SB Rosenheim gegen Dynamo Ost-Berlin

Deutsch-deutsches Eishockey-Duell 1986: In der ersten Reihe Polizisten mit Maschinenpistolen

Die Paraden von Torhüter Jiri Kralik verhalfen dem SBR zum Weiterkommen. Links sichert Toni Maidl ab, rechts stört Andi Niederberger den Berliner Angreifer.
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Die Paraden von Torhüter Jiri Kralik verhalfen dem SBR zum Weiterkommen. Links sichert Toni Maidl ab, rechts stört Andi Niederberger den Berliner Angreifer.
  • Thomas Neumeier
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Es waren zwei ganz besondere Spiele, die Rosenheims Eishockeyspieler Anfang 1986 im Europapokal bestritten. Gegner im deutsch-deutschen Vergleich war Dynamo Ost-Berlin. Am Ende setzte sich der Sportbund knapp durch - auch deshalb, weil ein Weltmeister weltmeisterlich hielt.

Rosenheim – Deutsch-deutsche Duelle im Europapokal gibt es einige, die noch heute als legendär bezeichnet werden: Das Achtelfinale im Landesmeister-Cup 1973/74, das der FC Bayern gegen Dynamo Dresden mit 4:3 und 3:3 für sich entschied, die Aufholjagd von Werder Bremen gegen Dynamo Berlin 1988/89, als man an der Weser das 0:3 aus dem Hinspiel mit einem 5:0-Sieg wettmachte. Oder das Jahrhundert-Spiel im Viertelfinale des Europapokals der Pokalsieger, als Bayer Uerdingen das Hinspiel in Dresden mit 0:2 verloren hatte, im Rückspiel in der Grotenburg-Kampfbahn zur Halbzeitpause mit 1:3 im Rückstand lag und dann noch mit 7:3 gewann.

Am Ende gewann der Europapokal immer ZSKA Moskau

Aber das war Fußball! Den Europapokal gab es auch im Eishockey. Dort durften die jeweiligen Landesmeister mitspielen – und am Ende gewann ZSKA Moskau. Insgesamt 20-mal, von 1978 bis 1990 13-mal am Stück. In dieser Zeit waren auch die Rosenheimer Eishockeyspieler, damals unter Sportbund, dreimal auf europäischer Ebene im Einsatz. Und auch da gab es ein deutsch-deutsches Duell, in dem es am Ende knapp herging.

Vincent Lukac gegen vier Berliner: Der Angreifer nimmt es hier mit Dietmar Peters, Joachim Lempio und Dirk Perschau auf, während Goalie Rene Bielke am Boden ist.

Rosenheim mit den tschechischen Weltmeistern Jiri Kralik und Vincent Lukac

Es war in der Saison 1985/86, die eher als turbulent in der Rosenheimer Eishockey-Geschichte der 80er- Jahre einzustufen war. Nach der zweiten Meisterschaft als klarer Favorit auf die Titelverteidigung gestartet, waren die Leistungen alles andere als konstant. Karl Friesen und Jamie Masters, die nach Nordamerika gingen, wurden durch die tschechischen Weltmeister Jiri Kralik und Vincent Lukac ersetzt, den noch bedeutenderen Wechsel gab es auf der Trainerbank: Dr. Pavel Wohl, der zweimalige Meistertrainer, ging wieder in die Heimat zurück, für ihn kam Ladislav Olejnik aus Mannheim – und musste während der laufenden Saison schon wieder seine Zelte abbrechen. Für ihn sprang Gerhard Baldauf ein. Der Meisterspieler von 1982 gewann seine ersten Spiele mit 3:1 gegen Kaufbeuren und 5:1 gegen Landshut. Allerdings war das Team schon zehn Spiele lang auswärts sieglos – und es wartete die Europapokal-Partie in Ost-Berlin.

