Fußballschule in Kolumbien

Ein Kolbermoorer hat das Fußball-Talent Luis „Lucho“ Vásquez von Red Bull Salzburg entdeckt

Die südamerikanischen Traditionen im Blut: Ingomar Weiß als Scout bei der U17-Südamerika-Meisterschaft in Argentinien mit dem berühmten Mate-Tee.
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Die südamerikanischen Traditionen im Blut: Ingomar Weiß als Scout bei der U17-Südamerika-Meisterschaft in Argentinien mit dem berühmten Mate-Tee.
  • vonLeon Simeth
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Der Kolbermoorer Ingomar Weiß, gebürtiger Niederbayer, leitet seit vier Jahren eine Fußball-Schule in Kolumbien. „Wir geben Spielern aus der Pampa eine Chance“, sagt der 56-Jährige. Jetzt hat einer seiner Spieler einen Profivertrag bei Red Bull Salzburg unterschrieben.

Kolbermoor– Der 18-jährige Kolumbianer Luis Fernando Vásquez Diaz, dessen Transfer zum österreichischen Fußballklub Red Bull Salzburg in der vergangenen Woche bestätigt wurde, ist der erste Kolumbianer, der von einem Nicht-Profiverein nach Europa wechselt. Entscheidenden Anteil daran hat der Kolbermoorer Ingomar Weiß. Seit vier Jahren leitet der 56-Jährige die Fußballschule „Academia Alemana de Fútbol Popayán“ (AAFP) im kolumbianischen Popayán, in der auch Luis „Lucho“ Vásquez ausgebildet wurde. Zuvor war Weiß unter anderem beim TSV 1860 Rosenheim und beim TSV 1860 München als Jugendtrainer und anschließend in Südamerika als Scout tätig. Was die AAFP von den kolumbianischen Profi-Vereinen unterscheidet, wie er dazu gekommen ist und was seine Ziele für die Zukunft sind, erklärt Ingomar Weiß im Gespräch mit der OVB-Sportredaktion.

Nach der Vertragsunterzeichnung in Salzburg: Christoph Freund, Sportdirektor beim FC Red Bull Salzburg, AAFP-Koordinator Ingomar Weiß, Luis „Lucho“ Vásquez und AAFP-Präsident Daniel Neumüller (von rechts).

Herr Weiß, wie ist die Idee der Fußballschule aufgekommen?

Ingomar Weiß: Ich bin ja zuvor ein paar Jahre als Scout in Südamerika unterwegs gewesen und habe daher auch viele Kontakte geknüpft. Ich habe ein ähnliches Projekt in Bogotá mit Kolumbianern probiert, aber da hat sich relativ schnell herausgestellt, dass das nicht gut laufen wird.

Warum?

Weiß: Es hat Kompetenzgerangel gegeben und auch das Know-How war nicht wirklich vorhanden. Im gleichen Jahr habe ich Daniel Neumüller, mit dem ich die Fußballschule aufgebaut habe, kennengelernt, der damals auch schon in Popayán gelebt hat. Unser Hauptziel ist es, mit Talenten aus ganz Kolumbien längerfristig zu arbeiten und diese unter europäischen Gesichtspunkten zu entwickeln. Neben der sportlichen ist auch die Persönlichkeitsentwicklung extrem wichtig.

Wie genau läuft das Projekt ab?

Weiß: Wir haben in Popayán, im Süden Kolumbiens, ein Haus angemietet, dass als Internat fungiert. Im Internat wohnen die Burschen, bekommen Essen und eine schulische Ausbildung von Lehrern, die im Internat Unterricht abhalten. Das Finanzielle übernehmen wir, weil der Großteil der Jungs aus ärmlichsten Verhältnissen stammt. Das ist auch irgendwo unsere Perspektive, die Spieler aus der Pampa zu holen, denn alle guten Fußballer aus Großstädten sind bereits bei Profi-Klubs. Und diese bekommen wir natürlich nicht mehr.

Wie kann man sich die Talentsuche vorstellen?

Weiß: Am Anfang war es recht zäh, aber mittlerweile wissen wir, wo wir suchen müssen und haben zu diesen kleinen Fußballschulen einen guten Kontakt.

Wie viele Spieler werden dann für das Projekt übernommen?

