Umfrage nach dem deutschen 0:6-Debakel

Einheimische Fußball-Experten sind sich einig: „14 Jahre Jogi sind einfach genug“

Spanien feiert und Deutschland ist am Boden: Spaniens Ferran Torres  freut  sich mit seinen Mannschaftskameraden nach einem Tor gegen Deutschland.
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Spanien feiert und Deutschland ist am Boden: Spaniens Ferran Torres freut sich mit seinen Mannschaftskameraden nach einem Tor gegen Deutschland.
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  • Jörg Eschenfelder
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    Hans-Jürgen Ziegler

„14 Jahre Jogi sind einfach genug“ sagt Georg Hanslmaier. So wie der Sportliche Leiter des Fußball-Regionalligisten TSV Buchbach denken auch viele andere einheimische Fußball-Experten.

Rosenheim/Mühldorf – 89 Jahre hat die Deutsche Fußball-Nationalmannschaft nicht mehr so hoch verloren wie beim 0:6-Debakel am Dienstagabend in Spanien. Fußball-Deutschland ist schockiert und da stellen sich einige Fragen, die einheimische Fußballexperten den OVB-Heimatzeitungen beantworten. Trainer, Spieler und Vereinsverantwortlichen nahmen zu folgenden Fragen Stellung:

1. Sind 14 Jahre Jogi Löw genug? Wer könnte übernehmen?

2. Sollen Müller, Hummels und Boateng in die Nationalmannschaft zurückkehren?

3. Was läuft im deutschen Fußball falsch, dass es zu einer so historischen Niederlage kommen kann?

„Die Selbstherrlichkeit von Löw und Bierhoff ist längst unerträglich“

Georg Hanslmaier, Sportlicher Leiter des Regionalligisten TSV Buchbach.

Georg Hanslmaier, Sportlicher Leiter TSV Buchbach: „14 Jahre Jogi sind einfach genug. Er hat lange einen guten Job gemacht, aber die Abnützungserscheinungen sind unübersehbar. Da nützt es nichts, wenn man immer nur die Co-Trainer tauscht. Es war 2018 bereits absehbar, dass es bergab geht, hinsichtlich der EM 2024 im eigenen Land muss ein Kurswechsel her. Jürgen Klopp wird nicht zu haben sein, aber ein Matthias Sammer wäre ein guter Kandidat, er hat ja schon damals den Umbruch vorangetrieben und würde auch jetzt alle Steine umdrehen. Eventuell wäre auch mal ein internationaler Trainer ein Alternative. Für Müller, Hummels und Boateng müsste man auf jeden Fall die Tür öffnen, Müller und Boateng haben mit Bayern alles gewonnen, was man gewinnen kann und Hummels ist eine prägende Spielgestalt in Dortmund. Wenn dann bessere Spieler da sind, sollen die spielen, aber derzeit sehe ich keine besseren Spieler. Überhaupt ist die Personalpolitik unglücklich, es spielen oft nicht die besten Spieler in der Nationalmannschaft. Grundsätzlich läuft beim BFB vieles falsch, über all die hausgemachten Querelen und Skandale geht das Wichtigste, nämlich der Sport, verloren. Es braucht wieder mehr Strukturen, die Talente sind ja da, aber denen wird es auch zu leicht gemacht und sie verdienen zu früh zu viel Geld, Grundsätzlich braucht es aber auch wieder mehr vernünftige Nachwuchszentren. Die Selbstherrlichkeit von Jogi Löw und Oliver Bierhoff ist längst unerträglich, diese Selbstgefälligkeit ist auch eine Wurzel der Abwärtsbewegung, es müssen viele Dinge wieder kritischer hinterfragt werden.“

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„Löw wird nicht über seinen eigenen Schatten springen“

Manfred Thaler, Trainer des Fußball-Kreisklassisten SV Schechen.