„Das Team braucht dringend einen Auswärtssieg“

Baldauf dachte schon weiter, schließlich stand nach dem Hinspiel gleich das Play-off-Viertelfinale gegen Kaufbeuren auf dem Plan. „Das Team braucht dringend einen Auswärtssieg, um mit neuem Selbstvertrauen und gestärkter Moral in die Play-offs zu gehen“, so der Interimscoach, der die Rosenheimer Einheit aber schon vier Jahre vor der deutschen sah: „Die Mannschaft zieht voll mit und ist dabei, wieder eine Einheit zu werden.“

Begrüßung vor dem Rückspiel in Rosenheim: Die Kapitäne Dieter Frenzel und Rainer Blum bei den schwedischen Schiedsrichtern.

Ost-Mark für die Bauarbeiter

Nach Berlin reisten die Rosenheimer mit dem Bus an. „Wir haben davor in Selb übernachtet“, erinnert sich Ernst Höfner. In Berlin angekommen, sei der Bus von einer Eskorte ins Hotel geleitet worden. „Das war dort ein Vier-Sterne-Hotel, bei mir hätte das keinen einzigen Stern erhalten“, berichtet Baldauf. Und der damalige Kapitän Rainer Blum erinnert sich, dass „rund um das Hotel lauter Plattenbauten waren“. Und es kamen nicht nur bei ihm Gedanken auf: „Was für ein Glück, dass wir auf der West-Seite wohnen!“

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Und während in Rosenheim die Faschingsfreunde am unsinnigen Donnerstag übernahmen und Lumumba als Lieblingsgetränk der närrischen Zeit konsumierten, vertrieben sich die Sportbund-Spieler im Hotel mit Karteln die Zeit. Trainer Baldauf sortierte seine Gedanken und machte einen Spaziergang. „Wir hatten für die Reise Ost-Mark bekommen, die ich aber eigentlich nicht brauchte. Ich bin an einer Baustelle vorbeigekommen und habe ein bisschen mit den Arbeitern gesprochen. Die hatten nichts zu tun, weil sie kein Material mehr hatten. Denen habe ich dann meine Ost-Mark geschenkt.“

Joachim Ziesche war Trainer von Dynamo Berlin.

In der ersten Reihe Polizisten in Uniform und mit Maschinenpistolen

Auf dem Eis schenkte man sich hingegen nichts, auf den Rängen kam aber keine Stimmung auf. „Es war total leise, wie bei einem Opernpublikum“, erinnert sich Höfner an sein erstes Mal im Wellblechpalast im Sportzentrum Hohenschönhausen. Michael Pohl, damals als junger Stürmer im Kader, hatte beim Warmlaufen festgestellt, „dass in der ersten Reihe lauter Polizisten in Uniform und mit Maschinenpistolen“ saßen und sprach von einer „eigenartigen Atmosphäre“. Kapitän Blum vermutet, dass dies „auch dem geschuldet war, dass die saugut gespielt hatten und wir die Tore geschossen haben“. Am Ende hieß es 3:1 für Rosenheim, „obwohl die über uns drübergerollt sind“, wie Pohl berichtet. „Ich war unglaublich überrascht, wie stark die gespielt haben“, weiß Blum. Und Pohl ergänzt: „Das war eine bärige Mannschaft, technisch stark. Denen hat es nur mental gefehlt, die hatten keinen Killerinstinkt“ – trotz der Maschinenpistolen auf der Tribüne!