Weiß: Insgesamt haben wir nur 22 Internatsplätze. Einer davon ist für mich reserviert (lacht). Es kommt aber immer auf die Qualität der Spieler an. Wenn wir bei jeder Sichtung zumindest ein Talent finden, sind wir hochzufrieden.

Sie haben also maximal 21 Spieler?

Weiß: Ja. Wir haben nur eine Mannschaft. Diese ist in Kolumbiens höchster Liga der Altersklasse U17 angemeldet und da spielen wir auch gegen alle Profi-Vereine. Unsere Mannschaft besteht aus knapp 20 Spielern aus verschiedenen Jahrgängen. Grob kann man sagen, wir haben immer fünf Spieler aus einem Jahrgang, sodass uns am Ende der Saison nicht gleich die halbe Mannschaft verlässt.

Sie spielen also mit einer deutlich jüngeren Mannschaft als die Konkurrenz?

Weiß: Absolut. Die Profi-Vereine spielen fast ausschließlich mit dem U17-Jahrgang. Unser Team ist im Schnitt ein bis zwei Jahre jünger.

Und Sie sind in dieser Top-Liga konkurrenzfähig?

Weiß: Am Anfang ist es sehr schwierig gewesen. Da haben die Ergebnisse auch nicht gut ausgeschaut. Aber mittlerweile haben wir uns etabliert und gewinnen auch gegen die Top-Klubs die meisten Spiele.

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Sie haben europäische Gesichtspunkte angesprochen. Was meinen Sie damit?

Weiß: Die Spielphilosophie wird von mir vorgegeben und ist sehr modern ausgerichtet. Das heißt: Viel Ballbesitz, strukturierte Spieleröffnung und gegen den Ball mit verstärktem Gegenpressing.

In Kolumbien wird also nicht so gespielt?

Weiß: Nein, in Kolumbien wird mit langen Bällen operiert, es wird viel dem Zufall überlassen. Eine Strategie oder Handschrift eines Trainers ist kaum zu sehen. Die meisten Jungs wissen überhaupt nicht, was Gegenpressing überhaupt ist. Bei meiner Zeit in Rosenheim oder München hingegen war jeder 15-Jährige in dieser Hinsicht bereits top ausgebildet. Daher wollen wir diese Spielphilosophie unbedingt durchsetzten, sodass die Jungs, wenn sie nach Europa zum Probetraining kommen, bereits die europäische Spielweise kennen.

Was passiert mit den Spielern, die jedes Jahr aus der U17 rauskommen?

Weiß: Im besten Fall werden diese Spieler von einem europäischen Verein unter Vertrag genommen. Dass das sehr schwierig ist und nur in Einzelfällen passieren wird, wissen wir. Die anderen probieren wir bei kolumbianischen Vereinen unterzubringen. Auch die USA und Argentinien sind gute Möglichkeiten, da versuchen wir, uns demnächst noch mehr Kontakte aufzubauen.

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Mit Luis „Lucho“ Vasquéz hat es jetzt der erste zu einem Profi-Verein aus Europa geschafft.

Weiß: Das freut mich riesig. Ich bin sehr stolz auf ihn.

Was zeichnet ihn aus? Warum hat er den Sprung geschafft?

Weiß: Lucho ist 2017 zu uns gekommen. Da ist er vor allem körperlich sehr schwach gewesen. Er ist 1,80 Meter groß und 50 Kilo schwer gewesen. Wir haben viel mit ihm gearbeitet und er hat sich extrem verbessert. Technisch ist er bärenstark und auch körperlich hat er sich toll entwickelt. Lucho ist ein Paradebeispiel, kann man sagen. Er ist absolut fokussiert, will immer trainieren und besser werden. Das ist nicht bei jedem Kolumbianer so. Diese Chance, sich im europäischen Fußball zu beweisen, hat er sich redlich verdient.

Und das in dieser Zeit...

Weiß: Das kommt auch noch dazu. Wobei ihm die Corona-Pandemie sogar ein bisschen in die Karten gespielt hat.

Und wie?

Weiß: Im Dezember, als Lucho zwei Monate lang bei Liefering, der zweiten Mannschaft von Red Bull Salzburg, mittrainiert hat, hat sich zufällig ein Testspiel gegen die Reserve von Bayern München ergeben. Diese Partie hätte im normalen Spielbetrieb – also ohne Corona – nicht stattgefunden.

Die AAFP-Mannschaft nach dem Triumph in Viertelfinale der kolumbianischen Meisterschaft.Privat

Und dieses Spiel hat den Wechsel ermöglicht?

