzten Monaten?

Dass alle gesund und glücklich sind. Das ist eigentlich auch das Einzige, was für uns in letzter Konsequenz Bedeutung hat. Der Erfolg ist selbstverständlich wichtig und unsere Existenzgrundlage. Aber er darf nicht um jeden Preis erzielt werden. Medaillen sind die Währung im Spitzensport, aber für uns ist das Allerwichtigste der Mensch, der sich hinter diesen Erfolgen und Misserfolgen verbirgt.

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