Die Ostdeutschen verzweifelten an Rosenheims Tormann Jiri Kralik

Thomas Graul hatte Dynamo Berlin in der siebten Minute in Führung geschossen, danach verzweifelten die Ostdeutschen an Rosenheims Tormann Jiri Kralik. Der Tscheche, von Olejnik bereits als Fehleinkauf abgestempelt, lief zur Gala-Form auf. „Das war der Garant, warum wir das Spiel gezogen haben“, berichtet Blum. „Jiri Kralik – der große Rückhalt“ titelte das Oberbayerische Volksblatt. „Wir hatten Spielanteile, die wir nicht verwerten konnten“, bilanzierte Berlins Trainer Joachim Ziesche – und musste dann zudem feststellen: „Der defensive Gegner nutzte unsere Fehler eiskalt.“ Für den Ausgleich sorgte Pohl in der 36. Minute. „Ich hatte meinen ersten Einsatz in diesem Spiel. Baldauf fragte mich, ob ich mir das zutraue. Und kaum war ich drin, habe ich getroffen“, so Pohl, heute Sportlicher Verantwortlicher beim Nord-Regionalligisten Timmendorfer Strand. Zwei Minuten später markierte der heutige DEB-Präsident Franz Reindl auf Vorlage von Höfner den Führungstreffer für den SBR, dem Lukac in der 52. Minute noch das 3:1 draufsetzte. „Meine Mannschaft ist auf dem Weg der Besserung, auch wenn der Sieg glücklich war“, meinte Baldauf hinterher.

Gerhard Baldauf führte den SBR ins Finalturnier.

Gerhard Baldauf: „Ich wette, dass das Hotel verwanzt war“

Er erinnert sich noch an eine Szene im Hotel, als sich Lenz Funk, Bronzemedaillengewinner bei Olympia 1976 in Innsbruck, und zu dieser Zeit als Spieler in West-Berlin tätig, zur Rosenheimer Delegation dazugesellen wollte. „Da sind gleich ein paar Gäste aufgesprungen und haben ihn kontrolliert. Das waren junge Leute, mit denen wir uns zuvor noch unterhalten haben. Und da haben sie sich als Stasi-Beamte zu erkennen gegeben.“ Baldauf wettet heute, „dass damals das ganze Hotel verwanzt war“. Josef U. Wagner, damals Manager und Geschäftsführer, erzählt: „Ich wollte spazierengehen, durfte aber nicht alleine aus dem Hotel raus. Damit ich mich nicht verlaufe, geht jemand mit, haben sie dann erklärt.“ Sein Fazit: „Die haben uns bewacht, das war ein Irrsinn.“

Immerhin brachten die Rosenheimer einen Sieg mit nach Hause und präsentierten sich gut. „Ich hatte die Order von Präsident Josef März bekommen, dass wir uns ja nicht provozieren lassen. Aber wir hatten eine anständige Mannschaft“, blickt Wagner zurück. Auch, als die DDR-Grenzer bei der Rückfahrt den Mannschaftsbus genauestens durchsuchten und die Rosenheimer alles rausräumen ließen, was hervorzuholen war.

Sportbund-Tore von Schorsch Franz, Franz Reindl und Ernst Höfner

14 Tage später fand das Rückspiel in Rosenheim statt. Auf die Frage, wie die Ost-Berliner in Bayern aufgenommen wurden, antwortete Trainer Ziesche: „Sehr gut. Wir wohnen im Gästehaus Binder in Neubeuern und dort gefällt es uns. Ich glaube, wir dürfen ebenso zufrieden sein, wie es die Rosenheimer Spieler bei uns waren.“ Gefragt nach den Rosenheimer Stärken, meinte der Dynamo-Trainer: „Sie liegen eindeutig in der Abwehr, während im Sturm doch viel Leerlauf ist.“ Der SBR war wieder auf Tormann Kralik als Rückhalt angewiesen. „Der Rosenheimer Torhüter hielt wie ein Weltmeister“, schrieb Hans-Jürgen Ziegler damals im OVB über das Spiel vom 20. Februar 1986 vor 2900 Zuschauern. Zwar war der Sportbund durch Tore von Schorsch Franz, Franz Reindl und Ernst Höfner bei einem Gegentreffer von Frank Proske wieder mit 3:1 vorne, am Ende drehte Dynamo aber auf: Stefan Steinbock, Dieter Frenzel und Ralf Hantschke drehten mit ihren Treffern die Partie und Rosenheim musste in den letzten sechs Minuten noch einmal gewaltig ums Weiterkommen zittern. „Da ging‘s auch um die Ehre. Das war wie 1983 bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land, als wir in Dortmund die DDR besiegt haben“, beschreibt Höfner. Für ihn war der Sieg über Dynamo Berlin „eine Top-Leistung, immerhin war das eigentlich eine Nationalmannschaft“.

