Eishockey-Talent Lukas Reichel könnte der nächste NHL-Spieler aus Rosenheim werden

Lukas Reichel vor drei Jahren im Trikot der Starbulls Rosenheim.
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Lukas Reichel vor drei Jahren im Trikot der Starbulls Rosenheim.

Sein Onkel Robert spielte elf Jahre in der NHL, sein Vater Martin 18 Jahre in der DEL und jetzt könnte Eishockey-Talent Lukas Reichel der nächste NHL-Spieler aus Rosenheim werden. Der 18-jährige Profi der Eisbären Berlin wartet in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch gespannt auf den NHL-Draft.

Rosenheim/Berlin– Abbruch der Ligen, keine Play-offs im Frühjahr und nun auch im Herbst große Ungewissheit und verschobene Saisonstarts – das Jahr 2020 ist für das Eishockey in Deutschland alles andere als einfach. Dabei könnte es doch so gut sein: Mit Leon Draisaitl ist erstmals ein Deutscher als wertvollster Spieler der nordamerikanischen Profiliga National Hockey League (NHL) ausgezeichnet worden. Und im Draft für die NHL, der die Verpflichtung junger Spieler durch die 31 Teams regelt und in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch beginnt, besteht erstmals die Möglichkeit, dass gleich drei junge deutsche Spieler in der ersten Runde gezogen werden. Unter ihnen ist auch Lukas Reichel, der im Nachwuchs der Starbulls Rosenheim seine ersten Tore erzielt hat.

Kein Fototermin mit dem neuen Trikot

Zumindest auf die besondere Atmosphäre, die so ein NHL-Draft mit sich bringt, wird Reichel verzichten müssen. Nichts mit gespanntem Warten in Nordamerika in der Halle, dem Gang auf die große Bühne, nachdem man ausgewählt wurde, das Treffen mit den Klubverantwortlichen und Fototerminen im neuen Dress. Der 18-jährige Angreifer der Eisbären Berlin wird das Geschehen vor dem Computer via Livestream verfolgen.

Videokonferenzen mit den Vertretern der NHL-Teams

In den vergangenen Wochen und Monaten war Reichel eh schon oft am Computer gesessen: Videokonferenzen mit den Vertretern der NHL-Teams. Ansonsten hat sich der gebürtige Nürnberger – Papa Martin spielte 2002 für die Ice Tigers in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) mit den Eisbären Berlin auf die neue Saison vorbereitet, deren Beginn mittlerweile in den Dezember verschoben wurde. Dazu gehörte auch, den noch jugendlichen Körper für die anstehenden Aufgaben vorzubereiten. In seiner ersten Spielzeit hatte er bei 1,83 Metern Größe rund 78 Kilo auf die Waage gebracht, jetzt sind es bereits über 80 Kilogramm. „Ich esse fast jeden Tag Spiegel- und Rührei und viel Fleisch“, hatte Reichel im Sommer der Journaille erzählt, dazu gab es viele Einheiten für den Oberkörper.

Reichel gilt als schneller Spieler mit einer herausragenden Übersicht.

Dabei gilt es, mit dem Muskelaufbau die vorhandenen Fähigkeiten nicht zu verlieren, denn Reichel gilt als schneller Spieler mit sehr guter Technik und einer herausragenden Übersicht. Dabei hat dem linken Flügelspieler sicherlich auch geholfen, dass er in jungen Jahren schon bei den älteren Teams agierte. Nach 178 Punkten in 87 Spielen der Schüler-Bundesliga, spielte er in Rosenheim auch schon als 15-Jähriger in der Deutschen Nachwuchs-Liga (DNL) für U19-Teams – und kam dort in 24 Spielen auf 36 Punkte. Nach seinem Wechsel in Berlin folgte eine Saison als 16-Jähriger in der U20 mit 49 Punkten in 37 Partien – und als 17-Jähriger dann die Premiere in der DEL. Die abgebrochene Spielzeit schloss er mit 24 Punkten in 42 Spielen ab. Dabei hielten sich Tore und Vorlagen mit jeweils zwölf die Waage, auch wenn Reichel auf der Webseite „nhl.com“ erzählt: „Ich mag es, Tore aufzulegen. Manchmal mache ich das sogar lieber, als selbst welche zu schießen.“ Er selbst sieht sich deshalb auch als „guten Allrounder im Angriff“.

