Der Ex-Rosenheimer Michael Pohl ist Manager in Bruneck: „Bis zum Shutdown alles verharmlost“

Seit drei Jahren ist Michael Pohl Sportmanager beim HC Pustertal, der in Bruneck beheimatet ist. HC Pustertal
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Seit drei Jahren ist Michael Pohl Sportmanager beim HC Pustertal, der in Bruneck beheimatet ist. HC Pustertal
  • Thomas Neumeier
    vonThomas Neumeier
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Bruneck – Seit neun Jahren arbeitet Michael Pohl in Südtirol. Er wirkte sechs Jahre lang erfolgreich im Nachwuchs in Sterzing. Seit drei Spielzeiten ist der Manager beim HC Pustertal. Im exklusiven Interview mit der Sportredaktion spricht „Mitch“ Pohl über die Situation in Südtirol vor dem Abbruch.

Wo befinden Sie sich aktuell und wie geht es Ihnen?

Michael Pohl: Ich bin nach wie vor in Bruneck, mir geht es den Umständen entsprechend gut. Es gibt bis 3. Mai eine Ausgangssperre, die Polizei- und Militärpräsenz in der Region ist hoch. Nach dem abrupten Saisonabbruch und den Beschränkungen hat eine Zeit lang natürlich eine gewisse Schockstarre geherrscht.

Wie haben Sie das Geschehen Ende Februar und Anfang März in Südtirol erlebt?

Pohl: Es war ein schleichender Prozess, das Ausmaß hatte ja niemand abschätzen können. Lange Zeit ist es auch nicht wirklich ernst genommen worden. Die Biathlon-WM in Antholz, Wanderer, Skifahrer, der Tourismus – alles ist ganz normal gelaufen. Im Nachhinein hätte man sich gewisse Aktionen sicherlich sparen können.

Die ersten Maßnahmen im italienischen Eishockeysport waren Geisterspiele...

Pohl:Zunächst hat es eine regional unterschiedliche Handhabung gegeben. Wir haben in Cortina ohne Zuschauer gespielt. Das nächste Spiel wäre zuhause gewesen – auch ohne Fans. Jetzt muss man ganz ehrlich sagen, dass in manchen italienischen Stadien eh nicht so viele Zuschauer kommen. Aber das war schon ein gravierender Eingriff.

Wie haben Sie die Atmosphäre empfunden?

Pohl:Das war schon eine sehr seltsame Stimmung. Spätestens dann hat auch jeder begriffen, welche Dynamik sich da entwickeln kann.

Das Virus kam dann immer näher. Wie haben die Leute im Ort reagiert?

Pohl:Panik hat man jedenfalls nicht mitbekommen. Mir ist es so vorgekommen, als ob die Ernsthaftigkeit erst spät bei den Leuten angekommen ist. Bis zum endgültigen Shutdown hat man das verharmlost. Die Bilder aus Bergamo haben dann Wirkung gezeigt, da hat jeder gewusst, was Sache ist. Das hat sich dann auch im Verhalten der Leute gezeigt: Auf Straßen, die zuvor hoffnungslos überfüllt waren, war überhaupt nichts mehr los.

Sie mussten das plötzliche Saisonende dann der Mannschaft mitteilen. Wie haben die Spieler reagiert?

Als aktiver Spielerabsolvierte „Mitch“ Pohl über 600 Erstliga-Partien. Huber

Pohl:Natürlich waren die zunächst enttäuscht. Wir hatten die Meisterrunde als Erster abgeschlossen, obwohl zwei der stärksten Stürmer verletzt ausgefallen waren, und standen vor den Play-offs. Wir hatten uns gefreut, du baust Stimmung auf und warst in dem Modus: ,Wer soll uns aufhalten?‘ Und dann wirst du da komplett runtergeholt. Das war schon eine seltsame Stimmung, das muss man auch erst einmal verarbeiten. Aber es war natürlich die vollkommen richtige Entscheidung, das ist ja klar.

Mit ihrem ehemaligen Mitspieler Axel Kammerer hatten Sie während der Saison einen neuen Trainer verpflichtet.

Pohl:Mit ihm haben wir das Finale der Italien-Meisterschaft erreicht und eben die Meisterrunde in der AlpsHockey-League gewonnen. Er hatte die richtige Ansprache für die Mannschaft, wir waren hochmotiviert.

Wie beurteilen Sie die Entscheidungen des Verbandes: Hätte man vielleicht schon früher reagieren müssen?

Pohl:Nein, die Funktionäre haben umsichtig reagiert und nachvollziehbar gehandelt – zumal es ja auch keine Erfahrungswerte gegeben hat. Man muss ja wissen, dass drei internationale Verbände zu dieser Liga gehören. Da ist es alles andere als einfach, das Ganze durch diese Phase zu steuern.