Manfred Thaler, Trainer des Fußball-Kreisklassisten SV Schechen: „Ich denke, dass Jogi Löw schon zu lange Trainer der Nationalmannschaft ist. Das hat sich auch im Spiel gegen Spanien wieder gezeigt, als er hilflos am Spielfeldrand stand, keine Impulse und keine Systemänderung von außen kamen. Einen Nachfolger zu finden ist schwer. Klopp oder Flick kriegst du momentan nicht. Vielleicht sollte man bei Sky anfragen ob sie kurzfristig Lothar Matthäus und Didi Hamann abstellen – die können wenigsten ein Spiel gut analysieren. Müller und Co müssen unbedingt zurück, aber das wird Löw nicht machen, weil er nicht die Größe besitzt und über seinen eigenen Schatten springt. Er bräuchte nur sagen, dass er sich bei der Entwicklung der jungen Spieler getäuscht hat und die für die EM noch nicht so weit sind. Was ja auch stimmt. Die Deutschen haben es versäumt ihr eigens System zu finden. Wir passen uns immer an, es werden keine Strukturen aufgebrochen, keiner will dem anderen wehtun. Es fehlen die Typen Das fängt schon ganz oben an. Jeder Bundesligaverein hat seine Identität, seinen eigenen Stil, die Nationalmannschaft hat das nicht. Und wir haben es in den letzten sechs Jahren nicht geschafft zwei starke Außenverteidiger oder verschiedene Stürmertypen zu finden und zu formen.“

„Ralf Rangnick wäre zum Beispiel ein Kandidat“

Klaus Maier, Abteilungsleiter vom Landesligisten FC Töging

Klaus Maier, Abteilungsleiter vom Landesligisten FC Töging: „Jogi Löw hat viel erreicht, ist Weltmeister geworden, aber jedes Zeitraster endet irgendwann. Man sieht ja, was die letzten Jahre passiert ist. Für ihn und den DFB wäre es vielleicht gut, wenn man sich nach einem Nachfolger umschauen würde. Der Ralf Rangnick wäre zum Beispiel ein Kandidat. Er kann junge Talente fördern und mit ihnen etwas aufbauen, das hat er in Leipzig bewiesen. Dafür hat er ein Gespür. Mit einem anderen Bundestrainer kommen Müller, Boateng und Hummels zurück; vielleicht nicht alle drei, aber auf alle Fälle der Müller. Der hat Erfahrung, bringt die Leistung und hat auf dem Platz eine unwahrscheinliche Präsenz. Es sollen einfach die besten spielen – und da ist der Müller dabei. Aus. Ende. Ob Hummels oder Boateng spielen müssen, ist die Frage, aber der Müller muss auf jeden Fall spielen. Was im deutschen Fußball falsch läuft kann ich nicht beantworten. Da stecke ich zu wenig drin.“

„Der Nationalmannschaft fehlen einfach die Typen“

Hans Kroneck, Sportlicher Leiter beim Regionalligisten TSV 1860 Rosenheim

Hans Kroneck, Sportlicher Leiter beim Regionalligisten TSV 1860 Rosenheim: „Ob die Zeit von Jogi Löw zu Ende ist, kann ich schlecht sagen, da man keine internen Einblicke hat. Ich will über nichts urteilen, wo ich mich nicht auskenne. Meiner Meinung nach müssen Thomas Müller und Mats Hummels zurück in die Nationalmannschaft, auf Jerome Boateng kann verzichtet werden. Müller und Hummels sind extrem erfahren und übernehmen viel Verantwortung. Typen wie die beiden können eine junge Mannschaft stabilisieren. Durch die Arbeit in den Nachwuchs-Leistungs-Zentren (NLZ) müssen die Jugendspieler nach einem Schema F funktionieren und es gibt keine wirklichen „Typen“ mehr. Mit dem 0:6 hat man es gesehen: Keiner übernimmt wirklich Verantwortung und alle lassen es so über sich ergehen. Da fehlen einfach Typen wie es einst Effenberg und Basler waren. Typen, die auch einmal auf den Tisch hauen, wenn es nötig ist. Und dann wird es an Philipp Max oder Robin Koch ausgelassen, die eigentlich an der Hand genommen und nach oben geführt werden müssen.“

„Das Potenzial bei der DFB-Elf ist grundsätzlich vorhanden“

Matthias Haas, Spieler des Bayernligisten TSV Wasserburg.

