Eishockeyprofi Christoph Ullmann: Leseratte, Familienmensch und Rekordschütze

Meister:Dreimal durfte Christoph Ullmann den DEL-Pott in die Höhe recken. dpa/Wittek
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Meister:Dreimal durfte Christoph Ullmann den DEL-Pott in die Höhe recken. dpa/Wittek

Zunächst verletzt, dann die Absage der Play-offs aufgrund der Corona-Pandemie – das Karriereende hätte sich Christoph Ullmann bestimmt gerne etwas anders vorgestellt. So ist eine außerordentlich erfolgreiche Eishockey-Laufbahn eher still in der Quarantäne zu Ende gegangen.

Mannheim/Waldkraiburg– Von Waldkraiburg aus ist Christoph Ullmann mit 15 Jahren ausgezogen, um die Eishockey-Welt zu erobern – es ist ihm gut gelungen. Der 36-Jährige kann auf eine erfolgreiche Laufbahn zurückblicken. Mehr als 900 Spiele in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) mit über 200 Toren hat der gebürtige Altöttinger bestritten und dabei die Meistertitel mit Köln (2002) und Mannheim (2007 und 2015) gewonnen. Dazu kommen 156 Länderspiele und insgesamt zehn WM-Teilnahmen. Im Dezember hatte Ullmann, der zuletzt das Trikot der Augsburger Panther trug, sein Karriereende mit Saisonschluss verkündet – eine Karriere, die nach einer Knieverletzung im Kraftraum zu Ende ging, die aber viele besondere Momente hatte. Christoph Ullmann blickt im Gespräch mit der OVB-Sportredaktion darauf zurück und erzählt auch von seinen Zukunftsplänen:

Meine Anfänge:„Die waren beim EHC in Waldkraiburg. Der Papa ist gebürtig aus der Tschechoslowakei gekommen, einem Eishockeyland. Und die Mama war auch sehr begabt und hat schon mal ein Training in der Laufschule geleitet, wenn ein Trainer ausgefallen ist. Ich bin schnell zum Eishockey gekommen, habe vom Papa die Liebe dazu in die Wiege gelegt bekommen und von der Mama die große Unterstützung gehabt.“

Mein großer Schritt:„1998 bin ich mit 15 Jahren nach Köln gegangen. Rosenheim und Landshut wären natürlich auch in Frage gekommen, aber wir wollten im Winter nicht so weit fahren. Dann haben wir in der Eishockey News eine Anzeige vom KEC gesehen. Ich haben dort angerufen, mich dann vorgestellt und nach der Zusage via Zeitungsanzeige eine Gastfamilie gesucht. Für mich war dort alles neu: Familienleben, Schule, Trainer, Mitspieler. Weil es mit der Gastfamilie nicht so gut geklappt hat, bin ich dann zu einem Mitspieler und dessen Eltern gezogen. Das habe ich mit 15 Jahren alleine an einem Nachmittag durchgezogen. Spätestens nach dem Umzug gab es kein Heimweh mehr.“

Meine DEL-Premiere:„Das war in der Saison 2001/02 mit dem KEC gegen München – ich weiß gar nicht mehr, ob die damals Barons oder Maddogs geheißen haben. Auf alle Fälle war es in der ausverkauften Köln-Arena. Ich war damals schon fast vier Jahre in Köln und für mich hatte sich damit ein Traum erfüllt. Ich hatte zwar nicht viele Einsätze in diesem Spiel, aber so etwas vergisst man nicht.“

Meine erste Meisterschaft:„Direkt in der ersten Saison. Ich habe zwar nur 17 Spiele gemacht, weil ich auch in der 2. Liga in Duisburg gespielt habe, war aber trotzdem ein Teil der Mannschaft und täglich im Trainingsbetrieb dabei. Es war eine Saison mit Höhen und Tiefen, unter anderem ein Trainerwechsel von Lance Nethery auf Rich Chernomaz. Natürlich ein prägendes Erlebnis.“

„Es hat viel Spaß gemacht, unter Hans beim DEB zu spielen“

Mein erstes Länderspiel:„Das war unter Hans Zach beim Suisse-Cup im Februar 2004. Zach war Bundestrainer und Coach in Köln. Ich war mittlerweile in Mannheim und Zach ein Grund dafür, dass ich aus Köln weg bin. Sechs Monate später hat er mich zur Nationalmannschaft eingeladen. Ich bin zunächst mit gemischten Gefühlen hin, es ist aber alles sehr gut verlaufen. Und es hat dann viel Spaß gemacht, unter Hans beim DEB zu spielen.“

