Mitgemacht und ausprobiert

OVB-Sportredakteur „testet“ leeres Eisstadion: Keine Fans, keine Stimmung!

Bild, aber kein Ton: Die Übertragung der Pressekonferenz scheitert an technischen Problemen.
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Bild, aber kein Ton: Die Übertragung der Pressekonferenz scheitert an technischen Problemen.

Er geht seit über 30 Jahren ins Eishockey, hat für das Radio kommentiert und schreibt für die OVB-Heimatzeitungen: Sportredakteur Thomas Neumeier hat das leere Rosenheimer Eisstadion getestet und freut sich jetzt schon auf das erste Spiel mit Fans.

Rosenheim– Wenn man sich in Rosenheim für Sport interessiert, dann kommt man am Eishockey nicht vorbei. Ich, der OVB-Redakteur, gehe seit über 30 Jahren ins Rosenheimer Eisstadion, bin zwei Stunden vor Spielbeginn schon auf umgedrehten Biertragln gestanden, um beim Play-off-Halbfinale gegen Düsseldorf wenigstens ein bisschen auf die Eisfläche sehen zu können, habe gejubelt, als Jim Hiller gegen Landshut die Play-offs klarmachte und den Weg der Starbulls von der Bezirksliga bis ins DEL2-Finale mitgemacht – als jugendlicher Fan, als Live-Reporter fürs Radio und natürlich schon knapp zwei Jahrzehnte als OVB-Redakteur. In dieser Zeit immer mit dabei: Sangesfreudige Fans, die für eine knisternde Atmosphäre gesorgt haben. Und nun: Oberliga-Heimspielauftakt gegen Höchstadt – ohne Zuschauer und damit auch ohne Gesang und Stimmung. Das erste Geisterspiel in der Rosenheimer Eishockeygeschichte war auch für den Reporter eine Herausforderung!

Verschlossene Türen: Corona- und Umbaubedingt ist der VIP-Raum derzeit nicht geöffnet.

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Sogar das Piepsen bei der Einlassregistrierung fehlt einem

Ohne Drehkreuze und Warteschlange: Thomas Neumeier auf dem Weg ins Stadion.

Das beginnt schon mit der Planung: Normalerweise bin ich eine Stunde vor Spielbeginn am Stadion. Gespräche mit Fans und Experten auf dem Stadionvorplatz und im VIP-Raum, die Mannschaftsaufstellung genau durchschauen, das Aufwärmen beobachten – quasi meine eigene Spielvorbereitung. Und diesmal? Eine Viertelstunde vor dem Eröffnungsbully fahre ich vor, steige aus, schaue mich um – und sehe niemanden. Absolute Stille! Kein Parkplatzeinweiser Jürgen, mit dem man noch ein paar freundliche Sätze wechselt, keine Fans, die an der Tageskasse anstehen oder noch eine Currywurst verdrücken. Und statt dem Expertentreff im VIP-Raum mache ich mich im Stadionvorraum mit den Hygienevorschriften vertraut. Ins Stadion geht es ohne Drehkreuze und Warteschlange, sogar das Piepsen bei der Einlassregistrierung fehlt einem!

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Brodelnden Atmosphäre mit fantastischer Stimmung

Der Blick von der Mangfallkurve auf ein leeres Rosenheimer Eisstadion.Hier stehen normal die lautstärksten Starbulls-Fans und feuern ihre Mannschaft an.

Natürlich nehme ich den Platz ein, auf dem seit 40 Jahren schon ein OVB-Reporter sitzt. Edgar Scholtz, mein Lehrmeister, hat von diesem Platz aus die letzte Rosenheimer Meisterschaft journalistisch verfolgt – die Spiele damals vor vollem Haus in einer brodelnden Atmosphäre und mit fantastischer Stimmung. Diesmal ist niemand da, weder links noch rechts von mir – und auch davor sitzt keiner. Normalerweise gibt‘s die Handschlag-Begrüßung mit dem Schiedsrichter-Beobachter und einigen Dauerkartenbesitzern, die auch schon seit Ewigkeiten Spiel für Spiel dem Rosenheimer Eishockey die Treue halten. Mein Gedanke gilt ihnen: Sie haben sicher wieder eine Dauerkarte gekauft, können nun aber nicht da sein.

Keine Sprechchöre, kein Gesang, keine Anfeuerung

Auf den Rängen war‘s ruhig: OVB-Redakteur Thomas Neumeier in der menschenleeren Rosenheimer Fankurve.