Matthias Haas, Spieler beim Bayernligisten TSV 1880 Wasserburg: „Ich glaube, dass kein Außenstehender das beurteilen kann. Dafür sind wir alle viel zu weit weg. Wenn man sich die Spielweise anschaut, glaube ich nicht, dass der aktuelle Kader der Nationalmannschaft zu schlecht ist, um international konkurrenzfähig zu sein. Wie gesagt, ich will das nicht beurteilen, aber vielleicht ist der Trainer dabei auch mit ein Grund. Bei den deutschen Trainern sieht es ja aktuell sehr gut aus. Jürgen Klopp hat mit dem FC Liverpool tolle Jahre hinter sich, Hansi Flick hat mit dem FC Bayern das Triple gewonnen und auch Julian Nagelsmann macht bei RB Leipzig einen guten Job. Alle drei zeichnet auch ein attraktiver Spielstil aus, von diesen Mannschaften schaue ich gerne Spiele an. Allerdings sind diese für mich keine potenziellen Nachfolger von Jogi Löw. Eine wirkliche Alternative fällt mir da nicht ein. Natürlich haben Thomas Müller, Mats Hummels und auch Jerome Boateng absolut die Berechtigung, im Nationalkader zu stehen. Aber das entscheidet nunmal der Trainer. Und ich bin der Meinung, das der aktuelle Kader auch ohne Müller, Hummels und Boateng klarkommen muss. Für Deutschland sieht es – wenn man sich die Einzelspieler anschaut – nicht unbedingt schlecht aus. Der Großteil der deutschen Spieler steht aktuell bei internationalen Topklubs unter Vertrag. Alleine die Sturmreihe mit Gnabry, Werner und Sané ist auf jeden Fall vielversprechend. Dazu kommen noch Spieler wie Goretzka und Kimmich, der beim 0:6 ja nicht dabei war, und Havertz. Auch die Bundesligamannschaften waren in den letzten Jahren international erfolgreich. Daher sehe ich im deutschen Fußball kein grundlegendes Problem. Fakt ist aber, dass die Nationalmannschaft schleunigst wieder auf die Erfolgsspur kommen muss, denn das Potenzial ist absolut vorhanden.“

„An Talenten mangelt es nicht“

Andreas Huber, Geschäftsführer von Wacker Burghausen.

Andreas Huber, Geschäftsführer von Wacker Burghausen: „Aus der Ferne ist es schwer zu bewerten, ob Jogi noch der richtige Mann ist. Dazu müsste man mehr Internas kennen, sonst nimmt man halt die Fan-Sicht ein. Wenn man allerdings das letzte große Turnier und die letzten Spiele nimmt, gewinnt man schon den Eindruck, dass es Abnützungserscheinungen gibt. Vielleicht auch weil einige der Stars gesättigt sind. An Talenten mangelt es ja nicht, wenn man die Erfolge der U-Mannschaften sieht, wobei hier auch mal wieder ein Titel schön wäre. Grundsätzlich würden wir uns ja alle freuen, wenn wir wieder eine Fußballmacht würden, das ist ja machbar, wie man an Bayern und Dortmund sieht, die ja auch internationale Schlagkraft haben. Mögliche Nachfolger sind die bekannten Namen wie Hansi Flick, Julian Nagelsmann, Jürgen Klopp oder Thomas Tuchel, wobei ich die beiden Bundesligatrainer präferieren würde. Auf der anderen Seite wäre es auch schwierig diese Top-Trainer den Vereinen wegzunehmen. Ob Müller, Hummels und Boateng wieder zurückkehren sollen, muss die sportliche Leitung entscheiden. Grundsätzlich sollten bei den Turnieren aber die aktuell besten Spieler dabei sein, große Namen allein nützen nichts. Man sollte das jetzige Ergebnis nicht überbewerten, unter Umständen werden ja die Spiele in der Nations League nicht ganz so ernst genommen, um zu testen, dann muss man das eben auch kommunizieren und so den Druck für die jungen Spieler wegnehmen. Das Problem ist ja auch, dass junge Talente oft zu früh zu großen Vereinen wechseln und dort zu wenig Einsatzzeiten haben, das haben Timo Werner und Kai Havertz besser gemacht. Auf der anderen Seite kann man die Bundesliga-Vereine ja nicht unter Druck setzen, dass sie junge deutsche Spieler einsetzen, damit sie mehr Erfahrung sammeln. Grundsätzlich müsste so viel Freiraum beim DFB geschaffen werden, damit alle gemeinsam an einem Strang ziehen, genug Fachpersonal wäre ja vorhanden.“

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