Sind Ihre Kontingentspieler noch rechtzeitig in die Heimat gekommen?

Pohl:Ja, aber das war ein ganz knappes Ding. Die Grenzen waren relativ schnell geschlossen, im Pendelverkehrt gab es massive Einschränkungen. Und wir hatten zwei Kanadier und einen US-Amerikaner, die noch nach Hause wollten. Es war eine Heidenarbeit, die außer Landes zu bringen. Die Flughäfen in Mailand und Innsbruck waren für uns nicht mehr möglich, letztlich sind sie von München aus abgeflogen. Am letzten Tag, wo der Durchgangsverkehr durch Österreich noch möglich war.

Wie stellt sich die Situation in Bruneck aktuell dar?

Pohl:Die Infektionsraten sind natürlich auch hier nach oben gegangen. Aber man wird sehr gut durch den Landeshauptmann und den Bürgermeister informiert. Dazu gibt es auch viele rechtliche und arbeitstechnische Infos, die auch für mich wichtig sind. Die Leute sind sehr diszipliniert, was die Ausgangsbeschränkungen angeht.

Auch für Sie und Ihren Club wird die Situation Folgen haben. Die Planungen für die neue Saison dürften sehr schwierig werden, oder?

Pohl:Durch den Abbruch sind viele Einnahmen verloren gegangen. Die Play-offs wären bei unserer Form wohl mindestens vier Heimspiele für uns gewesen. Bei unseren Sponsoren sind viele Betriebe und Unternehmen aus der Region, die jetzt natürlich anderweitig zu kämpfen haben. Für die neue Saison werden sich ganz andere Voraussetzungen ergeben und es ist kein Zufall, dass der ganze Eishockeymarkt momentan auf Sparflamme kocht.

Was können Sie derzeit tun?

Pohl:Das unterscheidet sich nicht einmal so groß von der sonstigen Zeit nach Saisonende. Man führt Gespräche mit Spielern und Agenten, unabhängig davon, dass es noch keine Planungssicherheit gibt – aber die hat ja niemand aktuell. Du kannst derzeit die Vorarbeit leisten, kannst aber halt nichts abschließen.

Sie sind seit neun Jahren in Südtirol tätig. Wie fällt Ihre Bilanz aus?

Pohl:Alles in allem sehr erfolgreich. In den neun Jahre habe ich sieben italienische Meistertitel feiern können. Auch die drei Jahre mit Pustertal waren sehr erfolgreich: Wir waren zweimal Vizemeister und hatten jetzt die Meisterrunde als Erster abgeschlossen – und das mit einer Mannschaft, die sich in einem Umbruch befindet. In so einem Prozess müsste man eigentlich kleinere Brötchen backen, wir haben aber immer um die Meisterschaft gespielt.

Machen Sie das Jahrzehnt in Südtirol voll?

Pohl:Da ist noch keine Entscheidung gefallen. Wir werden Gespräche führen und ich will die Situation in Ruhe sondieren. Klar ist aber: Der Rückweg nach Deutschland schwirrt bei mir immer im Kopf herum.

Wie stark verfolgen Sie das Eishockey in Deutschland und speziell in Ihrer Heimatstadt Rosenheim?

Pohl:Ein intensives Verfolgen ist für mich erst einmal Teil des Geschäfts, andererseits aber auch Leidenschaft. Ich habe mir in meiner langen Zeit im Eishockey so viele Kontakte aufgebaut und bin auch ständig im Austausch. Mit das Erste ist, dass ich schaue, wie Rosenheim gespielt hat. Für mich ist der dermaßen tolle Fanstamm faszinierend. Da ist eine neue Generation herangewachsen, die für einen tollen Zuschauerschnitt und eine bärige Stimmung sorgt. Daran sieht man, welchen Stellenwert das Eishockey in Rosenheim hat.

Zurück zu Ihnen nach Bruneck. Wann, glauben Sie, kann wieder ein Stück weit Normalität herrschen?

Pohl:Die Beschränkungen gelten hier erst einmal bis einschließlich 3. Mai, allerdings gibt es regional bedingt einige Lockerungen. Es wird auch schon viel diskutiert, dass gewisse Bereiche bald wieder öffnen könnten. Ich kann mir vorstellen, dass dann auch mehr passiert, wenn man die Infektionsrate in den Griff bekommt. Aber wir werden uns noch lange Zeit darauf einstellen müssen, dass es anders als gewohnt laufen wird, wenn man aus dem Haus geht. Das Wichtigste ist, dass die Leute Geduld haben und vernünftig bleiben.

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