Mein Blick geht in die Fankurve: Keine Sprechchöre, kein Gesang, keine Anfeuerung. Die Starbulls-Anhänger lassen wenigstens Plakate sprechen: Die Kurve ist in den Vereinsfarben und mit Plakaten ausstaffiert – wenigstens eine optische Unterstützung für die Mannschaft. Das Fehlen der Fans merkt man ganz besonders, wenn der Puck erstmals über das Eis flitzt. Kein Klatschen bei gelungenen Aktionen der Starbulls, kein Raunen, wenn ein krachender Check den gegnerischen Spieler in die Bande befördert, kein Stöhnen bei der vergebenen Großchance! Und: Kein Jubel, als nach 70 Sekunden bereits das erste Tor fällt. Die Stadionregie tut alles, um so viel Normalität wie nur möglich aufkommen zu lassen: Der Can-Can leiert durch die Lautsprecher, Stefan Dupski, der „Pfeff“, sagt Spielstand, Vorlagengeber und Torschützen an – diesmal halt den kompletten Torschützen anstelle als Stichwortgeber nur den Vornamen durchs Mikro zu schmettern und den Nachnamen als lauthals zurückgebrüllte Antwort der Fans zu empfangen.

„Ich brauche die Reaktion auf das Spiel von den Rängen

Auf dem Eis ging‘s rund: Hier eine gute Torchance für Höchstadt vor dem Gehäuse von Starbulls-Goalie Jonas Stettmer. Ziegler (7) privat (2)

In der leeren Halle bekommt man Sachen mit, die sonst keiner hört: Das Kratzen der Schlittschuhe auf dem Eis, wenn ein Stürmer in vollem Lauf abbremsen muss, der Aufprall des Pucks am Schläger bei einem hart gespielten Pass, die Proteste nach einem Schiedsrichterpfiff und dann wiederum die Zurechtweisung des Spielers durch den Unparteiischen. Beim Fußball ist man ganz fasziniert, die Kommandos von Müller & Co. auf dem Platz zu hören. Ganz ehrlich, so taktik- und detailversessen ich selbst auch bin: Im Eishockey brauche ich das nicht, da brauche ich die Reaktion auf das Spiel von den Rängen!

Ein lärmendes Dankeschön für das Spiel

Ein Reporter und viele freie Sitzplätze: Zumindest im November sind keine Zuschauer bei Starbulls-Heimspielen zugelassen.

Am Ende haben die Starbulls mit 6:2 gewonnen, ein Pflichtsieg. Pflicht ist nun auch, dass das normal übliche Shakehands der beiden Teams nach dem Match ausfällt. Stattdessen grüßt man sich, indem man die Schläger aufs Eis krachen lässt, quasi ein lärmendes Dankeschön fürs Spiel. Danach fahren die Akteure in die Kabinen. Sie haben ihren Arbeitstag hinter sich gebracht, ich bin noch längst nicht fertig.

Interview mit dem Coach – natürlich mit Maske und Abstand

Trainer-Statement mit Maske und Abstand: Starbulls-Coach John Sicinski steht dem OVB Rede und Antwort.

Mein nächstes Ziel ist an normalen Eishockey-Tagen die Pressekonferenz mit den Trainern der beiden Teams. Diese findet diesmal ohne den OVB-Reporter statt. Ich werde darauf hingewiesen, dass die Trainer-Statements per Videowall ins Stadion übertragen werden. Ich platziere mich mit Stift und Notizzettel an der Gäste-Spielerbank – und bin wieder von Stille umgeben: Ich sehe nämlich John Sicinski ins Mikro sprechen, der Ton wird aber nicht ins Stadion übertragen. Und so kann ich seiner Miene zwar entnehmen, dass er mit den Punkten zwar zufrieden ist, aber doch etwas auszusetzen hat. Ob sich das mit meinen Beobachtungen während des Spiels deckt, muss ich nun anderweitig herausfinden. Und so warte ich, bis der Starbulls-Trainer wieder in Richtung Mannschaftskabine marschiert und kann noch ein kurzes Gespräch mit ihm führen – natürlich mit Maske und Abstand!

Welcher Weg zu welchem Platz: Die Starbulls Rosenheim haben am Eingang alles detailliert aufgelistet.

Zumindest den ganzen November geht das noch so, wobei ja die nächste Starbulls-Heimpartie corona-bedingt schon einmal nach hinten verschoben werden muss – vielleicht sind dann ja zumindest 20 Prozent der Stadionkapazität an Zuschauern zugelassen. Nicht nur die Mannen auf dem Eis würden sich darüber freuen!

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