Weiß: Ermöglicht ist übertrieben, aber es hat wahrscheinlich den Ausschlag gegeben. Das Spiel war sein erstes seit über acht Monaten und dann noch gegen den FC Bayern II. Da sollte man normal ein wenig nervös sein – aber nicht Lucho. Er hat keinen Fehler gemacht, die Bayern-Stürmer abgekocht und souverän hinten rausgespielt. Es war ein geiles Spiel von ihm, ich war sicherlich wesentlich aufgeregter als er.

Die nächste große Hoffnung: Carlos „Peña“ Adrian Ocoró Zapata (rechts) mit Ex-Bayern-Star James Rodríguez.

Was hat der Wechsel für Sie persönlich bedeutet?

Weiß: Es war eine Art Genugtuung. Es war, nachdem ein paar Spieler knapp gescheitert sind, jetzt der erste Spieler, der den Sprung geschafft hat. Das hat mir auch gezeigt, dass sich die harte Arbeit gelohnt hat. Außerdem sind wir von den Vereinen in Kolumbien kritisch angesehen, vielleicht sogar ein wenig belächelt, worden. Durch den Transfer von Lucho haben wir unheimlich viel an Reputation gewonnen.

Stärkt das nun die Kooperation mit Salzburg?

Weiß: Das hoffe ich. Wir sind sehr daran interessiert, feste Kooperationen mit europäischen Vereinen einzugehen. Red Bull Salzburg zeigt sich sehr interessiert, aber auch zum SC Freiburg und zur Borussia Mönchengladbach haben wir gute Kontakte. Außerdem wollen wir langfristig auch mit spanischen und italienischen Vereinen kooperieren, das wäre natürlich auch wegen der Sprachbarriere super. Leider dürfen Nicht-EU-Ausländer nicht in der 3. Liga und auch nicht bei einer Profi-Reservemannschaft spielen.

Haben Sie neben Lucho einen weiteren Europa-Anwärter aus der Akadamie?

Quasi mit nichts angefangen: Zum Start des Projekts war Ingomar Weiß Trainer der Akademie-Mannschaft und die Spieler hatten keine Trikots.

Weiß: Ja. der 17-jährige Carlos Adrian Ocoró Zapata – genannt „Peña“ – ist äußerst talentiert. Er ist ein Offensivspieler, eine kleine Dribbelmaschine, wie man es aus Südamerika kennt. Er hätte im April mit der kolumbianischen Nationalmannschaft die U17-Südamerika-Meisterschaft gespielt. Leider ist diese und die anschließende U17-WM vor Kurzem abgesagt worden. Das wäre für ihn eine tolle Bühne gewesen.

Sie glauben also, dass er es schafft?

Weiß: Er hat extrem viel Potenzial, aber das heißt noch nichts. Manchmal ist er ein fauler Hund (lacht), trainiert nicht immer gerne. Bei den Einladungen in Salzburg und Freiburg hat er aber immer geliefert.

Wie oft sind Sie in Kolumbien?

Ich bin im Jahr ungefähr sechs Monate vor Ort. Hinzu kommen andere Südamerika-Aufenthalte bei den alle zwei Jahre stattfindenden U15-, U17- und U20-Südamerika-Meisterschaften. Auch die U17- und U20-WMs besuche ich regelmäßig, weil ich immer wieder Scouting-Aufträgen von verschiedenen Vereinen nachkomme. Mein fester Wohnsitz ist aber nach wie vor in Kolbermoor.

Spielbeobachtung im Jahnstadion: Ingomar Weiß 2008 mit dem damals 24-jährigen Dominik Haas.

Wann planen Sie, wieder nach Popayán zu fliegen?

Weiß: Eigentlich wäre ich am Montag geflogen. Aber die Corona-Situation hat sich wieder verschärft und die Sportanlagen sind seit Kurzem wieder geschlossen. Daher können wir nicht trainieren und es finden keine Turniere statt, also macht es derzeit wenig Sinn.

Was sind Ihre Ziele für die Zukunft?

Weiß: Langfristig gesehen ist es unser Ziel, jedes Jahr einen Spieler nach Europa zu bringen. Das wäre überragend. Außerdem wollen wir uns ziemlich kurzfristig mit einem eigenen Gelände – zwei Plätze und ein Internat – unabhängiger machen.

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