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„Er ist für sein Alter unglaublich reif und lernt wahnsinnig schnell

Das bestätigt auch sein Sturmpartner Maxim Lapierre. Der Kanadier, der zehn Spielzeiten in der NHL für Montral, Anaheim, Vancouver, St. Louis und Pittsburgh absolvierte, schwärmt im Blog „hauptstadthockey.com“ regelrecht vom Youngster in seiner Reihe: „Er ist für sein Alter unglaublich reif, er ist ruhig, sehr respektvoll und lernt wahnsinnig schnell. Er liest das Spiel unglaublich gut und er ist es, der seine Mitspieler besser aussehen lässt.“ In der Tat belegen Statistiken, dass der Kanadier mit Reichel fast doppelt so viele Skorerpunkte produzierte, wie ohne ihn. Lapierre begeistert zudem: „Er wird nicht nervös. Das ist wirklich der wichtigste Unterschied zwischen einem guten und sehr guten Hockeyspieler. Lukas geht raus, macht seinen ersten Penaltyschuss in der DEL, trifft, kommt wieder auf die Bank und trinkt einen Schluck Wasser, als wäre nichts gewesen.“

Lukas Reichel: „Es geht immer noch ein wenig besser“

Lukas Reichel hat seine Ziele vor Augen und arbeitet darauf hin. „Ich habe nichts geschenkt bekommen, sondern musste hart dafür arbeiten“, stellte er klar. Als er im Midterm-Ranking des NHL-Drafts, quasi einem Zwischenzeugnis, auf Rang 14 der europäischen Feldspieler lag, waren seine ersten Gedanken: „Weitermachen und nicht nachlassen. Es geht immer noch ein wenig besser. Ich hoffe, dass ich am Ende in der Liste sogar noch höher eingestuft werde.“ Gesagt, getan: Nun liegt der 18-Jährige auf Rang elf.

Chicago Blackhawks sind Reichels Lieblingsteam

Ob das bereits für die erste Runde im Draft – also für eine Auswahl bis Rang 31 – reicht, ist noch offen. Eisbären-Sportdirektor Peter John Lee glaubt daran, „dass er in der ersten Runde gezogen wird“. Die Einschätzungen liegen bei einer Auswahl Reichels in der Endphase der ersten oder zu Beginn der zweiten Runde. Auf den Plätzen 27 bis 31 der Draft-Rangliste liegen die Teams aus Anaheim, Ottawa, Las Vegas, Dallas und San Jose, auf den Rängen 32 bis 36 stehen Detroit, Ottawa, San Jose, Los Angeles und erneut Anaheim. Die Chicago Blackhawks sind hier nicht dabei. Reichel hat die als sein Lieblingsteam und deren Stürmer-Star Patrick Kane als Lieblingsspieler bezeichnet.

Papa Martin Reichel wurde 1992 als Nummer 37 gezogen,

Mit einer Auswahl in der ersten Runde würde Lukas Reichel seinen Papa Martin (18 Jahre lang in der DEL aktiv, sieben Teilnahmen bei der A-WM und 2002 bei den Olympischen Spielen) und sogar Onkel Robert (elf Jahre in der NHL, dreifacher Weltmeister und Olympiasieger) übertreffen. Martin Reichel wurde 1992 als Nummer 37 in der zweiten Runde von den Edmonton Oilers gezogen, Robert Reichel 1989 als Nummer 70 in der vierten Runde von den Calgary Flames. Dessen Sohn Kristian (22) spielt übrigens in der American Hockey League (AHL) bei einem Farmteam der Winnipeg Jets – vielleicht gibt es ja auch eine Familienzusammenführung der beiden Cousins? Oder Joe Sakic hat ein bisschen über Lukas Reichel nachgelesen: Der NHL-Veteran, Mitglied im Triple Gold Club – Olympiasieger, Weltmeister und Stanley-Cup-Gewinner – ist General Manager bei den Colorado Avalanche, dem Club, bei dem mit Torhüter Philipp Grubauer schon einer aus dem Rosenheimer Nachwuchs spielt. Und Reichel hat erzählt, dass er beim Spiel „NHL07“ auf der Playstation stets Sakic als seinen Favoriten hatte. „Ich habe ihn nie in echt spielen sehen, ich fand ihn einfach nur cool.“ Vielleicht findet er es auch cool, wenn Sakic beim NHL-Draft diese Woche seinen Namen in der ersten Runde erwähnt.

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