Mein schönstes Spiel:„Das schönste Spiel ist immer dann, wenn du danach eine Trophäe hochhalten kannst. Ein Trainer hat gesagt: Du gewinnst zusammen, und dann marschierst du für immer gemeinsam. So ein Gefühl hast du dann.“

Mein wichtigstes Tor:„Das Tor, mit dem ich Rekord-Torschütze in Mannheim wurde. Das war in einem Heimspiel gegen Bremerhaven. Ich fahre immer wieder an der Arena in Mannheim vorbei, und da kommen dann schon Erinnerungen hoch. Der Schläger hängt übrigens bei meinem Sohn im Zimmer, mit dem habe ich nie mehr wieder gespielt.“

Meine schönste WM:„Definitiv die WM 2010. Wir haben daheim gespielt und sind bis ins Halbfinale gekommen – das war affenstark. Das Spiel in Gelsenkirchen vor über 80000 Zuschauern war dazu natürlich noch etwas ganz Besonderes. Ein Jahr später haben wir in Bratislava in der Gruppe zunächst Russland und dann Gastgeber Slowakei geschlagen – das war abartig, da läufst du dann mit ziemlich breiter Brust rum und merkst, wie die anderen Nationen schon mit viel Respekt rüberschauen.“

„Das sind Momente für die Ewigkeit“

Mein größter Triumph:„Natürlich die Meisterschaften 2002, 2007 und 2015. Aber auch, dass wir mit Augsburg im Halbfinale gegen München ins Spiel sieben gekommen sind. Da ist dann eine Gruppendynamik entstanden, ein Gemeinschaftsgefühl – das kann dir keiner nehmen, das sind Momente für die Ewigkeit.“

Meine größte Enttäuschung:„Die Saison 2012, da hatten wir schon eineinhalb Hände am Pott, haben in Spiel vier zuhause acht Minuten vor Schluss 5:2 gegen Berlin geführt und noch verloren. Das fünfte Spiel in Berlin dann auch. Diese acht Minuten würde ich gerne noch einmal spielen und verändern.“

Mein schlimmstes Erlebnis:„Eben dieses Finalerlebnis gegen die Eisbären Berlin. Und natürlich die Verletzung nach einem Check im Spiel mit Augsburg gegen Düsseldorf. Ich war zunächst bewusstlos auf dem Eis liegen geblieben. Ich habe mir auch Hilfe geholt, um das Ganze im Nachklang persönlich und auch mit der Familie verarbeiten zu können. Der Moment, wo ich zuhause meine Kinder wieder umarmen konnte, bleibt ewig.“

Mein Lieblingsstadion:„Die stehen in Köln, Mannheim und Augsburg. Das waren für mich Stadien, wo ich mit Spaß zum Training und Spiel gefahren bin.“

„Hans Zach und Uew Krupp waren sehr prägend“

Meine Trainer:„Hans Zach und Uwe Krupp waren sehr prägend, aber auch Harold Kreis, Geoff Ward oder Mike Stewart. Ein Trainer hat mir Spaß gemacht, wenn er dir taktisch ein gutes Konzept an die Hand gibt, aber auch menschlich ist. Wir sind ja nicht 25 Roboter, da geht es auch um das Gefühl für die Spieler.“

Mein bester Mitspieler:„Da gab es viele. Ich will keinen hervorheben, weil man nur als Kollektiv etwas gewinnen kann.“

Mein erbitterster Rivale:„Sven Felski von den Eisbären Berlin. Wir haben oft die Schläger gekreuzt, können uns aber gut leiden und respektieren uns. Wir haben uns zunächst fair bekämpft und danach die Hände geschüttelt und miteinander gequatscht.“

Mein bester Kollege:„Yannic Seidenberg, Danny Aus den Birken, Marcus Kink, mit dem ich ewig und einen Tag zusammengespielt habe. Auch Michael Wolf ist ein langjähriger guter Weggefährte.“

Meine Kabinennachbarn:„Die waren angenehm, wenn man sich nett unterhalten konnte und sie ihren Platz sauber hielten. Nervig waren sie, wenn sie ihren Müll nicht aufgeräumt haben.“

Meine Rosenheimer:„Es war schön, mit Robert Müller gespielt zu haben. Mit Patrick Hager und Sinan Akdag war es lustig, die haben das Herz am rechten Fleck. Die Jungs sind alle vom gleichen Schlag, mit ihnen habe ich gerne zusammengespielt.“

Meine Rückennummer: „In Waldkraiburg hatte ich im Nachwuchs die 19, in Köln war die 17 an meinem Platz gehangen, damit habe ich die ersten Profi-Jahre gespielt. Bei der Nationalmannschaft hatte Jochen Hecht die 17, da haben sie mir die 47 gegeben – ich konnte nie aufklären, waum. Mit der hatte ich dann über 100 Länderspiele gemacht, da habe ich sie dann 2012 in Mannheim auch übernommen.“