Kapitän Rainer Blum erinnert sich: „Die Jungs waren offen und herzlich“

Das Verhältnis unter den Spielern bezeichnet Höfner, aktuell DEB-Cheftrainer Talent- und Vereinsbetreuung, als „freundschaftlich“. Zu den Führungsspielern hätte man auch bei der WM Kontakt gehabt. „Eishockey ist eine Familie, das ist nationalitäten-unabhängig.“ Auch Kapitän Blum erinnert sich: „Die Jungs waren offen und herzlich.“ Solange ein Kontakt möglich war, denn Josef Wagner weiß: „Nach dem Spiel sind wir im Nußdorfer Hof zum Essen gewesen. Da waren beide Mannschaften strikt getrennt.“

Der Sieg über die Berliner brachte Rosenheim ins Finalturnier des Europapokals. „Das war schon eine internationale Prestigesache“, sagt Wagner, und blickt gerne zurück: „Einfach ein tolles Erlebnis, wenn man dann gegen ZSKA Moskau spielen darf.“ Ins gleiche Horn bläst auch Rainer Blum: „Es war immer geil, wenn du gegen die spielst.“ Für Ernst Höfner war es „außergewöhnlich, dass eine Stadt mit 60 000 Einwohnern wie Rosenheim in einem Europapokal-Finalturnier ist. Das würde es heute nicht mehr geben. Das war natürlich dem großen Engagement der Familie März geschuldet.“ Und 1986 zu einem Teil auch den Paraden von Jiri Kralik im deutsch-deutschen Duell...

Dreimal Europapokal, dreimal Finalturnier

Drei deutsche Meistertitel in den 80er-Jahren haben dem Rosenheimer Eishockey auch drei Europapokal-Teilnahmen beschert – und jedes Mal schaffte es der Sportbund bis ins Endturnier.

Nach dem Titelgewinn 1982 mussten die Rosenheimer in der dritten Runde gegen AIK Stockholm ran, verloren in Schweden mit 3:6, erarbeiteten sich das Finalturnier aber durch einen bemerkenswerten 8:4-Sieg in Rosenheim. Beim Endturnier im August 1983 im finnischen Tampere sprang für den SBR der vierte Rang heraus. Einem 1:5 gegen ZSKA Moskau folgten ein 3:3 gegen Tappara Tampere und ein 0:5 gegen Dukla Iglau.

Dem Meistertitel 1985 folgten die Spiele gegen Dynamo Berlin und das Finalturnier, das im August 1986 in Rosenheim ausgetragen wurde. Der SBR verlor gegen die Schweden von SK Södertälje mit 1:3, besiegte dann den französischen Vertreter HC St. Gervais mit 9:4 und Dukla Iglau mit 6:4, ehe es zum Abschluss ein 0:8 gegen ZSKA Moskau gab. Am Ende durften sich die Rosenheimer Bronzemedaillen für Rang drei umhängen.

Dem Titelgewinn 1989 folgte ein neuerliches deutsch-deutsches Duell, denn im Oktober 1989 traf der SBR in der Vorrunde in Zagreb auf Dynamo Weißwasser – die Partie endete 3:3. Siege über Spartak Levski Sofia (18:1) und KHL Medvescak Zagreb (10:6) brachten die Rosenheimer in die Zwischenrunde, die im November an der Mangfall ausgetragen wurde. Dort gab es ein 5:4 gegen Tesla Pardubitz, einen 8:0-Erfolg über Sparta Sarpsborg aus Norwegen und ein 4:4 gegen Djurgardens IF Stockholm. Beim Endturnier im Februar 1990 in West-Berlin gab es drei Niederlagen für den SBR gegen TPS Turku (2:4), Djurgardens IF (2:4) und ZSKA Moskau (0:6) – so blieb der vierte Rang.

Bei allen Rosenheimer Europacup-Teilnahmen waren dabei: Manfred Ahne, Markus Berwanger, Ernst Höfner, Wacki Kretschmer und Toni Maidl.

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