Meine Sammlung:„Von meinem ersten Länderspieltor und zwei DEL-Hattricks habe ich den Puck zuhause. Zuletzt habe ich beim Aufräumen meine Trikots durchgeschaut. Da sind echt coole Trikots dabei, von der WM, vom Spengler-Cup, ein Retro-Trikot aus Mannheim oder das letzte Aufwärmtrikot aus Augsburg. Ich überlege, ob ich nicht ein paar heraussuche und sie im Gang aufhänge.“

Mein Rekord:„Dass ich Rekord-Torschütze der Adler Mannheim bin, finde ich schon cool. Da realisiert man schon, dass man nicht nur mitgelaufen ist, sondern etwas erreicht hat. Ich bin da schon stolz, wenn man das vor Saisonbeginn in den Sonderheften oder Büchern liest.“

Mein Cable-Guy-Preis:„Fürs Fernsehen sind immer ausgewählte Spieler verkabelt worden. Ich bin einer, der eigentlich immer locker bleibt und auch mal einen Spruch setzt. Das ist dann wohl gut angekommen. Wobei es einfach war, weil wir erfolgreich waren. Ich habe die gute Laune aus der Kabine dann mit aufs Eis genommen.“

„Ich brauchte ein warmes Getränk in der Hand“

Meine Gewohnheiten:„Ich bin vor den Spielen immer an der Kaffeemaschine gestanden, brauchte einfach ein warmes Getränk in der Hand. Mittlerweile bin ich zum Tee übergegangen.“

Mein Karriereende:„Ich habe darauf hingearbeitet, nach meiner Knieverletzung noch einmal zurückzukommen, ein Play-off-Derby gegen Ingolstadt wäre schon heiß gewesen. Ich bin aber nicht enttäuscht, dass ich nicht auf dem Eis aufhören konnte, sondern ich freue mich, dass ich das alles erleben durfte. Und, dass ich die Entscheidung selbst treffen konnte, und nicht ein Trainer oder Manager. Ich habe jeden Tag genossen, an dem ich in die Kabine gegangen bin. Nun ist es aber an der Zeit, nach Hause zur Familie zu kommen.“

Meine Familie:„Meine Frau Nadine, die Kinder und ich – wir sind ein Top-Team. Wenn die Tür ins Schloss fällt und du deine Familie in den Arm nehmen kannst – das ist das Wichtigste. Da kannst du noch so viel gewonnen haben, die Familie hat immer Priorität.“

Mein Lieblingsbuch:„Ich habe viele gute Bücher gelesen, aber auch viel Mist. Ich habe mit 16, 17 Jahren meine Leidenschaft dafür entdeckt. Ich lese viel und gerne – mittlerweile bin ich da im Mannschaftsbus fast alleine gewesen. Meine Empfehlungen: ,Die Pfeiler der Macht‘ von Ken Follett und ,Dienstags bei Morrie‘ von Mitch Albom.“

„Nudelgerichte hängen mir zu den Ohren raus“

Mein Lieblingsrezept:„Als Eishockeyspieler hat es immer Pasta gegeben – egal, wo wir hingekommen sind. Deshalb gibt es zuhause die nächsten drei bis fünf Jahre keine Nudelgerichte, die hängen mir zu den Ohren raus. Und wenn die Kinder unbedingt Nudeln wollen, dann mache ich mir halt was anderes.“

Meine Starting-Six:„Ich müsste im Tor überlegen, ob ich Dennis Endras oder Danny Aus den Birken nehme. In der Verteidigung entscheide ich mich für Yannic Seidenberg und Simon Sezemsky. Und im Sturm spiele ich als Center neben Michael Wolf und meinem Sohn Lennox. Der bekommt dann die Nummer 19, so wie ich in Waldkraiburg. Den Sven Felski setze ich noch auf die Bank – der ist ein bisschen älter als Wolf und kann deshalb mal durchschnaufen.“

Meine Zukunft:„Ich wechsle in die Spieleragentur SMA und darf dort die Eishockeyabteilung aufbauen. Ich werde also viel Eishockey schauen und will junge, talentierte, zielstrebige und erfolgshungrige Spieler betreuen.“

Mein Tipp an junge Spieler:„Erfolg ist kein Glück. Du musst auch arbeiten, wenn die Vorhänge zu sind. Mir hat auch keiner was geschenkt, ich bin mit 16, 17 auch durch die Wälder gerannt – und am nächsten Tag wieder. Jeder bekommt irgendwann seine Chance, und dann musst du auch bereit sein.“

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